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2014 Einbandgestaltung
     und Foto: Stefan Jahnke

 

Leseprobe - Hellassurvival - Bus Dresden-Belgrad-Athen

 

Kapitel 1 - Bruderstaaten und Kriegsgebiet (Auszug)

...

Irgendwo bei Szeged, also schon gut 860 Kilometer von Dresden entfernt, machten wir Pause, denn nun lag sie fast vor uns, die Grenze zu Serbien. Matthias und Jochen tankten den Bus voll.
Mein Gott… irgendwie wurde es uns schon ganz schön schwummrig in der Magengegend. Was würde uns denn in Serbien erwarten?
Zumindest hatten die Ungarn eine ganze Menge Militär in der Grenznähe postiert und wir sahen auch jetzt bei Szeged schon einige Konvois in unsere Richtung fahren.
Hatte sich da etwa noch mehr ereignet? Dachte man hier, dass dieser neuerliche Krieg im Nachbarland nun auch noch auf Kroatien und vielleicht danach auf den Nachbarn Ungarn übergreifen würde? Immerhin wäre es ja nicht das erste Mal in der Geschichte der Kriege, dass ein Anstifter gleich versucht, alles, was ihn so stört, mit einem Male zu bereinigen. Und Ungarn war ein gutes Land…
Aber sicher lag ich mit meinen Überlegungen falsch und hoffte darauf, dass wir nun bald an der Grenze ankommen und ohne viele Probleme hinüber fahren werden.
Ich legte mich zurück und schlief ein wenig.

Bald bemerkte ich gar nicht, dass der Bus hielt. Erst zwei Stunden später, als ich mal zur Toilette musste, da sah ich, das um uns herum alles stand. Und kaum ein Licht war zu sehen.
Klar. Es war ja Nacht. Aber trotzdem…
Ich erkannte, dass es ein paar Masten gab. Vielleicht Straßenlaternen, Peitschenlampen, Scheinwerfertürme? Keine Ahnung.
Zumindest war alles aus und das einzige Licht kam von weit vor uns, wo ein hell erleuchteter Platz verriet, dass dort wohl Kontrollen stattfanden. Von wem? Nun, vielleicht erst einmal von den Ungarn, denn immerhin wollten die doch sicher verhindern, dass noch mehr Waffen nach da drüben geschmuggelt werden. Und dass es die in Ungarn… wenn auch unter der Hand… zu kaufen gab, wusste man recht gut aus der Presse. Immerhin trug man Sorge, die alten Überbestände aus den Zeiten des Warschauer Paktes loszubekommen. Das konnte dauern!

Weitere zwei Stunden später rollte der Bus an.
Ich hatte geschlafen und verließ mich auf meine Uhr, die mir meine Oma damals zur Jugendweihe aus dem Westen mitbrachte. Die ließ mich noch nie im Stich. Noch nie!

23:30 Uhr.
Wir standen schon wieder. Wenn nun auch direkt auf dem beleuchteten Platz, der wirklich den Ungarn gehörte.
Ein Grenzbeamter kam in den Bus, verglich erst die von Matthias eingesammelten Pässe mit der Passagierliste, dann die Bilder in den Pässen mit uns. Ein Reisender musste dabei seine Brille abnehmen. Klar. Das Bild im Pass war ohne diese aufgenommen!
Ansonsten war nichts weiter zu bemerken. Nur sah ich schon vorn durch das Fahrerfenster, dass hinter dem Grenzstreifen vor uns viele Rücklichter leuchteten.
Ging es dort also doch nicht so problemlos weiter, wie ich erst dachte? Vielleicht!
Erst einmal wurden die Gepäckfächer gecheckt…
Kurz. Ähnlich wie an der Grenze nach Ungarn hinein.
War vielleicht inzwischen wegen des nahen Krieges in Ungarn überhaupt üblich? Wahrscheinlich!
Und nachdem Matthias die Pässe wieder als einen einzigen Stapel ausgehändigt bekommen hatte, konnte Jochen losfahren… am offenen Schlagbaum vorbei, durch das weit offen stehende Tor aus Ungarn hinaus und hinten an die nun erreichte Schlange heran.

Dieses Mal sah man kein Licht voraus. Lag sicher daran, dass die Straße einen Bogen zu machen schien. Da würde es wohl auch irgendwo eine Grenzstation geben.
Wenn wir die sehen, dann wird es sicher nicht mehr weit sein... bis nach Serbien hinein. Nehme ich an!

Stunden vergingen.

2:15 Uhr.
Wir sahen ein Licht. So weit, wie das weg zu sein schien, musste es noch gut ein Kilometer bis dahin sein.
Ich legte mich auf den Nachbarsitz und deckte mich mit meiner Jacke zu. Wenn wir schon stehen und nichts passiert, dann kann ich auch schlafen! Und das tat ich.

3:45 Uhr.
Der Bus steht jetzt näher an diesem Lichtfleck.
Matthias weckt uns alle:
„Da kommt eine Gruppe von Grenzern. Werden Sie bitte wach und setzen sich aufrecht hin. Halten Sie Ihre Pässe bereit!“
Die gab er uns jetzt aus.
Woher wusste er, dass wir die selbst vorzuzeigen hatten?
Keine Ahnung. Mir wurde schon wieder flau im Magen!

Jetzt sah ich diese Truppe auch. Drei Mann. In Felduniformen. Das sah ja nicht unbedingt nach Grenzbeamten aus, oder?
Einer von denen schlug mit der flachen Hand an die vordere Bustür. Ein anderer stellte sich vor die Hintertür, die Jochen absichtlich nicht öffnete. Die vorn reichte. Das gab denen gar nicht erst Stoff, um über eine Provokation nachzudenken!
Der Klopfer trat ein, stieg hoch, sah sich um und griff nach der Passagierliste, die ihm Matthias hinhielt.
„Passport!“
Laut und hart rief er das zu uns.
Dann trat der andere Mann an ihm vorbei und ging langsam nach hinten. Als er bei uns vorbeikam, sah ich, dass er eine entsicherte Kalaschnikow auf dem Rücken trug. Na prima!
Jetzt, wo der nun von hinten anfing, im Rückwärtsgehen nach vorn die Pässe einzusammeln und dabei erst einmal die Bilder grob mit den Personen zu vergleichen, nahm der vorn beim Fahrer seine Kalaschnikow vom Rücken vor die Brust.
Mann… wo bin ich denn hier?
Ich kannte ähnliche Szenarien. Die hatte man mit uns beim Militärdienst durchgespielt.
Buskontrolle, Flugzeug, Zug…
Ich kam mir vor, wie zurückversetzt in jene Tage, als die Trillerpfeife des UvD mein Leben zu bestimmen hatte.
Blöde Zeit!
Und jetzt hier…
Nein, nicht schön!
Als alle Pässe eingesammelt waren, sprach der Klopfer noch einmal mit Jochen vorn am Steuer.
Wir verstanden nichts, aber es schien zu bedeuten, dass wir hier zu warten hatten und die Tür dabei verschlossen wird.
Gut… dann eben so!

Schon waren die Beiden aus dem Bus, die Tür ging zu und alle drei klebten irgendwelche Bänder, vielleicht Siegel, an die Türen. Dann gingen sie zurück nach vorn zum Licht.
Wie das klingt…
Nein, die gingen nicht ins Licht… die gingen nur zu ihrer Grenzbaracke, um die Pässe zu prüfen.

4:30 Uhr.
Wir stehen immer noch hier herum.
Keiner der Beamten ließ sich sehen.
Jochen meinte nur, „Die wollten, dass ich die Tür zu mache und dann werden sie sie versiegeln. Denn wenn das Siegel gebrochen ist, wenn sie zurückkommen, dann geht alles von vorn los.“
Gute Aussichten!

Zwei Mädels, vielleicht drei, vier Jahre älter als ich, saßen schon die ganze Fahrt über hinter mir und fingen nun etwas an zu bibbern.
„Was machen die denn jetzt? Geben die uns die Pässe nicht zurück? Wie sollen wir denn dann nach Griechenland kommen?“
Klar, die hatten Angst!
Immer noch tat sich nichts.

Ein älterer Herr holte sich eine kleine Pulli Cognac bei Matthias und trank sie gleich in einem Zug aus.
„Das brauche ich jetzt… macht die Seele ruhiger und den Geist klar!“
Na… vielleicht hat er recht!
Ich dachte daran, dass wir zum Abend zwar noch eine Schnitte gegessen hatten, aber unser extra dafür mitgenommenes Bier vergaßen. Na gut… vielleicht ist das jetzt der rechte Zeitpunkt. Und da mir auch so einiges durch den Kopf ging, konnte ich jetzt soundso nicht schlafen.
Meine Mutter sah das genauso und so tranken wir nun unser Bier aus den Plastikbechern.
„Gutes Lidl-Bier. Hefeweizen!“
Tja, damals wussten wir noch nicht, dass man das nicht in kleine Gläser abfüllt, sondern zünftig in ein Weizenglas, damit sich die Hefe richtig entfalten kann. Man lernt eben immer dazu.
Das Bier machte zumindest ruhig.
„Wenn wir das haben können, kann alles Andere auch nicht so schlimm werden!“

Mutter hatte natürlich Recht. Warum auch nicht? Schließlich war sie... meine Mutter… Und ich überlegte.
Was würde geschehen, wenn die uns die Pässe nicht zurück gaben? Und was, wenn sie uns nicht weiterfahren lassen?
Was hatten sie aber von alledem?
Die Öffentlichkeit würde damit nur noch mehr gestärkt werden, dass dieses Land vielleicht unter UN-Kontrolle zu stellen sei. Immerhin hatte man das wohl schon auf einer der vielen Sitzungen beraten… ohne Ergebnis… wie immer!

5:45 Uhr.
Ein Beamter kommt zurück. Ein kleiner Stoß Pässe ist in seiner Hand.
Das schon bekannte Klopfen folgt nach der genauen Kontrolle des Siegels.
„Hier… erster Teil!“
Damit ging er wieder und klebte noch einmal ein Siegel draußen an die wieder geschlossene Tür.
Jochen, der nun mit Matthias tauschte, verteilte die empfangenen Pässe. Knapp zwei Drittel der abgegebenen.
Aber…
Ja…
Alles nur neue bundesdeutsche Pässe!
Was hatte das nun wieder zu bedeuten?
Selbst Matthias Pass war nicht da. Auch einer der noch gültigen aus der DDR. Und Jochen hatte seinen zurück. Ein neuer Pass.
Jetzt wurde es aber langsam komisch!

6:30 Uhr.
Mir tat der Hintern weh vom Sitzen.
Abwechselnd standen wir auf und liefen durch den Bus. Zum Glück war die Toilette nicht kaputt und auch nicht überlastet.
Schlafen wollte und konnte jetzt niemand mehr, und auch wenn es sicher viel eher war, als jeder vorher dachte, gingen wir zum Frühstück über. Jochen kochte Kaffee, röstete Toastbrot und machte alles so, dass wir das Gefühl hatten, alles wäre in bester Ordnung.
War es aber nicht. Eher düster… in den Gedanken.

Die Morgendämmerung war schon lange da und wir sahen, dass unser Bus der einzige in der Umgebung war. Ein paar LKWs standen weiter vorn und hinter uns. Doch vor uns der Bus, den wir noch am Abend gesehen hatten, der war schon weg. Muss wohl in der Nacht freigegeben worden sein.
Und wir?
Wann dürfen wir endlich fahren?

Alle mit den Pässen schauten nun auf uns ohne Pässe.
Klar… bei denen waren wir die Störenfriede.
Der Mann mit dem brillenlosen Foto fragte sogar, „Bis wann sind diese alten Pässe eigentlich noch gültig?“
Jochen war geistesgegenwärtig und meinte gleich für alle laut und deutlich, „Das ist im Gesetz geregelt. Wohl noch ein, zwei Jahre oder so. Auf jeden Fall hat kein Land der Welt das Recht, diese Pässe jetzt nicht anzuerkennen. Und das allein zählt!“
Damit waren alle still und sahen nicht mehr zu den Passlosen hinüber. Besser so!
Dann blätterte einer in seinem Bundespass.
„Die haben doch nur einen Einreisestempel reingedrückt… Warum dauert das denn bei Euch so lange?“

Über sieben Stunden standen wir nun schon an dieser Grenze. Eigentlich könnte man bereits auf die nächste, jetzt so weit entfernte interne Grenze nach Makedonien zufahren, gar schon hinüber sein… Aber wir standen und warteten… und die Uhr tickte.
Verdammt… zehn Tage sind sehr kurz, wenn man dann statt dreieinhalb vielleicht fünf hin und her unterwegs ist!
„Wir holen das schon wieder raus… denke ich. Die Straßen sind ja gut... und wenn wir uns dazu halten!“
Jochen war optimistisch.
Ich gerade nicht.

7:10 Uhr.
Da kamen drei Mann.
Klopfen an der Tür.
Wieder die vorherige Kontrolle der Siegel.
Dann wurden die DDR-Pässe einzeln ausgereicht.
Jeder musste nach vorn kommen und das Dokument entgegennehmen. Das dauerte eine Weile, da wieder einmal das Passbild genau mit der Person verglichen wurde.
Bei alledem standen links und rechts des Busses je ein Mann mit Kalaschnikow vor der Brust.
Na, ich war froh, als ich mein kleines, blaues Büchlein endlich wieder in der Hand halten konnte.
Verrückte Zeit!
Und dann ging alles schnell.
Die drei Männer liefen im Laufschritt zurück. Vorher hatten sie noch einen kleinen Aufkleber vorn am Bus angebracht. Vielleicht als ein Zeichen für die Kollegen an der Schranke? Möglich. Auf jeden Fall bedeutete man uns, dass wir nun zu fahren hatten.
Fehlte nur noch das russisch nette „Dawaii“ Da es sich jedoch um Serben handelte, hörten wir das nicht.

7:45 Uhr.
Endlich sind wir an den die Straße fast zuparkenden LKWs vorbei und fahren auf das Tor zu.
Der Posten dort sieht uns kommen, reißt die Kalaschnikow vom Rücken vor die Brust, entdeckt wohl den Aufkleber und... winkt uns gelassen durch.
Wir haben es wirklich geschafft…
Wir sind in Serbien.
Wollten wir hier überhaupt hin?
Ich zweifelte daran, denn ich hatte schon die ganze Zeit seit der Buchung Angst… Erst ein wenig und dann, als es plötzlich in Sarajewo richtig zur Sache ging, etwas mehr.
Muss man sich solch eine Fahrt wirklich antun?
Ja, wir mussten, denn wir wollten nach Griechenland.

Noch einmal ging mir durch den Kopf, dass wir doch lieber die Mehrkosten hätten tragen sollen. Aber seit ich gehört habe, dass diese Fähren in Bari nicht die aktuellen Sicherheitsstandards erfüllen, kann ich nicht mehr so recht sagen, was für uns wirklich besser gewesen wäre…

Die Landschaft wandelt sich jetzt schlagartig.
Wir fahren vorbei an einem Gebiet, wo es wohl in den fünfziger Jahren einen ziemlichen Erdrutsch gegeben haben musste, denn da lagen zerstörte Brückenteile, die nur halb aus der Erde ragten, in einem Tal, um das sich die sicher recht neue Straße schlängelte.
Auch sahen wir nun am Straßenrand jede Menge unfertiger Häuser.
Waren deren Besitzer vertrieben? Hatte man sie umgebracht oder gar die Häuser zusammengeschossen?
Keine Ahnung.
Zumindest sahen sie komisch aus... mit diesen Skeletten aus Beton obenauf und den daraus heraus stakenden, verrosteten Stahlarmierungen. Doch auch hier hatte Jochen eine Erklärung:
„Wir sehen dann noch Häuser von Vertriebenen und auch ein paar, wo man gekämpft hat. Aber erst einmal sind das nur Häuser, die über viele Jahre hinweg gebaut werden.“
Wir sahen ihn fragend an.
„Stellt Euch das so vor: Man hat irgendwann Geld und beginnt, sein Haus auf erworbenem Grund und Boden zu bauen. Das sollte dann zumindest für einen ersten Einzug reichen… eine Etage vielleicht…“
Der Bus machte eine Vollbremsung, da vor uns ein Eselskarren auf die Straße gefahren war… ohne auf uns zu achten. Sah ein wenig wie so ein Flüchtlingswagen aus, die wir un den letzten Tagen oft im Fernsehen gesehen hatten.
„Ja, die werden wohl fliehen!“
Hinten auf saß eine alte Frau, die uns nur anschaute, aber scheinbar die Welt nicht zu verstehen schien.
Den Wagen selbst führte vielleicht ihr Sohn… oder ihr Enkel. Das ließ sich nicht mit Sicherheit sagen.
„Tja… Flüchtlinge!“
Jochen machte eine wegwerfende Handbewegung.
Wenn das mal keiner von denen sah!
„Also… wo waren wir? Ach ja… die Häuser!“
Er räusperte sich.
„Und wenn das Geld alle ist, dann wohnt und arbeitet man erst einmal eine ganze Weile. Hat man dann wieder etwas Geld zur Verfügung, geht es weiter... und irgendwann ist das Haus wirklich fertig.“
Hmm…
Nun ja… eine Mentalität, mit der wir nicht allzu viel anfangen können. Aber gut. Warum eigentlich nicht!

 

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