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     und Foto: Stefan Jahnke

 

Leseprobe - Aschfeld

 

Kapitel 1 - Offenes Gefängnis (Auszug)

...

Wir schreiben 1970 und nicht 1940. Merk Dir das, Vater! Die Nazis mögen ganz clever gewesen sein, aber jetzt sind sie fort und kommen auch nicht zurück. Deine verdammten Ideen sind mir einfach zu blöd! Lass die alte Burg und mach meinetwegen, was der Sommer sagt. Die Partei hat das Sagen. Niemand sonst. Ich gehe nicht zur Armee. Das wirst selbst Du nicht verhindern. Auch Reni nicht!"
Ich verstehe meinen Jungen nicht mehr. Er hat doch alles erreicht, was man in unserem Land auch nur erreichen kann. Taucher. Welcher Jugendliche will nicht ein Ass im Tauchen werden, vielleicht auch noch als Rettungstaucher eingesetzt Menschen retten? Er hat es geschafft und ist nun Lehrer an unserer Tauchschule. Dabei war es gar nicht einfach, die hier in unserem kleinen Dorf unterzubringen. Die Partei wollte natürlich einen wirklich interessanten Ort. Möglichst an der Küste. Meine Argumente, dass ein Teil der Schüler dann die nahe Grenze nutzen könnten, um sich abzusetzen, wollte man erst nicht hören. Man wüsste schon, wen man alles auswählt, um diese Schule besuchen zu dürfen. Man wäre ja nicht blöd. Nun, ich enthielt mich dann lieber, sparte mir eine Antwort. Schließlich bekam ich doch recht und die Schule wurde errichtet. Direkt in der alten Burg. Die stand leer, nachdem die letzten Besitzer noch in einer Nacht- und Nebelaktion am 12. August vor neun Jahren flohen. Bis heute weiß ich nicht, wie die was vom bevorstehenden Mauerbau erfahren konnten. Die von der Partei in Kögern wussten es ja selbst nicht. Der Sekretär da, der quälte sich dann am kommenden Morgen recht ungern aus den Federn, als er gegen drei Uhr die Kampfgruppe mobilisieren und nach Berlin fahren sollte. Und dann haben die die ganzen nächsten Tage nur Steine geschichtet, uns alle eingemauert, wie wir sagen. Verrückt.
"Vater, hörst Du mir überhaupt zu? Ich gehe. Und wenn Du nicht mit willst, dann wird es für mich einfacher. Reni nehme ich nicht mit. Die ist zu sehr in der Partei, denkt nur noch rot. Das mag ich nicht. Weiß auch nicht…"
Reni. Seine Jugendliebe. Wie lange hatte er um sie gekämpft? Erst wollte sie von Jungs nichts wissen, machte nur mit ihrer Freundin rum. Dann plötzlich hatte die einen Freund und wollte sie loshaben. Da besann sie sich wohl des kleinen Trottels, der ihr immer den Hof… na ja, das sagen wir eigentlich nicht. Ist noch so drin. Bin eben von der alten Schule. Kann auch nichts dafür. Was soll's? Er ist mein Sohn und ich werde immer zu ihm stehen. Immer!
"Ich gehe. Morgen schon. Und ich komme nicht wieder. Ob ich Dir schreiben kann, weiß ich nicht!"
Er denkt an nichts, nicht an mich. Dass sie mir die Schule wegnehmen, mich gar aus der Partei werfen, wenn auch nur ruchbar wird, dass mein Sohn… nein, das ist nicht gut. Und doch ist es seine Entscheidung. Ich rede ihm da nicht mehr hinein. Stellungsbefehl. NVA. Was soll ich denn tun? Großgezogen habe ich ihn. Als seine Mutter starb, wollte ich auch nicht mehr leben. Aber nun? Na ja, und dann diese alten Geschichten… Mystik soll das sein. Die Nazis hätten da in der Burg und der Gegend mit irgendwas experimentiert und niemand durfte dahin. Selbst dem Sommer war es nicht geheuer, als ich einfach so sagte, ich wolle die Schule in der Burg… na ja. Zumindest ist nichts passiert. Wie denn auch? Und vor allem… was?
Ich umarme meinen Jungen. Noch ein paar Mark stecke ich ihm zu. Ja einige der Schüler haben auch eine harte Mark dabei, wollen ein paar Extrastunden, vielleicht sogar lernen, wie sie sich durch einen kleinen Wasserlauf in den Westen absetzen können. Ich darf es ihnen nicht beibringen. Aber ich kann ihnen alles zeigen, was ein guter Taucher in einem unwegsamen und verdreckten Gewässer wissen und können muss. Dafür bezahlen sie dann auch mal etwas mehr und in der guten Deutschen Mark der alten Westzonen. Glück vielleicht jetzt?
Er packt eine kleine Tasche. Mehr wird er auch nicht durchs Wasser mitnehmen können. Das Geld, ein paar wenige Sachen und die Zeugnisse. Die allein zählen drüben. Ob man ihm eine Chance gibt? Kann ich mir schon vorstellen. Immerhin kennt man ihn da auch. Von der Messe in Leipzig. Und auch von der Polizeiausbildung. Die holen sich doch überall ihre Informationen, kennen unsere Bürger fast besser, als wir. Geheime…
Er geht zeitig schlafen. Der letzte Abend mit meinem Sohn, und er geht schlafen. Verdammt. Ab morgen bin ich allein. Ich weiß schon, dass er sich auf einen ganz gefährlichen…
Na ja, nicht drüber nachdenken. Wenn er denn eine eigene Entscheidung traf, bisher zumindest, dann hatte er auch alles bedacht. Umsichtig. Wie es ein Taucher sein muss. Sonst hätte ich ihn nie an die Schüler gelassen, ihn nicht aufgefordert, den Schein als Tauchlehrer zu machen. Ich habe eine Verantwortung, wenn ich diese Schule leite.
Morgen. Früh bin ich munter, will ihm noch ein gutes Mahl auf den Weg geben, ihn noch ein paar Worte reden hören, ihn umarmen. Aber er kommt nicht herunter. Verdammt… er verschläft und wird die Dunkelheit verpassen. Dann sehen sie sein gelbes Luftpack im Wasser, dann schießen sie und er geht vielleicht irgendwo nur noch als Toter an Land.
"Klaus, los jetzt, komm runter!"
Nichts. Meine Beine sind schwer, als ich nach oben steige. Bloß gut, dass unser Haus unten so groß ist, dass ich bequem da wohnen kann, nicht in die erste Etage…
Halt… das Zimmer ist leer. Im Bad? Nein, auch nicht. Wo, verdammt noch mal, wo ist Klaus? Die Tasche? Die ist auch weg. Alles fort. Habe ich ihn wirklich verpasst? Ich kann, ja darf nicht mal jemanden fragen. Alle sind sie doch nur Verräter, wollen sich einen kleinen Vorteil verschaffen, mich vielleicht auch ärgern, weil ich es geschafft habe, mir einiges aufbauen konnte, was ihnen mit ihrer LPG und der dummen Partei nicht gelang.
Reni… die ist nicht so verschlagen, wie Klaus meint. Die muss wissen, wo er ist, ob er schon weg ist. Und sie wird, natürlich nach Sommer, aber sie wird die Erste sein, die was erfährt, wenn er drüben ankommt. Ich muss zu ihr. Schnell sogar. Ich muss sie sprechen, ihr sagen, dass er weg ist, dass sie ihn vertrieben hat, dass er nicht einmal darüber nachdachte, sie mitzunehmen, weil sie nun zu Rot ist. Ob sie ihn jemals geliebt hat? Alte Lesbe! Aber er mochte sie, hat… na ja, sie hat ihn ausgenutzt, als Vorzeigeschule, als Lehrer, der, auch wenn er privat arbeitet, doch für den Sozialismus ist. Verdammt… und nun?
Wenn ich mich täusche, dann gefährde ich ihn. Dann bin ich es, der vielleicht für sein Misslingen, für seinen Tod gar verantwortlich ist? Nein, das will ich nicht!
Kaffee. Das bringt mich zumindest ein wenig nach vorn. Nein, richtig munter werde ich sicher nicht. Aber ich versuche, einen ganz normalen Tag zu beginnen. Dann anziehen, zur Burg und in die Schule. Sollte heute nicht die Truppe aus Neubrandenburg…? Ja, die muss doch eigentlich Klaus… oh, die werden ohne Lehrer dastehen. Klar. Aber ich übernehme sie. Nichts darf man merken. Muss ich eben sagen, er fühlt sich nicht und ich mache die Ausbildung. Ist ja nur eine Auffrischung. Mann, ein Jahr fast hab ich keinen Anzug mehr getragen. Aber der passt noch. Habe doch eher abgenommen. Pha, Krebs… wer will das schon wahr haben. Ob ich es Klaus hätte sagen sollen? Das mit der Krankheit? Nein, wäre nicht gut gewesen. Er wäre nur geblieben, weil es mir nicht gut geht. Das will ich auch nicht. Ihm im Wege stehen? Nein, das ist nicht meine Art. Er muss klarkommen.
Trotzdem… warum hat er sich nicht mehr von mir…?
"Herr Neust, die Truppe ist da. Sagen Sie bitte Ihrem Sohn…?"
Die hat Nerven. Da waren die doch eine Ewigkeit zusammen. Zumindest offiziell, die Reni und der Klaus. Und auch wenn ich ihr schon einige Male das ‚Du' angeboten habe… die will es nicht. Ich bin eben der Herr Neust. Ob sie Klaus auch Siezt? Nein, ihn sicher nicht. Aber trotzdem. Sie betreut unser Sekretariat. Und das von Sommer.
"Ich komme!"
Sie schaut mich blöd an. Na ja, gehört nicht viel dazu. Immerhin hat sie ein Gesicht wie ein Pferd… der Mund, die Augen… man kann schon gut und gerne eine ganze Stunde lachen, wenn man sie gesehen hat. Heute nicht.
"Klaus sollte doch…?"
Ich schüttle den Kopf. "Fühlt sich nicht. Er wird erst morgen oder so… weiß ich nicht. Heute springe ich ein!"
Sie mustert mich. Klar, sie traut mir altem Mann nichts mehr zu. Und ich muss mich auch noch so verhalten, als wenn ich es nicht bemerke. Streite ich jetzt mit ihr, kann sie nur noch hellhörig werden und dann fliegt alles auf.
Schon sitze ich auf dem Fahrrad. Nichts darf ich dem Zufall überlassen. Und den Trabi hat heute halt…
Halt… ja, halt! Da steht der Trabi. Warum steht der vor dem Haus? Klaus wollte ihn nehmen, hat mir sogar gesagt, wo er ihn stehen lässt. Nahe der Grenze und doch in einem Gebiet, wo man ihn nicht gleich sichtet und auch nicht sucht. Ich sollte ihn eine Woche nach seiner Flucht dort abholen. Dann würde man ihn auch nicht vermissen. Den Trabi natürlich. Klaus schon.
Trabi hier… Klaus weg. Ich verstehe das nicht. Und dass er sich nicht… bei mir… na ja. Hat er doch noch jemanden gefunden, der mit ihm flieht? Ich riet ihm so oft davon ab. Der solle nicht denken, dass es auch nur einen Zufall auf der Welt gibt. Und nun ist er wohl doch mit irgendwem los, hat sich voll in dessen Hand, vielleicht auch noch in seinen Wagen begeben. War denn die Tasche wirklich…?
Zweifel. Nein, ich darf jetzt nicht anfangen, alles zu durchsuchen. Ich muss zur Burg. Schnell sogar. Die von der Polizei aus Neubrandenburg haben keine Ruhe, wollen den Tag nutzen. Wird eh' anstrengend. Einen ganzen Tag… na ja, nach dem Mittag mache ich Theorie mit denen und dann können sie nach dem Kaffee gleich noch ein wenig allein tauchen. Dann habe ich Zeit, kann alles durchgehen. Erst braucht Klaus genügend Zeit, um wirklich drüben anzukommen.
Der Tag ist rum. Seine Tauchausrüstung steht nicht angerührt im Aufbewahrungsraum. Nur seine Tasche ist weg. Einfach weg. Und sonst erinnert nichts daran, dass er doch gehen wollte. Es fehlt nichts. Hätte er wirklich das Foto da gelassen, wo er mit uns, Hertha und mir, drauf ist? Das steht schon so lange auf seinem Nachttisch und ich kann es nicht glauben. Weg ist er aber trotzdem. Vielleicht anders überlegt und nur versteckt, um mit sich selbst ins Reine zu kommen?
Die Truppe hat nichts gemerkt. Reni verzog sich zeitig. Ich habe den Verdacht, dass sie bei uns zuhause geklingelt hat. Und als Klaus nicht öffnete… na ja, zumindest sagt sie nichts.
Diese verdammte Fluchtgeschichte. Wie soll ich denn nun ehrlichen Herzens in ein paar Tagen sagen, dass mein Sohn verschwunden ist, wenn ich Reni was von Unwohlsein erzählt habe? Keine Ahnung.
Abends sitze ich über den Fotos. Nicht viele. Wir sind nicht die Freaks, wie sie der Klaus nennt… Typen, die laufend mit irgendwelchen großen und alten Apparaten durch die Gegend rennen und ihr Blitzlicht überall leuchten lassen. Aber ein paar Bilder gibt es schon. Früher hat Hertha noch darauf geachtet, wollte uns immer animieren. Später, als sie nicht mehr war, da fiel uns das meist nach einem schönen Erlebnis ein. Schade zwar. Aber manchmal haben wir doch noch ein Bild gemacht. Einmal… das war lustig… wir waren wandern. Und als uns dann abends einfiel, dass wir lange nicht mehr… Nun ja, es war finster und wir liefen noch einmal in den Wald, bauten diese Knipskiste auf. Klaus hatte sich aus Holz ein Stativ gebaut. Unheimlich schwer, aber an solchen Punkten auch sinnvoll. Und so machten wir mitten in der Nacht ein Foto von uns im Wald. Sah irgendwie gruselig aus, denn diese Äste dahinter und ein nächtlicher Nebel am Teich, alles zusammen wirkte, als wenn da noch ein paar mehr Leute auf dem Bild wären. Der Fotograf drüben in Kögern, der meinen Film entwickelte, der meinte gar, einen von denen würde er kennen. Na, machte sich wohl nur wichtig… oder über uns lustig. Ich gab nichts drauf. Und nun klebt das Bild hier drinnen. Man erkennt immer noch diese Typen, die man da hineindichten wollte.
Mein Junge. Wo wird er jetzt sein? Weg? Klar. Inzwischen sicher an der Grenze. Doch ohne sein Tauchzeug? Wie will er da durch den Fluss? Hat er darum die ganzen letzten Monate geübt, lange ohne Luft unter Wasser…? Mein Gott… das ist gefährlich. Wenn man da einen Krampf oder so…
Radio. Ich lausche den Nachrichten von RIAS Berlin. Die bringen das doch sicher, wenn er es schafft. Ganz sicher. Ich glaube es jedenfalls. Er ist gewitzt. Er weiß, wie man an die Presse ran kommt. Niemand hätte die Schuleröffnung vor ein paar Jahren auch nur in der Zeitung gewürdigt. Aber er schaffte es irgendwie. Ein Bildreporter der Regionalzeitung war da und einer, der auch noch eine ganze Menge aufgeschrieben hat. Der Artikel… ja, der hängt… hing… nein, da ist ein Fleck. Der fehlt. Hat er ihn mitgenommen? War der etwa wichtiger, als unser gemeinsames Bild? Ich erkenne weder mich noch meinen Sohn wieder… in diesem verrückten Tun… er war… ist doch ein guter Junge! Leise… still… da kommen die Nachrichten!
Nichts. Nicht eine Meldung. Am nächsten Tag höre ich, dass jemand beim Versuch gescheitert sein soll, sich in einer Zugtoilette nach drüben zu stehlen. Aber das würde er nicht machen. Dazu ist er einfach zu schlau. Warum denn eine Toilette? Er kann tauchen!
Vier Tage sind vergangen. Weder von ihm noch vom Klassenfeind eine Nachricht. Und auch Sommer war nicht bei mir. Die grauen Herren, die von der Stasi, die fehlen ebenso. Hab ich mal gehört, dass die sich immer gleich zu den Eltern oder ‚Hinterbliebenen' aufmachen, um die dann auszuquetschen, abzuchecken, ob man den Flüchtling nicht doch zur Rückkehr bewegen könnte. Straffreiheit oder so soll es gar geben. Für die Eltern. Nicht für den Flüchtling. Aber zumindest ein paar Erleichterungen und nicht ganz so lange Gefangenschaft. Aber erfährt man eigentlich, wenn jemand schon weit vor der Grenze…?
Heute habe ich keine Schüler. Warum fragt Reni nicht nach Klaus? Gut, sie war jetzt zwei Tage nicht bei mir. Eben weil ich nichts für sie zu tun habe. Da schafft sie lieber in der Aktenablage bei Sommer. Der hält nie Ordnung und braucht sie wohl eher. Soll ja auch für ihn die Beine breit… na ja, geht mich nichts an, denn Klaus ist weg und wird ihr keine Träne nachweinen. Sie ihm auch nicht.
Ich sitze im Trabi, fahre zu der Stelle, wo ich den eigentlich wiederfinden sollte. Ob ich da etwas erfahre, finde oder so? Ich glaube ja daran, dass mir Klaus irgendwo eine Nachricht hinterließ. Muss er einfach. Er geht doch nicht ganz ohne einen Sinn, eine Botschaft oder so… er will vielleicht viele, aber nicht alle Brücken abbrechen. Und er ist mein Sohn. Er weiß, er spürt ganz sicher, dass ich ihn brauche, mich um ihn sorge, wissen will, wie es ihm geht. Zumindest, ob er es erst einmal geschafft hat.
Nacht, als ich an der Stelle ankomme. Nichts. Nicht einmal Reifenspuren. Wenn Klaus mit jemand Anderem mitfuhr, müssten doch da welche sein, oder?
Ich schlucke, beginne, die Gegend, die ich nun gar nicht kenne, mit einer Taschenlampe abzusuchen. Lange brauche ich. Nichts. Keine Zeichen, keine Botschaft. Nicht einmal Müll. Ich glaube, in der Nähe lagern die Russen. Übungsgelände nahe der Grenze. Na, die wollen eben auch an jeder nur denkbaren Stelle provozieren. Kann ich aber natürlich nicht ändern.
Zurück zum Auto. Plötzlich Licht… viele kleine Lichter, die von allen Seiten auf mich zukommen. Verdammt… was ist das denn nun? Ich bleibe stehen, versuche, mich hinter einer Wurzel…
"Herr Neust, kommen Sie heraus. Wir wissen, wo Sie sind. Sein Sie froh, dass wir Sie vor der Patrouille unserer Freunde gefunden haben!" Eine herrische Stimme. Ich kenne sie nicht. Woher auch? Aber der da drüben kennt mich. Woher? Kennt er auch Klaus? Haben die ihn hier oder anderswo gegriffen? Oder konnten sie das nur aus meinem Kennzeichen… Verdammt… das wird es sein!
Ich ergebe mich in mein Schicksal.
"Gut gemacht, Herr Neust. Das war das einzig Richtige in den letzten Stunden!" Der Kerl ist groß gewachsen. Vielleicht gar eins neunzig? Zumindest trägt er einen Kunstledermantel. Nicht toll, aber macht Eindruck. Er ist schlank und hat ein verhärmtes Gesicht.
Kein Hut… hätte aber zu ihm gepasst. Denn die Haare sind strähnig, kaum sehr voll und fast grau. Dabei wirkt der Mann, der sich nicht vorzustellen braucht, dem man einen Mitarbeiter des MfS auf ein paar Kilometer ansehen würde, vielleicht wie ein Mittvierziger.
"Nun, Herr Neust, was treiben Sie denn mitten in der Nacht in der Nähe einer militärischen Einrichtung und auch noch so nahe an der Grenze zum Klassenfeind?"
Phrasen. Nicht mehr als ein paar Phrasen. Aber die Fragen sind doch gut. Ich weiß nämlich nicht, wie ich darauf antworten soll, ohne meinen Sohn hineinzuziehen und mich auch noch selbst zu belasten.
Der Mann sieht, dass ich mit mir kämpfe. Er lässt mich einfach sitzen. Der kleine Raum in der Baracke, zu der wir vorhin mit einem Trabi-Kübel fuhren, der hat keine Fenster. Vielleicht hört man auch nirgends, wenn man mich hier… na ja. Zumindest ist sicher noch Nacht und ich muss irgendwann einmal wirklich eine Erklärung für mein Tun anbringen. Ich habe hier einfach nichts zu suchen. Und doch bin ich hier. Verdammt!
Stunden sind sicher vergangen. Ich sage kein Wort, man fragt mich auch nicht. Mein Gegenüber wechselte schon drei Mal. Die Männer sehen fast gleich aus. Zumindest von der Anzugsordnung. Die Gesichter wirken verlebt, sind aber zu unterscheiden. Jetzt sitzt der vom Anfang wieder vor mir.
"Herr Neust, es hat doch keinen Sinn. Geben Sie zu, dass Sie etwas gesucht, etwas ausspioniert haben, und all das auch noch an den Klassenfeind geben wollten. Ein Geständnis kann sich zumindest ein wenig auf die Strafe auswirken!"
Ich schaue ihn sicher voller Unverständnis an. Er überlegt, ob ich blöd oder verschlagen bin. Sein Blick ruht dann auf einem Knüppel, der da in der Ecke des Raumes lehnt. Nun erkenne ich auch, dass diese Flecken an der Wand nicht unbedingt nur Dreck sein müssen. Gut möglich, dass da Blut floss. Und nun sitze ich hier, sage nichts, weil ich eigentlich auch nicht so richtig etwas zu sagen habe. Was mache ich? Ich stecke in einer Klemme, aus der mich… na ja… aus der mich nur Klaus befreien könnte. Wenn, und davon gehe ich aus, wenn er wirklich geflohen ist, dann ist er jetzt entweder tot, irgendwo arretiert und wird ebenso befragt, wie ich… oder er ist drüben und niemand hat bisher etwas davon mitbekommen. Damit, ja, da bin ich mir sicher, damit kann ich meine Geschichte erzählen, ohne ihn direkt zu gefährden. Und ich beginne, zu stammeln.
Aufmerksam hört mir mein Gegenüber zu. Er macht Notizen. Dann streicht er einiges wieder durch, geht mitten in einem meiner Sätze aus dem Raum, kommt wenig später mit einem älteren Mann im weißen Kittel zurück, der mir in die Augen schaut, meinen Puls misst, einfach nur in einer Ecke sitzt, ganz nahe dieses Knüppels, und mich beim weiteren Erzählen beobachtet.
Vielleicht eine Stunde habe ich geredet. Niemand bringt mir Wasser. Ich bitte um ein Glas, bekomme nichts. Meine Kehle ist trocken, ich bekomme auch langsam Hunger, weiß aber, dass eine Frage nach Essen genauso erfolglos sein wird. Verdammt… wo bin ich hier hineingeraten? Habe ich Angst? Ja, aber nicht, weil ich Klaus verraten und mich selbst in den Knast bringen könnte, sondern weil ich annehme, das die mich einfach für verrückt halten. Zumindest macht der Mann im weißen Kittel recht unzweideutige Zeichen zu meinem Stasibefrager. Aber ich rede weiter.
Dann habe ich alles erzählt. Bis hin zu den Lichtern, die auf mich zukamen und die alle als Taschenlampen eines Suchtrupps identifiziert werden konnten. Natürlich. Was denn sonst?
Schwer schlucke ich. Ob mir die Zunge auch am Gaumen festkleben kann? Ich weiß es nicht. Aber es tut weh, wenn ich sie langsam von da löse. Wirklich alles viel zu trocken!
Noch einmal atme ich schwer, dann lehne ich mich zurück und erwarte, was man mit mir und meiner Aussage machen wird.
Ruhe. Nichts. Kein Laut.
Der Stasimann steht auf, gibt dem Weißkittel ein Zeichen und beide verlassen den Raum. Draußen glaube ich einen heftigen Streit zu hören, der jedoch durch die Wand und die dicke Tür gedämpft, also auch nicht verständlich bei mir ankommt.
Nach einer Weile kehrt der Stasimann wieder zurück. Er hat… eine Flasche Margonwasser in der Hand. Selters… eben was Prickelndes für meinen Mund. Gierig trinke ich die halbe Flasche leer. Fast zerschneide ich mir die Lippen, denn der Flaschenhals hat ein paar Scharten oben, wo der Kronkorken drauf steckte. Aber das kenne ich. Die scheinen auch alles noch einmal zu verwenden. Bei Bierflaschen habe ich da schon… na, das tut jetzt nichts zur Sache!
"Herr Neust, Sie können ja interessante Geschichten erzählen."
Ganz leise sagt er das. Ich sehe, dass sich keine Faser seines Gesichtes bewegt. Er fixiert mich nur mit seinen grauen Augen, bewegt die Lippen kaum und wartet wohl auf etwas. Vielleicht will er sehen, dass ich lache, dass ich mich freue, ihn hinters Licht geführt zu haben. Dann, mit einem Male, springt er auf, donnert seine Rechte auf den Tisch zwischen uns.
"Verdammt… wen denken Sie denn, vor sich zu haben?"
Ich zucke zusammen, sehe, wie er sich über diese Reaktion freut. Der ist ein Sadist. Zu gern, das erkenne ich jetzt, zu gern würde er wohl den Knüppel nehmen und mich damit windelweich schlagen. Aber irgendetwas hält ihn davon ab. Nur was?
"Ihr Sohn, Neust, Ihr Sohn soll in den Westen geflohen sein? Verkaufen Sie mich nicht für blöd, ja? Denken Sie wirklich, wir würden so was nicht mitbekommen und er könnte einfach so unter unseren Maßnahmen durchtauchen? Nein, Neust, was Sie da gemacht haben, das weiß ich nicht. Aber mit Ihrem Sohn, Neust, mit dem hat das mit Sicherheit nichts zu tun!"
Nicht? Ich überlege. Kann er sich wirklich so vor deren Augen verborgen haben? Aber die Medien drüben würden das doch sofort ausschlachten. Und selbst wenn er es bis Mannheim schafft, wo wir noch verschiedene alte Verwandte und Bekannte haben, dann werden die ihn gleich in so ein Auffanglager schicken. Schon, um die paar hundert Mark zu kassieren, die die als Eingliederungshilfe ausreichen sollen. Der muss doch auftauchen… und wenn er das tut, dann erfahren die von der Stasi sofort davon!
"Also, Neust. Ich gebe Ihnen jetzt noch einmal die Gelegenheit, die Geschichte zu erzählen. Aber bleiben Sie dieses Mal bei der Wahrheit, ja? Ich kann Ihnen gar nicht sagen, was alles passiert, wenn Sie das nicht tun. Und ich versichere Ihnen… mit Ihrer Ruhe ist es dann ein für alle Mal vorbei!"
Noch einmal?
Gut, wenn er es will!
Ich trinke einen weiteren Schluck und beginne von vorn. Nein, ich lasse nichts weg und füge nichts hinzu. Zu sehr war ich vorhin schon ängstlich und eingeschüchtert, als dass ich auch nur an einer Stelle geflunkert hätte. Nicht einmal drüber nachgedacht habe ich. Zu gefährlich. Zu viel Gewalt in denen, die da jetzt um mich sind!
Wieder ende ich irgendwann nach langer Zeit. Und wieder schaut mich der Mann vor mir fragend, herablassend und doch so einfältig an. Er begreift es nicht. Dann steht er auf, geht ohne ein Wort hinaus. Die Tür bleibt offen. Im Hintergrund höre ich meine Stimme. Aha. Sie haben alles aufgenommen. Auf Tonband sicher. Und sie vergleichen meine beiden Aussagen. Dauert lange. Klar, waren ja auch lange Aussagen. Und als dann zwei Stunden vorbei sind, ich niemanden in der Zeit sah, aber zumindest ahnte, dass ich den Gang da draußen sicher nicht lebend erreicht hätte, kommt der Mann wieder.
"Sie haben sich schwer selbst belastet. Sie haben einem Republikflüchtling Vorschub und Hilfe geleistet. Ob das nun Ihr Sohn war oder nicht, das tut nichts zur Sache. Sie haben sich strafbar gemacht. Auch wenn die Flucht nicht stattfand."
Ich habe genickt. Jetzt durchzuckt es mich mit einem Male. Fand nicht statt? Wieso? Mein Sohn ist nicht zuhause. Er hat niemanden außer mir… und dieser Schlange, der Schlampe Reni. Im Osten zumindest nicht. Er wollte weg. Lange schon. Taucher bei der Marine. Nicht der der Kommunisten. Eher auf der anderen Seite. Da soll es ein ganzes Netzwerk geben, wie man das nennt, die sich nur mit Flucht in den Westen beschäftigen. Das wollte er machen. Und eben weg. Mal echte Korallen sehen. In der Südsee und nicht in irgendeinem Museum. Welt kennenlernen. Nun ja, was die Jugend nicht alles will. Und nun soll er nicht gegangen sein?
Mein Gesicht ist ein Fragezeichen. Der Stasimann, sicher ein Offizier, wenn er so lange allein befragen darf, der sieht das, lacht und klopft mir hart auf die Schulter.
"Ja, alter Mann, da haben Sie sich in eine Sache reingeritten… meinen Sie nicht auch, dass es besser ist, Kinder unter staatlicher Aufsicht zu erziehen? Da kann so was nicht passieren! Hat Ihnen das Leben verbaut. Und…"
Genüsslich schlägt er den Aktendeckel auf, den er vorhin mitbrachte, liest darin und schaut mich süffisant an.
"…Ihre Schule können Sie vergessen. Wer weiß, was Sie da eigentlich ausbilden!" Pha… na, sicher nicht!
Ich weise darauf hin, dass selbst die Polizeitaucher bei uns zufrieden sind und seither weitaus bessere Einsätze tauchen konnten. Aber er winkt ab. "Tarnung. Nur Tarnung und Vertuschung!"
Dann schlägt er mir noch einmal auf den Rücken.
"Los, Neust, nennen Sie mir den Namen der Schlampe, zwischen deren Beinen Ihr Sohn sich jetzt versteckt, ja?"
Er… mein Junge… zu einer Frau? Nun ja, möglich. Die Reni fragte mich nicht ein einziges Mal in den letzten Tagen… kann sie doch…? Hat sie ihn versteckt, verraten oder gar beseitigt? Nein, das will ich nicht hoffen. Der werde ich ganz sicher…
Nein, werde ich nicht. Die haben mich. Ich komme hier wohl nie wieder raus! Und nun… nun kann ich mich an diesem Weibsstück rächen! Ja, das mache ich. Die soll bereuen, dass sie mir immer so übel mitspielte und Klaus auch noch… betrog. Mit Weibern!
Der Name steht in der Akte. Ich könne zwar noch nicht nach Hause, aber ich solle erwarten, dass man mit mir nachsichtig ist.
"Alter und so. Zumal Sie sich ja nun auch was Neues suchen müssen. In Aschfeld werden Sie nicht mehr leben. Das verhindern wir ganz sicher. Und auch sonst… die Schule ist passé. Und Ihre Freunde… ehemaligen Freunde… nun, wer will schon mit einem Verräter zusammen sein? Niemand. Also, ziehen Sie weg, fangen Sie neu an."
Der meint das wirklich ernst?
Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen. Mein Gott, der Kerl ist jung… gegen mich. Und er will mir Vorschriften machen. Nur, weil er eben in solch einer Position ist und ich ein alter Mann bin, der nun auch noch seinen Sohn verriet. Wie kann, wie darf man das denn eigentlich machen?
Ich stehe auf. Ganz langsam. Als wenn ich nichts zu verlieren hätte. Sein Blick fixiert mich. Er will nicht, dass ich mich einfach selbstständig mache und er scheint auch zu denken, ich wolle aus der Tür. Aber weit gefehlt. Was soll ich draußen? So richtig zu verlieren habe ich nichts. Wenn selbst mein eigener Sohn verschwindet, ohne mir zu sagen, wohin… was habe ich dann noch vom Leben zu erwarten? Nichts natürlich. Und er?
Langsam gehe ich zur Wand, dann gerade die entgegengesetzte Richtung, also weg von der Tür. Eher hinter den Stasimann. Der rutscht ein wenig unbehaglich auf seinem Stuhl herum.
"Setzen Sie sich, Neust, setzen Sie sich endlich wieder hin. Was soll das? Wollen Sie noch mehr…?"
Jetzt stehe ich hinter ihm. Nein, ich reiße nicht seinen Stuhl um. Er sitzt schon auf dem Sprung, erwartet das wohl. Einen dummen Wutausbruch eines alten Mannes, der eh' nicht mehr so ganz richtig ist im Kopf. Aber den Gefallen… nun, ich tue ihm gar keinen Gefallen. Eher gehe ich in die nächste Ecke. Dahin, wo der Doktor saß. Und auch dorthin, wo der Knüppel steht.
Fassungslos sieht mein Befrager, wie ich nach dem Ding greife.
"Was soll…"
Er kommt nicht so weit. Denn schon bin ich bei ihm und er verstummt, erwartet einen Schlag, will sich schon den Kopf schützen. Feigling! Ein anderes Wort fällt mir für diese Kreatur nicht ein!
Langsam reiche ich ihm den Stock. Schwer. Sehen so diese Baseballschläger aus, mit denen die Jungs in Amerika spielen? Ich glaube, in irgendeinem Abendfilm konnte man das mal sehen.
"Hier, greifen Sie zu!"
Noch ein wenig verdatterter grapscht er nach dem Holz. Ich stelle mich vor ihn.
"Erschlagen Sie mich. Los doch, schlagen Sie wild auf mich ein. Irgendwann höre ich dann auf zu bluten und zu atmen. Machen Sie schon!" Er schaut auf das Holz, dann auf mich und wieder zurück.
"Warum?"
Dumme Frage für einen Schergen! Aber ich weiß, was ich will. Nicht weg, nicht fort aus Aschfeld. Niemals! Und wenn er mich dazu zwingen will und muss, dann soll er mich umbringen. Hat er einen Grund? Ach, solche, wie der, die finden schon einen. Ganz sicher! Und noch einmal ermuntere ich ihn zum Schlagen.
Er steht auf, lässt den Knüppel fallen, geht hinaus, schlägt die Tür hinter sich wütend zu. Alles hat er sicher erwartet. Aber doch nicht das. Und nun braucht er erst einmal jemanden, mit dem er das besprechen kann. Was soll er tun? Ich will eher sterben, als da wegzugehen? Nun, dann müssen sie sich etwas ausdenken. Denn immerhin wird es irgendwann auffallen, wenn Vater und Sohn in einer solchen Tauchschule verschwinden. Zumal… eine Lüge? Nein, das wir in den Westen… das geht nach hinten los. Da gab es doch einen Fall. Paar Jahre her. Der Osten meldete, dass jemand in den Westen… und die haben sofort dementiert. Der Osten blieb zwar darauf still. Aber peinlich war das allemal. Klar, wer gibt schon gern zu, dass er jemanden verloren hat und nicht weiß, wo er nur sein könnte.
Auf meine alten Jahre muss ich nicht immer stehen. Also setze ich mich wieder. Diesmal auf den Stuhl des Stasimannes. Ich habe klar bewiesen… mir ist alles egal. Und wenn sie jetzt einen alten Mann schikanieren wollen, sollen sie es ruhig gleich und vollständig tun.
Wieder denke ich an Klaus. Wo kann er denn nur sein, wenn niemand seine Flucht wahr haben will?
Eine Stunde ist sicher vergangen. Der Tag muss schon lange da sein. Ich sehe nichts. Selbst der Gang draußen lässt nur Kunstlicht herein. Vielleicht sind wir gar unter der Erde? Waren das Treppen, die die mich hinein führten? Keine Ahnung. Zu sehr war ich perplex, dass die da plötzlich mitten in der Nacht alle um mich herum standen. Also weiß ich es einfach nicht. Er aber doch!
Er kommt zurück. Der Stasimann hat sich beraten, winkt mir nur kurz. Ich folge ihm. Zwei Möglichkeiten. Entweder sie erschießen mich nun in einem der dunklen Gänge und lassen mich dann auf einem Feld oder in einer Klärgrube verrotten, oder aber… ich habe gewonnen.
Das Licht blendet. Ich merke jetzt erst, wie unheimlich müde ich bin. Draußen vor dem Bau steht mein Trabi. Genau der, den ich gestern noch fuhr, den doch auch Klaus fahren sollte, den ich nur holen wollte. Und der Motor läuft schon.
"Da immer geradeaus. Dann kommen Sie auf den Feldweg. Links zur Straße und nach ein paar Kilometern erreichen Sie die Fernverkehrsstraße. Da sehen Sie die Schilder."
Frei. Entlassen. Ich fasse es nicht. Und doch ist es wahr!
Hat der kleine Trabi schon einmal so aufgeröhrt? Kaum, denke ich. Aber er schafft es, ohne sich festzufahren, durch diese Schlammpfützen zu kommen und den Weg zu erreichen. Ist dass die Gegend, wo ich letzte Nacht suchte? Nein, das sah am Abend anders aus. Zumindest bilde ich mir das ganz stark ein. Aber so eine gute Ortskenntnis habe ich auch nicht.
Zwei Stunden später, der Abend beginnt schon wieder, erreiche ich Aschfeld. Gerade fahren ein paar Wolgas an mir vorbei. Kamen mir entgegen und verlangten mit ihrem Fahrstil, dass ich fast in den Graben neben dem Weg fahre. Verdammt… aber ich komme raus.
Aus den Augenwinkeln erwische ich ein Bild. Ein Gesicht. War das die Reni? Haben die die geholt? Kann es sein, dass ich sie nun wirklich ans Messer geliefert habe? Nein, ich darf mir nichts einbilden. Die werden nicht alles ungeprüft annehmen und mir glauben. Aber wenn sie meinen Sohn bisher nirgends fanden, müssen sie zumindest in Erwägung ziehen…
Ich halte gleich vor der Burg. Der Zugang über diese Holzkonstruktion ist nicht gerade toll. Aber der Denkmalschutz… Na ja. Drei Räume kann man im Innern nutzen. Mehr nicht. Ist alles sehr verfallen. Aber passt eben zu einer Schule, die sich mit Tauchen beschäftigt. Und weil Klaus und ich damals begannen, diesen Zugang über die Mauer zu bauen, hat man uns auch die Genehmigung erteilt. Natürlich wollte sich der Staat beteiligen. Klar. Alles Private wird immer mehr in staatliche Hände gedrängt und da kommen wir und wollen eine private Tauchschule… na ja, aber man hat uns doch… Und da wir in den Jahren seither immer gutes Geld brachten, auch nur gute Kritiken von den Behörden bekamen, die uns ihre Genossen zur Ausbildung schickten, da durften wir auch schon bald privaten Kunden eine Ausbildung bieten. Nicht so einfach. Und was wir da alles kennenlernen mussten. Schickten die doch auch hin und wieder einen Maulwurf, der uns auf den Zahn fühlen sollte. Klar, wir bilden nun einmal potenzielle Republikflüchtlinge aus. Und die hatten ihre Ausrüstung auch alle aus dem Westen. Gab es bei uns bisher kaum offen zu kaufen. Interessante Sachen. Bekamen selbst wir hin und wieder, wenn uns jemand in West bezahlte und wir jemanden fanden, der uns beim Westbesuch auf Bestellung dieses oder jenes mitbringen konnte und wollte. Alle haben Angst!
Ich gehe alles durch. Da steht Klaus' Schreibtisch. Er hat nicht viele Aktendeckel. Muss auch nicht viel Schreibkram erledigen. Das war die Reni. Deren Ablage scheint jemand durchwühlt zu haben. Komisch eigentlich. Ich habe doch aufgeschlossen. Reni schließt immer ab. War sie dabei? Haben die alles durchsucht, als sie sie dann vorhin mitnahmen? Kann sein.
Nichts. Keine Zeugnisse. Früher hing sein Abschluss als Tauchlehrer über ihm, gleich an der Wand. Der ist weg. Klar. In seiner Mappe. Sagte er ja auch. Aber man kann nie wissen. Auch alles Andere, was er hier vielleicht als wichtig… er fand nicht viel ‚wichtig'. Vielleicht das Mundstück? Ja, da hing er dran. Hatte ich ihm zum Fünfzehnten geschenkt. Wollte er in Ehre halten. Ist auch nicht mehr da.
Er ist weg. Vielleicht schwamm er gleich noch weiter, taucht in Dänemark oder gar Schweden auf? Wo wollte er hin? In die Karibik. Kann man sich ohne Pass und so weiter da drüben eine Reise dorthin besorgen? Nun, alles soll möglich sein. Aber ich denke, ein wenig werden auch die auf ihre Grenzen achten. Immerhin haben die angeblich Angst vor uns. Sagt zumindest dieser Karl-Eduard von Schnitzler im ‚Schwarzen Kanal'. Die sind nicht mehr lange die Besten. Wir kommen weiter voran. Komisch nur, dass es so viele gibt, die das nicht einsehen. Na, egal!
Raus aus dem Büro, rüber zum Schulzimmer. Hier wird die Theorie gepaukt. Klar, wichtig. Im Wasser kann man nicht erst anfangen, die Regeln zu erlernen. Und einen Raum weiter kommen die Trockenübungen. Bänke. Da legen sich die Schüler drauf und lernen eine ganze Menge… wie man steuert, wie man sich mit Fingerzeichen verständigt, wie man mit den Geräten umgeht.
Oh, einmal habe ich hier den Max erwischt. Nahm sich so eine junge Polizistenschülerin vor. Meinte, sie müsse auch lernen, wie man sich unter Wasser vereinigt. Oh, die schrie und schlug um sich. Aber er nahm sie irgendwie doch. Hatte sich schon…
Nun ja, ich musste ihn feuern und hatte dann ein ganzes Jahr noch Schriftkram wegen der Sache. Das Mädel war psychisch gestört, konnte nicht mehr an der Waffe dienen und bekam auch noch ein Kind, für das Max natürlich geradestehen musste. Der verschwand auch… verschwand… ja, auch bei Nacht und Nebel, ohne sich zu verabschieden. Damals habe ich das…
Ach was, ich sehe Gespenster! Der meldete sich doch noch einmal aus Schwerin. Wäre jetzt nicht mehr im Knast und hätte ein normales Leben begonnen. Ob ich wieder mit ihm zusammenarbeiten wolle. Na aber… Holzauge sei wachsam! Ich werde mir doch keine potenziellen Vergewaltiger in die Schule holen… nicht mehr.
Klaus blieb weg. Tage, Wochen wartete ich. Dann stellte ich einen neuen Lehrer ein. Nein, langsam gingen mir die Tauchgänge im See zu sehr auf die Lungen. Ich bin eben nicht mehr jung. Und der Verlust, diese Ungewissheit, das ist einfach nur blöd. Ich kann doch nicht immer nur warten. Gefangen. Irgendwie bin ich gefangen. Und ich weiß nicht, was ich dagegen tun soll. Angst habe ich keine. Nicht um mich zumindest, denn ich bin stark und habe doch eigentlich ohne Sohn auch nicht mehr viel vom Leben zu erwarten. Da steckt man zurück, achtet nicht zu sehr auf sich selbst, lässt die Anderen denken, was sie denn wollen, und lacht auch über alle um einen herum. Zumindest, wenn sie mich scheel anschauen… machen sie alle. Ich bin verrückt, weil ich denke, ich hätte einen Sohn… gehabt. Die glauben das nicht. Warum auch?

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