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2012 Einbandgestaltung
     und Foto: Stefan Jahnke

 

Leseprobe - Der goldene Pfeil

 

Prolog

"Seid gegrüßt, holde Göttin der Jagd und des Mondes. Möge die Sonne des frühen Morgens Euch zu Gefallen scheinen, jetzt, da die Wehrwölfe der Nacht mit der silbernen Himmelsscheibe in der Finsternis versanken und ich die flatternden Gesellen unserer transsilvanischen Freunde mit… wie unromantisch… Knoblauchbutter vertrieb!"
Der kleine Kerl, der sich nur allzu gern in ihrem Umkreis aufhielt, lächelte schelmisch. Sie wusste, was er im Schilde führte und schnippte nur unwillig mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand. Wie durch einen Zaubernebel verschwand der Sprecher. Noch eine Weile war da dieser Geruch, den Zwerg Morgentau auf die Halme und Blätter ihres Waldes zauberte. Dabei saß sie doch auf ihrer Bettstatt im Schloss der Götter am Rande des Menschenreiches und vermisste wieder einmal ihre Gefährten, deren Wege sie bewachte.
Jagd… oh ja, das ist ihre Passion. Doch nicht so, wie diese Menschen, denen sie Zutritt in ihr altes Reich gewährte.
Voller Unmut steht sie auf. Fast wäre sie über den Saum ihres Nachtgewandes gestolpert, doch als Göttin wird sie gehalten von der Macht des Übernatürlichen.
Der Kristall auf dem kleinen Tisch am Fenster lügt nie. Ihm verdankt sie, stets zu wissen, was in ihrem Reich geschieht.
Da sind sie, diese Menschen. Wie konnte sie ihnen nur gestatten, hier zu leben? Nicht nur, dass sie sich Bäume fällten, um Hütten zu bauen und Dörfer anzulegen… nein! Sie töten so viele ihrer geliebten Tiere. Mehr, viel mehr, als sie wirklich verzehren müssten. Völlerei! Dabei sind sie nur zu faul, Früchte des Waldes zu sammeln… oh weh… nein, das können sie kaum mehr. Denn das Unterholz, die schönen Beerenhecken… alles haben sie zerstört. Raum wollen sie haben.
Fast übersieht Diana jenen Platz, der gestern noch nicht da war. Was ist das? Wer wagt es, ohne ihre Erlaubnis…? Oh ja, sie denken, sie können alles tun!
Rund… die alten, dicken Stämme liegen fein säuberlich am Rande der neuen Lichtung aufgeschichtet. Und sie hört Schläge… Axtschläge. Gefolgt von anderen Geräuschen. Man baut. Was?
Ängstliche Stimmen dringen zu ihr. Stimmen, die nur sie vernehmen kann. Ihre Tiere, die sie hegt, sie fliehen… fliehen vor diesen… elenden einfältigen Tölpeln!
"Eine Stadt wollen sie bauen. Größer noch, als alle Dörfer der Gegend zusammen!"
Menatron trat lautlos ein. So ist es seine Art. Diana stört sich nicht daran. Er ist ihr Minister, ihr Wächter, der Mann, der für sie spioniert und mit dem sie eine gute Lösung sucht und findet. Meist zumindest.
"Eine Stadt?"
Sie kennt Städte. Jenseits des Waldes. Sind die denn nicht genug? Nein, nein… das darf sie ihnen nicht gestatten!
"Meine Herrin…"
Menatron tritt an sie heran. Sie genießt diese Momente. Doch ist da die Scheu, sich mit einem Gemeinen einzulassen, keinem Gott eben.
"…Artemis muss helfen!"
Artemis... warum? Ja, einst herrschten andere über ihr Reich. Dann übernahm sie es. In Freundschaft. Seither sahen sie sich nicht, hörten nur von vielen Taten. Immer noch sorgen sich beide um das Land, erlösten mit ihren Bögen schon so manch von dummen Menschen wundgeschossenes Tier, brachten einer kleinen Gruppe dieser Wesen auf zwei Beinen bei, sich mit der Natur zu beschäftigen und nicht nur von ihr zu nehmen.
"Artemis!"
Ja, Menatron hat recht. Artemis allein kann helfen. Aber wie… wie soll sie die Nachricht senden?
"Der alte Brauch. Denkt an seine Zeit…"
Erst sah sie ihren Helfer fragend an, dann erinnert sie sich. Der Pfeil, der goldene Pfeil am See… seit Menschengedenken… oh, sie nutzt auch schon deren Zeitrechnung… Nein, schon länger, als es Götter gibt, ist da dieser Pfeil. Mit ihm wird sie Artemis benachrichtigen.
"Bring ihn mir!"
Zufrieden lächelnd nickt der Minister und geht. Ja, sie wird den Pfeil besprechen, ihn als Botschaft nutzen.

Der Sturm wütet. Wolken treibt er über das Schloss. Bitter schaut Diana in die Ferne. Ist es das, was die Menschen bewirken? Ihre Geschöpfe? Nein, sie schuf sie nicht. Aber sie verteidigte sie. Doch das hat nun ein Ende. Es muss sein!
Und dann lässt sie ihn fliegen. Mit Leichtigkeit. Vom höchsten Turm ihres Schlosses. Den Bogen spannt sie wie keine Zweite. Auch wie kein Zweiter. Gut. Artemis kann es… besser? Wohl eher gleichgut. Bis hinter das Ohr zieht sie die Sehne, lässt sie nicht schnappen, genießt diese Urkraft, diese Spannung der Wurfarme, bestimmt genau den Flug des Pfeils, lässt ihn sicher ins Ziel gehen. Nie verschoss sie sich, nie musste das Tier leiden, dessen Ende sie bestimmte. Doch dieser Pfeil tötet nicht. Er soll beschützen.
Und Artemis wird ihn fliegen hören… ihn suchen. Am See. Im Sand. Er wird gefunden, seine Botschaft verstanden… und eingeschritten.



Kapitel 1 – Unbekanntes Land

Tauben, überall nur Tauben. Papa schimpft immer, weil sie auf seinem Auto landen und dann natürlich alles Mögliche dort hinterlassen. Na ja, er soll sich nicht so haben! Zugegeben, so viele hat Julia noch nicht gesehen. Nicht auf so engem Raum. Unheimlich? Sie denkt an diesen Film, den sie durch die matte Glasscheibe der Stubentür mit sah. Oh ja, natürlich hatte sie im Bett zu liegen. Aber die Musik… und dann diese Bilder… alles mystisch und dunkel. Sie konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Wie war gleich der Titel? Ja, jetzt fällt es ihr wieder ein… Die Vögel… oh ja, schlimm! Aber hier?
Mühsam versucht sie, sich zu konzentrieren. Alex… Alexanderplatz. Da ist der Fernsehturm, dort die Weltzeituhr. Immer wieder lacht sie über Touristen, die sich wunder etwas Großes vorstellen, wenn sie diese Uhr aus vergangenen DDR-Tagen suchen und schließlich enttäuscht finden. Na ja, kann doch nicht alles so groß sein, oder?
Wo bleiben nur ihre Freundinnen? Wenn man schon einmal auf den Weihnachtsmarkt gehen will, dann sollte man dies auch tun. Und nicht ewig auf jemanden warten. Mist. Sind doch sonst nicht so unpünktlich! Noch ein Blick auf die Uhr über ihr… nein, nichts ist anders. Nicht mal eine Minute rückte die Zeit weiter.
Nicht eine Minute?
Was ist nun wieder? Weltzeit kaputt?
Sie sieht um sich. Alles in Bewegung. Nichts hält… puh… also muss sie sich keine Sorgen um ihre Nerven machen. Eher um diese blöde Uhr. Sie hat ja noch ein Handy. Wo ist das nur? Hosentasche? Fehlanzeige. Handtasche? Auch nicht. Verdammt! Dabei braucht sie das doch. Wie soll sie Papa sagen, wo er sie abholen kann? Niemals würde sie es zuhause liegen lassen. Nein! Geklaut, verloren? Da sind wieder diese trüben Gedanken. Angst. Panik. Dabei hat sie Papas Nummer im Kopf und kann ihn von jeder Telefonzelle aus anrufen. Kostet zwar etwas… das Handy bezahlt ihr Vater. Aber gut…
Noch einmal schaut sie nach, streicht über ihre Hose.
"Na, Kleine, Lust auf einen Ritt?"
Der Kerl sieht aus wie ein Punk. Mann, was will der? Lüsterner Blick. Sie begreift. Hat sie ihn angemacht? Verdammt noch einmal!
"Spinner!"
Wütend faucht sie ihn an, dreht sich um und geht auf die andere Seite der Uhr. Aus den Augenwinkeln sieht sie seinen verdatterten Blick. Na ja gut, wer weiß, was der wirklich wollte!
Immer noch fehlen ihre Freundinnen.
Und langsam kann sie den Geruch nach frisch gebrannten Mandeln, Kräppelchen und Glühwein nicht mehr riechen. Wenn sie jetzt…
Da fällt es ihr wieder ein. Klar… diese Fahrkarte! Moderne Technik nennt das ihr Papa immer. Kein Papier. Fahrschein aufs Handy. Und der Typ wollte ihn sehen. Sah gar nicht aus wie ein Kontrolletti. Aber er hatte so ein komisches Gerät. Größer als ein Handy. Sie glaubte ihm. Immerhin sah er sich auch noch die Fahrscheine der drei älteren Damen neben ihr an. Ob der vielleicht…?
Nein, nein… sie erinnert sich weder, das Handy hervorgeholt noch weggesteckt zu haben. Wie das? Aber der Zug, der endete doch da oben im Bahnhof? Sie schaut zur Einfahrtsbrücke. Groß leuchten die Buchstaben. ‚Alexander…latz’ Hmm… nicht einmal alle Buchstaben. Da stehen die Wagen. Soll sie…? Ja, klar. Wenn sie sich nicht erinnert, dann muss sie einfach hingehen. Und wenn jetzt ihre Freundinnen kommen? Nun gut, dann müssen die eben auch warten. Können sie ja auf dem Handy anrufen. Hahaha! Doch dann ist es ihr gar nicht mehr so lustig zumute, wie sie es eigentlich will.
Großstadt… hat alles was Gutes und was Schlechtes.
Sie steigt die Stufen zum Bahnsteig nach oben. Der Kerl am Eingang unten sah sie so komisch an. Laufender Würstchenstand… lustig! Brät seine Currywurst im Bauchladen. Was es nicht alles gibt! Schmeckt auch. Schon oft holte sie sich eine bei ihm. Erkennt er sie gar wieder? Darum der Blick?
Julia ertappt sich dabei, für alles um sie herum eine Erklärung zu suchen. Blödsinn… nichts ist erklärbar… oder doch alles?
Zweifel.
Dann steht sie vor den Waggons. Sehen verlassen aus. Verschließt man die nicht, wenn der Zug abgestellt wird? Komisch! Noch nie sah sie hier einen Zug ‚parken’. Was das soll? Sie schaut sich um. Gleise… drei Gleise. Aber eines ist nun blockiert. Und das hier! Wer sich so etwas… ausdenkt? Sie selbst? Vielleicht ist alles ganz normal und nur sie fällt aus der Rolle?
Vorsichtig, sich nach allen Seiten umschauend, drückt sie auf einen der Türöffner.
Zzsscchhhh…
Die Tür fährt in beide Richtungen auf. Julia erschrickt, fängt sich, versucht, einen Blick durch den Waggon, die Bahnhofsscheiben hinunter zur Weltzeituhr zu erhaschen. Sind ihre Freundinnen endlich da? Sie kann gar nichts erkennen. Licht… soviel Licht… und doch nichts zu sehen!
Noch einmal umschauen. Mann, das Handy war teuer! Nicht so ein billiges Ding, das man für einen Euro zum Vertrag dazubekommt. Fast ihre kompletten Ersparnisse sind draufgegangen. Papa war wütend. Aber sie sagte ihm klipp und klar, dass sie es von ihrem eigenen Geld bezahlt. Da war er doch noch ruhig und übernimmt seither wenigstens alle Vertragskosten. Ja, auch da hat er getobt, ist fast ausgeflippt und sie musste eine ganze Woche als Erste aufstehen und Frühstück machen. Nun, das ging. Vielleicht hat er auch Recht? Immerhin… ein Vertrag kostet immer etwas. Prepaid ist billiger. Oder auch nicht. Flatrate… nun ja!
Sie läuft durch den Zug. Als wenn irgendwer wusste, dass sie kommt, stehen alle Verbindungstüren zwischen den gelben Waggons offen. Gestank… es riecht nach allem… Schweiß, muffige Verwesung, auch… Pisse? Angeekelt wendet sie sich von einem triefenden Sitzplatz ab. Mann, da hatte es aber einer eilig! Hoffentlich wird das gereinigt, ehe der Zug wieder rollt!
Nichts. Sie sucht und findet einfach nichts. Runtergefallen? Dann muss sie noch einmal auf allen Vieren durch den Zug. Oh Gott, wenn das einer von draußen sieht! Na, bei den verschmierten Scheiben… ein Glück! Und dabei trägt sie auch noch diesen besonders kurzen Rock. Wohl auch ein Grund, dass der Kerl sie vorhin anmachte.
Immer wieder zieht sie den Rock zurecht, weiß, dass man ihren Slip trotzdem leuchten sieht. Wer danach sucht, wird ihn sehen. Dabei wollte sie nur ein wenig Spaß haben… ganz normalen Spaß. Wann ist es schon Anfang Dezember so warm wie an einem sonnigen Herbsttag? Sie erlebte das noch nie.
Die Waggons ist sie nun durchgekrochen. Angewidert schaut sie auf ihre Knie. Na, wenigstes trägt sie keine Strumpfhosen. Die wären hin. Und auf dem Bahnhofsklo wird sie sich noch einmal abwaschen. Was hier so alles auf dem Boden klebt! Kaugummi ist da noch das Wenigste. Sogar ein sicher gebrauchtes Kondom konnte sie entdecken… nur eben nicht ihr Handy.
Kondom… hier? Wie geht das? Papa hat schon recht… abends nach Zehn sollte sie nicht allein fahren. Und mit Freundinnen… kann es auch… sie denkt nicht an die Hose, in die es gehen kann. Sie trägt einen Rock. Viel zu kurz… und sie war so dumm, zu seinem Schwarz einen weißen Slip zu wählen. Nun ja. Man lernt eben… nie aus!
Der letzte Waggon. Sie schaut auf die Uhr am Bahnsteig. Halbe Stunde drüber. Die werden warten… Halbe Stunde? Sie erinnert sich plötzlich nicht mehr an die vereinbarte Zeit. Oder wollten sie sich schon vor einer Stunde treffen… oder erst gerade jetzt…?
Unheimlich! Julia kneift sich in den Hintern, erschrickt über den Schmerz. So als wenn… als wenn… wer ist eigentlich dieser Maik, an den sie da denkt? Woher kennt sie ihn? Plötzlich denkt sie an einen See, ein Haus… eine Hütte eher… und an eine kleine Schule. Maik… na ja, der hat sie sicher nicht gekniffen! Dann schon eher Lars. Der Kerl ist sich für nichts zu blöd! Wie schmachtet er sie doch jeden Tag an? Na ja, Jungs. Sie hat es nicht so recht mit ihnen. Aber da die Freundinnen auch einen Freund haben… sie traf sich ein paar Mal mit ihm und er war ganz lustig. Anders, als in der Schule. Aber eben… doch nur ein Junge. Nichts für sie. Küssen wollte er sie. Pha… schon der Geruch… na ja, sie aßen vorher Hotdogs. Trotzdem… ein Kuss ist schon schlimm genug. Aber auch noch mit Zwiebel…gestank?
Wonach riecht das hier noch? Rauch? Wie von einem offenen Feuer? Nein, oder? Brennt jetzt der Zug?
Wütend schnellt sie hoch, knallt natürlich mit dem Hinterkopf an eine der Haltestangen und bemerkt, wie alles um sie herum beginnt, sich zu drehen. Oh Mann, nun auch noch eine Ohnmacht… und der Tag ist im Eimer… endgültig!
Nichts. Das Handy… es dreht sich… nein, nicht das Handy. Das bleibt verschwunden. Alles um sie… sie kann…
"Hilfe!"
Sie ruft leise. Zu leise? Sie weiß es nicht. Wer soll sie hier hören? Auf dem Bahnsteig war niemand und…
Entgeistert schaut sie aus dem Fenster. Was ist denn nun noch? Nein, oder? Die Landschaft zieht vorbei. Häuser, Straßen, Plätze. Einige kennt sie. Als sie bemerkt, dass die irgendwie gar nicht zusammenpassen, ist es zu spät. Sie fällt… tief… wohin? Sie weiß es nicht. Nur der Schmerz… und dieses Kreischen… als wenn… ein Zug… eine Vollbremsung macht!
"Aua!"
Der Schmerz ist unerträglich. Verdammt noch einmal… was ist denn nur los? Sie versucht, sich mit der Linken die rechte Schulter zu reiben, beginnt dann, ihren Rock zu richten…
Ratsch!
Was… was ist denn…?
Zerrissen… na toll, denkt sie. Dieser Rock war auch nicht… nicht billig. Und außerdem gefiel er ihr so gut. Hat ihr Papa geschenkt, als sie aus Berlin wegzogen…
Rumms…
Das hat gesessen…

Mit einem Male sitzt sie, schaut sich um.
Komische Sitzbank… unaufgeräumt. Und Regale sah sie noch nicht in einer S-Bahn. Sollte das so ein Waggon sein, in dem man lesen kann? Neue Erfindung von ein paar Büchernarren… Leihbibliothek direkt in der Bahn. Sah sie noch nicht. Hat sie nur drüber gelesen… hier bekommt man ja kaum etwas mit!
Hier? Wo?
Noch einmal sieht sie sich um.
Langsam… ganz langsam klärt sich ihre Sicht. Diese beschmierten Scheiben… die sind… sind was anderes! Es ist nicht vor, es ist um sie. Mist! Hatte Papa nicht schon so oft gemeckert? Ja, klar. Aber festgeschraubt hat sie ihn nicht, den Lampenschirm!
Lampenschirm?
Das ist… das ist… das neben, fast über ihr… ist ihr Bett. Und dieses Etwas, was sie sich eben vom Kopf zieht, ist wirklich der Lampenschirm. Kam wohl herunter, als sie sich wieder einmal wie wild im Bett herumwarf. Aber dieses Quietschen… das hört nicht auf. Ist das in ihrem Kopf? Dabei hat sie hier nicht einmal die Gelegenheit zum Saufen, wenn sie es wollte… wie denn? Fünf Kilometer zum nächsten Laden, Schulfreunde, die sich eher über Fahrräder als über Partys unterhalten… und… und Maik.
Verdammt noch einmal, was sie wieder träumt! Der Kerl ist es doch nun wirklich nicht wert, dass sie sich… ein feuchtes… nein, oder? Auch noch eingepullert? Das war der Gestank im… im… nicht im Zug. Im Bett. Na toll… Und das Quietschen?
Es rattert, als wenn die S-Bahn über die Schienenstöße rollt.
Rattam, Rattam, Rattam…
Vibrat… nein, nicht das. Vibrationsalarm! Und dieses helle Klingeln. Das zusammen ist wie… Kreischen?
Schnell springt sie auf, stößt sich noch den großen linken Zeh am Bettpfosten, zuckt zusammen, fingert auf dem Boden, auf dem Nachttisch, dann auch unter dem Kopfkissen herum, ehe sie das hopsende Ding von einem Handy auf der Konsole über dem Bett findet. Daran stieß sie sich auch schon oft. Wer so etwas erfindet! Na ja, was es nicht alles gibt!
Wie eine Gehetzte reißt sie das Handy an sich. Schnell ausmachen. Irgendwann wird Papa munter und dann…
Und dann? Dann sieht er, dass sie sich wie eine dumme, kleine Pute aufführt. Dabei hat er es auch nicht einfach. Bürgermeister von einem Gebiet, das er nicht kennt und in dem man ihn nicht einmal haben will… dabei dachte sie, Demokratie hat etwas von Wahlen und Freiheit. Jedoch hier? Berufen. Warum? Irgendein Parteifreund muss ihn überredet haben. Dann ging alles schnell. Wahl, als viele der weit verstreut lebenden Einwohner im Urlaub waren, Proteste… und doch Bestätigung im Amt. Nun ja. Dann zogen sie her. Und jetzt? Jetzt sitzt sie im eigenen Saft…
Julia schmunzelt bei dem Gedanken, schaut auf das Foto von Lars. Nie hätte sie es in Berlin als Hintergrund geladen. Aber hier, wo sie als die ‚Großstadtzippe’ gilt, tat sie es… Will cool sein. Außerdem kann man sich wunderbar herausreden, wenn die Kumpels was unternehmen wollen. Lars würde sie anrufen und daher kann sie nicht…
"Alles Okay?"
Erschrocken fährt Julia herum. Papa! Na, zum Glück weiß er, dass junge Damen den Besuch ihrer Väter am Morgen im eigenen Zimmer nicht gerade herbeisehnen. Er bleibt draußen. Dabei schließt sie nicht ab. Wäre ja noch schöner!
"Ja, ja!"
Schnell ruft sie es. Zu schnell fast.

Bernd schaut überlegend auf die geschlossene Tür. Hineingehen, nachsehen? Immerhin klingelte ihr Handy noch nie so lange. Oh, was hat er sich über dieses Ding geärgert! Aber gut. Selbst gekauft… dann ist es in Ordnung. Er schaut auf die Klinke. Nein, wenn sie meint, es wäre alles in Ordnung… dann wird es das vielleicht auch sein. Und in dieser Einöde klettert sicher keiner von den jungen Kerlen durch ihr Fenster, dass sie den jetzt verstecken will… vor ihm! Nun, wenn es eines Tages soweit ist, wird er sich den Burschen vornehmen, ihm auf den Zahn fühlen. Und dann, wenn der Kerl ganz verunsichert das Weite suchen will, wird er ihn festhalten und zum Frühstück einladen… So machte es sein Schwiegervater mit ihm. Pha… war eine lustige Erfahrung. Wenn auch… etwas ungewöhnlich. Aber was ist heute schon gewöhnlich?
Jetzt hat sie keinen Kerl da drinnen. Und er wird ihr verbieten, noch einmal in diesem kurzen Rock zur Schule… zu gehen. Dabei hat er ihn ihr geschenkt! Na ja, auch Väter haben mal einen Aussetzer, wissen nicht, was sie tun… Er? Nein! Doch…! Kleinlaut gibt er es sich selbst zu.
"Mach schnell, Julia! Frühstück ist fertig. Los, die Schule wartet!"
Zufrieden und doch noch zweifelnd schlurft er zur Treppe. Einöde. Ja, er könnte sich immer noch Ohrfeigen geben… aus Berlin fort. Nun, die Parteifreunde meinten, er würde sich hier Sporen verdienen. Und eines Tages… vielleicht kann er dann zurück in die Hauptstadt. Wenn Gras über alles gewachsen ist. Immerhin mag man seine grünen Ansichten dort nicht so sehr. Passen nicht zur Parteilinie. Dabei sehen sie überall, was geschieht. Seen vertrocknen, Hänge rutschen ab, Tiere verenden, Wälder sterben. Immer unterschiedliche Ursachen. Nichts hat etwas miteinander zu tun. Und doch… alles auf einmal.
Autsch… der Toast ist zu heiß. Und der Rauchmelder ging nicht los. Na, kann er auch nicht. Es stinkt… irgendetwas ist da noch… neben dem verbrannten Toast. Säuerlich. Er überlegt nicht, kramt den Rauchmelder hervor. Jeden zweiten Morgen das gleiche Spiel. Der Toaster hängt, der Toast verbrennt, der Rauchmelder piept und er schraubt ihn von der Decke. Meist vergisst er ihn dann… und schon raucht es wieder. Wenn das mal weiterhin gut geht!
Julia schaut auf das Bücherregal. Da stehen noch ein paar Fotos. Berlin… das war schon eine tolle Zeit! Drei Monate ist sie nun hier. Nichts. Nicht mal ein wirklicher Hügel. In Berlin auch kaum. Hier ist alles Flach. Und Wald? Irgend so ein Alter meint, hier hätte es überall Wald gegeben. Na, der kann viel erzählen! Wald… verschwindet nicht einfach! Und Tiere? Wenn nicht diese paar Bauern in der Umgebung Kühe hätten, wäre da nichts. Der See… ja, da soll es Fische geben. Gesehen hat sie noch keinen. Und zu gern geht sie da auch nicht hin, erinnert sich immer an Stubbenkammer. Oben auf Rügen. Da brach ein Kreidefelsen ab und begrub ein Mädchen. Nein, hier ist es keine Kreide. Nur Sand. Viel Sand. Und der kann abbrechen. Direkt auf den kleinen Strand. Niemand würde sie finden. Erst einmal.
Wütend rafft sie ihr Bettzeug zusammen. Fenster auf, Lüften. Das stinkt dermaßen! Was hat sie denn? Sollte sie sich Sorgen machen? Krank? Irgend so eine Arztserie… da drin zumindest… irgendwo da meinte mal ein ganz kluger Doktor, dass man die Gesundheit immer am Urin erkennen kann. Stinkt es, dann ist…
Sie denkt nicht daran, freut sich fast, dass sie nicht auch noch ihre Tage hat, zieht alles ab, stopft die Bezüge in die Waschmaschine und versucht, mit viel Wasser und Seife die Bettdecke zur einigen. Die Matratze wird sie sich für den Nachmittag aufheben müssen. Keine Zeit am Morgen!

Wortlos sitzen Vater und Tochter in der Küche. Der Blick ist herrlich. Ruhiges Wasser, soweit man sehen kann. Ist das eine Möwe? Nein, nur ein Flimmern in der Luft. Hier gibt es keine Möwen. Warum? Kann niemand beantworten.
Nussnougatcreme. Lecker auf Toast. Julia riecht nichts vom Toasterunfall. Vielleicht auch, weil der nun schon so ziemlich zum Alltag gehört. Milch wäre schlimmer. Hat sie mal bei einer Freundin erlebt. Sollte auf ihre kleine Schwester aufpassen und ließ die Milch überkochen. Fast hätte sich das kleine Mädel dabei verbrüht. Konnte Julia verhindern, während ihre Freundin nur fluchte und versuchte, alle Schuld auf ihr Geschwisterchen zu schieben. Na, diese Freundschaft ist nichts, was sie nach Berlin zurückruft.
"Schönes Wetter heute!"
Erschrocken fährt das Mädel aus den Gedanken. Seit wann redet Papa übers Wetter? Nun gut… manchmal versucht er etwas Neues. Aber heute? Sie grinst in sich hinein. Wenn sie jetzt ihren Traum erzählt… dann ist der Tag sicher gelaufen!
"Ja. Haben die so angesagt. Frühling eben. Wird auch Zeit."
Abbeißend, schwer kauend und dazu eklig dünnen Kaffee trinkend nuschelt sie dazu, "Hoffentlich kommen dann auch ein paar Vögel… ist ja unheimlich, diese Stille da draußen! Da mag ich doch lieber jedes Gekreische, als das!"
Bernd betrachtet seine Tochter.
"Sag es ruhig. Ja, ich bin schuld. Wir sind hier, weil ich Karriere machen will!"
Pha… wieder dieser alte Streit! Seit Weihnachten geht das nun so. Und im Januar, als sie dann umzogen, schob er alles nur noch auf sich. Ist langsam lächerlich! Julia schluckt und trinkt ihre Tasse aus.
"Quatsch, Papa. Ist eben nur komisch… als wenn es nicht so sein soll und doch so ist!"
Sie steht auf, legt ihre Arme um Bernds Hals, steht hinter ihm und seinem Stuhl am Tisch.
"Kannst Du nicht mal in Eurer Gemeinde durchsetzen, dass die hier Vögel ansiedeln? Müssen ja nicht gleich Adler und Falken sein. Spatzen reichen erst einmal!"
Der Vater lacht, schüttelt den Kopf und gibt seiner Tochter einen Kuss auf die Wange.
"Klar doch. Und der alte Morgen wird sie jeden Morgen füttern! Nein, nein, was die Natur nicht will, kann der Mensch auch nicht durchsetzen!"
Er denkt bei seinen Worten an die Tagebaue. Klar… aber er macht es eben, der Mensch. Na, das lernt sie noch zeitig genug!
Julia hört gar nicht zu. Sie lauscht auf das Rumpeln der Waschmaschine. Die wird noch fertig, ehe sie los muss.
"Gehe ins Bahad!"
Krach. Tür ist zu. Nun macht sie sich wieder schick. Jeden Morgen. Ob die anderen Mädels in ihrer Schule auch so viel auftragen? Na ja, soviel ist es gar nicht. Aber gut. Soll sie. Wenn es ihr Spaß macht!
Müde, obwohl er lange geschlafen hat, steht er auf, räumt den Tisch ab. Tiere. Wenn er zum Wochenende einen Hasen mitbringt und sie ihn gemeinsam zubereiten, redet sie auch nie dagegen. Bloß gut! Diese vegetarischen Tussis gibt es schon genug auf der Welt! Aber irgendwie hat sie schon recht. Keine Tiere. Und niemand weiß, warum. Bäume? Der Alte meinte mal, dass man es mit Obstbäumen versuchte. Doch die gingen alle ein. Bodenanalysen… er kennt die vielen Expertisen. Nichts. Keine Gifte. Trotzdem wächst nichts. Zumindest hält nichts durch. Nun denn… wenn er sicherer im Sattel sitzt, kann er sich damit beschäftigen. Werden zwar seine Parteifreunde gleich wieder meckern. Aber vielleicht findet er hier unter den… den wenigen Einwohnern ein paar offene Ohren. Solange die das nicht als Wahlpropaganda abtun. Obwohl… noch steht die nächste Wahl nicht an. Drei Jahre. Dann geht es los. Fairer, als das letzte Mal? Ja, das hat er sich versprochen.

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