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2012 Einbandgestaltung
     und Foto: Stefan Jahnke

 

Leseprobe - Laokoonia

 

Kapitel 2 - Übertritt (Auszug)

...

"Du hörst nicht zu, Zeus. Ich habe Dir keinen Vorschlag unterbreitet, wie Du es vielleicht in Deinen alten und mächtigen Tagen gewohnt warst, sondern ich stellte eine Forderung, gab Dir einen Befehl, wie es eben ein Mann wie ich einem wie Dir gegenüber tun kann. Denn Du bist in meiner Gewalt!"
Zeus schluckt nur einen winzigen Moment. Er weiß, dass er Laokoon hier nicht besiegen kann. Hält sich Kefion aber daran, was er ihm auftrug, dann kann er ihn demütigen… und dieser Möchtegerngott wird eine Dummheit begehen.
"Du willst mir Vorschriften machen? Du?"
Schon wieder sammelt er einen Blitz und ballt daraus gar noch einen ordentlichen Donner zusammen, dass es um sie herum gleich zu beben beginnt. Dann schleudert er beides in Richtung Terra.
Erst will Laokoon schreien, doch er schaut auf Medusa, gibt ihr ein Zeichen. Sie versteht.
Schon wendet sie sich den noch fliegenden Blitzen zu. Dann sieht man die Strahlen aus ihren Augen, die weit und vor allem schnell über das Meer fliegen, schließlich den Blitz erreichen und…
"NEIN!"
Zeus ist außer sich.
"Wie… wie kannst Du diesem Scharlatan auch nur helfen?!"
Vorwurfsvoll schaut er auf das Geschöpf, das einst auf seine Weisung hin entstand, denn die Götter sicherten sich bei ihrem manchmal nicht unbedingt ruhmreichen Tun stets bei ihm ab. Er wollte nicht, das man dies überall berichtet, denn er braucht nicht noch mehr Ruhm, als er ohnehin schon besitzt. Aber…
Nein, jetzt… jetzt wendet sich noch ein Wesen gegen ihn und er…
Gerade noch sieht er, wie hinter dem Busch wieder eine Bewegung ist. Kefion geht. Das ist gut. Oder auch nicht.
Mit Gedanken versucht er, ihn aufzuhalten, doch er hört nur Leere. Wieso? Vielleicht kann er ihn erreichen, wenn es hier oben richtig haarig wird? Er hofft es einfach und wendet sich wieder Laokoon zu.
"Hast Du sie nur darum mit?"
Dieses verdammte Terra… auf seiner Welt konnte er es leider nicht retten. Nicht alles vermögen die Götter zu tun. Hier nun muss er es zerstören, um Laokoon zur Weißglut zu bringen. Sonirinis war nicht genug. Leider. Wenn der da wüsste, wo diese Insel jetzt auftauchte… Zeus spürt genau, dass es darum noch einigen Ärger geben könnte. Auch wenn er sich sicher fühlt, von dem da nicht in die Knie gezwungen werden zu können, vermochte er doch zu spüren, wie auf einmal vor Tagen die Verbindung zu Herakles abriss. Die hatte nur er. Dieser ist schließlich… sein Halbgott. Na ja, nun nicht mehr. Hat Laokoon…? Nein, Medusa war es. Verfluchte Schnecke!

"Er ist ein Verräter… kein Gott. Er geht gegen einen Gott vor…"
Ungläubig schauen die Dorfbewohner auf Kefion, der sich groß vor sie stellte und ihnen nun den versteinerten Priester zeigt.
"Führte er uns nicht immer gut? Nun wurde er zu Stein. Einfach so, weil er es wollte… Ihr könnt doch denken, was immer Ihr wollt. Das ist einfach kein Gott!"
Wieder ein Raunen unter den einfachen Leuten. Bauern, Züchtern, eben Solchen, die sich irgendwie selbst versorgen können und die, ohne es selbst besser zu wissen, einst den Drang verspürten, eben diese Tätigkeiten aufzunehmen. Warum? Manche haben es nicht einmal von ihren Vätern, sondern gingen als Zweitgeborene in einen ganz anderen Stand, tun heute Anderes. Der Sohn des Schreiners gar macht heute Tücher. Wie passt das zusammen?
Göttliche Fügung…
Sie haben alle ein kleines Auskommen und können… nicht zufrieden, aber still sein.
Nun kommt der Hirte, von dem sie alle wissen, dass er sich in den letzten Tagen oft mit dem Priester stritt. Warum? Sie erfahren doch davon nichts. Aber sie wissen es und müssen vorsichtig sein. Das allein hält ihnen gewaltigen Ärger vom Halse.
"Denkt doch nach! Er betete zu einer Göttin, die der Tempel verehrt. Wer ist denn Aphaia? Wisst Ihr es? Nein, keiner weiß es. Sie zeigte sich noch nie und nur Laokoon kommt hin und wieder und behauptet, er sei der Gott dieser Welt. Darum heißt Laokoonia auch so, wie es eben heißt. Und er lässt eine Göttin verehren? Warum?"
Sein Weib tritt vor. Sie ist drall. Inzwischen. Früher war sie schlank und manchmal auch einfältig. Besonders, als sie die Beziehung mit ihm einging, was man hier unter Laokoon nicht gerne sieht. Sie taten es doch und nun haben sie Kinder.
"Vielleicht liebt er Aphaia?"
Viele lachen.
Nur Kefion nicht. Er schaut sie an.
"Vielleicht. Aber wo ist sie? Gefangen hält er sie nicht, wie Zeus und viele andere. Was sagt uns das?"
Ein Alter steht auf. Er zittert furchtbar am Stock und lacht trotzdem allen ins Gesicht.
"Mir sagt es, dass ich kein Hirte werden will. Das viele Schlafen in der prallen Mittagssonne dörrt wohl den Kopf aus, Junge… das ist doch Schwachsinn! Laokoon ist unser Gott, und wenn er Aphaia verehrt, ist das seine Sache. Wie er auch mit seinem Priester… und mit uns… tun kann, was immer er will. Er ist… der Herrscher, der bestimmt, ob wir leben oder nicht!"
Raunen… nein, das wollte niemand hören.

Laokoon will Zeus töten. Er besinnt sich, denn Meleagros erinnert ihn mit einem langen Blick daran, dass er so sicher die Macht verliert und nie wieder mit der Argo segeln könnte.
Nicht nur das…
Der mit der gestohlenen Macht errichtete Palast stürzt in sich zusammen, Herakles wird wieder zum lebenden Halbgott und der Priester versteht vielleicht endlich, was er falsch machte und vor allem falsch dachte.
All das zieht vor den Augen Laokoons vorbei. Trotzdem muss er Zeus in die Knie zwingen.
"Öffne das Portal. Öffne es und übergib mir allein den Schlüssel dazu. Oder… ich werde…"
Er weist auf Medusa, die sich immer noch mit dem Blitz beschäftigt und sich gar als das Beste aller Wesen sieht, weil ihr fast Unmögliches gelang. Dann wird sie hellhörig…
Zeus…
Der wäre mal ein… na ja seine Blitze waren keine zu große Herausforderung. Also…
"Gut denn, Laokoon. Du willst zurück in die andere Welt? Was wird dann aus uns?"
Ja, was? Drüben braucht er ihre Macht. Er sieht es ein. Aber er kann niemanden mitnehmen. Vielleicht kaum seinen Freund? Um sich dort zurechtzufinden… Immerhin vergingen Jahrhunderte. Diese sind hier nur Tage. So schuf er alles, um nicht zu schnell zu altern. Dabei weiß er doch, dass ein Gott nicht altern kann. Aber er wollte sicher gehen. Ein wenig zumindest. Ob nun mit Erfolg oder auch nicht.
"Ihr bleibt hier, und wenn ich zurückkehre, lasse ich Euch alle frei."
Medusa erschrickt bei den Worten.
Freilassen?
Dann können sie sich an ihr rächen.
Nein, sie darf diesem Kerl nicht mehr helfen. Er soll… doch selbst zu Stein werden! Dazu ist er zu stark. Es sei denn, sie kann Zeus zeigen, dass sie auf seiner Seite… nein, eher auf einer eigenen, ihm mehr zugewandten Seite steht. Dann nimm er vielleicht irgendwie einen Teil der Macht des Laokoon an sich und… und… sie könnte… endlich ihres Amtes walten. Tun, was sie schon so lange tun wollte.
Wenn sie schon diesen verdammten… na ja, eben diesen Jason nicht mehr erreichen konnte, so doch vielleicht Laokoon… und dazu noch die Gunst der Götter, die sie dann rettete?
Fast kommt sie sich schon als gutes Wesen vor. Nein, das ist sie nicht. Sie kann… nur dafür sorgen, dass sich einige Dinge für sie günstig entwickeln, um sich ein längeres Recht auf Leben und Bleiben zu sichern. Wie auch immer…
Zeus spürt diese Gedanken. Er wagt es nicht, die verunstaltete Gestalt anzuschauen. Nicht einen Moment weiß er genau, ob sie ihm gefährlich werden könnte. Herakles… na ja, der war nicht stark… nicht im göttlichen Geiste. Aber er…
"Ich soll Dich nur auf Dein Wort hin ziehen lassen, sodass Du vielleicht zurückkommst und dann immer noch zu dem stehst, was Du mir jetzt sagtest? Was denn, wenn Du gar nicht kommen kannst, weil man Dich als einen falschen Gott da drüben tötet? Und was… nun ja, wenn Du wieder nur lügst?"
Wieder nur…
Laokoon will auf den Alten losgehen. Dann hört er ein Raunen.
Was ist das?
Er lauscht…
Das sind keine Sirenen, keine Götter, die wieder einmal versuchen, sich gegen ihn zu verbünden und ihn damit nur noch wütender machen können. Das ist… das sind… nein, oder?"
"Ja, Laokoon. So ist es. Du hast Feinde, die Du selbst erschufst… einst, als Laokoonia entstand, diese unwirkliche Welt, die es nicht geben dürfte…"
Er will schreien.
Nein, sie können doch nicht…
Menschen? Wie sollten sie über das Centralwasser hinweg…?
"Oh, das ist einfach, mein Freund. Sie… nutzen die Wege der Argo. Verstehst Du? Deine Reisen gaben ihnen die Möglichkeit, denn diese Kraft, mit der Du nicht segeltest, wie es jeder guter Schiffer tun würde, sondern unbedingt fliegen mustest, weil Du immer noch denkst, Du wärst etwas Besseres, als alle anderen, die gaben ihnen jetzt die Möglichkeit. Sie brauchen nur an die Bahnen zu denken, sich nur die anderen an deren Enden vorzustellen, dann wandern die Gedanken ganz von allein zu ihnen. Verstehst Du? Und die werden begreifen, wie sie Gleiches tun müssen, denn überall, wo Du in Deinem Wahn jemanden von uns einsperrtest und verstecktest, ist auch jemand, der den Gefangenen beisteht, der sie anhörte. Hier war es ein Hirte, da vielleicht ein Bauer, dort ein Schreiner… und sie reden, sie erklären, zeigen, beweisen… und schon… hör’ es Dir an. Klingt es nicht schön?"
Frei… dieses Wort versteht er immer wieder. Frei… nicht Freiheit, sondern frei… Er kann und mag es nicht begreifen, doch er muss. Sie stehen auf. Sie… er übertrieb…

Meleagros versucht, den Freund zu beruhigen. Medusa steht bereit, schaut schon zu Zeus, ob er ihr ein Zeichen gibt. Der spürt immer mehr, wie einige Kräfte den Widersacher verlassen. Doch noch lange nicht genug. Zu tief sitzt wohl die Macht.
"Schnell, fort von hier, auf das Meer!"
Laokoon hört die Worte nicht. Er schreit in einem Fort und versucht, sich gegen die Gitterstäbe zu werfen, sich aber auch die Ohren zuzuhalten. Zu spät erst erkennt er, dass diese Klänge nicht um ihn sind, sondern in ihm. Irgendwer… das kann nur Zeus sein. Er leitet die Rufe, dieses Summen, das Raunen, die bösen Gedanken um Freiheit und seinen Untergang an ihn weiter.
Meleagros zerrt den Freund hinunter, immer den Weg fort vom Tempel nach Agia Marina. Niemand stellt sich ihnen entgegen. Zwar wundert er sich darum, doch er denkt nicht darüber nach.
Hinter ihnen schnauft und kriecht Medusa. Sie will ihr Werk noch beenden, hofft auf den Moment, in dem Zeus die Kraft dieses Gottes mindert, damit sie endlich… die Schmach und die… na ja, eben diese Erlebnisse abschütteln kann.
Nichts. Immer noch ist da zu viel Macht. Immer wenn sie ihn ansieht, kann sie nichts tun… Und sein Gesicht zeigt sich oft ihrem. Denn Meleagros nimmt keine Rücksicht, lud den Freund auf seine Schulter, lässt seinen Kopf hinten herunterhängen, auch wenn Laokoon sich wehrt und nach hinten schaut, die Medusa immer wieder ansieht.
"Komm, da ist schon die Argo… schnell noch an Bord und fort. Wir schaffen es. Wir müssen nur weit genug von allen fort sein, dann können sie uns nichts tun."
Ihm fällt ein, dass die Götter sich nicht zu befreien vermögen. Sie werden Laokoon nicht töten, ihn vielleicht bedrängen, aber nicht töten. Niemand außer ihm selbst kann sie herauslassen. Das bedeutet, in seiner Nähe ist auch Meleagros einigermaßen sicher. Selbst wenn er für den Freund in den Tod gehen würde… Einige seiner Taten an diesem Tage besonders versteht er nicht, möchte sie gern ungeschehen machen, kann dies aber nicht. Er ist und bleibt eben… na ja, eben ein Freund, der kein Gott wurde. Trotz der Reise der einstigen Argonauten.
Sie erreichen die Argo. Schon stehen sie an Bord. Laokoon muss angebunden werden, denn er kann sich kaum halten, will sich losreißen. Das Seil ist fest und sicher. Schon bittet Meleagros um guten Wind und hebt den Anker, lässt die Segel fallen und versucht, das Schiff zu heben.
Da sieht er sie.
Auf der halben Rampe steht sie schon… schleift und kriecht immer weiter nach oben. Nun ist sie eine Feindin, denkt er. Er muss sie losbekommen, darf sie nicht noch einmal an Bord nehmen. Sie würde ihn… nun ja, sie wäre sein Ende.
Er flucht. Das Schiff bewegt sich. Vielleicht verlieren sie die Rampe, wenn sie nur draußen bleibt…
Dann sind sie unterwegs. Er sieht nicht hin. Die Rampe hängt in der Luft, schwankt. Wie er es schafft, die Argo fliegen zu lassen, wo doch sein Freund nicht wirklich bei sich ist, versteht er nicht. Vielleicht liegt es doch am Schiff und nicht am Mann? Oder… oder schickt Zeus ihnen Kraft, damit sie sich… zu Tode fahren? Nein, sicher nicht!

Er ist über dem Meer. Dann schaut er zurück. Der Tempel strahlt. Schön sieht es aus. Friedlich… nicht, denn daneben sieht er ein Leuchten, das nicht nur wegen der Blitze, die immer wieder von dort ausgesandt werden und Terra treffen, bedrohlich wirkt. Er weiß, dass Zeus eben seine ganze Kraft sammelt, um ihnen zu schaden.
Da… die Medusa hat fast das Deck erreicht. Er muss… etwas unternehmen! Schnell bindet er das Steuer fest, rennt zur Rampe, zerrt an den Verbindern, den Bolzen, die sie an Deck halten. Er spürt den Blick dieses Geschöpfes, wird es auf keinen Fall ansehen, nur dagegen ankämpfen… und wenn es sein Ende sein sollte… nein, ist es nicht. Da hat er den Bolzen los.
Krachend fällt die Rampe vom Schiff…
Medusa…?
Weg. Nicht an Bord.
Vorsichtig schaut er über die Reling.
Da unten, hoch fliegen sie schon, da sieht er sie eben ins Meer tauchen. Ein Zischen und Brodeln um sie herum… die Rampe liegt weiter drüben auf dem Wasser. Die kann sie vielleicht erreichen, um sich… nein, sie wird sich nicht retten. Sie vergeht eben. Sie ist… Geschichte. Das Brodeln war… ihr Ende.
Er denkt an das Salz.
Schnecken tötet man damit. Und das Meer ist voll davon.
Erleichtert schaut er noch eine Weile hin, ehe das Schiff zur scharfen Wendung ansetzt.
Bei den Göttern… ähm… bei Laokoon!
Der steht mit einem starren Blick am Steuer und hält… Nein! Er hält direkt auf die Insel zu. Ägina, den Tempel, den Käfig…
"Laokoon… nicht! Wir werden…"
Es hat keinen Sinn. Genau auf Zeus rasen sie zu, der ihn lachend ansieht, jetzt gar winkt. Dann drehen sie, wie von einer Kraft geleitet, ein Stück zur Seite, hinüber zum Tempel.
"Reiß das Steuer herum, Laokoon… es ist… es darf nicht…"
Nichts. Mit aller Kraft, die ein so schnell fahrendes, gar fliegendes gut gebautes Schiff auch nur aufbringen kann, rasen sie auf den Tempel der Aphaia zu. Jetzt ist es zu spät. Eindeutig. Schon hört Meleagros das Krachen, dann sieht er ein Blitzen. Licht in Hülle und Fülle… und es wird dunkel… so dunkel, wie es nicht einmal in der Nacht werden kann. Er fällt… nur weiß er nicht, wohin.

Ganz leicht zittern die Blätter der Ölbäume. Eben setzt die Air Force One zur Landung auf den Athener Flughafen an. Dort stehen schon verschiedene Limousinen bereit. Michael weiß davon, denn er durfte das Protokoll lesen und hat später noch einige wichtige Ausführungen zu seinen Ergebnissen zu erläutern.
Weiter drüben macht er eine recht große Jacht aus, auf der wohl der syrische Präsident ankommen soll.
Gut vier Hundertschaften bestens ausgebildeten Militärs schwärmen seit Stunden über die Insel und sogar die Löcher, in denen sie noch einigen Schleim der kaputten Eier vergraben wollten, wurden wieder geöffnet. Man könnte ja eine Bombe oder sonst irgendwelche subversive Dinge da versteckt haben.
"Aha… also alles in Ordnung?"
Der General, bekannt als der Bruchkapitän, weil er an Bord dieses Trägers war und, auch wenn die offizielle Untersuchungskommission alles bisher dementierte oder ohne Kommentar ließ, sogar die Weisungen gegeben haben soll, den Träger nicht aus der offensichtlichen Gefahrenzone zu fahren, bekam hier eine wichtige Aufgabe. Griechenland versucht, aus allen Fehlern irgendetwas Gutes, Verwertbares zu machen. Vielleicht mit Erfolg? Michael ist sich nicht sicher. Doch eben sieht er den Doktor.
Na klar, der erhielt nun eine offizielle Genehmigung. Sein Freund Giannis muss sie ihm im Ministerium besorgt haben. Trotzdem hatte auch er sich vollständig untersuchen und vor allem durchsuchen zu lassen. So ist das eben in Krisenzeiten… Michael grinst bei dem Gedanken. Dann jedoch nimmt er Haltung an, denn der Präsident aus Damaskus betritt als Erster die Insel.
"Schön, schön. Einfach eben eine Insel. Warum genau sollte ich nicht hierher kommen? Lag vielleicht noch ein Atom-U-Boot aus dem Zweiten Weltkrieg hier drauf oder was?"
Der Kerl wirkt vom ersten Moment an borniert und man will mit ihm wohl lieber nichts zu tun haben. Jedenfalls versucht Michael, sich weit genug von ihm fernzuhalten. Wird nicht ewig gelingen, denn er hat einige Aufgaben zu erfüllen… sonst wäre er nicht hier.
Leider.
"Der Präsident ist gelandet!"
Über die Funkgeräte aller Beamten kommt die gleiche Meldung. Der Syrer hört sie und fühlt sich geschmeichelt, ehe man ihm entschuldigend, aber klar zu verstehen gibt, dass es sich um seinen Gesprächspartner handelt. Dass er da ist, wird ja wohl erwartet, wenn man sich gar direkt von Washington hierher begibt.
Etwas sauer und kleinlaut versucht Lekatimentschad, die sichtliche Beleidigung zu übergehen.

"Was, eine Eruption? Wo?"
Niemand verbot Michael, das Handy zu behalten oder gar einzuschalten. Nun bekam er eben einen Anruf. Vom geologischen Institut in Athen. Seine Kollegen Schmidt und Franz sitzen dort und werten gerade die Ergebnisse aus. Natürlich sind sie beleidigt, weil sie nicht dableiben durften. Doch wenn es nun einmal Weisungen von oben gibt, kann man recht wenig dagegen tun. Auch das mussten sie lernen… und einsehen. So schwer es ihnen fiel…
"Direkt unter der Insel. Nicht wirklich bedrohlich. Nur ein leichtes Zittern… Müsstet Ihr schon bemerkt haben, oder?"
Ja, als die Maschine landete. Oder war es eher? Später? Egal. Er sah und spürte etwas, dachte dabei an die ganz normalen Bewegungen in der Region. Vielleicht, hatte er noch im Kopf, würde der Träger dadurch gleich ganz ins Wasser rutschen. Denn die ersten Bergungsversuche gingen mächtig in die sogenannte Hose. Wie auch immer. Er lachte einen Moment und dann war es wieder gut…
"Also eine Eruption, auf dieses Gebiet eingegrenzt… wer hat das noch verzeichnet?"
Schweigen am anderen Ende. Dann meint Schmidt, wohl niemand.
"Die haben die Insel nicht auf dem Sender. Wie auch? Müssten das Sensorensystem erweitern, und derzeit ist das wegen der Konflikte und der Militärpräsenz einfach nicht möglich. Klar, oder?"
Ja, sicher. Was denn sonst?
Michael schluckt.
"Gut. Und nun? Was mache ich? Alles wegen ein wenig Schaukelei absagen oder… na ja, wer weiß…"
Er überlegt.
Dann tut er etwas, was er sicher, glaubt er jedenfalls, irgendwann im Leben bereuen wird. Denn er tat es noch nie und verdammte alle, die es schon einmal… na ja, eben so…
"Das Gespräch fand nie statt, verstanden? Nichts wissen wir… und Ihr lasst die Aufzeichnungen dazu verschwinden. Sofort. Das hier ist schon in vollem Gange. Das kann man nicht stoppen. Und wenn ich nur ‚Mux’ sage, werden die evakuieren. Was das dann heißt… will ich gar nicht erst wissen. Verstanden?"
Ja, sie verstehen es… und auch wieder nicht.
Ein wenig Wut bleibt in ihren Stimmen. Doch sie versprechen nun erst einmal alles, was man auch nur versprechen kann. Gut, denkt Michael. Kleine Bewegung. Wird es stärker, kontakten sie ihn. Bis dahin sollte man dem Lauf der Welt eine Chance geben.
Nicht wirklich zufrieden und auch ein wenig unsicher legt er auf, schaut sich um. Niemand beachtete sein Gespräch. Gut. Dann wird man ihn auch nicht beschuldigen… hofft er.

"Aha, wieder einmal diese Hitze. Gut, Stabler, gut. Jetzt verstehe ich die Sache mit dem dünnen Anzug. Aber mal ehrlich… können Sie mir das nicht gleich sagen?"
Der Stabschef zieht nur die Augen hoch. Waren seine Ansagen nicht immer unwillkommen, wenn es um Kleidung ging? Dieses Mal setzte er sich durch. Der klappt ihm doch sonst weg, wenn er in schwerem Kaschmir auftaucht und dann auch noch, zwar unter einem dünnen Zeltdach, aber eben draußen in der Hitze sitzen soll. So viel Wasser kann er gar nicht trinken, wie das kosten würde… und außerdem… einem Syrer gegenüber schlägt man einfach nicht vor, die Jacketts auszuziehen und die Binder zu lockern. Das ist schließlich kein Besuch fürs Sightseeing, sondern ein wichtiges Regierungs- und Arbeitstreffen. Geht alles gut, kommt vielleicht gar noch der Türke dazu… morgen… und der mächtigste Mann der Welt schafft eine wirkliche Friedensmission.
Na, erst einmal angehen lassen.
Er greift zu oft vor.
"Vorsicht, Mr. Präsident, aber die Gangway konnte nicht mehr geprüft werden. Manchmal sind die Dinger rutschig!"
Nun zieht mal der Angesprochene die Augen nach oben, schaut zu seinen drei Sicherheitsleuten, die direkt neben ihm stehen und gleich vor und hinter ihm das Flugzeug verlassen werden. Vorsichtig, um nichts dem Zufall zu überlassen, hatte man in der letzten halben Stunde die Temperatur in der Maschine an die draußen angepasst. Nichts wirkt schlimmer, als ein vom Schweiß triefender Präsident, weil er plötzlich aus der völligen Klimatisierung in eine sengende und vor allem feuchte Hitze des Mittelmeerraumes tritt…
"Phu. Irgendwie hatte ich heute was anderes vor."
Immer diese Witze. Natürlich kommen all seine aktuellen Zeit- und Terminpläne kurzfristig. Man kann nie wissen, wo ein möglicher Maulwurf steckt, und schließlich wollen fast alle Nationen der Welt irgendeine furchtbar alte Rechnung mit Amerika und damit mit dem Präsidenten bezahlt sehen… das muss nicht anhand eines lange bekannten Terminplans geschehen. Es gab auch schon Tage, da wurde wegen der allgemeinen Sicherheitslage alles umgeworfen… na ja.
"Irgendwas Wichtiges?"
Der Pilot schüttelt den Kopf. Der Funkoffizier schaut noch einmal nach. Dann zieht er eine Meldung hervor.
"Bisschen bewegter Boden im Mittelmeer. Aber alles im Rahmen… und irgendwie wie immer!"
Die Sicherheit gibt schon grünes Licht. Der Präsident der Vereinigten Staaten verlässt, natürlich in die Massen winkend, die Maschine, um gleich darauf in einer Limousine zu verschwinden. Gut, er ist da.

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