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     und Foto: Stefan Jahnke

 

Leseprobe - Birkkenkreuz - Band 4: Das Erbe

 

Prolog (Auszug)

"Der König erwartet, dass Ihr Euch sofort zu ihm begebt. Ich habe Order, hier zu warten und Euch zu ihm zu geleiten. Immerhin geht es um den Glauben und Eure eigene Sicherheit!"
Clemens dreht sich abrupt um, wütet ganz im Stillen. Diesem Schergen seines Freundes darf er seine Wut nicht zeigen. Niemanden geht es etwas an. Er, der Höchste des Glaubens, er muss sich so einem Kerl beugen, nur weil der ein gesiegeltes Papier des Freundes aus Paris bei sich trägt.
"Nun, wie lautet Eure Entscheidung? Philipp von Frankreich hat nicht den ganzen Sommer Zeit!"
Ja, ja, das kennt der Papst schon zur Genüge. Macht… Angst… all dies haben sie oft gemeinsam genutzt. Und schließlich wurde der Freund gar zum König. Nun ja, er tat schon einiges dafür. Immerhin war er Philipp etwas schuldig. Der finanzierte seinen Aufstieg, bestach die rechten Männer in der Kurie, aber auch unter den vielen Bischöfen. Nicht umsonst ist Frankreich eine wichtige Macht der heiligen Mutter Kirche. Nirgends sonst findet man so viele Kirchen auf wenigen Flecken. Aber sein Orden… dass er diesem Wahnsinn zustimmte… nun ja, die Verschwendungssucht! Hätte er doch nur geahnt, dass der König seinen Aufstieg in Rom mit Geld aus den Kassen der Templer bezahlte! Irgendwann, das ist auch ihm klar, irgendwann verlangt der beste Kreditgeber sein Silber zurück. Aber Philipp hat nichts, will vielmehr immer noch mehr ausgeben und schert sich den Teufel darum, dass man ihm nicht zutraut, mit dem Gelde auch wirklich gut umzugehen.
"Ja, ich folge Euch. Aber eine Reise nach Paris ist vorzubereiten. In drei Tagen können wir aufbrechen. Eher auf keinen Fall!"
Der Bote des Königs schaut verdattert auf den Papst, der in dem weiten Mantel, gefertigt aus besten russischen Zobeln, die auch noch weiß waren und somit eine Besonderheit darstellen, vor ihm steht und gerade versucht, seine doch längst gebrochene Macht zu behaupten. Trotzdem wagt es der Scherge nicht, etwas Gegenteiliges zu erwidern, dreht sich nun auch um und stapft hinaus.
Clemens lacht ein wenig. Nein, lustig ist es ihm nicht zumute. Dazu scheint die ganze Situation zu ernst. Er ist selbst schuld daran. Er nahm sich seine kampfstarke Armee, steht nun auf Gedeih und Verderb in der Schuld des Königs und muss tun, was der befiehlt. Ja, gut, nach Frankreich zu ziehen, das wäre vielleicht noch zu verstehen… aber dass er sich nun auch noch herablassen musste, seinen eigenen und kampfstarken Orden zu brechen… nein, der ist noch lange nicht tot. De Molay sitzt zwar in Paris im Kerker, wird sicher fluchen, aber soll nicht gefoltert werden. Zumindest versprach ihm das der König. Was er von Versprechen halten kann… na ja, den Palast hier in Avignon soll er schließlich doch selbst bezahlen, bekommt nichts mehr von Philipp… aber die Kassen sind voll. Noch. Die Templer allein sorgten über Jahrzehnte dafür. Genau wie für die Sicherheit Seiner Heiligkeit… wer auch immer dies gerade war.
Mühsam nur beruhigt sich Clemens. Ja, es ist seine Schuld. Seine Eigene. Nichts wird sich mehr ändern lassen. Wen der König im Kerker hat, den lässt er nicht mehr lebend heraus. Nicht, wenn es um Gold und Silber ging… was er nicht einmal bekam.

Lachen… lautes Lachen dringt aus dem Saal der Audienzen in der kleinen Burg. Schon liegen die Pläne für eine gewaltige Festung bereit. Irgendwann, das weiß er genau, der Papst, irgendwann wird sie fertig und errichtet sein. Ob er dies noch erlebt? Egal… er lacht trotzdem.
Nichts konnte Philipp sich einverleiben. Niemand unterstützt ihn jenseits der Grenzen des Reiches seiner Macht. Selbst der Kaiser spricht gegen ihn, malt ihn in den schlimmsten, düstersten Farben vor Volk und seinen eigenen Fürsten. Das wäre sicher anders, wenn der Tresor von Paris nicht leer gewesen wäre. Zu leer. Überall Verrat. Dieses Mal sicher zu einem guten Zweck. Noch hofft Clemens darauf, dass ein Templer, ein Bote des Ordens bei ihm erscheint, um Gnade winselt und ihm anbietet, alles Gold, was sie so wunderlich schnell und geheim auf die Seite schaffen konnten, zu übergeben, um den Orden zu erhalten. Was er tut? Er weiß es nicht. Wankelmut… aber trotzdem Heiterkeit. Wie werden die Augen seines Freundes in Paris wohl ausgesehen haben, als er, mutig voran seinen Männern, den Tresor erreichte, aufbrach und… leer fand? Natürlich schickte er in alle Richtungen, versuchte, einiges in Erfahrung zu bringen. Sogar ihn selbst hatte er im Verdacht. Immerhin kannte der Papst Tag und Stunde der Übergriffe… aber selbst wenn… er wird es nicht wagen, ihn zu massakrieren, ihm gar das Leben zu nehmen, nur um an die Schätze zu kommen. Aber auch Clemens weiß nichts. Nur eben, dass die Flotte, die komplette Flotte, dass sie verschwand. In der Nacht vor dem Übergriff. Gar aus Spanien treffen Nachrichten ein, dass an allen wichtigen Burgen die geheimen Häfen leer, die Galonen und andere wichtige Schiffe verschwunden sind. Dabei segelt man doch in Küstennähe… aber nichts. Nicht einmal der hörigste Fischer oder der dümmste Bauer sah angeblich etwas auf dem Wasser, entdeckte ein oder mehrere Schiffe mit den unverkennbaren roten Tatzenkreuzen auf den schlohweißen Segeln. Einfach fort. Nun ja, egal eigentlich. Ihn geht es nichts an. Er ist… der Papst. Und es geht um seinen Orden. Noch hob er ihn nicht auf. Wie Philipp das bei ihm erreichen will, weiß er noch nicht. Aber dass er es versucht, ist so gewiss, wie das Amen in der Kirche…
Amen…
Na, man wirft seinen Templern eine Menge vor. Er will es nicht glauben. De Molay kennt er persönlich. Oft saßen sie beisammen, versuchten, einen Weg zu finden, sich wieder weiter nach Osten zu begeben. Aber die Zeiten der großen Kreuzzüge sind vorbei. Nichts erinnert mehr daran und niemand wird die Geschichte heraufbeschwören. Zu gefährlich… wie auch die Stimmen aus Rom.
Kein Silber. Nun wird die Freundschaft zum König auf eine Probe gestellt. Denn Silber und Gold waren die einzigen Gründe, warum Philipp seine Schreiber herzuholte und all diese fadenscheinigen Gründe erfand, die nun allen offiziell vorgelesen werden, die den geplanten Untergang der Templer nicht eingestehen oder verstehen wollen. Gold fehlt… Schiffe fehlen… viele Templer auch. Und Unterstützung gibt es ebenso wenig. Was ist eigentlich mit all den anderen Dingen, die de Molay unter seinen Fittichen haben sollte? Er sah es nie, das Kreuz, auch nicht die Lade oder gar den Gral. Böse Zungen behaupten, dass die Ritter seines so mächtigen Ordens sich in Gelagen über den Heiland lustig machen und natürlich vor dem Kreuz herumhuren, aus dem Becher Christi Blutwein saufen und sich über die Gesetze in der Lade lustig machen. Aber das wäre…
Er kann es nicht abstreiten. Die, die dagegen reden, die sind schwach, weil sie eben Templer sind, damit in einer schlechten Position. Und er will… nein, er will sich all dies nicht weiter anhören. Seine Ritter mögen tun, was sie wollen. Er wird es Philipp schon klarmachen, dass der sich nicht benehmen kann, wie ein Verrückter.
"Schnell, packt alles zusammen für eine Reise zum König!"
Es gab Zeiten, da musste ein Herrscher zum Papst reisen. Damals… es ist noch gar nicht lange her, da reichte nur die Drohung, denjenigen zu ächten, ihn zu bannen, ihn aus Gottes Schoß zu stoßen und schon kamen sie angerannt, brachten Geschenke und gute Worte, warteten bereitwillig darauf, dass man ihnen vergab, sie nicht länger in der Düsternis warten müssen…
Und jetzt?
Er, der Papst, er verließ den Fels Petri. Das allein ist schon… dumm gewesen. Aber nun auch noch zu Philipp zu reisen… Sollte er diesen Boten kommen lassen, ihm mitteilen, dass der König gern zu ihm treten dürfte, wenn er etwas wolle, er sich aber nicht imstande sieht, Gleiches für ihn zu tun?
Folgen… er hat Angst davor.
"Komm, Hora, komm, schnell… da hinten sind Soldaten. Wir sollten uns beeilen, damit sie uns nicht noch entdecken!"
Matej gibt seinem Pferd die Sporen und schon fliegt es über die Felder auf das nahe Waldstück zu. Hora wendete sich eben noch um, sah, was der Vater meinte, folgt ihm widerwillig. Er hat dieses ewige Fliehen und Verstecken so satt. Aber er versucht zumindest, es nicht zu offen zu zeigen.
Die letzten Wochen waren hart. Erst der Winter, der nicht enden wollte. Viele Meilen mussten sie zurücklegen, um einen geeigneten Ort zu finden. Erst dachte Matej wohl, im Kreuzberg beim Tempelhof einen guten Ort zu finden. Aber Jacobus und dessen Art, alles für sich allein zu beanspruchen, machten ihm Angst. Er entschied sich für einen anderen Ort, den man sicher nicht sofort mit einem Templer in Verbindung bringen würde. Aber wenn man nur lange genug darüber nachdenkt, kann man auch darauf kommen. Doch wer in diesen Tagen denkt überhaupt noch?
Der Orden wird zerschlagen. Ein halbes Jahr sitzt der letzte Großmeister nun schon im Kerker. Immer wieder, wenn sie unverhofft oder doch irgendwie geplant auf versprengte Horden des Ordens oder deren Sympathisanten treffen, erfahren sie nichts anderes, als dass die Nachrichten aus Paris erschreckend sind. Der Glaube, so meinte Vater erst letztens, der existiert in diesen Tagen nicht mehr. Wenn man dem heiligsten Orden solche Verfehlungen vorwirft und der Heilige Vater es nicht für nötig hält, ihnen dagegen zu helfen, dann ist alles in Gefahr. Man könnte fast annehmen, dass der Papst selbst sich mit einer schwarzen Katze in sein unreines Bett legte, um sich so zu versündigen. Aber das wäre… eine Lästerung zu viel!
"Verdammt… sie haben uns entdeckt. Schnell, Junge, schnell… wir müssen ihnen entkommen!"
Noch nie sehnte sich Hora so sehr nach dem alten Prag. Dahin wollen sie, da wissen oder ahnen sie, dass ihnen nichts Schlimmes geschehen kann. Denn der Kaiser selbst gab ihnen einst dieses Lehen. Als Verwaltungsbezirk, wie man es offiziell nennt. Dass jener Peter in ihrer Familie auch der Großmeister von Böhmen war, tat dabei sicher wenig zur Sache. Immerhin ging es doch eher um… um den Glauben und den Ort, die Macht und die Sicherheit auf dem Wege von Orient zu Okzident. Dabei haben sie noch nie irgendwen enttäuscht. Jetzt auch nicht. Nichts geben sie preis. Und das bleibt auch so!

Der Wald ist dunkel. Sie finden nur mühsam einen Weg, hoffen einfach, dass diese Zunge nicht so kurz ist, dass diese Horde von Bewaffneten, wer auch immer die sein sollten, sie einfach umreiten kann, um sie gefangen zu nehmen.
"Halt! Halt, oder Ihr seid des Todes!"
Tod und Teufel… sie stehen bereits zwischen den Männern. Und…
"Aha, habe ich Dich doch noch bekommen, Templer!"
Jacobus! Der verdammte Überläufer… das ist ihr Ende!
Sofort läuft vor Matejs Augen alles ab, was nun geschehen kann. Nein, sein Sohn darf nicht in Gefangenschaft geraten. Er muss… zurück nach Prag, das Geheimnis bewahren und sich von nichts und niemandem irremachen lassen… er ist… sein einziger Erbe!
Der Birke zieht sein Schwert. Einen Moment schaut er verklärt darauf. Nein, es trägt keine Insignien des Ordens. Dafür musste schon auf dem Hradschin gesorgt werden. Aber es ist von der gleichen Bauart, wie sein eigentliches Schwert, welches vormals sein Großvater trug… immer über eine Generation hinweg werden die guten Waffen übergeben. Auf Hora wartet das Schwert von Matejs Vater… Wenn er es denn jemals wieder in den Händen halten kann!
"Lass meinen Jungen gehen. Er ist… ist doch ein Kind an Jahren! Ich werde es mit Dir ausfechten. Verstehst Du? Ich bin…"
Der belustigte Blick Jacobus' lässt ihn innehalten.
"Glaubst Du wirklich an solch eine Niedertracht? Dafür schon sollte ich Dich gleich zu Deinen Ahnen versammeln! Verdammt noch einmal, Matej… Berlin und mein Tun dort, das ist das eine. Aber Freundschaft und Ehre, der Orden und unsere Ideale… die sind etwas ganz anderes. Also auf, Männer… hier lagern wir und morgen ziehen wir nach Osten!"
Osten… noch begreift Matej nichts. Als sie jedoch wenig später ohne Fesseln und auch nicht besonders bewacht von Jacobus Männern am Feuer sitzen, scheint er langsam klarer zu sehen.
Was soll das?
Der zu den Johannitern konvertierte Ritter schaut belustigt in die Runde und auch einige seiner Männer, zwanzig sind es an der Zahl, lachen ein wenig, ehe er schließlich berichtet.
"Habt Ihr alles erledigt?"
Die Frage schon wäre… nein, nicht nach etwas Bestimmtem fragt Jacobus. Er steht nur eben neben den knisternden Flammen und schaut sinnierend in die Runde.
Matej nickt ihm zu.
"Ja, alles erledigt!"
Er ist vorsichtig. Nicht einen Moment traut er dem Frieden.
"Der Kaiser will kein Blutbad. Weiter unten im Meißnerischen begnadigt man schon einige Templer, in Köln sind sie nicht einmal vors Gericht gezerrt worden. Ich glaube gar, der Philipp in Frankreich wird noch einmal einen so dicken Hals bekommen!"
Alle lachen. Matej versucht, vorsichtig mit einzustimmen.
Hora hingegen stößt den Vater immer wieder an. Er will fliehen, ahnt schon, dass sie dabei einigen Mut und vor allem viel Glück haben müssen. Doch sein Vater winkt ab. Noch will er nicht fort, muss erst erfahren, was man mit ihm spielt, was dies alles soll, wie er es einordnen kann. Und doch… kann er sich nichts, aber auch gar nichts davon wirklich erklären.
"Gut denn… Hora, Junge… bleib nur hier. Du kannst jederzeit gehen, wenn es Dir beliebt!"
Ja, klar… ohne Waffen. Und wenn er ein gutes Stück fort ist, ihnen den Rücken zuwendet, wird er gleich einen Bolzen darin spüren. Nein, so dumm ist er nun auch nicht!
Na gut, ein wenig wundert er sich schon, dass man ihnen die Waffen lässt, nun auch noch ein freundlicher Blick dieses doch seit Tempelhof verhassten Ritters auf ihm ruht… aber…
"Die Jugend… ungestüm und immer darauf aus, etwas Böses zu finden, damit man es mit viel Mut besiegen kann. Los, Matej, sag ihm, dass ich Euch nichts Böses will!"
Nichts Böses… Matej spuckt kurz aus, schaut zum Ritter. Ihm trauen? Nein, das will er nicht. Das wäre… sicher ein Fehler.
"Mein Gott, glaubst Du wirklich, Ihr wärt jetzt auch nur noch ein wenig am Leben, wenn ich Euch aufbringen wollte? War ja schon ein Husarenstück, Euch weißzumachen, dass wir da hinten weiterreiten, wobei wir schon den besten Weg um den Wald herum kannten… und dass Ihr hier drinnen kaum von der Stelle kommt. Na ja, vergib mir nur, ja?"
Er hält Matej die Hand herüber. Nichts deutet darauf hin, dass er noch einmal einen Verrat begehen will. Sollte er ihnen wohlgesonnen sein? Was will er aber?
"Ich? Nichts weiter, als Euch Sicherheit und Schutz anzubieten. Nach Prag geleite ich Euch zurück. Nicht mehr und auch nicht weniger."
Und für welchen Preis?
Hora glaubt an sein Leben. Vielleicht will Jacobus auch selbst als graue Eminenz den gerade in Gefahr befindlichen Orden führen… alles an sich bringen? Matej hingegen denkt nur an das Kreuz und dass Jacobus sicher erfahren will, wohin er es brachte. Dieses Kreuz und die anderen Reliquien bedeuten Macht. Viel Macht… über alles, was man sich nur ausdenken mag.
"Nein, lasst mal schön Euer Wissen, wo es ist. Ich bin vielleicht ein Heißsporn und sicher auch manchmal etwas voreilig. Aber, und das wirst Du mir hoffentlich nie vergessen, Matej, ich kenne meine Grenzen und weiß, was Freundschaft bedeutet. Gerade in diesen Zeiten… Und mal ganz im Vertrauen… der Kaiser gibt mir den Tempelhof eh' zu Berlin hinzu!"
Der Hof. Nur immer der Hof. Das ist doch nicht normal, oder?
Angewidert wendet sich Matej ab.
Hora hingegen brennen die Fragen auf der Seele.
"Ja, ich will nichts wissen. Ich bringe Euch nach Prag und sorge dafür, dass niemand davon erfährt, wo Ihr wart. Das allein ist doch wichtig, oder? Also… vertraut mir oder lasst es bleiben. Erzählt mir, was Ihr immer loswerden wollt, oder bleibt stumm. Spätestens wenn Du, Matej, wieder dein Liebchen auf der Burg in die Arme schließen kannst, wirst Du mir einfach glauben müssen. Verstanden? Und Du, Hora, solltest gleich eines für Dein hoffentlich langes Leben lernen… nicht jeder Disput zwischen Männern zerstört Ehre und Freundschaft. Scheinbar weiß das nicht einmal Dein Vater genau. Aber er wird es auch bemerken. Ganz sicher bin ich mir dabei!"
Jacobus lacht und geht vom Feuer fort.
Ungern wickeln sich die Birken in ihre Decken und Felle, legen sich halbherzig schlafen. Noch glauben sie keinen Moment, dass sie den Morgen lebend und in Freiheit erleben werden. Aber wenn der Körper Schlaf braucht, dann soll er ihn auch erhalten!

Drei Tage ist Clemens unterwegs nach Paris. Die Straßen scheinen schlechter zu werden. Er denkt an die in Rom. Besser, älter, fester und auch überall gebaut. Von jenen, die einst für den Tod des Heilands sorgten. Wie man sich das nur zusammenreimen kann? Geschichte ist doch immer wieder für Überraschungen gut!
Der Palast des Königs ist ein großer Komplex. Viele Bauten, die in den verschiedensten Zeiten errichtet wurden. Danach hat dieses Paris auch etwas von Rom. Ein Durcheinander. Nur eben, dass man hier nicht für die Ewigkeit baute.
Mühsam schleppt sich der von der langen Reise müde Papst nun die nicht enden wollende Treppe hinauf zu den Gemächern, die man ihm zuwies. Er freut sich auf ein ordentliches Bett. Das Stroh im Sack letzte Nacht war schlimm. Kaum ein paar Augenblicke konnte er die Augen schließen. Dazu auch noch dieses Knabbern von Mäusen in der heruntergekommenen Wirtschaft… nun ja, der Bote des Königs ist auch nicht gerade bewandert bei der Beherbergung so eines wichtigen Mannes, wie des Papstes. Oder, denkt er für sich, war das gar der Plan? Er soll sehen, dass er ein Nichts ist… gegenüber dem herrlich strahlenden Freund auf dem Thron des Reiches der Franken. Nun gut… eigentlich ist es ja auch so. Aber wahrhaben will er es nicht. Der Höchste des Glaubens… wer diese Stellung missachtet, spielt mit seinem Selenfrieden. Egal, ob er dann dafür sorgt, dass ein ihm gefälligerer Mann auf dem Stuhle Petri zum Sitzen kommt… nichts kann einen Frevel gegenüber dem Papst rechtfertigen.
Müdigkeit ist es immer noch, die Clemens zum Wein greifen lässt. Er trinkt mit hastigen Schlucken, entkleidet sich dabei und fällt auf das Bett. Weich. Endlich. Der Traum wird…
Laut donnert eine Faust an die eben erst geschlossene Tür.
"Hey da… der König verlangt nach Euch!"
Als wäre er ein Diener dieses Affen! Unbedingt muss er mit Philipp reden. Der kann ja ruhig über ihn denken, was er will. Aber in der Öffentlichkeit solche Beleidigungen zu erfahren, beschmutzt die ganze Religion… verdammt aber auch!
Fast nicht mehr wirklich munter versucht Clemens, sich in seinen Mantel zu wickeln. Hätte er doch nicht noch einige Becher dieses schweren Weines getrunken! Verdammt aber auch… wenn Philipp jetzt mit ihm über so wichtige Dinge, wie Gold und Orden sprechen will, dann ist er einfach nicht mehr zu einer wirklich durchdachten Antwort fähig. Ein weiterer Plan des Königs? Macht man sich so die Menschen noch abhängiger?
Nun schlurft er wieder die Treppe hinunter. Irgendwie muss es wohl weit sein bis zum Sitz seines Freundes. Dabei gehört dieses Gebäude, in dem er abstieg, schon im weitesten Sinne zum Palast. Komisch… trotzdem soll er in eine Kutsche steigen. Na, hoffentlich hat die wenigstens bessere Federn, als die, mit der er bis hierher fahren musste… zweimal brachen Achsen und mehrmals mussten die Lederbänder zwischen Unterbau und Kabine gewechselt werden. Einmal rutschte der ganze Wagen fast in eine Grube. Nur weil sich einer der Soldaten opferte, sich selbst mit Pferd und Körper gegen das Rad warf, dabei umkam, konnte er selbst noch aus dem Wagen springen, sich retten. Verdammte Kiste… auch diese Kutsche sicher!
Es geht durch die dunkle Nacht.
Das Holpern auf der schlechten Straße raubt dem Papst fast den Verstand. Er will sich übergeben, versucht, diesen wohl mehr als menschlichen Drang zurückzuhalten, erinnert sich an das kleine Fläschchen, das er irgendwo in seinem Gewand verbirgt. Sein Sekretär gab es ihm noch in Rom. Gegen alle Arten der Reisekrankheit. Wenn man es nicht beim letzten Legen des Gewandes herausnahm, müsste es noch… ah, ja, da ist es ja. Wenn der Trunk auch bitter wirkt… ein wenig nimmt er gleich beim daran Riechen den Drang, aus sich herauszugehen. Oh, wenn nun auch noch das Geschüttel bald aufhören würde… nun, einen guten Selbstgebrannten würde er jetzt auch vertragen. Aber der Wein, die Müdigkeit und die Straße waren schon mehr als genug. Er muss sich nicht noch mehr zumuten, um dann vollends nicht mehr zu gebrauchen zu sein. Das wäre… eine ungewollte Selbstkasteiung. Zumal eben die Kutsche nach lauten Rufen der Eskorte zum Stehen kommt.
"Wisst Ihr eigentlich, dass man in England, oben im Norden auf der Insel, gerade drauf und dran ist, sich gegen alle Befehle und Bullen des Papstes zu stellen?"
Hora horcht auf. Er war gerade ein wenig weggenickt. Nein, einen Schlaf kann man dies sicher nicht nennen. Zu groß bleibt die Angst, zu stark sind die Bilder vom offenen Streit Jacobus mit dem Vater bei Berlin-Cöln. Und doch hat die Stimme des Ritters etwas Beruhigendes. Er weiß nicht, warum.
Matej fuhr auch auf. Alle versuchten bis eben, Ruhe zu verbreiten, die, die schlafen durften, auch schlafen zu lassen. Wie es eben in einer Gemeinschaft üblich ist.
"Ja und? Was soll das? Die können tun, was sie wollen. Wird es Clemens zu bunt, erlässt er noch eine Bulle und bannt einfach diese Männer auf dem Thron Englands. Dann werden sie ja sehen, was geschieht. Nicht umsonst gab es ganz andere Glaubenskriege unter den Christen… nicht zu verschweigen die der Gläubigen gegen die, die einer anderen Religion anzugehören scheinen!"
Matej lacht bei seinen Worten finster vor sich hin. Hora kann den Vater nicht sehen, stellt sich jedoch eben eine Fratze vor, wie man sie nun wirklich nicht alle Tage zu sehen bekommt.
"Nun denn, das ist aber der Anfang vom Ende. Erst flieht der Pontifex aus Rom, obwohl gar keine wirkliche Gefahr vorhanden ist, glaubt seinem Freund und Gönner, dass der nur Gutes im Schilde führt, unterzeichnet dann dessen Aberkenntnis der Schulden bei den Templern und sagt nicht einmal etwas, als schon der Tag des feigen Überfalls auf diese feststeht… Und wenn England und dessen dumme Lords sich querstellen, folgen noch andere Reiche nach. Der Kaiser zeigt es schon. Kein Templerbesitz ist fortzunehmen, kein Templer zu verurteilen. Alle werden mit höchster Ehre empfangen und behandelt. Nur eben… ohne die Macht des Papstes. Aber braucht ein Orden unbedingt den Papst? Was denn, wenn alle Ritter der Armut nun einfach zu weltlichen Fürsten überlaufen und dort eine sehr wenig zu zwingende Macht darstellen? Dann, mein Freund, wäre es wohl lange schon nicht mehr möglich, sich als ein Anhänger des Papstes zu zeigen. Weißt Du, Matej…"
Der Ritter von Nybede lacht verschmitzt, als er näher an die Birken herangeht.
"…ich glaube ganz sicher, dass schon andere Institutionen sterben mussten wegen weitaus geringerer Vergehen. Und ein Vergehen ist das allemal, was Clemens seit seinem Fortgang aus Rom tut!"
Jetzt muss auch Matej nicken. Dann schaut er zu Hora und legt sich wieder zurück. Dieser Jacobus hat etwas… und er ist froh, dass er nicht wirklich zu seinen Feinden zählt.
Clemens fasst nicht, wo er sich befindet.
"Ja, das ist der Kerkerstein. Kommt. Der König erwartet Euch!"
Im Kerker?
Clemens beginnt zu schlottern. Nicht vor Kälte. Diese Nacht ist schön und warm. Ruhig fühlt sich die Luft um ihn herum an. Nichts erinnert nur einen Moment daran, dass er in Bedrängnis geriet, als er sich Philipp ergab. Nein, er weiß es, er hätte nicht kommen sollen. Wenn der Kerl, der sich seinen Freund nennt, jetzt wirklich diese Templer gefangen nahm… und daran hegt er wahrlich keinen Zweifel… dann schreckt er sicher auch nicht davor zurück, den Papst in Ketten zu legen, ihn einfach wegzuschließen und einzumauern.
"Wohin bringt Ihr mich?"
Die Angst in Clemens Stimme ist lustig für den Schergen, der ihn führte. Doch er hat scheinbar keine Order, sich zu erklären, geht einfach nur vornweg und lässt alle Wachposten strammstehen, die ihnen am Wege erscheinen.
Schließlich, als er noch einer langen Wendeltreppe in die Erde folgt, steht der Papst in seinem Zobelmantel in einem dreckigen Raume, der nur von drei rußenden Fackeln erhellt wird. Vor ihm sieht er Soldaten, die sich in unflätigen Worten einem Kartenspiel hingeben. Zwischen ihnen sitzt Philipp.
Zweimal muss der Pontifex hinschauen. So tief sank der König der Franken also schon, dass er sich mit gemeinem Volke gleichmacht und mit ihnen, aus was für Gründen auch immer, Karten spielt. Vielleicht will er gar so seine Kasse wieder aufbessern? Doch das schafft er sicher nicht. Nicht mit allen seinen Waffenmännern kann und wird er um den Sold spielen. Und irgendwann bekommen es alle mit, werden erkennen, dass er nicht als Ehre mit ihnen spielt, sondern um sie um ihren Lohn zu betrügen. Dann nehmen sie auch keine Rücksicht mehr und ziehen ihm seinen letzten Heller aus den sicher schon löchrigen Taschen seines einst edlen Gewandes.
"Oho, der Heilige Vater selbst!"
Der fast verhöhnende Ruf schallt von den Wänden wider.
Gleich schauen alle auf, wollen erst lachen, erkennen aber in Clemens nicht nur wegen seines Aufzuges sein wahres Ich und fallen, den König allein am Spieltische sitzen lassend, reihenweise auf die Knie.
Der hebt seine Hand mit dem Fischerring und gleich robben und kriechen sie herzu, auf dass er sie segnet.
Philipp sieht belustigt zu.

...

 

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