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     und Foto: Stefan Jahnke

 

Leseprobe - Nebel

 

Kapitel 2 - Liebesnebel (Auszug)

"Nun, Reiner, dann musst Du eben doch nach Deutschland und die Sache für uns regeln. Du hast die ganzen Jahre genügend Geld bekommen, für nichts, wolltest uns sagen, dass alles sicher wäre. Aber ansonsten? Nichts stimmte… und Du weißt, wie meine Freunde mit Leuten umgehen müssen, die nicht das Rechte tun!"
Ich… nach Deutschland?
Die Ludmilla hat schon eine ungewöhnliche Art zum Danke sagen. Immerhin habe ich ihr den Losser ausfindig gemacht, ihm gehörig Angst eingejagt und ihr auch noch einige Euro besorgt, die ihr angeblich zustanden, die ihr alter Lover aber einfach nicht zahlen wollte. Dabei hatte sie doch mit beiden was… irgendwann… gemeinsam!
Tot und Teufel. Wenn mich der Helmuth erwischt, dann kann ich mein bisschen Leben abschreiben. Und sein Vater… nun ja… Aber gut. Wenn sie es will, dann fahre ich eben.
Genau beobachtet hat sie mein Gesicht. Jetzt grinst sie mich an, kommt näher, tätschelt mir meine linke Wange. Wie ich das hasse… sie ist viel älter als ich, sieht auch aus, wie eine abgetakelte Fregatte und will sich immer wie das größte Sexsymbol aufbauen. Manchmal hasse ich den Gedanken, der mich vor Jahren in ihre Arme trieb… nein, nicht so, eben als Mitarbeiter.
'Agentur für Handel mit Russland sucht Geschäftsmann mit guten Kenntnissen in Deutsch und Russisch. Sportliche Erscheinung wird bevorzugt.' Das klang damals nach einem Inkassounternehmen. Andererseits nahm ich an, dass die Geschäfte bei den Russen nicht immer ohne ein wenig Gewalt abgehen… Wodka und Faulenzerei… das sagt man den Kerlen nach. Und die Weiber…
Ludmilla kommt nicht aus Moskau. Nicht einmal aus dem wirklichen Russland. Ist Ukrainerin. Und ich habe nun eben diesen Job, muss tun, was sie will. Gut. Nicht schlecht… aber jetzt…
Losser… wie ich diesen Namen hasse! Diese Familie kostete mich nicht nur meinen linken kleinen Finger, sondern fast das rechte Auge… und damit ganz knapp fast mein Leben!
Ich nicke ihr zu, sehe, dass sie endlich wieder etwas Vertrauen zu mir fasst, auch Oleg und Pawel mit einem Wink zu verstehen gibt, dass ich nicht weiter zu den Störenfrieden zähle, und gehe in die recht heiße Moskauer Nacht hinaus.
Irgendwie läuft gerade alles aus dem Ruder. Nicht nur, dass Ludmilla freidreht und auch noch jemanden nach Deutschland schickte, der die dortigen Geschäfte schützen solle, aber dazu wohl, aus was für Gründen auch immer, nicht in der Lage war und nun ich hinterher soll, um alles, was der da in seinem Dilettantismus vergeigte, wieder irgendwie zu richten. Nein, die ganze Gegend ist in Aufruhr und man sieht selbst am Tage kaum die Hand vor Augen. Was stand gestern in der Presse? Nebra… diese komische Himmelsscheibe… die sollen die Leute damals irgendwann in grauer Vorzeit vergraben haben, weil sie die Sonne nach dem Vulkanausbruch auf Terra nicht mehr sehen konnten und das Ding damit keinen Wert mehr für sie darstellte. Na, weit sind wir nicht davon weg. Erst diese verrückte Vulkanasche von Island und nun die Waldbrände rund um Moskau. Eigentlich kann ich froh sein, wenn ich wegkomme. Jetzt, da die Wälder um Tschernobyl und auch noch bei anderen Atomanlagen brennen. Weit weg… lieber gar bis nach Amerika sollte ich… Aber dahin liefert Ludmilla nicht mehr. Das Gebiet gehört ihrem größten Widersacher. Zum Glück für mich, konnte sie sich mit ihm einigen. Ohne Losser hineinzuziehen… Zumindest nicht ins Geschäft. Vielleicht sollte man sich bei Markewitsch bewerben… Der ist sicher an mir interessiert… Nun ja, loyal bin ich dann wohl nicht mehr, weil ich Ludmilla aufgebe. Blödes Spiel. Aber gut. Wenn es irgendwie nützt…
Raus… und doch nicht raus. Es stinkt fürchterlich und ich habe immer den Eindruck, dass sich mir die Kehle zuschnürt. Einige Tage lang haben die sogar Scheremetjewo zugemacht, weil die sich nicht trauten, trotz des ganzen Radars und der vielen Leitstrahlen bei dieser Luft zu starten und zu landen. Unding… hätte es unter den Kommunisten nicht gegeben… Ein paar Wodka und jeder Pilot wäre hochgegangen.
Nach Hause. Ich gehe die breite Allee entlang, sehe ein paar Pärchen, die die Zeit nutzen, um sich gleich in einer völlig menschenleer wirkenden Grünanlage zu lieben. Ja, man weiß, was man mit diesem Wetter anfangen kann. Aber ich will nur weg. Und morgen… das Ticket drückte mir Ludmilla noch in die Hand. Mein Pass ist gültig und als Deutscher darf ich natürlich jederzeit nach Deutschland zurück. Soll ich noch etwas mitnehmen? Da ist sie immer erfinderisch… und für Überraschungen gut. Spätestens, wenn ich im Flieger sitze, werde ich wissen, ob sie mir etwas mitzugeben hatte.
Komme ich zurück? Keine Ahnung… Ich nehme lieber alles mit mir, was ich noch brauchen kann. Gerade bei Ludmilla und den Russen weiß man nie… Und wenn dann noch Kolnikow… Na ja!

Die Nacht war kurz. Schon gegen drei hämmerte es gegen die Tür. Moskauer Tür… die fällt zusammen, wenn man nicht schnell genug reagiert. Manchmal ist es nur ein Besoffener, der sich im Hauseingang und in der Etage irrt. Mietskasernen bis zum Himmel!
Oleg stand im Gang. Er hatte einen Umschlag mit ein paar Fotos. Ich solle schauen, wie weit diese Leute bei den Ermittlungen sind. Und außerdem war da noch ein altes Gesicht. Noch nie gesehen… wie die anderen auch. Kranz soll der heißen. Und einigen im Wege ist er. Ich soll mit ihm reden, hierher berichten... und dann wird entschieden.
Ich mag diese Dinge nicht. Nein, es sind zumindest keine Drogen. Letztes Jahr waren es welche. In Marmeladengläsern. Und ich dachte, ich kann meiner Mutter was mitbringen… Zum Glück standen die schneller in meiner Wohnung, als ich die Geschenke verteilen konnte. Vielleicht nutzen sie mich auch darum nicht mehr als Kurier.
Bilder… Wenn die mich beim Zoll damit erwischen, gibt es Fragen. Gut, als Geschäftsmann kann ich reisen und habe irgendwann eine passende Ausrede für die Dinger. Trotzdem… wenn erst einmal irgendwo, dass ich einen Krumbach und einen Conradi auf Fotos dabei habe, und dann geht irgendwas schief… Na, dann erinnern die sich wieder daran. Aber ich habe eine Idee. Warum kommen die nicht darauf?

Das Taxi ist viel zu teuer. Es stinkt nach Knoblauch. Selbst Ludmilla rümpft derzeit die Nase, wenn einer ihrer Männer zu viel von dem Zeug gefressen hat und dann zwei Tage wie eine Müllhalde müffelt. Ich hüte mich, mit dem Fahrer zu streiten. Die rennen immer gleich zu den Bullen und die sehen nur 'Deutscher' und 'Stress'… Dann verpasse ich vielleicht noch den Flieger.
Postamt. Zum Glück haben die hier auf Scheremetjewo eines. Ich schreibe meine Anschrift auf den Umschlag von Oleg. Kann es sein, dass sich dabei die Augen von Pawel in meinen Rücken bohren? Ich drehe mich so unauffällig wie möglich um. Nichts. Gut, dann ab damit! Und jetzt schnell zum Check-in.
Die Aeroflot-Maschine ist nicht groß. Man will mit mehr und kleineren Maschinen das Risiko minimieren. Die Kleinen wären schneller unter dem Qualm und Staub hindurch, könnten auch nach Moskau die Vulkanasche noch unterfliegen… Geht etwas schief, sind nicht zu viele Opfer zu beklagen. Geniale Taktik, die mir doch den Schweiß unter die Achseln treibt… und den Rücken herunter...
Der Flug verläuft ruhig. Ich lande fast zur genannten Zeit in Berlin, fühle, dass sich die Stewardess gern für ein Weilchen zu mir gesellen würde, vielleicht nur einen deutschen Pass über einen Flug in die Ehe anvisiert. Ich erteile ihr mit Ignoranz eine Abfuhr, die sie mir dann beim Gehen noch die Zeitung aus dem Arm reißen lässt. Nun gut. Brauche ich nicht. Beide!
Weiter nach Leipzig. Die Anbindung mit der Bahn klappt jetzt ganz gut. Auch wenn ich mit meinem Ticket Mühe habe, schnell Platzkarte und Raum für meinen Koffer zu bekommen. Aber, kommt mir komisch vor, niemand hat mein Gepäck gecheckt. War das nicht früher immer wichtig, wenn man aus dem großen Russenreich kam? Nun, hätte ich mir den Brief auch sparen können. Zwei, drei Tage ohne ihn… So lange braucht er sicher noch… nicht schlecht! Dann kann ich mich ganz der Aufgabe widmen. Zumindest werde ich schon einmal recherchieren, wie und wo ich an die Bullen rankomme.

Mutter ist außer sich. Sie lebt nun schon ein halbes Jahr im Heim, wird fast rund um die Uhr betreut und ist doch geistig noch voll da. Verrückte Sache, was die Natur mit uns anstellt… und wie uns die Medizin künstlich am Leben zu halten sucht. Der Körper versagt, der Geist ist da. Damit hat man zu bleiben, bis der Strom ausfällt!
Sie ist froh, sieht aber gleich, dass ich meinen Finger verlor. Gut, da war Oleg etwas vorschnell, als wir gemeinsam im letzten Sommer mit Losser verhandelten und ich ihm über den Mund fuhr. Losser feixte. Ich bekam meine Lektion. Nur Mutter kann ich das so nicht sagen. Sie glaubt mir meine kleine Lüge mit dem Unfall… Zumindest will sie mir glauben. Alte Leute sind hellhörig. Mütter noch viel mehr!

Zuhause ist alles beim Alten. Der Nachbar von gegenüber kommt gleich an, schließt mich in die Arme, erkundigt sich nach Mutter und wann sie denn wieder nach Hause kommt … Nun, ist auch nicht mehr ganz richtig im Kopf! Rücken krumm, redet stockend. Trotzdem lädt er mich auf ein Bier ein. Weil ich es hasse, ganz allein in der Bude zu sitzen, wo ich doch mit Mutter all die Jahre lebte, gehe ich mit.
Ich bringe das Gespräch auf Geschäfte in Dresden, versuche, ihn ein wenig anzuzapfen. Schließlich wird doch das Verschwinden von Losser Junior, was mir die Ludmilla noch offenbarte, sicher in der Presse stehen …? Nein, nichts gehört. Gut. Dann werde ich es allein herausfinden. Wo lebt der? In Dresden, direkt am Waldpark. Schöne Gegend. Villen, viel Grün, kaum Verkehr… mal von den nervigen Stadtrundfahrten abgesehen, die den greisen Gästen der Stadt unbedingt das Villenviertel an der Elbe zeigen wollen. Aber ansonsten…
Woher, frage ich mich, woher weiß die Ludmilla, dass Losser weg ist und dass die Polizei ermittelt, wenn selbst so ein aufmerksamer Zeitungsleser und Nachrichtengucker, wie dieser alte Freund und Nachbar, sich nicht daran erinnert? Keine Ahnung. Ich sollte vielleicht noch ein wenig vorsichtiger sein. Wer weiß, was die Ludmilla mit mir vorhat!
Heute nicht mehr. Ich glaube, wir leerten den ganzen Kasten. Gut, war ein kleiner Elfer für Rentner. Immerhin. Es drehte gehörig. Genau das Rechte, um ins Bett zu kommen!

Neuer Tag… der mir kein Glück, zumindest keinen Brief brachte. Die Post ist langsam. Selbst wenn ich den Brief direkt in den nächsten Flieger nach Deutschland gelegt hätte, wäre er wahrscheinlich noch nicht da. Dumm, jedoch nicht zu ändern.
Ich erinnere mich an diesen Kranz, der irgendwo… wie hieß das? Schnaps, Bier, Wein… ich brauche eine Karte!
Da, der alte Atlas. Den liebte Mutter… liebt sie sicher noch. Kann sie aber jetzt nicht ran, nicht drin blättern und die Welt erkunden. Also habe ich ihn… und suche erst einmal Leipzig, dann Dresden und die ganze Gegend drum herum ab…
Weinböhla! Ich habe es. Kranz wohnt in Weinböhla. Warum interessiert der Typ überhaupt? Keine Ahnung. Ich traue dem Klappergestell in Moskau zu, dass das ein ganz anderer Fall ist. Hmm... Auftrag ist Auftrag. Warum soll ich den Mann nicht besuchen? Wird sicher nicht ausgeflogen sein. Und den Namen 'Kranz'… Das Nest ist klein. Ich erinnere mich noch ein wenig an seine Gesichtszüge. Da werde ich wohl jemanden auftreiben, der mir sagen kann, wo der wohnt!

Zug nach Dresden. Dann soll ich wieder mit der S-Bahn zurückfahren und noch… Nein, ich nehme die Straßenbahn. Die fährt direkt bis Weinböhla. Nicht jede Bahn dieser Linie 4, aber doch einige. Schöne Strecke. Durch ganz Radebeul. Man hat Zeit… ich ja soundso… und man sieht viel. Da ich um Mittag fahre, erlebe ich keinen Berufsverkehr. Die Meisten steigen ein und aus, um sich irgendwo links und rechts der Strecke was zum Essen zu besorgen. Kurzfahrten. Da sieht man eine ganze Menge Leute.
Hat sich viel getan. Ich glaube, irgendwann als Kind war ich in Radebeul. Karl-May-Museum. Durfte man damals nicht sagen. Hieß anders und der Schriftsteller schien ein Staatsfeind zu sein. Na ja. Waren die Bahnen damals nicht solche Schütteln? Quietschend, laut, unbequem… Heute wohl nicht mehr. Weiche Sitze, große und saubere Fenster, teurer Fahrpreis. Aber das ist heute so.
Klar, ich erwische natürlich eine der Bahnen, die nur bis Radebeul-West fahren. Nach nochmaligem Umsteigen in Coswig geht es endlich nach Weinböhla hinein. Dort laufe ich gleich zu einer Kneipe, deren Wirt einen Kranz kennt, der ein wenig wunderlich ist. Genau… die Beschreibung, die ich liefere, scheint ihm zu gefallen... und schon habe ich die Adresse und eine Wegbeschreibung dahin. Auskunftsbüro Kneipe… ich trinke noch ein Wasser und laufe los.

Hoppla… eine schwarze Limousine steht vor der Tür. Vorsicht und zurückhalten! Wo hat der Alte das Geld für das Haus her? Der soll doch, wenn ich Oleg richtig verstanden habe, aus Westdeutschland stammen und ein kleines, eher winziges Licht gewesen sein. Muss mich nicht interessieren. Die Leute da schon eher… Was wollen die bei dem? Wirken fast, wie von einer Behörde, Bank, Regierung…
Moment!
Wenn ich mich nicht ganz irre, kenne ich das Gesicht des Einen. War der nicht auch auf den Fotos? Krum… na, ich hoffe auf die Post, dass die mir… Zumindest notiere ich das Kennzeichen und warte ein paar Momente nach der Abfahrt. Vielleicht gar keine so dumme Sache, dass ich kein Auto habe. Liegt nicht am Geld oder dem fehlenden Führerschein… Eher daran, dass man mir in Moskau dreimal einen Chrysler klaute und ich einfach die Nase voll habe. Zumal man da mit der U-Bahn und den vielen, zwar klapprigen aber benutzbaren Bussen schnell überall hinkommt. Jetzt wäre es den Bullen sicher aufgefallen, wenn ich hier vorfahre…

Dafür scheint Kranz mich nicht zu mögen.
"Ich hole die Polizei, wenn Sie nicht gleich gehen!"
Sieht man mir denn die Verbindung zu Ludmilla an? Kennt er die überhaupt? Zumindest zuckt er zusammen, als ich ihn von ihr grüße, wie ich es ja tun soll. Endlich gibt er seinen Widerstand auf, bittet mich herein. Nein, das ist nicht gut. Es stinkt… wir sitzen lieber im Garten. Als ich darauf dränge, zieht er die Augen hoch, wirkt gleich ein wenig offener, freier sogar. Wenn ich ihm was antun wollte, würde ich nicht die Öffentlichkeit suchen. Klar, Ludmilla… wenn er die kennt, wie ich ihren Oleg und den Pawel… Irgendwie verständlich. Mir egal.
Erst sitzen wir nur da. Er hat Kaffee in sauberen Tassen gebracht. Auch lächelt er ein wenig, als ich die Tassen tausche. Ich genieße richtig die Ruhe und den wirklich starken sächsisch Trunk… gerade nach dem Bier von gestern.
Gut eine halbe Stunde schauen wir uns an, dann in die Runde, scheinen zu überlegen und einfach still zu sein.
"Wie geht es Ludmilla? Ist sie immer noch im Geschäft?"
Oh, er kennt sich aus? Kein Wunder, wenn er ihren Namen weiß. Welches ihrer Geschäfte meint er?
"Sie sind nur ein Bote. Keine Ahnung, was Sie wollen… sollen. Vielleicht, wie es um meine damalige Aussage zu Losser, mir und den Olberts steht? Kann sein. Aber ich kenne Ludmilla noch als die Edelhure der Lößnitzburg. Auch als die, die damals die Drogenszene in Radebeul zum Laufen brachte. Man sagt sogar, dass irgendwer von damals das alles noch in der Hand haben soll… fest in der Hand. Vielleicht Sie?"
Ich? Wohl weniger. Dass er all dies weiß und noch lebt… Nun, da muss es ja Gründe geben! Macht ein wenig Hoffnung, wenn ich so an mich und einen möglichen Ausstieg ohne Genickbruch denke. Aber darum bin ich nicht hier.

"Losser wird vermisst. Der junge Losser. Wissen Sie was?"
Er lacht. Natürlich hält er sich gleich die Hand vor den Mund, damit die Nachbarn, die sich gerade um die Johannisbeeren kümmern, nicht herüberschauen. Die sind so neugierig, die haben uns schon lange bemerkt und sicher ihre Gedanken schweifen lassen, wer den verrückten alten Kerl wohl besucht. Zumal… Erst die Limo… und dann der Kerl da im Garten von Kranz. Ich.
"Entschuldigung. Ich kann Ihnen nur anbieten, dass wir doch hineingehen. Oder eben auch nicht. Aber… zu lustig… gerade war die Polizei bei mir. Ein Kommissar von der Kripo, auch noch Abteilung Wirtschaft. Und seine junge Partnerin… Nun, dienstlich, nehme ich an. Die haben mich wegen eines alten Geständnisses, was keiner bis heute so richtig ernst nimmt, und auch wegen eines Toten befragt. Letzterer war Ihr gesuchter Losser!"
Losser… tot?
Gut, war fast abzusehen, dass sich Ludmilla was einfallen lässt. Aber… schickt sie denn nun unbedingt mich hierher, um zu hören, dass das, was sie veranlasste…
Und… wenn sie gar nicht…?
Ich denke an Paul, diesen Muskelprotz, der eigentlich die alten Bande in und um Radebeul zu richten hatte und sich an die Lossers wenden sollte, dann nur ein Telegramm schickte… heute, wo alles über Telefon, eMail oder zumindest Fax geht… und der Ludmilla kündigte. Klar, der hätte auch…
Nein, nicht doch!
"Wie ist er gestorben, der Losser?"
Kranz schaut um sich, rutscht ein wenig näher an mich heran und flüstert, fast jetzt noch für mich kaum zu verstehen, "Keine Ahnung. Lag tot in einer Badewanne in der Lößnitzburg!"
In der Lößnitzburg… die gibt es noch? Ich denke, Ludmilla reiste ab, als dort alles den Bach runter ging!
"Nein, nicht offen… Ist… nun, soll eine Ruine sein. Er lag dort. Warum auch immer. Und die Bullen wissen nicht einmal, ob er irgendwie umgebracht wurde, sich selbst ans Leder ging oder nur einen Schock bekam, als er die Hütte so kaputt da stehen sah. Hehehe… der war schon immer ein Trottel, brachte nichts so recht in Gang. Trotzdem hat ihn sein Vater hochgehalten. Nur der Wollmer, der wusste, dass das nichts werden kann. Aber auf den hört man ja nicht… ist bloß ein Kragenträger… Kirchenmann… Sie verstehen?"
Kirche… na prima! Ein Leben lang habe ich mich erfolgreich von diesen Kreuzträgern ferngehalten, fand es schon immer komisch, wenn ich eine der vielen Huren in meinem Leben nahm und sie dann ein Kreuz zwischen ihren aufgeblasenen Titten baumeln hatte… Und jetzt… jetzt soll die Geschichte auch noch mit denen…
Na, das kann mir nicht den Spaß verderben… Die Mädels habe ich dann meist so genommen, dass sie sich wünschten, eher zum Teufel zu kommen, als noch einmal in mein Bett. Und die Kreuze… Eine Weile sammelte ich die Dinger. Eine hab ich mal gezwungen, das Ding, also nur den Anhänger, aufzufressen, also runterzuschlucken. Und einem Paar der Liebchen riss ich die Ketten so vom Hals, dass sie zumindest einige Wochen keine Ketten tragen wollten. Und jetzt… sollte es noch einen Wollmer geben?
"Pirna… der ist jetzt in Pirna. Aber der tut niemandem etwas. Ist viel zu fromm. Hat irgendwann dem Losser die Lößnitzburg verkauft. Dem Alten nämlich. Damals zur Wende. Und dann wollte er sich immer in alles einmischen, fand das Konzept nicht gut und so. Losser hatte ihn eine Weile sogar im Verdacht, dass der allein für die immer weniger werdenden Kunden verantwortlich war. Bis er dann auf diese blöden Alten kam, die sich um jeden kleinen Furz kümmerten, der auf der Ringstraße und auf der Kottenleite passierte und nicht zum Gesetz passte. Aber gut… das haben wir geklärt. Auch wenn's mir bis heute niemand wirklich glauben will!"
Ich weiß, das Geständnis, von dem er sprach. Was er da gestand…? Keine Ahnung. Interessiert mich auch nicht. Aber, was Ludmilla wissen will… wie steht er zu den Dingen? Ist er noch im Bilde? Kann er mit Namen und Adressen…? Ja, kann er. Oh Gott… wenn er wüsste, was er sich damit ins Haus holt! Nein, nicht von mir… Ich bin ein herzensguter Mensch… manchmal, wenn der Sex gut war oder der Kaffee schmeckt. Ansonsten…
Ich quetsche ihn noch ein wenig aus. Er weiß nichts von einem Conradi und Ermittlungsergebnissen. Auch hat er keine Ahnung, was Lossers denn bisher so trieben, seit sie ihn damals vor die Tür setzten. Lange her!
"Oh, diese Alten… nun ja. Ich bekam Geld. Ich sollte verschwinden, hatte aber keine Lust. Und so kaufte ich von einer alten Frau das hier und ließ mich nieder. Kam noch weniger, als die Hütte in China kosten würde. Die Alte wollte ihren Kindern ein Schnippchen schlagen, weil die sich nicht um sie kümmerten und nur auf das Erbe aus waren. Und niemand schien was davon mitzubekommen."
Der Kranz… immer für eine Überraschung gut!
"Ja, dann kamen sie irgendwann. Die Polizei wollte mich einweisen lassen. Dadurch bekamen die Lossers mit, wo ich wohne. Sie sollten meinen Schwachsinn bestätigen, weigerten sich aber und so blieb ich hier… und musste schwören, mich aus allem rauszuhalten. Nun, nicht schwer… Meine Frau verlor ich schon, weil ich zu oft im Osten vögelte. Meine Kinder brachen den Kontakt ab. Passte ja!"
Der Mann ist gebrochen. Innerlich. Und doch noch beisammen.
"Was wollten die Bullen vorhin nun genau?"
Er holt eine schlechte Kopie seines alten Geständnisses hervor und ich lese aufmerksam die schwer zu entziffernde Schrift. Nun ja, seine Hand hat schon immer mehr der Schreibmaschine, heute vielleicht dem Computer gehört, als eben dem Stift. Aber das hier, das hat er mit der Hand geschrieben. Aus was für Gründen auch immer.
"Ach, nicht so schlimm… ich lese es auch gern vor. Aber man redete damals eine Weile davon, dass man sogar bei einer simplen Schreibmaschine ohne Elektrik und Zwischenspeicher anhand des Farbbandes einen Teil der Texte, die zum Schluss darauf geschrieben wurden, wieder lesbar machen könnte. Und ganz ehrlich… Losser glaubte an diesen Schmarren. Darum schmiss er alle Bänder weg, die bei brisanten Schriften in meiner Maschine steckten. Ich wollte nicht, dass er das Band in die Finger bekommt. Und so schrieb ich eben… nun ja. Zumindest wollten die Bullen nicht viel. Ich habe ihnen ein paar alte Fotos von den Lossers und Ludmilla mitgegeben. Nacktfotos sozusagen. Waren ziemliche Aufbruchzeiten damals nach der Wende. Und die denken glatt, dass das auch was mit dem Tod von Losser zu tun haben kann."
Gut… Nacktfotos. Hat er noch welche? Ja, eines. Das steckte in einer anderen Tüte. Fiel ihm gerade ein, als die Bullen weg und ich noch nicht an der Tür war.
"Können Sie sehen. Aus der Hand gebe ich es nicht. Reicht, was nun im Umlauf ist!"
Gut, dann nicht. Ich sehe es mir an.
Oho… meine Chefin! Keine schlechte Figur, damals…! Tja, Wohlstand soll nicht nur den Charakter, sondern auch die Figur versauen. Ist eben so und nicht zu ändern. Heute unvorstellbar, dass sogar für Geld jemand mit ihr…
Ich feixe vor mich hin, sehe, wie er sich nun fragt, ob ich wohl ganz richtig im Kopf sei, und dann habe ich das Gefühl, es wäre Zeit, wieder zu gehen. Klar bleibt für mich nach diesem Besuch, das Kranz sein Herz, und damit alles, was er weiß oder zu wissen glaubt , auf der Zunge trägt. Damit wird er sicher nicht nur für Ludmilla zur unberechenbaren Gefahr.

Draußen ist niemand zu sehen. Wir sprachen so leise, dass man schon eine Wanze in seinem Garten versteckt haben müsste, wenn man uns belauschen wollte. Dafür bin ich ein wenig stolz auf mich, dass ich den Alten fand, obwohl ich seine Daten noch in der Post erwartete. Genug gelernt in den vier Jahren, die ich dran arbeite, bei Ludmilla wichtige Aufgaben zu übernehmen? Vielleicht!
Ich gehe zur Straßenbahnhaltestelle, sehe, dass die nächste Bahn erst in einer Stunde fährt, und schlendere noch einmal zum Wirt hinüber, der mir den Kranz so leicht beschrieb.
Nach dem zweiten Bier sehe ich, wie die schwarze Limo, zumindest eine ähnliche wie vorhin, drüben in die Straße einbiegt, in der ich nun Kranz' Haus weiß. Wollen die Bullen noch irgendwas oder ist das nur ein Zufall? Ich beschließe, einfach einmal nachzuschauen, unbedarft vorbeizugehen. Noch habe ich eine Viertelstunde… und einen Umweg zur Haltestelle… dafür reicht es gerade noch.

Tatsächlich. Der Wagen steht vor Kranz' Haus. Gar nicht unauffällig. Aber ich sehe niemanden. Auch als ich dran vorbeischlendere und einen kurzen Blick in den Garten werfen kann… nichts. Was mich dabei beunruhigt, ist, dass das Kennzeichen auf das BKA hinweist. Nein, die haben nicht gleich Werbung für ihren Verein dranstehen. Aber ich weiß, dass die gern mit einem Frankfurter Wagen fahren. Und nach der Ausstattung, die man durch die Scheibe sehen kann… getönt und doch, dumm wie da wohl jemand ist, die auf der Beifahrerseite heruntergelassen, offen… Na, wenn ich richtig liege, sollten die den Wagen so nicht gerade in Dresden oder näher zur Grenze nach Tschechien und Polen abstellen… Wurde nicht sogar der vom deutschen Innenminister geklaut… in Dresden, obwohl der doch in Berlin zu arbeiten hat? Na, Ausreden gibt es immer. In diese Gartensiedlung mit ein paar Wohnhäusern, und was anderes ist das nicht, wird sich wohl kein Pole herverirren…
Ha… da bewegt sich etwas an der Tür. Drei Männer in Anzügen mit… nein, keine Sonnenbrillen. Und die Anzüge sind recht unterschiedlich. Zwar alle perfekt im Sitz. Das sehe ich gleich. Muss ich sehen, wenn ich für Ludmilla die Ware übergeben soll. Nie an den Falschen… das ist wichtig. Und in unserem Metier vor allem… lebenserhaltend. Aber die sind auf keinen Fall zum Kaffeekränzchen vorbeigekommen. Der Hinterste schließt nicht mal die Tür, lässt sie einfach offenstehen.
Bloß gut, dass da ein Betonklotz ist. Der rettet mir zumindest meine Anonymität. Komisch… An einem Tag drei Besuche bei dem Mann, der in den letzten Jahren vielleicht mal einen Arzt und den Nachbarn zu Besuch hatte. Und die Letzten… die hätten gut und gerne auch kommen können, als wir im Garten…
Muss ich schwitzen? Nein. Ich tue es doch, habe meine Gründe. Ungutes Gefühl. Obwohl ich nicht einmal den Hauch einer Ungesetzmäßigkeit getan habe. Heute zumindest nicht. Seit Ewigkeiten habe ich mal wieder ein schlechtes Gewissen. Keine Ahnung, warum. Habe ich die da erst hierher geführt? Kann sein!
Der Wagen rollt los. Ich sehe einen Nachbarn, der ihm lange hinterherschaut, dann mit dem Kopf schüttelt und seiner Arbeit nachgeht. Na, der wird mir nicht in die Quere kommen! Nur... wenn ich jetzt noch einmal hineingehe… verpasse ich die Straßenbahn!
Ach was… irgendwann kommt noch eine!
Vorsichtig umschauen. Niemand zu sehen. Gut, hinter den Gardinen… Wer sang das vom 'nicht verziehn haben'? Ist älter. Klaus Lage …? Ja, kann sein.

Weiter. Ich stehe in der Diele. Und der Gestank… Gut, das wir gleich außen herum in den Garten… Aber… da liegt…
Ja, er liegt da und zappelt mit den Beinen. Ich hoffe mal, dass noch mehr bei ihm funktioniert!
"Och… aua… oje…"
Unter Schmerzen setzt er sich auf. Ich reiche ihm ein Glas Wasser, das er gleich wegstößt, selbst zum Küchenschrank unter der Spüle kraucht und eine Flasche Whiskey hervorzerrt, die er sofort entsiegelt und bis zur Hälfte leert.
"Sorry… Spiegeltrinker. Ich kenne meine Probleme, habe sie eigentlich im Griff, ohne anderen zu schaden. Aber heute…"
Noch ein Ansetzen... und schon ist die Flasche leer. Na toll… Der säuft und ich kann zusehen, wie ich was aus ihm rausbekomme.
"Waren aus Frankfurt… von der Bank. Losser muss sie geschickt haben!"
Bank? Und dann keine schwarzen Anzüge? Kaum zu glauben! Na ja, wenn er das sagt?
"Ja, den einen kannte ich sogar. Der hat mich vor zehn Jahren schon mal gelöchert. Und nun… nun wollen die, dass ich ja kein Wort über die Sache mit dem Pfarrer erzähle. Geht wohl alles über deren Tische… und die haben keine so reine Weste, wie es in der Branche bis vor drei Jahren noch üblich war."
Geld… die Bankleute denken heute noch, dass sie allein die Größten sind. Alle, die sich in diesem Metier aufhalten. Versicherung… ganz schlimm… wie ein Krake, der nur lacht und dabei mit jedem Arm was anderes einreißt… Ich könnte da… Na, nicht jetzt!
Warum kommen die gerade heute? Wird ein Rätsel bleiben, denn mein Gegenüber, was sich so schön abgefüllt hat, das liegt nun erst einmal besoffen und weggetreten am Boden. Hochheben? Nein, sicher nicht. Ich suche ein Kissen und eine Decke in all dem Wirrwarr, lege ihn etwas zurecht und gehe. Wenn die ihm was antun wollten, dann hätten sie es gleich getan und nicht gewartet. Gut. Oder auch nicht. Zumindest haben sie ihn so verwirrt, dass er irgendwie hingefallen ist. Und ich bin nicht schuld. Gute Sache!

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