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     und Foto: Stefan Jahnke

 

Leseprobe - Wohnmobil - In Europa unterwegs

 

Kapitel 8 – Hagelschlag in Südfrankreich


Ist das nicht wie im Mittelalter… Einmal von den Schildern abgesehen. Aber stellt man sich nicht so die alten Städte vor? Egal wo… in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien… überall sahen sie doch ein wenig ähnlich aus. Und dies hier erinnerte mich schon an Rothenburg ob der Tauber, die japanische Kleinstadt unter deutscher Führung… hahaha… Ein wenig ist es da schon so. Und hier… hier waren wir völlig allein. Keine fotowilden Touristen, kaum Menschen auf den Straßen, in den Gassen. Interessant und anheimelnd. Und vor allem beruhigend nach so großen Städten wie Cannes, San Remo, Venedig… und wie sie alle hießen.

Jeder Blick bot neue Perspektiven. Überall gab es andere Einblicke in diese alte, neue Welt an unserer Strecke.

Kurz nachdem dieses Foto entstand und ich gerade die Videokamera für eine Momentaufnahme hervorglaubte, kam von der oberen Straße auf dem Motiv eine alte Ente, ein Citroen aus den Sechzigern, im Mördertempo herunter gebraust. Man hörte das Knattern schon eine ganze Weile und ich glaubte nicht, was ich sah… Mit einer halben Bremsung und einem fast halsbrecherischen Stunt zog die Ente an dieser Kreuzung herum und fuhr ohne wirklich zu stoppen im spitzen Winkel zurück in die untere Straße. Auf dem Video habe ich zumindest den Krach dieses Autos festhalten können, als es nach unten verschwand, und ich musste unweigerlich an die verrückten Schwestern, die Nonnen denken, die mit einem ähnlichen Auto in manchen Louis-de-Funès-Filmen ebensolche verrückte Fahrmanöver hinlegten und selbst den durchgeknallten Polizisten aus St. Tropez zur Verzweiflung brachten.
Ja, so ähnlich ging es hier zu.
Nun, ich war zu langsam. Aber vielleicht hätte mich dieses Foto dazu verleitet, es hier zu zeigen... und ich denke, es hätte das Flair dieser Gassen mehr zerstört als hervorgehoben.

Der Regen schien schon wieder vorbei. Erst einmal war es zwar noch bewölkt und kühl. Kein Problem, denn wir hatten ja die Zwiebeltaktik gelernt und entsprechend dünne Sachen zum Übereinanderziehen dabei. Ob die Sonne heute noch durchkommen würde? Keine Ahnung. Ich ging positiv denkend davon aus. Zumal der Deutsche Wetterdienst für heute gar keinen Regen ansagte. Na, wir werden sehen!
Wir strichen durch den Ort wie durch ein Museum. Da gab es eine lustige alte Laterne, dort einen Trog vor dem Haus, der vielleicht irgendwann einmal das Hausschwein oder das Pferd eines edlen Reiters mit Wasser versorgte. Denn man sollte sich nicht täuschen… die Herren vergangener Tage hatten nicht immer große und geräumige Häuser, ja gar Schlösser. Es ging ihnen auch nicht immer so gut, wie wir es heute in manchem Film sehen oder in den Mittelalterromanen lesen können. Wenn es den Bauern, den Städtern, den Dörflern nicht gut ging, dann aßen auch die Herren Hirsebrei und tranken statt edlen Weines einfaches Wasser.

Und doch versuchten diese Herren, sich ein schönes Umfeld aufzubauen. Die ersten Bürger der kleinen Orte und Städte, dazu die Bauern, die hiesige alte und junge Landbevölkerung schlechthin, versuchten allesamt, die Orte und Städte nicht nur funktionell, sondern auch schön zu gestalten. Torbögen und Treppengänge… all das fanden wir immer wieder vor. Ich hatte das Gefühl, als wenn man extra für uns gerade eine neue Sektion des Museums eröffnete, von der nur wir allein erfuhren, sie also ohne andere Besucher besichtigen durften.

Das Wetter war nun gut und wir liefen zum Markt. Zumindest sah der erreichte Platz aus, wie ein kleiner Markt- oder Dorfplatz. Männer saßen auf Stühlen vor ihren Hauseingängen, einige Läden gab es links und rechts des Platzes und in der Mitte standen Bäume, sehr alte Bäume, und ein kleiner Brunnen.
Am oberen Ende gab es ein kleines Cafe… eher ein Restaurant. Wir hatten Lust auf ein Getränk, vielleicht einen Eisbecher, und setzten uns zu Les Platanes. Der Name sagte ganz klar, welche Bäume um uns herum am Platz standen.

Unter einer Jalousie saßen wir vor dem Restaurant auf dem Marktplatz und sahen, wie sich der Himmel binnen Minuten zuzog. Na, das würde wohl doch einen weiteren Regen geben?
Bald schon hatten wir unsere Getränke vor uns stehen... und die ersten Tropfen fielen. Bloß gut, dass wir nicht an einem Tisch weiter vorn saßen und so erst einmal vor dem Himmelswasser geschützt blieben.

Immer stärker wurde der Regen. Ich hatte ein ungutes Gefühl. Ob das wohl jetzt so weiter geht? Und wenn ja… Wie kamen wir zum Campingplatz zurück?

Der Wirt nahm die Sache gelassen. Er hatte seinen Umsatz und senkte gleich einmal die Getränkepreise. So wurde mehr getrunken von den wenigen Gästen, die zum Einen aus ein paar Arbeitern von einer der umliegenden privaten Rekonstruktions- und Baustellen und zum Anderen aus uns bestanden. Regen… Wirtschaftsmotor?

Es dauerte eine ganze Weile, ehe sich die Wasserstränge wieder in Tropfen und später in Nieselregen verwandelten. Wir hatten Zeit, uns das Schauspiel anzuschauen und auch mit den Bauarbeitern zu reden. Die meinten, dass es hier öfters mal zu solchen spontanen Unwettern käme. Zwar in letzter Zeit weniger. Aber grundsätzlich schon häufiger als anderswo. Sie mussten es ja wissen, denn sie kamen seit Jahren… der eine schon seit gut zwei Jahrzehnten… viel auf den Baustellen der Region herum. Da lernt man das. Da merkt man auch, wenn ein Unwetter ansteht… außer in Volonne. Hier kommt alles immer sehr plötzlich. Ohne große Vorwarnzeit. Da erlebten wir heute noch fast Luxus, denn der kleine Regen vorhin an der Kreuzung… war ein Vorbote, ein Hinweis auf das, was wenig später nun wirklich eingesetzt hatte.
Na, fehlte nur noch Hagel, oder?
Jetzt gab es erst einmal keinen und so musste der Wirt die Jalousie noch nicht einrollen. Wir saßen trotz dieses Unwetters weiter auf der Straße... und doch im Trockenen.

So schnell, wie der Regen kam, so schnell verzogen sich schon wieder die Wolken und ich wollte es erst gar nicht glauben… Sogar die Sonne kam wieder heraus. Der Wirt schaute belustigt zum Himmel, bat uns, dass wir uns mal schnell zur Seite setzen sollten, und dann stieß er mit einem Stab an die Jalousie über unserem Tisch. Der Wasserschwall ergoss sich auf den Dorfplatz. Wenig später begann schon die nasse Straße zu trocknen. Zum Glück wurde es nicht schwül. Also hatten wir vielleicht das Gröbste hinter uns? Kein Gewitter mehr? Kein Regen?
So schnell kann sich alles ändern!

Noch gut zwei Stunden wanderten wir anschließend durch den Ort und konnten einfach nicht genug von all dem bekommen. Aber gut, irgendwann mussten auch wir auf den Campingplatz zurück... Und da wurde es schon merklich dunkler. Der Abend hatte uns erreicht.

 

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