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     und Foto: Stefan Jahnke

 

Leseprobe - Felssturz

 

Prolog

Im Felsen sehe ich etwas glitzern. Fast ein Wunder, denn nach den Winterunwettern der letzten Tage kämpft sich heute das erste Mal seit langer Zeit die Sonne hervor. Sicher wäre mir dieses Glitzern nicht aufgefallen, wenn ich nicht schon eine Weile nach meiner Tasche suchte, die ich letztens verlor, als ich dem Grafen hier oben auf der Burg Rathen die Nachricht von der Niederlage, von der völligen Aufreibung seiner Truppen überbringen musste.

Oh, was hatte er getobt. Und ich musste einfach meine Beine in die Hand nehmen und mich davonmachen.

Zu schnell… war ich zu ihm geeilt.
Zumindest für meine Tasche. Oder eben deren Riemen.

Aber, wie komme ich nun zu diesem glitzernden Ding da drüben?
Immerhin gibt es zwischen mir und der Stelle einen Abgrund.

Oh weh… und diese Felsen hier…
Alles Sand.

Manchmal habe ich das Gefühl, alles könnte gleich zerbröseln. Und doch scheinen diese Blöcke und Formationen bereits Jahrhunderte zu existieren, wenn nicht gar länger.
Nein, fest sind sie nicht, diese Steine. Stein… oh, ich kenne andere Steine. So fest, dass man sie mit dem schwersten Hammer nicht zerschlagen und mit dem größten und schärfsten Schwert nicht spalten kann.
Und hier…?
Sand… Sandstein. Fast ein Widerspruch in sich!

Wo mag Fräulein Mechthild nur sein?
Seit Tagen geht mir das nicht aus dem Sinn. Dieser Tölpel, dieser Ritter Beldenbert, der stellt ihr ja schon lange nach. Dabei sagt man doch über ihn, dass er mit Frauen gar nichts anfangen kann. Nun, auch das können Gerüchte sein. Wer weiß das schon?
Warum jedoch ist das Fräulein Hals über Kopf abgereist?

Ich traue diesem Beldenbert nicht. Er hat plötzlich das Sagen hier oben auf der Burg. Solange der Graf nun versucht, zu retten, was zu retten ist, seine Macht irgendwie gegen die feindlichen Horden zu behaupten, solange wird Beldenbert hier Niemand das Wasser reichen dürfen… wenn Fräulein Mechthild nicht hier ist.

Warum nur ging sie weg? Und auch noch ohne Eskorte… ohne mich... und die anderen ihr Ergebenen.
Nie hat sie das bisher getan…
Nein, da ist etwas faul. Wenn ich nur wüsste, was!

Ah, da ist eine kleine Stiege… nein, nichts wirklich einfach zu Erklimmendes im Felsen… aber ein paar Auswaschungen. Und wenn ich Glück habe… viel Glück… dann bricht da kein Stein aus, wenn ich mich zu meiner Tasche hangele.

Familienerbstück… Mein Vater hat die wohl irgendwo auf einem seiner Kreuzzüge erbeutet… vielleicht auch nur gekauft. Denn nicht alles, was er immer so vollmundig berichtete, stimmte wirklich. Dafür war die Tasche schön… und stabil. Stabil und groß genug, um die Dokumente, die ich für den Grafen aus Meißen holen sollte, allesamt unterzubringen. Und nun… nun hoffe ich doch, das die Tasche auch den vielen tauenden Schnee des Himmels aus- und abgehalten hat.

Der Graf war schon wütend genug, als ich ihm erst die Nachricht von seiner Niederlage brachte und dann noch gestehen musste, dass mir gerade so kurz vor der Burg die Tasche mit den Dokumenten abhanden kam. Da musste er sich nicht so aufspielen. Vor Tagen überließ er seiner Tochter Neurathen. Nur, dass er sicher in Beldenbert den wohl denkbar schlechtesten Aufpasser für Mechthild und die Burg finden konnte… Jetzt, wo sie endlich über den Tod ihres Bruders hinweg war. Aber warum sie jetzt gerade verschwindet?

Ah, da ist die Tasche.

Halt…
Nein, das ist nicht meine alte Tasche mit den Silberstücken. Das ist… Das ist eine Haarspange. Da, ich sehe es… auch wenn ich noch nicht ganz herankomme. Da, über mir. Und ich weiß auch, wem die gehört. Das ist die Lieblingsspange von Fräulein Mechthild.

Aber…
Nein, die hat sie immer getragen. Auch letztens noch.

Mühsam ziehe ich mich an den Steinen hinauf. Dass die Sachen aber auch immer an die unzugänglichsten Stellen fallen müssen!
Nur… wenn das nicht meine Tasche ist…? Egal. Erst einmal muss ich wissen, was Fräulein Mechthilds Haarspange hier macht!

Endlich bin ich daran. Ich kann die Spange greifen. Sie hängt fest. Sehr fest. So kann sich doch gar nichts verfangen…
Da… Jetzt… Ein Ruck…

Ich habe sie! Zum Glück stehe ich hier etwas sicherer. Wo hatte sich die Spange denn nun verfangen? Ich kann mir das gar nicht richtig vorstellen! Hier ist eine Spalte mit viel Moos und Laub. Aber…

Ich schaue mit die Spange genauer an.
Ja, das ist Fräulein Mechthilds Spange. Kein Zweifel! Sogar ihre Haare… Ihre Haare… Da hängen Haare drin. Mit… mit Kopfhaut…
Kalt läuft es mir über den Rücken herab.

„Wie könnt Ihr es wagen!“, hatte sie gewettert, als Beldenbert ihren toten Bruder verhöhnte. Das ist nun einige Monate her. Einige Monate. Und jeder auf der Burg zerfetzte sich das Maul anders über diesen Beldenbert und dass der Tote der Einzige gewesen wäre, der Mechthild vor den ewigen Nachstellungen dieses Ritters zu beschützen vermochte. Dabei war er damals schon tot.
Beldenbert schaffte sich stets freie Bahn. Kam er doch erst nach dem Mord. Selbst der Graf würde sich einer Verbindung nicht entgegen stellen können, denn dieser Maulheld war fast der Letzte der edlen Ritter, die noch zu ihm standen. Gerade, nachdem ich ihm die Nachricht von der Niederlage überbringen musste. Nun, da ich auch noch für den vorübergehenden Verlust der Dokumente von Rathen verantwortlich zeichnete, wurde nicht einmal mehr mein sonst so geschätzter Rat ernst genommen.

Trotzdem hatte ich immer versucht, Fräulein Mechthild den Rücken zu stärken. Damals, als ihr Vater selbst nach Meißen ritt, wobei er hoffte, einen der Herrscher oder zumindest den Bischof zu treffen und sich mit denen wenigstens formal zu versöhnen. Denn hier im Grenzland zu Böhmen… da trieb sich derzeit soviel Gesindel herum… da brauchte der Graf keine Fehde mit Kurfürst und Kirche!

Mich beschlich eine schreckliche Ahnung, als ich die Haarspange jetzt in den Händen hielt. Nein, sie konnte nicht einfach von Fräulein Mechthilds Haupt gefallen sein.

Lange stand ich auf dem schmalen Felsvorsprung, wagte kaum zu atmen. Angst hatte ich. Angst vor dem Sturz in die Tiefe. Vielmehr noch vor dem, was ich nun tun musste, damit meine Vermutung entweder bestätigen oder verwerfen konnte.

Langsam…
Ganz langsam streckte ich die Hand aus. Nach vorn. Dahin, wo eben noch die Spange klemmte. Hinein in die Spalte, ins Laub, zwischen modernde Stämme und Berge von Vogeldreck.

Über mit flog ein Falke auf. War sein Horst in der Nähe? Flog er auf die Jagd? Falken fressen kein Aas. Aber… vielleicht fressen sie das Getier, welches sich über Aas hermacht?
Mich schauderte.

Noch einmal sah ich die Bilder von damals, als ich die Burg erreichte und meinen Waffendienst beim Grafen antrat. Mechthild war noch ein Kind, eine unbedeutende Jungfer, zu jung einfach, kaum dreizehn Jahre alt. Und doch überraschten mich ihr offener Blick und ihr Verstand.
Das zählte heute alles nicht.
Heute galt es.

Meine Hand traf auf einen Widerstand.
Kein Laub. Wahrlich nicht!

...

 

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