Hist. Romane - Alle Bücher - Autor - Verlag und Bestellung - Hintergründe - Rezensionen - Zur Stulpenburgk

2014 Einbandgestaltung
     und Foto: Stefan Jahnke

 

Leseprobe - Stulpenburgk

 

Kapitel 3 – Mord am Fuße der Felsen

Drei Wochen waren vergangen. Hart und ohne viele Freuden.
Inzwischen konnte man schon eine ganze Menge mehr von der Burg aus sehen, und da wir noch keine Käufer für unsere großen Mengen an Holz fanden, wurden die Schutzwälle der Anlage verstärkt.
Damit konnte man ohne viel Kletterei nicht mehr über die Palisaden sehen… von innen. So musste dazu ein Wehrgang her, der noch einmal eine ganze Menge des Holzes verschlang.

Moyko war nicht all zu oft guter Dinge. Er wollte Silber eintreiben und kam nicht dazu, denn immer, wenn er eine Fuhre des Holzes wegfahren lassen wollte, um es in klingende Münze zu verwandeln, hatte schon einer meiner Männer, die mit mir gemeinsam die Planung der Befestigung übernahmen und trotzdem fleißig bei den Fällarbeiten mitwirkten, nicht nur alles verplant, sondern meist schon bis über die Hälfte verbauen lassen. Darum sah die Burg nun bald wie eine für mich eher erkennbare und wehrhafte Burg aus.
Eben nur nicht mehr wie eine slawische, sondern eher wie eine der Wettiner.
Moyko fand das nicht gut… Nicht nur, weil er sein Holz nicht unter die Leute bekam, sondern auch, weil er sich in diesem Monstrum nicht so recht wohlfühlte. Vorerst…
„Die niedrige Befestigung war besser… da hatte man eine Übersicht und konnte auch schneller erkennen, wo etwas auszubessern ist. Jetzt aber, da haben wir alles hoch und tief, breit und schmal… Ich finde mich nicht mehr zurecht!“
Sicher hatte er auch bei Diesem oder Jenem Recht. Ich machte trotzdem weiter und er verbot dies nicht, sondern freute sich dann, wenn das Eine oder Andere fertig wurde und er den Sinn von Klappen vor den Schießscharten, von extra hohen Türmen, von stabilen Gängen unterhalb der Palisaden erkannte.
Seine Schwester hingegen wollte sich nicht beruhigen lassen.
Mich ignorierte sie weiter und auch ihren Bruder schien sie mehr und mehr zu vernachlässigen.
Vielleicht beging er den Fehler und erzählte ihr, was ich ihm im Vertrauen sagte. Da dem nichts weiter hinzuzusetzen war, hatte sie keine Argumente gegen mich. Vielmehr war es nun ihr Stolz, der sie sich von mir abwenden ließ.

Eines Abends jedoch überprüfte ich noch einmal die Stabilität des Umganges und war ganz allein auf der oberen Verschanzung.
Ich wollte eben noch einige Schläge ausführen, als ich einen Schatten auf mich zukommen sah.
Erst glaubte ich, dass da ein Tier entlanghuscht. Dann dachte ich an Wladislaw, der mir vielleicht noch einmal beistehen wollte. Aber ich konnte es mir nicht vorstellen, denn ich hatte ihn persönlich zum Abendmahl ans Feuer geschickt… Da er wusste, dass ich keine Widerrede duldete wenn es um die Unterstellung ging, würde er sich wohl auch nicht hierher trauen.
Nein…
Ich schaute hinter mich.
„Na, Bernhard von Crostitz, wird das denn alles halten?“
Da stand sie. Wie Lada, die Göttin der Liebe und Schönheit persönlich… und doch irgendwie anders… verschlagener!
„Sybilla!“
Ich war zu überrascht darüber, weil sie sich zu mir begab und auch noch das Wort an mich richtete, dass ich einfach hocken blieb und noch diesen Schlägel in der Hand hatte, mit dem ich die Verbindungen prüfte.
„Soll ich hier stehenbleiben oder können wir uns irgendwo unterhalten, wo es vielleicht nicht so sehr nach Arbeit aussieht?“
Sie wollte reden… mit mir, der ihr doch einen gewaltigen Korb gab.
„Nicht doch… gehen wir in den Wachturm dort… der ist dieser Tage noch unbesetzt!“
Was Blöderes fiel mir auch nicht ein. Sybilla schien alles recht zu sein, wenn sie nur endlich reden konnte.
Als wir dann oben waren… brach es nicht etwa aus ihr heraus, sondern sie gab mir eine schallende Ohrfeige.
„So, Ihr Burgkmeister, oder wie Euch mein Bruder genannt hat… das habt Ihr nun davon, wenn Ihr einem Weibe so etwas antut… und es dann auch noch berichtet!“
Na, liebes Weib… das war wohl nicht unbedingt die richtige Art und Weise, wie man mit einem Manne umgeht, dem es vor allem um Treue und Ehre geht.
Ich ging auf sie zu. Absichtlich fletschte ich die Zähne und sah aus, als wenn ich sie jetzt gleich vom Turm werfen will. Und ich erreichte, was ich wollte… Die Überheblichkeit verschwand aus ihrem Gesicht. Sie wurde ängstlich und wenn ich sie nicht endlich in den Arm genommen und ihr mit meinem Mund den ihren verschlossen hätte, dann wären wohl gleich eine Menge Leute zur Stelle gewesen, die auf einen sicher laut gellenden Schrei von ihr angelockt worden wären.
Nichts da… ich drückte sie an mich und durfte es doch nicht.
Sie sträubte sich erst… dann ließ sie nach und ergab sich, ja erwiderte meinen Kuss gar innig. Doch schließlichstieß sie mich von sich.
Hatte ich sie falsch verstanden?
„So, Bernhard von Crostitz… soviel habt Ihr mir und meinem Bruder erzählt, das mit Treue und alledem zu tun hat. Und dann… nur weil ein paar Wochen vergangen sind… da denkt Ihr, Ihr könnt all dies über den Haufen werfen und Euch zu einem Liebhaber aufspielen und ein Weib entehren, welches das höchste hier oben ist? Schämt Euch!“
Sie lachte dabei. Leise… und sie kam auf mich zu, umarmte mich noch einmal.
„Dummer Kerl… das konntest Du schon eher haben. Und meinen Bruder… den hätte ich schon besänftigt. Schließlich hört er auf mich… manchmal… In diesen Dingen sicher immer!“
Ich fasste es nicht. Und doch schien es wahr.
„Nein… nein!“
Ich stieß sie von mir. War das denn eine Hexe… so wie die Baba… die Baba Jaga…? Ich sah ihr ins Gesicht… Schön und verschlagen… wie vorher… Nein, das wollte ich nicht!
„Nicht so. Ich will das alles. Aber nicht so, das wir uns dafür schämen, uns damit verstecken müssen!“
Jetzt wich das Lächeln nicht dem Hass… eher der Langeweile.
„Schon wieder… und immer diese blöde Ehre.“
Sie schien zu meinen, was sie sagte. Und das öffnete mir die Augen.
Nein, sie war nicht böse. Sie war unersättlich und konnte kein Nein akzeptieren. Und das, ja so ist es, das war sehr schade!
„Verzeiht, Sybilla von Stulpen… ich habe mich ungehörig verhalten und werde es nicht wieder tun. Und jetzt sollten wir getrennte Wege gehen. Ich habe Euch gern. Aber ich kann nicht nach Eurer Pfeife tanzen. Und wenn Ihr das nicht einseht, dann müsst Ihr eben tun, was Ihr denkt, tun zu müssen!“
Ich drehte mich um und stieg den Turm hinunter.
Hinter mir hörte ich wütendes Hämmern.
Ihre Fäuste bearbeiteten sicher die Seiten des Wachturmes. Ich hatte erst Sorge, dass sie sich nun etwas antun würde. Dann besann ich mich… nein, dazu hing sie zu sehr am Leben. Niemals würde sie aufgeben… auch wenn sie mich verlor… Sie würde einen Anderen finden, den sie mit ihrer Gunst an sich binden könnte… Vielleicht wird ihre Rache gegen mich nicht einmal so stark ausfallen, dass sie sich gar zurückhält, ihren Bruder für meine Entlassung zu begeistern.
Na, egal… ich habe zumindest bewiesen, dass ich mich an gegebene Worte halte. Und sie bewies, sie ist es nicht wert.
Liebe? Wie komme ich auf dieses Wort?
Nein, mit Liebe und Zuneigung hatte dies alles nichts zu tun. Nicht bei ihr! Vielleicht bei mir?
Selbst wenn… Zm meiner und ihret Willen musste ich mich beherrschen. Denn so passten wir nicht zusammen. Nie!
Ich sah zum Turm zurück, als ich den Wachgang verließ.
Mir war es, als wäre ein Wimmern zu hören…
Weinte sie? Dieses Weib?
Das würde dem Fass den Boden ausschlagen!
Erst will sie mich in der ersten Nacht, dann redet sie gar über meine Abweisung mit ihrem Bruder und ignoriert mich viele Wochen. Und jetzt hat sie tatsächlich geglaubt, dass ich mit ihr gehen werde, wenn sie sich ausdenkt, mich noch einmal zu bezirzen?
Nun, fast schaffte sie es ja…
Aber eben nur fast.
Und ich hörte schon von Weibern… Dirnen, die es nicht verstehen können und wollen, dass man sie abweist. Zu oft sollte man das ja auch bei normalen Weibern nicht tun… obwohl man dabei meist der ist, der bezirzt. Welches Weib bettelt schon um Gunst?
Ach… Weiber…
Ich bin jung. Sie ist es auch.
Und sie wird andere Kerle bekommen.
Ich habe meine Arbeit, meine Stellung und muss mich hier betun. Das allein zählt. Sie kann sich ja mit ihren Dingen beschäftigen.
Was macht sie denn den ganzen Tag?
Ihren Träumen nachhängen?
Es steht mir nicht zu, sie zu verdammen. Und sie hat auch mir nicht die Suppe zu versalzen.
Ach Philipp… hättest Du sie nicht nehmen können oder sie an Otto weitergereicht… Dann wäre vielen geholfen… den Slawen, denn sie wäre eine prächtige Fürsprecherin für alle Dinge, die Moyko vielleicht in Zukunft noch erreichen will. Und außerdem wäre sie nicht hier und würde Unfrieden stiften… Zumindest habe ich das dumme Gefühl, dass noch etwas geschehen wird… wegen ihr… mit ihr? Ich weiß es nicht. Aber dieses Gefühl ist da.
Ich muss mich übergeben.
Nein, sie widert mich nicht an. Ich kann nur nicht an diese ganze Sache denken... ich muss immer wieder an diesen Traum…
Oh dieser Traum…
Nein, ich will nicht an sie denken… nicht nackt, nicht im Blute, nicht tot. Und doch muss ich… Ich kann nicht anders… Gerade nach ihrem heutigen Auftritt… Wie weich ihre Haut, wie hart ihre Brust dabei war …
Arbeit… das ist wohl das Einzige, was mich jetzt von den trüben Gedanken abbringen kann. Vorher muss ich diese Nacht durchstehen. Doch als Mann wird das sicher nicht das einzige Problem sein, welches ich nicht lösen kann…
Süße Träume?
Von wegen… nur Albträume… und davon nicht zu wenige.
Immer wieder Blut…

Tage später… Ich gehe zur Alten.
Ja, ich habe mir heute ein paar Stunden freigenommen, sagte Moyko, dass ich mich finden müsse, denn ich weiß nicht, ob ich nun seiner Schwester gut oder böse sein solle. Er als Mann weiß, was ich damit meine. Und als mein Herr ist er dankbar dafür, dass ich ihn einweihe in meine Gefühle. Denn als Bruder seiner Schwester muss er ja vielleicht eines Tages eine Entscheidung treffen… Eine Entscheidung über uns. Wie kann er das, wenn er nicht weiß, was ich denke, was ich will. Was seine Schwester will, das weiß er nur zu gut…

Der Wald ist dunkel.
Hier spürt man noch nichts vom Aufbruch, von der Veränderung.
Ich sagte niemandem, dass mein Ziel die Hütte der Kräuterfrau ist. Seit ich weiß, dass Moyko nicht gut von ihr spricht, will ich sie lieber nicht benutzen, ihrer Hilfe mich nicht bedienen.
Doch ich brauche Hilfe. Ihre Hilfe.
Ich spüre, dass sie die Einzige ist im weiten Umkreis, die mir helfen kann… vielleicht… wenn ich mich nicht irre und sie es auch wirklich will. Doch ich denke, dass sie ihre Gründe hatte, wenn sie Moykos Vater nicht half… und so wird sie die Letzte sein, die mir nicht hilft… Denn ich fühle mich seelenverwandt mit ihr.

Mystik…
Meine Mutter hatte immer so etwas Mystisches an sich, wenn sie von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sprach. Und doch half ihr all dies nichts… sie starb so früh!
Die Alte…
Ich weiß nicht, warum sie in meinen Gedanken immer neben meiner Mutter steht. Habe ich sie ins Herz geschlossen oder ist das ein Zeichen… ein Zeichen Gottes oder des Teufels?
Ich kann es nicht sagen.
Und doch… ich fühle, dass dieses Weib da im Wald mir mehr geben kann, als Sybilla sich je erträumen würde.
Und ich bin auf dem Wege zu ihr.

Als ich gehe, sehe ich, dass Sybilla die Burg ebenfalls verlässt.
Ich weiß nicht, warum sie den einfachen Weg nimmt… den ohne die schönen Steine. Und sie reitet auch noch allein… ohne einen Beschützer… und, vielleicht gerade zum Trotz auf meine Reaktion, ganz ohne alle Waffen und ohne irgendjemandem zu sagen, wo ihr Ziel liegt.
Gut… ich habe auch nichts gesagt.
Aber ich bin nicht die Schwester des Burgherrn!
Was kümmert es mich? Ich bin unterwegs… sie ist unterwegs…
Schon verlor ich sie aus den Augen… und bin auf meinem Weg. Warum sollte ich jetzt noch an Sybilla denken?
Oh, ich werde an sie denken müssen… Denn eben wegen der bösen Vorahnungen bin ich ja unterwegs. Das allein treibt mich zur Alten. Zur Kräuterfrau.

Bald schon stehe ich auf der Wiese.
Ich sehe um mich und weiß, dass es die Alte irgendwie geschafft hatte, mich hierher zu bringen. Nur wie?
Wenn ich mich recht erinnere, war die Hütte an anderer Stelle. Ja, nicht weit von hier… aber eben an anderer Stelle. Und wenn ich mir überlege, dass die Alte mich um den ganzen Berg herum schleppen musste… und das auch noch bei Nacht… nein, das kann ich nicht glauben! Aber ich bin hier aufgewacht… Hier auf der Wiese.
Da ich die Alte nicht sehe, muss ich mich eben auf den Weg zu ihr machen.
Gut… nicht weit…
Eine Stunde aber ist es doch, die ich laufen habe. Ich habe nicht den Eindruck, dass ich erwartet werde,
Wenn die Alte mir bei diesen seherischen Fähigkeiten helfen soll, dann müsste sie doch auch sehen können, dass ich zu ihr will.
Hmm... muss sie denn allen zeigen, dass sie etwas sehen kann?
Nein, sicher nicht!
Ich laufe…
Der Waldweg ist schön. Nicht mehr so schlammig, wie noch vor Wochen.
Und die Luft ist gut. Der Sommer wird sicher ein schöner… mit Wärme und wenig Regen.
Ob nun die Bauern dies als einen guten Sommer ansehen können, weiß ich nicht. Zumindest kann der Boden sich ja eine Menge Regenwasser aufsparen… von diesem Frühjahr!
Und nun muss ich doch bald…

Ah, ja… da ist die Hütte!
Ich brauchte über eine Stunde… Die Sonne war noch nicht ganz aufgegangen, als ich losging, und nun steht sie doch schon hoch genug. Mein Gott… wenn ich daran denke, dass ich bei Nacht hier herumgestolpert bin und zum Glück von der Alten gefunden wurde… Ob das bereits eine Art Eingebung war? Bei ihr natürlich! Aber eben eine Eingebung.
Ich stehe vor dem Brunnen, der sich gut ein paar Schritte vor ihrem Eingang erhebt. Wer hat ihr nur diesen schönen Brunnen gesetzt? Nicht einmal auf meiner Burg gab es solch eine Arbeit.
Nicht der Brunnen ist es aber, wegen dem ich herkam.
Und ich wende mich zum Haus.
Noch ehe ich mich bemerkbar machen kann, höre ich schon von drinnen die markante Stimme.
„Jüngelchen… komm nur herein. Du hast Dir den weiten Weg nicht umsonst gemacht… Ich bin da!“
Ich dachte nicht einmal im Entferntesten daran, die Alte einfach nicht anzutreffen… So eine Kräuterfrau ist wohl sicher oft unterwegs… sucht eben Kräuter, die nicht alle gemeinsam an einer einzigen Stelle in trauter Verbindung wachsen… Nein, das ist sicher anders!
Meine Mutter schickte mich einmal, als sie schon krank war, um ihr Fenchel zu bringen…
Fenchel… Iich wusste weder wogegen noch wofür es war und erst recht nicht, wie das Zeug wohl aussah. Und doch… Sie ließ mich riechen , wonach ich suchen musste. Und auch wenn ich lange brauchte… Ihre Augen strahlten, als ich mit einem halben Korb voll dieses Krautes wieder zu ihr kam. Dabei meinte sie, dass es nur ganz wenige Stellen gibt, wo es wächst… und damit hatte ich nicht zuviel zu suchen, denn die wichtigsten Stellen konnte sie wunderbar beschreiben… Ein Vorzug, den ich heute leider nicht mehr habe.
Meine Mutter kannte sich aus mit den Kräutern, den Blüten, den Blättern… und mit allem, was man damit machen konnte. Sie meinte stets, dass der Tod so nahe am Leben stehe… selbst bei den Kräutern. Und bei den Pilzen.
Sie lehrte mich einmal, dass man bei bestimmten Krankheiten gar das Gift gebrauchen kann… Nicht jedes… Eben der Krankheit entsprechend einmal dieses oder jenes.
„Nimm einen Tropfen zuviel, und der Tod ist auf der Stelle da. Nimm einen Tropfen zuwenig, und die Heilung wird nie geschehen. Nur wenn Du es richtig machst, genau soviel nimmst, wie es Gott und alle guten Geister wollen, dann wirst Du Erfolg haben. Sonst nicht!“
Ich konnte ihr nicht mehr helfen. Gegen ihre Krankheit war eben kein Kraut gewachsen. Leider!
„Du denkst an Deine Mutter!“
Die Alte hatte sich aufgestellt. Vielleicht saß sie an ihrem kleinen Feuer, das in der Mitte des Raumes prasselte und eine wohlige Wärme an diesem hier im bewaldeten Tal nicht wirklich warmen Tag verbreitete. Sie sah mich herausfordernd an.
„Deine Mutter war eine kundige Frau. Nicht alles hat sie gewusst. Aber doch viel. Und sie hat Dir zumindest auf den Weg gegeben, dass Du Dir bei einer anderen Kundigen Rat holen sollst, wenn Du dessen bedarfst. Hmm... nun ist es also soweit?“
Ich sah sie mit weit aufgerissenen Augen an.
Woher konnte sie das wissen?
Zauberei… war mein erster Gedanke.
Doch vielleicht gab es eine Verbindung?
Dachte ich jetzt irre?
Ich gab mir einen Klaps auf die Wange und versuchte, den Schmerz durch den Körper zu verfolgen. Nicht weit kam ich, denn wie das eben so ist… Ich schlug nicht wirklich fest zu… Wer tut sich schon gern selbst weh? Niemand natürlich! Um das zu ergründen, musste man kein Mystiker sein!
„Du weißt viel. Und Du kommst, weil Du etwas gesehen hast, was Du nicht wahrhaben willst!“
Genau darum war ich hier. Ich konnte der Alten doch keinen Vorwurf machen, dass sie etwas wusste, was ich ihr gleich in wenigen Augenblicken selbst erzählen wollte. So war alles viel einfacher.
Trotzdem konnte ich mir eine Frage nicht verkneifen…
„Woher weißt Du alles um Dich herum?“
Die Alte setzte sich wieder und goss aus einem Krug etwas in zwei Schalen, die auf einem kleinen wackeligen Tisch standen.
„Trink… und ich erzähle Dir, wie wir die Welt sehen… wie es Deine Mutter tat, wie Du es tust und auch wie ich es immer wieder tun kann. Trink und Du wirst verstehen!“
Heiß war es nicht, dieses Getränk. Und doch sah es aus, als wenn es dampfte… das erinnerte mich an den Weihrauch, den ich einmal sah, als der Pfaffe unserer kleinen Gemeinde in Liubusua aus Meißen zurück kehrte und stolz verkündete, er hätte nun ein wenig vom Haar des Christengottes mit dabei.
Nein, das roch anders.
Aber es sah ähnlich aus. Und man musste es nicht schwenken, um zu sehen, dass der Rauch in den Raum ging. Es rauchte einfach so.
Ich trank.
Wohl schmeckte das.
Ich konnte es nicht einordnen. Aber ich versank nicht in einem Traum, wie letztens, als ich bei der Alten trank.
„Keine Angst… Iich will Dich heute nicht schlafen lassen!“
Stimmt… das war so eine Sache, die ich mit ihr zu klären hatte. Was machte sie damals mit mir?
Ich bekam erst einmal keine Antwort.
Gut so? Ich weiß es nicht. Aber ich habe das Gefühl, dass ich bei dieser Alten eine ganze Menge Antworten bekommen konnte. Nicht nur die auf meinen Traum über Sybilla… Ich nahm zumindest an, dass es um Sybilla ging. Manchmal soll man im Traum ja auch ein ganz anderes Gesicht sehen… Manchmal eben.
„Junge, setz Dich. Ich will Dich nicht so herumlaufen sehen!“
Ohne es selbst zu bemerken, war ich wohl aufgestanden.
Nun, ich hatte die Schale mit dem Getränk in der Hand und wusste immer noch nicht, was ich da eigentlich trank.
„Ach, nichts weiter… ein paar Kräuter und ein wenig Melisse… Das gibt dem heißen Wasser eine solch interessante Note, dass man fast süchtig danach werden kann.“
Süchtig… diese neumodischen Worte… Wie kam diese Kräuterfrau nur dazu, sich dieses Wortschatzes zu bedienen?
Ich werde es einfach überhören und erfahre so vielleicht endlich, was es mit diesem verdammten Traum auf sich hat.
„Nun, Jüngelchen, werden wir einmal sehen, was Du da eigentlich träumst!“
Sie setzte eine ganz wichtige Mine auf. Ich hatte so etwas schon bei Mutter gesehen, wenn sie sich in sich zurückzog und doch wichtige Dinge sah, die sie mir dann mitteilen wollte…
Schon wieder diese Parallelen.
Mir war fast so, als wenn meine Mutter da auf dem Schemel saß und die Schale ausschlürfte.
Mein Kopf sagte mir, dass dies doch nicht sein könnte.
Die Alte?
Ich muss mich von diesem Wahn lösen, hinter allem nur ein Machwerk des Bösen zu vermuten. Das beendet noch mein Leben!
„Erzähl mir Deinen Traum!“
Kannte sie ihn nicht?
Nun, woher denn?
In der Vergangenheit, wenn ich meine Mutter als Helfer hatte und sie mir erklärte, was ich da erlebte, da konnte ich immer darauf vertrauen, dass sie schon alles wusste. Vielleicht war das so.
Vielleicht waren meine Träume nur so bekannt, so normal, dass sie gar nichts von mir wissen musste… Oder ich hatte geschrien und sie erkannte daher ganz schnell, was mich belastete.
Doch hier…
Hier wusste die Alte natürlich nichts. Und ich begann, zu erzählen. Alles. Alles, was sie wissen musste. Und alles, was sie noch nicht wissen konnte.
Wie ich auf die Burg kam, das brauchte ich nicht zu berichten, denn dabei half sie mir. Es bliebtrotzdem eine ganze Menge zu erzählen.
„Sag, Du meinst, dass diese Sybilla in Gefahr ist, und doch hasst Du sie… oder hast sie zumindest abgewiesen?“
Die Alte konnte mein Tun vielleicht nicht recht verstehen. Och wusste zwar nicht, was ich tat. Dass ich es jedoch richtig machte, nahm ich an.
„Und jetzt… wo ist Sybilla jetzt?“
Ich sah der Alten ins Gesicht.
Ja, Sybille ritt von der Burg. Sie verließ die Sicherheit. Und das auch noch ohne ein Gefolge.
Mir ging einiges durch den Kopf.
„Jüngelchen, ich denke, dieses Weib ist in Gefahr. Oder aber Dein Traum meinte eine ganz Andere. Du hast vielleicht Deine eigene Mutter tot gesehen und das Bild dieser Sybilla dafür eingesetzt… Das passiert manchmal ohne dass man es wirklich will!“
Nein… nein, das konnte nicht sein!
„Meine Mutter wurde nicht gemeuchelt. Meine Mutter starb an einer Krankheit und mein Vater konnte dies nie verwinden!“
Die Alte sah mich bedeutungsschwer an.
„Bist Du sicher, Jüngelchen?“
Was machte sie mit mir?
Ich wusste nicht mehr, was ich denken sollte.
„Na, Jüngelchen… geh und rette diese Sybilla. Sieh zu, dass Du sie bald findest. Und wenn sie nicht in Gefahr war, dann solltest Du darüber nachdenken, ob Dir Dein Vater immer alles sagte, was auch wahr war. Denn wenn Deine Mutter vielleicht doch nicht…“
„Schweig, Alte!“
Ich mochte es nicht mehr hören!
Mein Vater hatte seine Verwundung. Er war ein Krüppel. Warum sonst hätte er sich in den Tod stürzen sollen? Nein, meiner Mutter tat er nichts an… Niemals!
Oh, wie ich die Entscheidung bereute, zu diesem Kräuterweib gegangen zu sein! Ich hatte so viele Antworten erwartet und nun gab es nur noch viel mehr Fragen… Fragen über Fragen!

 

-------------------------------------------------------

2008-2017 by Stefan Jahnke, alle Rechte, besonders das Recht auf
    Vervielfältigung, Veröffentlichung und Verbreitung, sind vorbehalten.

 

Hist. Romane - Alle Bücher - Autor - Verlag und Bestellung - Hintergründe - Rezensionen - Zur Stulpenburgk