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     und Foto: Stefan Jahnke

 

Leseprobe - Birkfalken

 

Kapitel 1 - Graue Vorzeit

Im Jahre des Herrn 1340 kam ich vom Wildenstein direkt nach Rathen. Mein Oheim hat die Burg inne und darf all die Steuern und Abgaben, die die Gemeinen dieses Landes da zu zahlen haben, für sich allein beanspruchen. Ein großes Entgegenkommen der Birken, zu denen er gehört und die doch gerade durch den Rat, Hinnerk und die anderen großen Duben vertreten wird.
Ich wollte schon immer auf einer freien Burg leben und konnte mich nicht entscheiden ob ich mich einem anderen Herrn anbiedern sollte, um dies zu erreichen, oder einfach darauf warte, dass vielleicht durch die vielen Streitereien in der großen Familie der Birken eines Tages ein Teil irgendeines Erbes endlich auf mich fällt…
Das war natürlich ein kühner Gedanke. Niemand würde ernsthaft erwarten, dass ich einmal etwas erhalte, was doch ganz anderen gehört. Und seit das Ansehen der Birken gerade durch die großen Führer in Böhmen noch mehr wuchs, habe ich mich entschlossen, doch einen anderen Weg einzuschlagen.
Ich wollte den Herrn von Rathen, Berek von der Duba, dazu bringen, mir ein kleines Stück seines Landes zu geben. Etwas, was ich allein hatte und was ich auch nur ihm gegenüber zu vertreten habe.

Berek war nicht begeistert als er mich aus diesem entfernten Teil der großen Familie sah. Mein Vater galt als Haudrauf und ich hatte wohl dadurch schon von Anfang an einen schweren Stand bei allen rechtschaffenen Leuten in dieser Gegend.
Aber Berek schien auch an sich und seine Kindheit zu denken. Da war er seinem Vater im Wege, denn durch die Mutter sollte er ein Amt übernehmen, was sein Vater für sich beanspruchte.
Schwere Zeiten. Berek setzte sich trotz allem durch, hatte das Amt inne… als Kind… und bekam darauf hin eines Tages von Hinnerk auch Rathen zugesprochen. Ein glücklicher Umstand. Ein Beweis dafür, dass man nicht nur unbedingt in der Familie geboren sein musste, die das Land schon besaß, sondern sich eine ordentliche Stellung erarbeiten konnte. Ja, und das tat er ein Leben lang.

Nun wollte er mich nicht heimschicken. Zumal, nachdem auch noch die Meldung kam, dass mein Vater in einem kleinen Grenzgeplänkel fiel, fraglich schien, ob ich denn wohl noch eine Heimat, ein Zuhause besaß. So wollte er mir eines geben. Irgendwann richtig... und nun erst einmal auf Rathen.
Die Zeiten waren nicht nur unter den Birken schlecht.
Der Markgraf von Meißen, damals Friedrich, den man auch den Ernsthaften nannte, wollte sein Land einen.
Was man niemandem zutraute, schafften die Männer um Hinnerk. Sie erwarben immer mehr Land. Noch gab es ein paar wenige slawische Stämme im Osten und auch auf der böhmischen Seite der Grenze lebten neben den Ureinwohnern, wie wir sie manchmal schimpften, noch andere unbedeutende Gruppen und Herrscher, die sich nach der einen oder anderen Auseinandersetzung schnell bereiterklärten, doch noch ihr Land und die darin lagernden Schätze, aber auch die Burgen und die Ansprüche abzutreten… an die Birken.
Wir wurden groß und mächtig.

Ich erinnere mich an diese eine Meldung, die Hinnerk meinem Herrn Berek sandte, dass Friedrich wohl fast daran zu Grunde ging, als er feststellen musste, das der alte Graf drüben auf der Nordseite des Flusses bei Meißen alle Besitztümer an die Birken verkaufte. Ein Unding, wo er doch die vielen Jahre genau wie schon sein Vater versuchte, alles selbst zu erwerben… oder zu erkämpfen.
Wenn es bisher vielleicht noch keinen Hass zwischen diesen aus dem kleinen Kaff Wettin dahergekommenen Leuten um Friedrich und den großen Birken gab, so war er jetzt auf jeden Fall geboren… und wurde geschürt.
Die Kirche hatte nicht vor, sich ihre Rechte weiter beschneiden zu lassen. Man wollte sich nicht von den anderen weltlichen Herrschern ringsum in die Enge treiben lassen und suchte nach Möglichkeiten, die weiten Besitztümer des Bistums zu behalten, dazu diese weltlichen Herren mit ein wenig oder eben ein wenig mehr Land zu beruhigen, ja wirklich und ehrlich ruhig zu stellen.
Plötzlich verhandelten Bischöfe und andere Würdenträger Gottes mit Slawen, unter ihnen mit Böhmen und auch mit anderen Männern. Man bot Gold, anderes Land, Vieh, gar Weiber… Eine Taktik, die man doch der Kirche nicht unbedingt zutraute, aber nun bald zu sehen bekam.
Und Friedrich war so kurz davor, die nun den Birken gehörenden Landstriche für sich zu beanspruchen.
Die Kassen jedoch, die Schatullen, die Geldsäcke der Kirche, des Bistums Meißen und auch die in Magdeburg, die waren scheinbar leer… oder eben nicht so gut gefüllt, dass man davon ausgehen könnte, genügend darin zu finden, um das Land zu erwerben.
So sah man nun nicht mehr nur über die Elbe, sondern nach Böhmen… auch wenn da nicht der König von besagtem Böhmen das Sagen hatte… so doch die Männer um Hinnerk. Eben die Birken.
Ein Unding. Und doch so geschehen.
Ich selbst nutzte diese Zeiten häufig, um mich zu bilden, um auch die Meißner besser kennenzulernen. Dabei vermied ich jedoch vorsorglich den direkten Kontakt dahin. Vielmehr besuchte ich die vielen entfernten Verwandten, die ich als Halbweise nun hatte und die mich eben wegen des Todes meines Vaters und meiner Stellung auf Rathen endlich achteten. Konnten sie meinen Vater wegen seines ungestümen Auftretens nicht leiden, so mochten sie sich bei mir noch nicht festlegen. Und das war, das ist bis heute mein Glück.

Lange wohnte ich im Birkenhof. Da oben auf dem Berg, dem Elbhang, kann man schon sagen, der zwischen Meißen und diesem kleinen Kaff der Waldbewohner um Drezdzany liegt. Onkel Boran hatte immer ein Herz für die jungen Leute und zeigte mir nicht nur, wie man mit einem Schwert gut und richtig umgeht, sondern ließ mich auch die Ställe misten, die Kühe versorgen und die neuen Pferde zureiten.
Berek sah es gern, wenn ich dieses Wissen dann in Rathen anwandte, denn er mochte es, wenn sich die Leute die Hände schmutzig machten… nicht nur an Weibern und Futter, sondern auch an ehrlicher Arbeit.
Trotzdem hatte er immer einen Schleier über dem Blick… Es kam mir so vor, als würde er trübsinnig, wenn ich mich eben wieder nach Rathen aufmachte und noch einmal davon anfing, dass ich eines Tages mein eigener Herr sein werde.
Einmal sagte er sehr ungehalten, "Ein Herr muss auch von Geburt ein Herr sein!", und stellte damit sein eigenes Leben in Abrede.
Doch was soll's? Ich blieb bei meinen Zielen, und auch er konnte sie mir nicht ausreden. Vielleicht war das dann wirklich der Grund dafür, warum er mich wieder mit einem freieren Blick ansah. Denn er mochte dazu alle, die sich nicht so einfach beirren ließen. Die hatten, so meinte er sicher zu recht, einen guten Charakter und blieben auch im schlimmsten Falle unbeugsam. Bei der Geschichte der Birken war das genau die Eigenschaft, die jeder Mann haben sollte, der etwas auf sich hielt.

Während ich nun auf dem Birkenhof lernte, mit Schmerz und Versagen umzugehen, hatte Berek eine Zusammenkunft mit Hinnerk. Nicht zu lange war es her, dass Philipp sich erdreistete, die edlen Templer mit einem Handstreich aus der Welt zu schaffen. Ich wusste damals schon, dass die Birken zwar wohl nie wirklich zu den Meistern dieses Ordens gehörten, jedoch Verbindungen hatten. Bis zu jenem Tag, als man mir dann doch von unserem Vorfahren Peter Berka von der Duba berichtete, dem Großmeister von Böhmen, in direkter Linie verwandt mit einem der Begründer des Ordens. Und ich konnte mich kaum beherrschen.
Ja, ich bewunderte diese Templer. Die Herren des Tempels, wie man sie auch nannte. Ich wusste, dass sie einst allein Jerusalem befreiten. Wenn man ihnen jetzt vorwarf, sich von Gott und seinem Sohn abgewandt zu haben, dann musste man wohl eher selbst mit dem Teufel sein, als dass man den Templern solches unterstellen durfte. Aber wer würde heute noch auf Freunde dieses Ordens hören?

Ich wollte mehr über die Bräuche erfahren. Und ich hatte Glück, denn als ich diesen Wunsch Berek mitteilte, vernahm Hinnerk davon. Und er… er war immer auf der Suche nach neuen Mitgliedern für seine Loge, seinen Kreis, seinen Orden… auf dem Hohnstein.

Ich wusste so wenig. Und ich erkannte, dass es nicht nur um Geheimnisse und die Bewahrung des Heiligen Blutes ging, sondern besonders um die Reinheit. Denn auch meine eigene Mutter, wie mir Hinnerk dann bald mitteilte, was eine Frau des Ordens. Nur durfte das eben kaum jemand wissen, denn immerhin stand nicht nur die Todesstrafe auf jedwede Verbindung zu den letzten Templern in diesen Jahren… es war auch ein Grund, all seinen Seelenfrieden zu verlieren, den man sich doch unbedingt bewahren musste, wenn man eines Tages nicht in der finstersten Hölle schmoren wollte.
Aber, und das war es, was ich von Anfang an nicht verstand, wie konnte es denn nur sein, dass man Menschen allein für ihren Glauben und das, was sie Gutes taten… oder was sie allein im Verborgenen ohne jemandem Anderen zu schaden taten, verdammte.
Ich fasste all dies nicht.
Und doch wollte ich mehr wissen.

Bald schon hatte jedoch Hinnerk genug von mir. Er wollte meine vielen Fragen nicht beantworten. Für ihn war ich aufmüpfig und man verbot mir die Mitgliedschaft.
Ein wahrer Grund war sicher nicht mein Aufbegehren, sondern eher die Tatsache, dass Friedrich sich gegen die Birken starkmachen wollte und ich als eine Schwachstelle angesehen wurde… Einer von nicht so edlem Geblüt in der Familie, der leider viel redete und damit alle in helle Aufregung versetzte.
Ich sah das nicht so. Doch Hinnerk sprach 1344 ein Machtwort.

Ich hatte mich fortan aus allem herauszuhalten und sollte mich in meinem eigenen Land ruhig verhalten. Nun, ich war nicht dagegen, denn Berek belehnte mich mit dem Falkenstein und einigen Flächen der nahen Schrammsteine bis zur Elbe, aber auch hinüber auf die saftigen Weiden und Wiesen der nahen nördlichen Hänge.
Ein schönes Land… wie das meiner Träume…

Aber es blieb nicht immer friedlich. Denn Karawanen, Händler, die den Fluss oder auch den Weg am Lande für ihren Handel nutzen wollten, erkannten mich nicht an. Berek war außer sich, wenn er Kunde erhielt, dass ich eine ganze Gruppe solcher Händler nicht einfach zurück schickte, sondern auslöschte. Dachte ich doch, ich könnte so ein Exempel statuieren und alle Anderen endlich ein wenig zugänglicher für meine Forderungen machen. Denn die nahmen an, dass sie bei Berek wegen meines Vorpostens nichts zahlen mussten und ich einfach zu übertölpeln wäre.
Natürlich sprach ich mich mit Berek aus. Er wollte sich nicht bereden lassen, hatte nur im Kopf, dass man ihm, dem das Land doch eigentlich gehörte, einen Vorwurf machen könnte… und dummer Weise geschah es wirklich so. Denn Hinnerk ließ ihn alsbald zu sich kommen.
Ich ging mit. Das hatte Berek verlangt.

"Was erlaubt Ihr Euch da am Fluss? Wie könnt Ihr Händler…"
So ging das eine ganze Weile hin und her und auch Berek schlug sich wacker, wollte erst die Schuld kleinreden, dann alles den Händlern anlasten und hatte danach nur noch den einzigen und sicher auch richtigen Ausweg, mich vorzuschieben. Immerhin war ich es, der diese ganze Sache wirklich verbrach. Hinnerk glaubte ihm nicht. Und so beschloss man, dies in der Loge, im Orden, also direkt unter der Burg auf dem Hohnstein zu klären.
Leider, so war es nun einmal, durfte ich nicht dabei sein. Ich hatte schließlich den Zugang zu den letzten Templern in dieser Gegend verloren. Als ich wenige Tage später erfuhr, das Oran, Bereks Ältester, nun Rathen übernommen hatte, da wusste ich, was geschehen war.
Ich stellte Oran zur Rede. Er wollte nicht antworten und so reiste ich nicht zum Birkenhof, wie ich erst erzählte, sondern nach Hohnstein zu Hinnerk, den ich hoffte, allein sprechen zu dürfen. Ein Wunsch und Glaube, den ich noch bereuen sollte.

Hinnerk war außer sich. Wieder einmal. Ich wollte ihn beschwichtigen, bekam jedoch kaum eine wirkliche Chance.
"Berek hat Falsches getan. Und wir haben ihn nach unseren Riten und Gesetzen bestraft!"
Als ich noch mehrfach schwor, dass ich es war, der diese Händler angriff und niedermachte, wollte er mich nicht verstehen.
"Der Frevel von Berek war nicht der Angriff. Der ist vergessen und auch ein wenig vergeben. Der Frevel war, dass er mich belog. Und das brachte ihm den Tod. Versteh das. Es ist zu Deinem eigenen Besten. Geh nicht denselben Weg, wie Berek!"
Und er sah mich noch einmal an, als wenn er mich…
Nun, ja, ich wusste zumindest, dass die mit mir ebenso kurzen Prozess machen, wenn ich mich zu weit in diese Dinge hinein dachte. Dabei hatte ich doch nur eben ihre Gesetze durchsetzen wollen. Berek nahm mich in Schutz. Wenn es schon solch ein Frevel ist, dass er das tat, dann muss ich meine Gedanken für diese Dinge noch einmal überdenken.

Hinnerk ließ mich ziehen. Ich solle mich zwecks meines Lehens an Oran halten. Vielleicht, so meinte der Herrscher vom Hohnstein, vielleicht hätte der dann auch noch eine Überraschung für mich, die mich ganz schnell wieder auf bessere Gedanken brächte. Ich wollte es eigentlich gar nicht wissen… hatte ein schlechtes Gewissen. Und einige Momente dachte ich allen Ernstes daran, doch zu Friedrich zu gehen und ihm alles zu erzählen… vom Templertum meiner Verwandten, von der Hinrichtung eines rechtmäßigen Herrn und von den Angeboten, aber auch den Ausschlüssen, die auf der anderen Elbseite, gegenüber der Mark praktiziert wurden.
Er könnte das vielleicht gut für seine Pläne nutzen? Sicher, er nutzte alles, was ihm auch nur ein wenig in den Kram passte.

Doch dann hatte ich Angst.
Nicht etwa, dass Friedrich es mit der alten, schon in Rom bekannten Regel halten könnte, dass der Verrat beliebt, nicht aber der Verräter es ist, sondern dass Hinnerk vielleicht gar davon erfahren könnte… Oder dass Friedrich meine ganze Verwandtschaft darum töten könnte, weil ich ihm zuviel erzählte.
Oh weh…
Angst ist ein schlechter Ratgeber.

Ich wusste auch, dass ich mit Oran die Bedingungen für das Lehen des Falkensteins neu zu verhandeln hatte. Er würde mir sicher nichts zu diesen einfachen und guten Bedingungen geben. Er war eher darauf aus, dass ich dieses Gebiet ausschlug und mich besser auf den Weg in andere Gegenden machte… Gegenden, wo ich den Birken nicht weiter im Wege wäre.
Aber das wollte ich nicht.
Nein, mein Land war gut. Und Oran würde tun können, was immer er wollte… Solange ich nicht in die Kerker vom Hohnstein musste… oder eben dahin, wo Berek sich verantwortete und die letzten Momente seines Lebens durchlebte.
Oran… er galt von je her als ein ganz Harter, einer, der Hinnerks Weisungen und alles, was diesen Leuten half, bedingungslos umsetzte.
Und doch musste ich mit ihm reden. Etwas anderes blieb mir gar nicht übrig! Ja, das war's… Sie wollten mich in die Enge treiben, mir keinen Ausweg lassen. Leider. So ist es eben!
Aber ohne Ausweg… machte ich mich auf den Weg nach Rathen.

Zum ersten Male wurde ich dort mit einigen Ehren empfangen, die ich nicht sofort deuten konnte. Und ich dachte natürlich zuerst daran, das Oran mich zum Narren machen will. Auch wenn ich noch keinen so rechten Narren kennengelernt hatte, war dieses Sprichwort in aller Munde. Heute könnte ich mich schelten, dass ich mit solcher Vorsicht an dieses Treffen heranging. Denn ich verspielte damit einige gute Positionen. Oran lachte sich halb tot bei meiner Vorsicht, bei meinem ewigen Hinterfragen. Doch endlich begann auch ich zu begreifen, dass hinter alledem Hinnerk stecken musste. Wer sonst?
"Ja, natürlich steckt er dahinter. Er will, dass Du Dich ruhig verhältst und mit dem, was Du Dein Leben nennst, auch wirklich zufrieden bist!"
Ich wusste natürlich, dass Oran einiges dazu beitrug. Denn er war von Natur aus faul.
"Das Gebiet, welches Dir mein Vater als Lehen gab, das gehört Dir. Du wirst in den nächsten Jahren einiges an mich zahlen. Und Du bist mir verpflichtet, wenn es um einen Waffengang gegen unsere Feinde geht. Aber das Land, das gehört fortan Dir und Du allein wirst die Früchte davon ernten und für Dich benutzen können!"
Das Land... mein Eigen? Ich konnte es nicht fassen. War Oran jung, so war ich noch jünger. Hatte er diese Macht, die ihm sein Vater nun mit Rathen hinterließ, hatte sie ihn nach oben und fast an die Spitze der Birken katapultiert, so war ich nun auch einer von denen… Einer mit eigenem Land… mitten… nein, am Rande des Gebietes der Birken. Und ich würde eigene Einnahmen haben, eigene Leute mit Aufgaben betrauen und meine Händler selbst aussenden… mich mit denen, die meine Leute oder mein Land bedrängten, auseinandersetzen und mich auch sonst wie ein richtiger Birke aufführen dürfen. Und das alles mit meinen jetzt gerade einmal sechzehn Jahren. Andere waren da schon König, gar Kaiser… andere durften in Gegenwart von Älteren nicht einmal ein paar Worte sprechen.

Ich glaubte immer noch nicht an die Wahrheit, die sich gerade um mich herum zutrug. Und doch blieb mir immer noch nichts Anderes übrig. War ich vor Stunden wirklich nicht der Ansicht, dass ich mit Oran, einem Tunichtgut und immer ein wenig dümmlich aussehenden Mann, reden sollte, so hatte er mir nun dieses Land geschenkt. Und ich wollte es nicht?
Ach was, ich wollte es natürlich. Wieso denn nicht?
Ich sah zu Oran. Der lachte immer noch. Ich kam mir vor wie ein Dummkopf, war einfach nicht bei mir. Als ich endlich die Schritte nach draußen lenkte, auch zusagte, dass wir uns in ein paar Tagen für die weiteren Absprachen treffen würden, da sah ich etwas aus den Augenwinkeln.
Viel später erst kam ich darauf, um was es sich handelte.

Schon einmal hatte ich solches gesehen… damals auf dem Hohnstein als ich die schwarzen Messen, ja ich bezeichne sie immer noch so, diese schwarzen Messen unter der Burg besuchte.
Oran gehörte zu ihnen. Ich hatte ihn nie wahrgenommen. Vielleicht lag es daran, dass die Anwesenden diese Umhänge trugen und immer die Kapuzen auf dem Kopf trugen, man ihre Gesichter also nicht erkennen sollte? Vielleicht. Ich zumindest hatte mich immer an Berek und Hinnerk gehalten, die das eine oder andere Wort bei den Messen sprachen, wodurch ich sie natürlich weniger aus den Augen verlor. Die Anderen?
Zu gern würde ich wissen, wer alles dazu gehörte. Waren es nur Mitglieder meiner großen Familie oder gab es noch andere? Ich weiß es nicht. Und jetzt, da ich diesen Schädel stehen sah, der die Kerze nicht auf sich, sondern in seinem Innern trug, also der von innen heraus zu leuchten schien, da ahnte ich, ja wusste es fast, dass Oran ebenso am Tode seines Vaters Schuld war.
Ich erfuhr, dass Rudolf, der vom Kaiser schon als Kurfürst von Sachsen-Wittenberg Gehandelte, sich für jene Templer-Birken interessierte. Er soll sich gar schon einige Male auf dem Hohnstein aufgehalten haben. Könnte das gar dieser so sehr hofierte Mann gewesen sein, den ich vor Jahren da sah? Nichts wusste ich. Aber ich hatte Ahnungen… und ich dachte, dass ich mich auf ein gefährliches Spiel einließ. Sicher gar ein mein Leben bedrohendes Spiel.
Oh, wenn ich doch nur meinen Vater hätte fragen können… Aber das konnte ich nicht… mehr. So hatte ich nur die um mich, die ich mir gesucht hatte… oder die mich aus was für Gründen auch immer fanden und sich zu meinen Freunden machten.
Angst? Ja, die blieb.

Oran hatte einen Bruder. Einen jüngeren Bruder. Hora. Und der wollte immer die Macht. Oran verlachte ihn nur. Ich kannte es nicht anders. Immer machte er Hora lächerlich… vor den Jungfern, den Feinden, den Freunden… und Hora steckte es weg.
Als ich zwanzig wurde, damals im Jahre des Herrn 1348, da war es vorbei. Nicht wegen meines Geburtstages. Als ich nach Raten ritt, hörte ich die Schreie, das Wehklagen und all die anderen eindeutigen Botschaften… Endlich auf der Burg angekommen, sah ich Hora mit blutigem Schwert. Und weiter hinten lag Oran. Tot. Verblutet und doch massakriert. Hora sah mich und schlug mir die blutige Pranke auf die Schulter.
"Mein Freund, jetzt können wir wirklich tun, was wir wollen. Du und ich!"
Und er lachte, der Brudermörder.
Aber warum kam er mir so entgegen?
Ich merkte es bald. Ihm blieb nicht viel Raum, denn ich war ein Zeuge, ich hatte seine blutige Tat zwar nicht direkt gesehen, aber ich kam kurz darauf und er fand keine Ausrede dafür, warum er mit blutigen Schwert neben seinem ermordeten Bruder stand. Ja, das war es wohl.
Sollte ich ihn zur Rede stellen? Wenn ich dabei hoffte, auch noch heil aus alledem heraus zu kommen, so musste ich ihn vor allen seinen Leuten fragen und die Sache in Ordnung bringen. Sonst wäre er es, der mich hinterrücks meucheln könnte.
Aber Hora hatte anderes vor. Er wollte mich vielleicht benutzen, zumindest aber ruhig stellen. Und er machte mir ein Angebot.
"Das Land hast Du schon. Ich muss Dich unter meine Fittiche nehmen. So gebietet es die Tradition für so einen jungen Menschen, wie Dich. Ich könnte Dir im Rahmen dessen eine ganze Menge Freiheiten lassen!"
Ich glaubte nicht, was ich hörte.
Natürlich war es doch so, dass man erst mit einem Alter von einundzwanzig Lenzen als wirklich für alles verantwortlich galt. Ich war noch nicht so alt. Wenn ich aber ein Land führen wollte, dann musste ich weitaus mehr Jahre gesehen haben… vierundzwanzig. Und Hinnerk legte ja wohl eindeutig fest, dass ich mich bis zu diesem Geburtstag, diesem gesegneten Jahr also, unter Rathen, unter dessen Herrn zu stellen hatte.
Nein, ich war nicht böse, wenn ich so viele Freiheiten erhielt. Aber ich war auch nicht gerade glücklich, denn ich wusste, dass Hora nur eines Tages denken muss, dass ich nicht mehr sicher bin für ihn... und ich hatte sein Schwert am Halse… ja, so sah ich die wirklich mehr als nur düstere Zukunft vor mir.

Halt… noch war es nicht soweit. Noch konnten sie mich nicht davonjagen oder auch mit mehr Freiheit beschenken… denn Oran war noch nicht unter der Erde. Kam er auch nicht, denn er sollte seine letzte Ruhe hier in den Felsen finden. Da, wo er nur ein paar wenige Jahre herrschte. Da, wo ich wusste, dass Berek niemals solch einen Frevel wie hier zugelassen hätte.
Berek war tot… und nun auch Oran.
Einer hatte davon einen Nutzen. Das war allein Hora von der Duba. Ich hasste ihn jetzt wirklich. Und dabei wollte ich den Rathenern vertrauen, wenn schon Hinnerk auf Hohnstein nicht mehr mit meinem Vertrauen rechnen konnte. Jetzt hatte ich eben kein Vertrauen… Zu Niemandem. Damit mussten alle leben.
Zumindest lud mich Hora für einige Gespräche zu sich und wollte alles abstecken, was ihm nur in den Sinn kam. Ich sollte mich gefälligst seinem Willen beugen.
Nun, das war es nicht, was mich beschäftigte. Oran schenkte mir das Land und ich brauchte Hora nur wegen des Alters. Da werde ich doch nicht erst noch zulassen, dass…

Natürlich, wir waren dann nicht unbedingt die besten Freunde. Doch Hora hütete sich, gegen mich vorzugehen. Einmal versuchte er es… auf meinem Heimritt zum Falkenstein.
Ich war noch nicht richtig aus dem Amselgrund heraus, da hörte mein Begleiter schon ein paar komische Geräusche links von uns am Hang zum Berge zu.
"Ich habe ein ungutes Gefühl, Herr. Ich glaube, wir werden beobachtet!"
Er war wohl ein wenig pfiffiger als ich, denn ich konnte noch nichts erspähen, noch etwas hören. Aber dazu hatte ich ihn ja auch mit. Er war gut... und ich in Sicherheit.
Wir stoppten die Pferde und ritten gleich darauf im gestreckten Galopp weiter. Denn solch ein Manöver, das wusste ich, erwartete niemand von den Reitern hier am manchmal etwas unwegsamen Ufer. Zum Glück hatten wir gerade ein recht ebenes Stück gefunden. Den Pferden tat dies also alles nichts.

Natürlich wollten unsere Wegelagerer uns greifen. Warum? Ich wusste es noch nicht. Denn…
Nun, wir ritten also im Galopp und dann waren da noch schnell vier weitere Pferde, deren Reiter uns hinterherwollten.
Ich sah, wie die Verfolger aufholten und wusste, dass wir bei dieser Strecke unweigerlich in eine Falle gehen konnten, wenn sie entweder schon irgendwo vor uns jemanden versteckten oder aber es schafften, mit ein paar Männern an uns vorbei zu kommen. Und da die Elbe ja diesen gewaltigen Knick macht, war das schon mit einer Abkürzung über die Hochebene hinter dem Lilienstein möglich.
Doch darauf ließen wir es nicht ankommen.
Ich gab Konrad, meinem Begleiter, einen Wink und setzte mich nach Links ab. Er ritt noch geradeaus, sodass die Verfolger sich ebenso aufteilen mussten. Ein Unding eigentlich, denn sie waren nur zu viert. Ich legte das eben mit meinem Tun so fest. Dann waren wir wieder vereint. Die Stiege, die wir hier mit den Pferden hinauf nutzten, war steil. Und der Boden schien übersäht mit Geröll. Wer hier das letzte Mal geritten war? Keine Ahnung. Wir schafften es zumindest bis in die Höhe. Ich sah zwar, dass Konrads Pferd einige Blessuren davontrug und wusste auch, dass die Beine meines Tieres sicher schon bluteten… von den vielen um uns herumfliegenden Steinen… Aber wir mussten hinauf, und wenn wir die Pferde sonst gut behandelten, würden sie dies jetzt aushalten… müssen! Aber sie hielten sich… und wir uns auf ihnen.
Ich bemerkte, dass die Verfolger zurückfielen. Sie wollten es nicht, aber der Weg zwang es ihnen auf. Sie stiegen gar ab und versuchten, den Hang hinaufzurennen, auch eine der vielen schmalen oder weiten Schleifen, die wir immer noch ritten, abzukürzen und sich zwischendrin viel steiler nach Oben zu drängen. Einer trieb es zu bunt und sein Pferd rutschte schon auf dem Bauch, bald gar auf der Seite liegend, den Abhang wieder hinunter. Oh weh… das mussten sicher einige Schmerzen sein!

Wir erreichten endlich das Plateau und ich sah kurz nach den Hufen meines Pferdes. Alles in Ordnung. Nicht gut, aber in Ordnung…
Und schon, nachdem Konrad es mir bei seinem Tier nachtat, saßen wir wieder auf und jagten weiter.
Verfolger? Die hatten wir abgehängt und die sahen wir an diesem Tag auch nicht wieder.
Natürlich ahnte ich erst einmal noch nicht, dass dies nun auf Befehl Horas geschah.
Ich sollte in den nächsten Tagen erfahren, dass dem doch so war. ...

 

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