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     und Foto: Stefan Jahnke

 

Leseprobe - Isergold - Auf der Spur der Sage von Nistejka

 

Prolog

"Zech, der lässt sich nicht abwimmeln. Sie müssen das erst einmal übernehmen!"
Keller klingt genervt. Er weiß genau, dass ich für diesen Fall nicht der Richtige bin. Und doch… dieser Lämmel scheint ein ziemlich hohes Tier zu sein… und will unbedingt, dass ich das bearbeite. Nur ich… und mein Team… niemand sonst.
"Gut, Chef… ich übernehme ihn. Wissen Sie schon, worum es geht?"
Mordfälle… die sind mein Metier. Und vielleicht noch ein paar dubiose Sachen mit spannender Geschichte dahinter… Ich denke da an die Hohburgmorde, die toten Frauen bei Riesa oder dieses Auto mit den vier Jugendlichen in der Elbe.
"Nun, noch soll wohl niemand tot sein. Aber ihr Kind wurde entführt. Behaupten sie. Auch noch bei den Nachbarn, drüben im Isergebirge!"

Kindesentführung…
Kalt läuft es mir den Rücken herunter.
Ich muss an Petra denken. In zwei Monaten ist es soweit. Dann haben auch wir solch ein kleines Wesen, das doch so zerbrechlich ist, aber eben ganz schnell seinen eigenen Willen haben wird.

Unweigerlich muss ich an dieses Mädchen denken… Wie hieß die doch gleich? Madeleine? Wie lange hatte man die Eltern im Verdacht… Nein, ein Kind verschwindet nicht einfach spurlos aus einer Ferienanlage… Oder doch? Kann bis heute niemand genau sagen.

Kindesentführung…
Nein, das ist nicht mein Ding. Da gibt es ganz andere Leute, die doch extra für solche Fälle ausgebildet werden. Oder nicht?
Eltern… Wie meinte mal ein Kollege beim Vortrag?
"Eltern sind die größten Gefahrengruppen bei Kindesentführungen. Nein, nicht als Entführer… Dabei sind sie durchschaubar. Eher in ihrem Tun wenn sie ihr Kind zurück haben wollen!"

Ich bin auf dem Gang. Max schüttelte nur den Kopf und ich kann Keller nicht verstehen, dass er mir diesen Fall nicht gleich vom Halse hält. Scheinbar muss ihm wieder einmal der Minister… Nun ja, das leidige Thema. Auch wenn er sich endlich einigermaßen normal benimmt… Was ist schon normal?

Unten in der Lobby stehen sie. Ich erkenne sie gleich. Er, mit einem Gesicht, hart wie Stein, sie, zuckend, mit den Tränen kämpfend.
"Zech, Frank Zech… Frau und Herr Lämmel?"
Er nickt kurz und wir gehen zum Lift.
Warum ich mit ihnen nicht die Treppe benutze? Ich weiß es nicht. Immerhin liegt mein Büro im ersten Stock. Bis dahin sind es nur ein paar Stufen. Vielleicht sagte mir mein Unterbewusstsein, dass besonders Frau Lämmel diese wenigen Stufen nicht schaffen würde.

Oben im Großraum schauen alle auf. Ich winke nur kurz ab und gehe mit meinen beiden Gästen hindurch in mein Büro.
Max, ganz der Aufmerksame, fragt nach Getränkewünschen und verschwindet, während wir alle Platz nehmen.
"Nun, Frau und Herr Lämmel, was kann ich für Sie tun?"
Klang sicher blöd und ich selbst wäre mir etwas veralbert vorgekommen, wenn mich jemand so begrüßt. Aber mir fiel nichts anderes ein. Nun, musste so gehen!
"Unser Sohn ist entführt worden. Und niemand nimmt uns ernst!"
Wütend, fast zischend kamen diese Worte von der Frau, die gut Mitte Vierzig sein musste und nicht aussah, als wenn sie laufend in einen Schönheitssalon ginge…
Worum ich mich so kümmere? Die hatten heute schließlich andere Sorgen, als sich um ihr Outfit zu sorgen…!
Kalt nickte ihr Mann, der sie laufend zu beobachten schien, sonst aber verschlossen wirkte, bei ihren Worten neben ihr. Als er sprach, übertrug sich diese Temperatur auf mich…
"Diese Tschechen scheinen sich einen Scheißdreck um die Sache zu kümmern. So, wie immer… Erst, wenn sie Geld bekommen, da klappt alles. Und dann, wenn es Probleme gibt, da schalten sie einfach komplett auf Durchzug!"
Tschechen… er schien eine Aversion gegen sie zu haben.
Gerade erst hatten wir gemeinsam einen Fall bearbeitet. Eine Leiche trieb die Elbe hinunter.Wir konnten zumindest mit ihnen zusammen klären, dass das kein Mord war… Eher ein Unfall.
Nein, die nehmen ihre Aufgaben genauso ernst, wie wir.
Ich hütete mich jedoch, das jetzt und hier gleich zu vertreten. Die Lämmels waren sicher nicht in der Stimmung, sich meine heroischen Worte für die Kollegen im Nachbarland anzuhören. Vielleicht waren sie auch mal an eine taube Nuss geraten? Alles ist möglich!
"Bitte, Frau und Herr Lämmel, berichten Sie doch erst einmal der Reihe nach. Alles andere können wir dann später klären!"
Mit einem Satz stand Herr Lämmel vor mir und stützte sich schwer auf meinen Schreibtisch.
"Haben die es nicht einmal geschafft, Ihnen die Unterlagen zukommen zu lassen? Und wir mussten dort ganze acht Stunden auf diesem versifften Revier zubringen… Das kann doch alles nicht wahr sein!"
Jetzt reichte es aber langsam!
Ich sah Herrn Lämmel scharf an, sagte aber nichts.
Sein versteinerter Blick, der gerade bei seinem Ausraster für Sekunden verschwunden schien, wurde wieder zu Eis.
Ich sah deutlich das Zucken auf seiner Stirn. Klar, der Haaransatz war schon ein ganzes Stück nach oben gerückt und für einen Mittvierziger hatte er eine beachtliche Menge weißer Haare. Zumindest konnte man die unter seinem dunkelblonden Schopf nur zu deutlich erkennen… wenn man einen Blick dafür hatte.
Die Nasenflügel vibrierten und seine Ohren zuckten, wurden rot. Schließlich hatte er sich wieder unter Kontrolle und lehnte sich auf dem Besucherstuhl zurück.
"Herr Lämmel, Sie haben also schon alles zu Protokoll gegeben. Das ist doch gut! Die Kollegen in Tschechien werden sicher alles zu uns senden. Nur eben nicht so schnell. Wann hat man Ihnen das denn zugesagt?"
Ich wollte ihn zu den Tatsachen zurückholen.
Für mich war klar… Er machte jetzt Gott und die Welt dafür verantwortlich, dass etwas geschah. Und ich musste trotzdem versuchen, ihm die eine oder andere wichtige Information zu entlocken. Immerhin hatte mich Keller erst einmal dazu verdonnert, diesen Fall zu verfolgen, möglichst zu lösen… warum auch immer!
"Heute Morgen!"
Kurz und knapp war die Antwort.
Ich musste lächeln… Bei aller Härte dieser Situation… Wir hatten gerade erst Mittag und die Kollegen in Liberec hätten die bürokratischen Schranken nicht einmal mit einem Sonderkurier so schnell durchbrechen können, dass wir schon etwas auf dem Tisch bekämen. Dazu noch die Verteilung im eigenen Haus… Das konnte zusätzlich einen Tag dauern.
"Gut, dann kommt das alles noch. Aber wir wollen sicher keine wertvolle Zeit verschenken, oder?"
Ich nahm den Stift auf und blickte dankbar durch die Bürotür hinaus zu Max, der mir schon die entsprechenden Formulare zurechtgelegt hatte. Da ging es jetzt schneller.
Nein, ich habe keinen Computer auf meinem Schreibtisch. Ich brauche den auch nicht. Habe genug davon, wenn einer zuhause steht... und alle Kollegen im Großraum hacken den ganzen Tag auf der Tastatur herum.
Ich lasse mir lieber die Ergebnisse ausdrucken. Recherchieren kann ich dann auch noch anderswo! Außerdem… es gab da einmal einen Fall, in dem man einem Kollegen unterstellen wollte, dass er den ganzen Tag nur im Internet surft… Nun, wo kein PC, da auch kein Internet… und bei alledem, was ich noch vor Wochen von Keller zu erdulden hatte… Die alten Geschichten eben.

Doch zurück zum Fall!
"Erzählen Sie mir bitte kurz und knapp, was passiert ist. Dann können wir von unserer Seite schon das Nötigste einleiten und die Akte aus Tschechien vielleicht gar um diese Notizen ergänzen!"
Nein, Lämmel war nicht froh darüber, dass ich die Ruhe behielt und all seine Anspielungen erst einmal zu überhören schien. Er wollte wohl die Konfrontation… Nur… Wenn er die wollte… Warum war er dann bei mir?
Seine Frau schien sich eher zu fangen und den Ernst der Lage, aber auch das bestehende Dilemma zu verstehen.
"Erzähl ihm schon alles… Er kann doch nichts dafür… und das ist ja nicht einmal in Deutschland passiert!"
Ihr Mann überlegte kurz und schien plötzlich wie ausgewechselt.
Als wenn man einen Schalter umgelegt hätte, begann er zu berichten.

"Seit gut zwanzig Jahren, ach, länger gar, jedenfalls seit einer ganzen Ewigkeit fahren wir im Sommer und im Herbst ins Riesengebirge. Nach Rokytnice an der Iser, früher mal Rochlitz…"
Oh, das kannte ich. Auch mancher Urlaub vor der Wende fand da für mich statt… mit meiner Mutter noch. Warum fahren wir eigentlich nicht mehr hin? Immerhin hatten wir uns dort kennen gelernt, Petra und ich… Muss ich mal anregen!
" …und wir wohnen da auch seit all den Jahren bei denselben Leuten. Die Novotnys, ganz oben in Horni, am Birkenweg…"
Keine Ahnung… tat ja auch nichts zur Sache, oder?
"Und in diesem Jahr waren wir sogar schon das dritte Mal da… eben weil wir im Frühjahr den Schnee oben in den Bergen sehen wollten und im Tal die grünen Wiesen… Im Sommer und im frühen Herbst gibt es das nicht!"
Hmm… nun holen sie aus, weit aus…
"Vor ein paar Jahren haben wir die alten Bunker oben auf den Bergen besucht. Das gefiel auch dem Nick immer sehr gut. Peter und er waren immer nur unterwegs. Und da sie sich auskannten und auch schon ein paar Worte Tschechisch sprachen, zogen sie eben auch mal allein los. Peter ist ja mit seinen siebzehn Jahren auch schon groß und kann auf seinen Bruder aufpassen!"
Aha… Lämmels hatten also zwei Söhne. Und wer war nun…? Na, sie werden schon gleich…
"Auf jeden Fall sind sie gern zusammen unterwegs. Bis zu diesem verrückten… Ja, bis zu diesem Dienstag letzte Woche… Oh, hätten wir doch nur nie…"
Er unterdrückte jetzt seine Tränen. Nein, das war nicht mehr dieser kalte Kerl von vorhin! Wieder war da das Gefühl in mir, dass ich vielleicht eher mit Lebenden umgehen konnte, als mit Toten.

Keller rief an. Nie besaß er ein Gefühl für die richtige Zeit.
Lämmels schauten etwas pikiert. Das machte mich hellhörig, denn ihre Angst, die Trauer und die Tränen waren mit einem Male fort, als ich den Hörer abhob.
"Wie weit sind Sie, Zech? Der Minister will, dass die Sache schnell über die Bühne geht. Und ich weiß jetzt auch warum! Hören die mit?"
Ich konnte das verneinen.
"Dieser Lämmel ist ein persönlicher Freund… Buddelkasten… Sie wissen schon. Und nun hat er diese Tragödie erleben müssen. Scheinbar…"
Ich sah richtig die wegwerfende Geste, die mein Chef jetzt sicher neben dem Telefon machte. Dieses Mal konnte ich es ihm sogar nachfühlen
"…muss da noch weitaus mehr dahinter sein. Eine Kindesentführung… verstehen Sie mich nicht falsch, Zech… die ist nicht so wichtig, dass sich ein Minister einschaltet. Auch wenn er mir gern immer wieder auf die Füße tritt… Nein, da ist mehr dahinter, als nur ein wenig Freundschaft!"
Und schon wieder kam mir ein, dass dieser Lämmel unbedingt mich haben wollte.
Warum?
Nun, vielleicht wird man es mir endlich erklären!
"Passen Sie auf, Zech… lassen Sie sich nicht unterkriegen! Irgendetwas ist da nicht in Ordnung. Und ich wette, dass Sie da eingesetzt werden sollen, das kommt mit Sicherheit nicht von Lämmel. Seien Sie gewiss… Von mir auch nicht. Bleibt nur noch einer… Der Minister. Und wenn der gerade auf Sie kommt, dann denke ich nur an Eines… Ihre Verschwiegenheit bei dem Fall damals… in Moritzburg… Sie wissen schon… Hohburg… Ja, was Anderes kann es nicht sein!"
Wieder einmal legte Keller auf, ehe ich noch eine Erwiderung bringen konnte. Klar, so war er eben und so wird er auch bleiben!

Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen.
"Chef… Sie wissen schon!"
Lämmel, jetzt irgendwie anders, winkte ab.
"Ja, kann ich verstehen!"
Ich ging das Formular vor mir durch. Noch hatte ich nichts eingetragen. Doch ich musste zumindest den Schein wahren.
"Wie ging es weiter? Was wurde denn an diesem Tag und was hätten Sie lieber nicht getan?"
Vielleicht holte ich ihn zu schnell zurück, denn für einen kleinen Moment bekam ich den Eindruck, dass er jetzt sein wahres Gesicht zeigte. Zumindest war mir klar, dieser abschätzende Blick hatte nichts mit dem eigentlichen Fall zu tun.
Max, der in solchen Situationen immer einen Riecher für den richtigen Moment zu haben schien, kam und brachte uns eine Runde Mineralwasser. Kaffee wäre mir lieber gewesen. Aber so…

 

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