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     und Foto: Stefan Jahnke

 

Leseprobe - Birkkenkreuz - Band 1: Das Allerheiligste

 

Prolog (Auszug)

"Ein Dummkopf ist der Alte! Wehrt sich und verliert so bald sein Leben! Wie kann man nur so alt und dumm zugleich sein? Weißt Du, dass man ihm schon alle Finger zerquetscht hat und nun auch noch seine Zehen dran sind? Er schreit nicht. Ich weiß nicht, wie er das macht. Aber er schreit nicht. Keine Schläge, keine Brandmale, nicht einmal, als ihm der alte Konrad die Eier abschnitt… oh, das hat gesuppt! Aber irgendwie bekam diese Hexe von einem Kräuterweib ihn wieder hin. Nun gut, ein Weib wird er nicht mehr glücklich machen. Aber mit seinen gut siebzig Lenzen ist das sicher seine geringste Sorge. Aber diese Schmerzen… jede einzelne Qual würde mich umbringen. Er? Nein, nichts. Ein wenig Wasser, ein paar Tritte und er kommt wieder zu sich, schaut mir auch noch frech ins Gesicht und… schweigt. Narr! Nicht mehr, als ein Narr ist er!"
Jonas, der junge Knappe, der stets versuchte, sich aus allen aktuellen Themen herauszuhalten und nur seinen Kampf zu üben, seinem Vater also alle Ehre zu machen und bald zur vorzeitigen Schwertleite schreiten zu können, der schaut zu diesem Ritter, der noch vom Blut bespritzt vor ihm steht und wie zu sich selbst spricht, als er von den Gräueltaten berichtet, die man dem Letzten der alten Herren von Prag angedeihen lässt, seit man ihn vor Wochen irgendwo hier im Gebirge aufstöberte und festnahm.
Karel von der Duba, ein gestandener Greis, der wirklich sein Leben hinter sich hat und sich kaum mehr auf weitere Jahre freuen sollte, der scheint ein harter Bursche zu sein. Sein Vater berichtete dem Knappen einmal, dass gerade die Herren von Prag das Land vor Jahren noch beisammenhielten. Dem alten Prag. Eben dem, das noch von wahren Rittern beherrscht wurde und der Gefolgschaft zu Kaiser, König und Glauben treu blieb.
Und nun?
Bernhardt von Maron ist ein harter Hund, wie manche behaupten. Wenn er sich in den Kopf setzte, dass er etwas tun will, dann tut er es auch. Von wegen… Auftrag des Kaisers… Der würde niemals gegen einen Birken vorgehen! Zu stark. Gerade, weil doch auch noch ein Böhme, Karl, ihnen damals noch mehr Land zusprach.
Der Ritter scheint Jonas gar nicht zu bemerken. Wieder und wieder schlägt er mit seiner geschundenen Faust in den Wasserkübel.
"Nicht einmal im Traum lässt er mich in Ruhe, der alte Mann. Dabei soll er doch nur gestehen, dass er sich von der Kirche abwandte und nichts besitzt, was einen wahren Gläubigen interessiert!"
Was meint er nur? Jonas begreift nichts. Unwirklich ist die Umgebung. Und doch erkennt er nur zu gut, dass hier Großes geschieht. Etwas, was er nicht einschätzen kann.
Natürlich hörte er auch schon verschiedentlich von Weibern, denen man Zauberei und Teufelsliebe unterstellte und die man in Eisen legte, gar ins Wasser warf oder mit ihnen ein Feuer entfachte… um sie herum? Ach, was weiß er denn.
Der Alte? Ein Berka von der Duba ist gefährlich! Natürlich… keine Ritter des alten Ordens dürfen sie mehr sein. Die Templer sind tot. Heilig? Nein, das waren sie wohl nicht. Nicht nach dem, was man sich heute offen und längst nicht mehr hinter vorgehaltener Hand erzählt.
Dem Teufen nahe?
Wie soll jemand dem Gehörnten hörig sein, wenn er doch vom Heiligen Vater selbst die Ehre und Würde des Ordens erhielt?
"Also, Knappe… komm her. Ich brauche Dich. Du sollst Zeuge sein, wenn ich sein Leben beende. Denn der Pope, dieser Innozenz, der kann toben, wie er will. Hätte er sich doch selbst um diese alten Dinge gekümmert! Aber nein… kaum sind die nun wieder in Rom, haben sich auch aller Gegner entledigt, dann wollen sie am liebsten ihre Heilige Stadt nicht mehr verlassen… Verrückt!"
Ihn auslöschen? Den Birken? Warum?
Jonas weiß genau, dass er keine wirklich wahre Antwort erhalten wird. Nur zuschauen soll er, als Zeuge zur Verfügung stehen. Vielleicht, so geht ihm durch den Kopf, vielleicht muss ich gar nicht sehen, wie er stirbt… das konnte ich bisher vermeiden. Als Großvater starb, war ich schon auf der Felsenburg. Und jetzt… jetzt ist es sicher zu spät… für den Mann. Der ist alt.
"Verdammt! Ich weiß genau, dass niemand jemals den wahren Ort erfahren kann, wenn er erst hinüber ist. Aber länger will und darf ich ihn nicht mehr quälen!"
Nicht mehr…
Die Schreie waren lange verstummt. Andere stießen sie aus. Nicht Karel, der Birke. Seine Getreuen. Sie waren nicht so stark, so unbesiegbar, so der Welt abgewandt, wie er. Der alte Mann beschämt alle. Sogar seinen eigenen Herrn, den Ritter von Maron, den Herrn der alten Felsenburg an der Grenze zwischen Iser- und Riesengebirge.
"Komm. Beenden wir es. Es wird Zeit."
Ruhig, fast andächtig spricht der Recke diese Worte. Jonas fühlt, wie alle Stärke aus seinem Körper flieht. Er ist eben nur ein Mensch, ein Junge. Noch kein Ritter, zu früh gar ein Knappe. Und jetzt soll er den ersten Tod sehen? Alles in ihm sträubt sich. Die Übelkeit kommt. Dabei nahm er heute noch nichts zu sich. Allein der Gedanke treibt seinen Magen zur Rebellion… doch nur diesen. Er ist ein Knappe!
Schwermütig, das Schlimmste schon vor Augen, tritt der junge Mann, der fast noch als Kind gelten darf, in den düsteren Raum in der Tiefe des Felsens. Gestank umschließt ihn. Nicht nur das verkohlte Fleisch tut hier nichts Gutes mit der Luft, sondern auch alles, was der Alte wohl unter sich machte… oder natürlich die, die vor ihm in diesem Loch liegen und sterben mussten.
"Nun, Birke, hast Du Dich besonnen?"
Donnernd ist die Stimme Bernhardt von Marons. Noch kann Jonas den Gefragten nicht ausmachen. In vollständiger Dunkelheit stehen sie gerade und schließlich flammt ein Funke auf, der wenig später eine Fackel in Brand setzt.
Getroffen vom Anblick um ihn zuckt der Knabe zurück. Nein, das ist schlimmer, als er es sich in den kühnsten Träumen auch nur ausmalen könnte. Ein Mensch? Nein, das ist keiner. Keiner mehr! Der Alte scheint längst tot… und das, was von ihm noch in Ketten mitten im Raume hängt, kann doch unmöglich der Überrest eines menschlichen Wesens sein…
Tiefe Spuren hinterließen die Folterungen. Das Stück Fleisch, das sich wirklich noch bewegt und aus geschwollenen, kaum mehr des Sehens mächtigen Augen auf die beiden Eintretenden herunterblickt, bewegt sich leicht hin und her. Nackt hängt er vor ihnen, der einmal ein mächtiger Ritter war. Die Ketten wurden wohl mehrfach an ihren Schlüssen geschrumpft, weil die Hände inzwischen so schmal sind, dass der Mann unweigerlich aus den Schellenösen fallen würde.
Die Beine… die sind ein einziger Fleischklumpen. Hände… Jonas suchte sie an den Ösen. Nein, das sind wirklich keine mehr. Die Finger verloren, die Ballen geschunden. Der kann und wird nie wieder etwas greifen. Womit auch immer. Und wenn es schon so weit ist mit ihm, warum sollte er sich nun herablassen, etwas zu verraten?
"Siehst Du, Knappe, er ist störrisch. Auch jetzt noch. Dem Tode nahe. Alter. Versteh es nicht falsch… ich lasse Dir einen Priester kommen, wenn Du endlich redest. Dann mach Deinen Frieden mit Gott und ich bereite Dir ein schnelles Ende."
Bernhardt hält inne. Vielleicht fällt ihm gerade ein, dass er mit all diesen Schmerzen bisher kein wirkliches Geschrei erzeugen konnte, er also einen Mann hier hängen hat, der keine Schmerzen fürchtet… oder gar keine kennt? Ist das möglich? Kann man die Pein verdrängen? Dann, so geht es Jonas durch den immer noch von vielen Zweifeln und Abscheu vor diesem Fleischbatzen geplagten Kopf, dann ist das ein Heiliger, den selbst Höllenqualen nicht schocken können. Und dann… dann… er wagt gar nicht, daran zu denken. Dann wäre sein Herr und Ritter im Unrecht. Bernhardt von Maron bemerkt wohl auch den Wandel bei seinem Knappen. Als wenn er versuchen müsste, sich zu entschuldigen, die Situation zu erklären, beginnt er zu reden. Aber Jonas hört kaum zu, versteht nur, dass der Papst selbst, dieser Innozenz, ihn vor einigen Monaten herschickte, um genau das zu tun, was er jetzt tat. So ein Frevel an Gottes Schöpfung! Der Knappe erkennt jedoch zusätzlich die Gefahr, in der er schwebt, gibt er seine Gedanken nun dem Herrn vor ihm zur Kenntnis.
"Also, er redet wieder nicht. Kannst Du überhaupt noch reden, alter Mann? Oder gefiel es Gott, Dir die Stimme zu rauben, weil Du eh' nicht… ah… vielleicht schreist Du darum nicht? Weil der Teufel Dir nahm, was Gott Dir einst schenkte? Der Gehörnte will sicher nicht, dass Du Dein teuflisches Treiben gestehst? Ja, das muss es sein. Nur dann kann jemand wie Du jemals ein wenig dieser Pein aushalten!"
Immer noch erfuhr Jonas nicht, was man dem Mann in Ketten vorwirft. Er soll etwas wissen, was andere in Gefahr bringt. Aber warum verrät er es nicht? Was kann so wichtig sein, dass man gar sein Leben dafür gibt? Ehre? Ach was… die nahm ihm spätesten der Ritter vor ihm. So, wie er jetzt aussieht, kann er nie wieder in Ehre auf Erden wandeln. Nur Gott könnte ihn belohnen und mit einem neuen, nicht so geschundenen Körper bedenken. Das wäre… nun ja… der einzige Weg. Aber dann ist sein Ritter des Todes. Wenn er so einen Frevel beginge… nein, oder?
"Ich kann sehr wohl sprechen, Ritter von Maron. Und sagt dem Heiligen Vater in Rom ruhig auch, dass mich keine Schmerzen in die Knie zwingen werden. Er bekommt nicht, wonach es ihm lechzt. Er bekommt gar nichts. Nicht einmal einen Hinweis darauf, wer nach mir für die Sicherheit der heiligsten aller Reliquien steht. Und seid versichert, Herr von Maron, dass Ihr nichts erreicht mit eurem Tun. Die vielen Jahrhunderte, in denen wir…"
Ein Hustenanfall zwingt den alten Mann, die Rede zu unterbrechen. Jonas erkennt, wie er Blut spuckt und sein Atem immer unregelmäßiger kommt und geht. Nein, er stirbt… und das Schlimmste dabei ist, dass sein Herr nicht einmal sagen kann, was der Alte schützt. Heilige Reliquien… davon gibt es viele. Was hatten die Herren Ritter einmal an der Tafel erzählt? Man wolle Holzsplitter vom Kreuze Jesu Christi ins Abendland bringen. Und diese wären auch in ordentlicher Zahl da angekommen. Gerade diese Templer, diese Vorfahren des Birken hier in den Ketten, die handelten mit allem Heiligen von da aus dem Osten. Und sie verdienten damit nicht gerade schlecht. Doch irgendwann nahm der Papst auch wahr, dass sie zu sehr auf den schnöden Mammon schauen und nicht mehr auf die Heiligkeit der Dinge. Wie kann es sein, dass so viele Kirchen in unserem großen Reich zwischen Morgenland und Meer nun schon Splitter und gar ganze Teile dieses Kreuzes besitzen wollen, alle auf die Echtheit des Holzes hinweisen und man daraus gut eine ganze Wand zusammensetzen könnte? Dass der Heiland damals an eine Wand genagelt wurde, erzählt der Pope am Sonntag in der Kapelle nicht. Immer spricht er vom Kreuz. Und auf dem Altar steht auch ein kleines Bild, auf dem der heilige Sohn Gottes auf seinem Gang zu Richtplatz ein solches schleppt.
Reliquien… ach was, darum muss doch der Alte nicht sterben! Jede Kirche, die auf sich etwas hält, ersparte sich schon die Groschen, um sich auch eine ordentliche heilige Hinterlassenschaft zu kaufen, sie dann auszustellen und zu hoffen, darob auch noch zur Pilgerstätte zu werden. Nein, nicht, um die Wegepfennige einzunehmen, sondern um möglichst vielen Christen zu zeigen, was man aus dem Morgenlande rettete. Und darum musste sicher kein Alter so sterben, wie es diesem Birken unweigerlich bevorsteht.
"Warum verleugnest Du, dass es niemanden mehr gibt, der all dies schützen kann? Euer Orden ist tot… über einhundert Jahre schon… bald gar zweihundert, so Gott will, dass die Welt dann noch lebt und wir auf ihr wandeln dürfen. Aber nein, der edle Herr Birke will nicht reden, wird gar frech… schau Dich doch an!"
Bernhardt von Maron setzt ein abfälliges Lächeln auf, sieht zu Jonas, der sich immer noch versucht, angewidert abzuwenden, es aber irgendwie nicht schafft und nun mit vollem Blick sehen muss, was sein Ritter tut. Der nimmt ein glühendes Eisen, drückt es dem Alten genau dahin, wo wohl sein Herz in der geschundenen Brust schlagen muss.
Zuckt der Mann in Ketten? Nein, nicht einmal das tut er.
"Oho… nichts. Das kann nur ein Teufelswerk sein! Und niemand wird mir erzählen wollen, dass dies nicht gegen Gottes Befehle ist. Oder denkst Du wirklich, ein Heiliger, gar ein Märtyrer zu sein? Sei versichert… niemand spricht Dich selig, gar heilig. Dazu bist Du zu unbedeutend. Und heute, wenn Du nicht redest, heute, da wirst Du unbedingt sterben. Soll Dein Wissen um all diese Dinge untergehen?"
Aus dem geschwollenen Gesicht entweicht etwas Luft. Vielleicht versucht er, so die Schmerzen zu unterdrücken? Nein, Jonas sieht trotz der vielen Wunden und der Geschwulst, dass da ein verächtlicher Zug erscheint.
"Niemand kann die Wahrheit auslöschen. Selbst, wenn man versucht, sämtliche Quellen zu tilgen… wir alle glauben an einen Fehler. Einen Fehler, den einer jener Männer beging, den wir heute als Jünger, gar als Apostel des Heilands bezeichnen. Und schon darum kann ich nichts verraten. Denn was nützt es, wenn die Wahrheit beim Heiligen Vater verschwindet?"
Die Wahrheit? Oh, wie oft wurde gerade in deren Namen gemordet! Brüder brachten sich um, Väter ihre Söhne, die wieder ihre Mütter und so weiter… es ist… das alte Spiel. Die Wahrheit bleibt immer die der Sieger. Seine Mutter versuchte einmal, ihm das zu erzählen. Doch Vater schlug auf sie ein und so blieb sie still, verlor gar an jenem Tage fast ein Auge und wirklich zwei Zähne.
Wahrheit… was ist die Wahrheit? Was ist sie wirklich? Und… ja, was ist sie wert, wenn man dafür sterben muss? Wird sie vor Gott ausgelöscht? Nein, sicher nicht.
"Also gut, Alter… ich gebe Dir noch einen Moment, Dich zu besinnen. Vielleicht willst Du auch lieber diesem Jungen erzählen, was Du mir verweigerst. Aber reden wirst Du… oder eben ganz schnell sterben. Dann nützt Dein Schweigen niemandem!"
Kehlig klingen die Töne, die jetzt den Raum füllen. Unheimlich ist das. Die Fackel, gerade noch hell leuchtend, wird merklich dunkler, als wenn eine unsichtbare Hand nach der Flamme, dem Feuer greift und sie versucht, zu bändigen.
Bernhardt von Maron zuckt zurück, versucht, schnell die Feuerschale zu entfachen, aus der er gerade noch den Brandstempel, das heiße Eisen nahm, das er dem Alten auf die Brust drückte, und die auch schon zu erlöschen droht.
"Teufelsbraten!"
Der Ritter holt aus, will die Fackel, die nun schon fast verglimmt, nach dem Alten werfen, hält inne, versucht, doch noch Licht in der Schale zu schaffen oder eine andere Fackel zu entzünden.
"Raus! Schnell… raus! Wenn Dir Dein Leben lieb ist!"
Die kehligen Laute sind immer noch zu vernehmen. Wie ein Lachen… aber so kräftig… das kann doch nicht von dem Alten kommen, oder? Nein, das glaubt auch Jonas nicht. Und doch zuckt der Alte genau so, wie die Laute kommen und gehen. Auch sein Mund scheint offen. Man erkennt es kaum… wegen des geschwollenen und entstellten Gesichtes, aber auch, weil die Fackel erlischt. Noch mit letzter Kraft und im Schein des Verglimmens erreichen die Beiden die Tür, stehen auf dem Gang und schlagen die Riegel in die Wand.
"Oh, das war knapp!"
Immer noch, nur weiter von Ferne und gedämpft durch das schwere Eisen der Tür, dringt das kehlige Lachen zu ihnen.
"Er steht mit dem Teufel im Bunde. Kein Zweifel! Nur der Teufel selbst kann so etwas erreichen. Mord und Totschlag… und ich bin… nun ja… nein, es ist zu verrückt. Der kann doch nicht… das ist ein Ritter und er…"
Bernhardt von Maron versteht nicht, was er eben erlebte.
"Komm. Jonas, Junge… wir müssen das mit den Anderen besprechen. Und Du allein bist mein Zeuge. Niemand glaubt mir das. Der kann doch nicht einfach… nein, ich will das nicht glauben! Wenn er mit dem Teufel… noch nie hörte ich, dass der Gehörnte einem seiner Jünger half, sich gegen das Gericht der Kirche zu wehren!"
Jonas, noch vom Schrecken fast starr, versucht, schnell den langen Gang voranzukommen, sodass der Ritter ihm kaum zu folgen vermag.
"Warte, Junge… Knappe… steh still!"
Endlich hält Jonas an.
"Was fällt Dir ein? Deinen Ritter stehen zu lassen und wegzurennen… das ist…"
Nein, da ist kein Hass, keine Wut… da ist auch kein Lachen im Gesicht des Gesandten Roms und Vertrauten des Kaisers. Nur Angst.. und ein wenig Gleichgültigkeit. Was nun wozu gehört… zum Leben, zu Jonas, dem Alten oder gar Gott… das vermag sicher nicht einmal der Ritter genau zu sagen. Aber er ist… nun ja… er ist… außer sich.

Schließlich stehen sie in der Wachstube. Wohlweißlich bestand Bernhardt von Maron darauf, dass ihnen niemand zum Gefangenen folgte. Nicht einmal Speise und Wasser dürfen ihm andere bringen und reichen. Bisher tat dies nur der Ritter selbst. Auch aus Angst, der Birke könnte sein Geheimnis aus lauter Gehässigkeit einem Anderen anvertrauen… und dann würde er nie berichten können, müsste gar fürchten, dass man ihn ausbootet. Doch nun… wo es fast ans Sterben geht… da sieht er einiges anders.
"Der Alte lässt Fackeln ausgehen… und ich konnte nicht einmal…"
Gebannt schauen die düsteren Gesellen der Wache hier im Verlies der alten Felsenburg auf ihren Herrn. Noch nie sahen sie ihn so ratlos, wie jetzt. Und doch hat er hohe Aufträge, soll unbedingt Klarheit und ein Geständnis nach Rom bringen. Aber jetzt sieht es eher so aus, als wenn der Glaube ihm nicht mehr helfen kann.
"Und wenn er nun wirklich noch Freunde hat, die sein Geheimnis teilen und alles weiterhin bewachen?"
Jonas schalt sich einen Dummkopf, beißt sich vor Angst auf die Lippen, als er plötzlich, wie von einem inneren oder auch höheren Tun getrieben diese Worte hervorschleudert. Dementsprechend hart ist sofort der Blick seines Herrn. Nichts sollte er verraten, was der Ritter nicht selbst ansprach. Und nun?
"Was für Freunde?"
Einer ist unter den Wachmännern, der bei der Ergreifung des Karel von der Duba anwesend war und nun natürlich das Meiste kennt, was damals schon Sorgen bereitete.
"Wochen haben wir ihn beobachtet. Er reiste zwar viel, aber…"
Fast abwertend ist der Wurf seiner Hand, als der Wachmann sich nun hinstellt und alle anlacht. Ja, er weiß viel, prahlte sicher auch schon vor seinen Getreuen damit, dass der Ritter und Herr ihn und keinen Anderen auswählte, ihn zu begleiten zur Festnahme dieses doch so edlen Herrn.
"Handel treibt er… trieb er natürlich. Jetzt nicht mehr. Wie diese Birken das schaffen… Haben alles im Überfluss und können in wenigen Wochen besorgen, was man bei ihnen bestellt. Das begreife ich nicht. Aber… nun ja… es ist eben so. Doch Freunde? Nein, alles, was er tat und sprach, konnten wir erfahren. Da ging es nicht um…"
Bernhardt von Maron haut mit seinem Eisenhandschuh auf die schwere Holzplatte des alten Tisches. Sein Großvater ließ damals die harten Eichen fällen, um aus ihnen alle Truhen und Tische, Schemel und Verkleidungen fertigen zu lassen, die wohl noch einige Jahrhunderte überdauern können. Hier auf der Felsenburg.
"Was erlaubt Ihr Euch? Ich will nur wissen, wie ein einzelner Mann sich erdreisten darf, meine Fackel auszulöschen und trotz all dieser Pein, die ich ihm nach allerhöchstem Befehl zufügen musste, zu lachen? So, als wenn der Gehörnte selbst lachen würde… nein… das will ich wissen… mehr nicht! Und Du…"
Mit der Rechten zeigt er auf den geschwätzigen Wachmann.
"…Du solltest Dir genau überlegen, was Du berichtest. Und vor wem! Schnell… ganz schnell ist Dein Kopf ab!"
Der so Getadelte schluckt schwer, verstummt auch auf der Stelle und wird sich sicher hüten, nur noch einmal über das Gewesene zu reden.
"Also… der hat keine Freunde. Und er redet nicht. Aber… wenigstens das Kreuz kann er uns geben. Das ist es doch, was der Heilige Vater in Rom von mir erwartet. Der Rest kann ruhig verschwunden bleiben. Niemand will einen Wandel… doch diese Reliquie…"
Jonas stiert den Ritter unverwandt an. Was sagt der da eben? Das Kreuz? Welches Kreuz? Wirklich DAS Kreuz? Nein, oder? Wie soll dieses denn nun gerade in die Hände des alten Mannes geraten sein, wenn er doch längst offiziell keine Macht mehr haben kann? Und… ganz nebenbei… wenn man heute schon so viele andere Kreuze aus den angeblichen Splittern zusammensetzen könnte, dann wird auch dieses angebliche Kreuz sicherlich nur eine Fälschung sein. Vielleicht eine gute? Mag sein… aber…
"Ja, Knappe, stiere nicht so dumm! Das Kreuz… jenes, das der Heiland zum Berge schleppte, an das man ihn schlug und an dem er verendete, ehe er sein göttliches Leben begann. Jenes Kreuz… das hat der Alte. Angeblich vollständig. Und frage mich nicht, wie es dazu kam. Aber er hat noch mehr. Gift für Rom, für uns alle!"
Jedem im Raume treibt es jetzt einen Schauer über den Rücken herab. Wirklich das Kreuz? Wie geht das? Ja, und… nein… doch… warum kann dieses Kreuz eine Gefahr darstellen? Ach nein, nicht das Kreuz, sondern andere Dinge. Welche?
Jonas bemerkt nur zu gut, dass er Bernhardt von Maron nicht folgen kann. Zu dumm… er flucht über sich selbst. ‚Ich bin zu dumm dazu!', denkt er offen und will am liebsten schreiend und heulend davonrennen. Doch dann sieht er in die Gesichter aller Wachmänner um ihn herum. Nein, die wissen auch nicht mehr. Die sind… vielleicht gar noch dümmer als er? Ja, einige kommen auch aus gutem Hause, verdingten sich als Ministeriale oder als freie Männer bei der Kirche oder einem König, einem Fürsten, mussten irgendwann ihren Dienst quittieren, weil sie die Lenden nicht still und die Finger nicht vom Besitz anderer fernhalten konnten. Nun sind sie bei seinem Herrn. Er schwört auf solch verwegene Kerle. Doch mit Geist und Verstand ist es bei ihnen sicher nicht weit. Oh weh… gar nicht weit gar!
"Nun denn. Er verrät uns nichts. Und ich denke, sein Mummenschanz ist auch nur ein Spiel. Wenn der Teufel auf seiner Seite wäre, hätte der ihn sicher schon befreit. So mächtig sind meine Mauern hier nicht. Aber…"
Weder dieser nachdenkliche Blick, der Jonas einen kalten Schauer über den Rücken jagt, wenn er auch noch an jene Situation vorhin denkt… ein toter Fleischbatzen macht zwei Männern Angst. Und gerade sieht der Knappe schon einen Mann in sich.
"Gut denn… er redet nicht. Haben wir andere Möglichkeiten?"
Der kecke Wachmann von vorhin, den alle Gerhardt rufen, räuspert sich verhalten.
"Konrad hat immer Ideen. Der ist so lange bei den glühenden Eisen und kann auch noch anderes sehr gut. Aber seine Ideen sind meist noch ganz anders, als nur sein Tun in Eurem Auftrage, Herr!"
Der Ritter braucht einen Moment, um zu begreifen, was der Wächter eigentlich meint. Dann grient er, wenn auch verhalten und ein wenig gequält. Doch er versucht, sich locker zu geben.
"Gut, holt ihn. Er hat sich genug ausgeruht. War zwar gute Arbeit bisher. Aber nicht gut genug."
Verschweigen muss der Ritter, dass er genau weiß, wie Innozenz in Rom reagieren wird, wenn er ihm den erfolglosen Tod des alten Birken meldet. Dann kann er sich gleich nach anderen Arbeiten umsehen. Der Papst wird ihn nicht mehr mit Wichtigem betrauen. Also… eine Idee wäre gut. Und wenn der alte Konrad wirklich eine hat… nun ja, gewitzt ist er. Bernhardt von Maron scheint einen Moment zufrieden. Ja, wenn er noch etwas erfährt, nur eine Kleinigkeit, dann kann er alles zum Guten wenden.
Der Alte steht vor den Anderen. Natürlich sehen die Wachmänner dümmlich und ein wenig hämisch lächelnd auf den Mann, der sich bei allen unbeliebt macht, weil er für die Ausführung aller Strafen zuständig ist, die der Ritter oder auch ein noch höherer Herr über sie verhängt. Was hatten sie nicht alle schon für Streiche einzustecken und mussten doch stets ihre Hände dabei stillhalten. Nicht einmal durften sie mucken und natürlich war gerade so eine Strafe immer eine schmerzhafte Angelegenheit. Zumal Bernhardt von Maron dazu vor einigen Jahren einführte, dass die Bestraften sich beim Folterknecht und Henker für die Strafe erkenntlich zu zeigen hatten. Nein, nicht indem sie ihn nun ihrerseits verprügelten, sondern indem sie ihm einen Pfennig oder gar mehr als Lohn für seine Mühe zahlten. Das war doch ungerecht… sie mussten eine meist in ihren Augen ungerechte Strafe erdulden und dann auch noch den Prügler bezahlen… Aber selbst dazu durften sie nicht murren.
"Nun, Konrad, was würdest Du tun, um ihn zum Reden zu bringen?"
Der Alte greift sich an den dünnen Bart. Er ist klein, vielleicht darum auch so gehässig und schnell mit Stock und Eisen, auch mit Kette und Schwert. Als Jonas noch ein Junge war und kaum aus der Hütte seiner nicht sehr vermögenden, aber in gutem Stande geborenen Eltern kam, dachte er immer, ein Henker wäre ein starker, großer Mann, besteht aus nichts als Muskeln und ist das Ebenbild eines wahren Ritters. In diesem alten Konrad sah er dann später einen, der in keinem einzigen Punkte seiner Vorstellung auch nur diesem Bilde entsprach.
War der Herr, der Ritter, noch ein großer Mann, der die für den Landstrich typischen schwarzen Haare auf dem Kopfe trägt, auch das breite Gesicht mit den weit auseinanderstehenden Augen hat und in seiner Aussprache so klingt, als wenn er einen Kieselstein im Munde hat, jedoch nie einen Zweifel an sich aufkommen lässt, weil er jedes Lachen oder auch üble Nachrede sofort mit Strafe oder donnernden Worten bedenkt, so ist Konrad das komplette Gegenteil.
Klein. Ja, wie ein Knabe, der noch nicht ins Schießen kam. Kaum drei Längen hoch und dazu auch noch vom Alter gebeugt. Dabei meinen einige, er wäre gar nicht so alt, wie man beim ersten Denken glauben mag. Vielleicht Entbehrungen, die seine Haut faltig, die Haare grau und die Augen behäbig machten? Doch seine Bewegungen mit Armen und Beinen, die sind schnell. Oft sah Jonas, wie Konrad unter einem Schlag hindurchtauchte und dann mit einem Tritt in den Rücken des vermeintlichen Gegners den Kampf schneller entschied, als es der auch nur erahnen konnte. Hinterlist ist natürlich dabei. Und rücksichtslos geht er gar auf Freunde los. Die haben nichts zu lachen und bezeichnen sich lieber nicht als wirkliche Freunde, weil sie sonst… na ja… noch eher in die Bredouille kommen würden.
Schwer atmend reibt sich der Alte nun an der Nase, fährt sich mit den dreckigen Händen durch das fettige, fast triefende Haar und schaut in die Runde, dass es allen gleich vergeht, auch nur etwas Schlechtes über ihn zu denken.

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