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     und Foto: Stefan Jahnke

 

Leseprobe - Wasser

 

Prolog

„Sie müssen sich das nicht antun. Der liegt sicher schon eine Woche im Wasser und bei mir dreht sich da immer der Magen um!“
Lerchner von der Spurensicherung ist immer sehr mitfühlend. Doch als leitender Ermittler habe ich nun einmal die Pflicht, mir einen genauen Überblick über den Fund und alle eventuell damit im Zusammenhang stehenden Umstände zu machen. Auch auf die Gefahr hin, das Frühstück wieder zu sehen.
Wasserleichen sind wirklich kein schöner Anblick. Ich denke zurück an meine Einsätze bei der Hilfstruppe in Bosnien. Damals, 1992.
Aber da war ich abgehärtet, hatte täglich Tod und Leid vor den Augen, konnte den Geschützdonner hören, fand am nächsten Morgen Gesprächspartner vom Vorabend tot in ihren Betten oder auf der Straße. Das stumpfte ab.
Dann die Versetzung hierher. Eigener Wunsch. „Sommer, ich kann Sie verstehen. Lange hält man das nicht durch. Ich wünsche Ihnen viel Glück in Dresden!“, hatte mein Einsatzgruppenleiter damals gemeint.
Zehn Jahre ist das nun her.
Jetzt also Landeshauptstadt. Dresden, Sachsen. Und kaum spektakuläre Fälle. Zumindest bis heute.
Gut. Mal irgendein Familiendrama, eine Bandenabrechnung.
Auch der Fall mit dem verschwundenen Mädchen, dass wir nur tot den Eltern zurückgeben konnten.
Aber Wasserleichen?
Zumindest nicht in meinem Zuständigkeitsbereich.

Der Tote – augenscheinlich ein Mann – war am Morgen bei Gohlis angespült worden. Gut einhundert Meter von der Windmühle entfernt. Schönes Ufer.
Jetzt wimmelt es hier nur so von Menschen. Wichtigen Menschen. Menschen im Dienst.
Alle wollten den Fall voran bringen und standen sich vielleicht doch mehr im Wege, als dass sie hier wirklich von Nutzen waren.
Egal. Es war mein Fall. Der neue Fall. Und der Alte wollte unbedingt einen ersten Bericht bis zum Mittag. Möglichst wer warum wann und wo ins Wasser gefallen war.
Nun ja, ich bin froh, wenn ich bis dahin zumindest weiß, ob es ein Deutscher ist oder ob die Hauptzuständigkeit zum stromauf liegenden tschechischen Nachbarn verlagert werden muss.
Frisch ans Werk. Die Leiche wartet. Der Alte auch…

Auf Mitte Fünfzig würde ich ihn schätzen. Auch wenn das bei diesem aufgeschwemmten Körper nicht einfach ist. Da kann mir Werner aus der Gerichtsmedizin sicher bald mehr sagen.
Der Anzug… Nun, wenn das kein Designerstück ist… Hat sogar das Wasser gut überstanden und ist trotz der Körperveränderung kaum aufgeplatzt. Krawatte im aktuellen Design, Lederstiefeletten.
Lerchner wedelt mir gerade mit einer Brieftasche vor der Nase herum, dass der Schlamm nur so daraus hervorspritzt.
Prima. Nun ist mein Anzug auch im Eimer.
Eventuell haben wir doch schneller einen Namen, als ich dachte. Wäre gut, denn zum Einen muss die Leiche aus der noch ziemlich warmen Septembersonne heraus und zum Anderen gäbe das gleich die ersten Aufschlüsse.

Während die Kollegen von der Gerichtsmedizin zusammen mit dem Bestatter die Leiche abtransportieren, versuchen Lerchner und ich mit Gummihandschuhen, Pinzetten und Kleenex einen Ausweis aus der völlig verschlammten Brieftasche des Toten zu ziehen.
Ha… geschafft!
Der Tote ist… Dr. Ralf Schmatz.
Schmatz… Der Name sagt mir etwas… Genau! Verleger. Seit… ja, seit wann gleich? Ah… mir fällt es ein: Seit 2002 in Dresden als Verleger tätig. Er zeichnet verantwortlich für die meisten Publikationen und sonstigen Veröffentlichungen zur Flut und deren historischer Aufbereitung…
Mann… Gerade noch habe ich über ihn in der Zeitung gelesen.
Es soll wohl nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein… damals… nach der Flut… als sein Verlag dann so richtig loslegte.

Der Tote hat einen Namen. Mein Pseudowissen über ihn sammelte ich in der Zeitung. Wird Zeit, dass ich mich mit den Kollegen der Steuerfahndung auseinandersetze, denn die scheinen ja schon eine Weile über und gegen ihn zu ermitteln. Mal sehen…
Der Alte wird jubeln! Immerhin haben wir schon wenige Stunden nach dem Leichenfund eine mögliche Ermittlungsrichtung.
Wir werden sehen.
Ich lasse Lerchner alles dokumentieren und zusätzlich fotografieren, packe meine paar Sachen ein und fahre zurück ins Präsidium.
Der Alte wird staunen!

Nein, er staunte nicht. Dafür ist sein Ego einfach zu stark und er zeigt Niemandem, dass er Leistungen Anderer anerkennt. Chef eben. Doch er steht hinter seinen Leuten. Er hat in all den Jahren nicht einen seiner Mitarbeiter ans sogenannte Messer geliefert. Immer fand er einen Weg und wenig später hatte sogar der schwerste Fall von Beleidigung gegenüber Tatverdächtigen, Zeugen oder Unbeteiligten ein Ende. Eben, weil er immer noch davon ausgeht, dass ein Beamter im Staatsdienst mehr Befugnisse und Freiheiten haben muss, als ein normaler Krimineller.
Warum auch nicht. Heute hat die Dienstaufsichtsbehörde ja fast mehr zu tun, als die Kriminalbeamten im ganzen Freistaat Sachsen. Eben weil jeder Verdächtige glaubt, sich mit ein paar Kleinigkeiten aus der Schlinge ziehen zu können. Das Dumme dabei ist, dass die es sogar meist schaffen. Und wer ist dann dran? Der Beamte. Und der hat dann wirklich nichts zu lachen.
Aber zurück zum Fall.

Verleger Schmatz ist tot.
Allein in die Elbe gefallen? Wohl kaum! Dazu stand er zu fest im Leben und keiner würde so etwas wirklich glauben.
Es gab doch Ermittlungen. Die Unterlagen brauche ich. Schnell! Vielleicht – wie nicht oft, aber doch manchmal – vielleicht stand da schon der Grund drin. Der Grund für einen Mord… oder für einen Selbstmord? Im besten Fall sogar ein, zwei Verdächtige...
Ansatzpunkte…
Nicht viele, aber eben ein Ansatz!

Behördendschungel. Okay, ich gehöre ja auch zu den Behörden. Doch in letzter Zeit – und gerade wenn ich schnell eine Information, ein paar Unterlagen, eben so Einiges benötige – in letzter Zeit hasse ich dieses ewige Geschleime. Und das alles nur, um mal eben schnell ein paar Informationen zu bekommen, die mir genauso zustehen, wie jedem anderen ermittelnden Beamten in solchen Fällen.
Aber nein… Da gibt es Dienststellen, die meinen, dass Ermittlungsergebnisse nicht mehr herausgegeben werden dürfen, wenn die Person, der die Ermittlung galt, verschieden ist. Dabei kann gerade dann all das besonders wichtig sein.

Zehn Telefonate, drei Faxe, eine Unterschrift vom Alten und etwas Druck von Staatsanwalt Weller... und endlich habe ich die Zusage vom BKA, dass man sich für uns verwenden wird und ich die Unterlagen zu den Schmatz-Ermittlungen schon morgen auf den Tisch bekomme.

Nun, wer's glaubt…?! Wir vom LKA haben es eben auch nicht leicht!
 

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