Zech-Krimis - Alle Bücher - Autor - Verlag und Bestellung - Hintergründe - Rezensionen - Zurück zu Siebeneichen

© 2015 Einbandgestaltung
     und Foto: Stefan Jahnke

 

Leseprobe - Siebeneichen - Turm der Vergessenen

 

Ermittlungen - Schachtfunde

...

„Wo ist dieser Schacht?“
Der Kollege zeigt nach rechts, gleich neben deie Kapelle.
„Wir kommen nicht ran…!“
Ich traue meinen Augen nicht. Noch viel weniger meinen Ohren. Da steht doch ein Tieflader. Direkt dort, wo der Schacht sein soll.
„Kann denn das…“
Ich bin außer mir.
„Wo ist der Fahrer?“
Achselzucken.
Ich danke. Das ist doch alles nicht wahr, oder? Erst tagelange Verzögerung. Gut, da war ich auf Kreta. Aber ein wenig…
Wehner… wenn ich heute einen Rapport gebe, dann doch eher in meinem Büro. Ich will ihm nicht zumuten, dass ich ihn in seinem eigenen dermaßen runterputze. Und außerdem…
Vertreterregel? Ja, ich bin der Chef. Und vor meinem Urlaub habe ich Max als meinen Vertreter eingesetzt. Gut, das passt alles recht ordentlich. Nur eben, dass er nicht… Ach was. Ich sollte mich nicht aufregen …
„Treiben Sie den Kerl auf. Und wenn er nicht zu finden ist, dann holen Sie den ADAC und lassen das Ding da wegschleppen. Vielleicht gibt es auch ein, zwei Traktoren in der Umgebung!“
Ich bin sauer. Nichts klappt. Am liebsten würde ich Sonja herzitieren. Na, und Friedrich auch. Die wissen doch, wie es ohne mich geht. Und Max allein war es bisher auch nicht, der das alles meisterte. Nur im Team. Immer! Auch meine Devise. Ganz klar!

Wütend stapfe ich weiter. Da ist das Schloss. Die Bilder liegen in der Akte. Nun also die Woitsach. Das wäre es doch. Aber nein. Mir fällt dieses alte Gebäude zwischen Schloss und Kapelle auf. Wie meinte Max in seinem Bericht? Alter Stall oder alte Scheune? Könnte hinkommen. Abgesperrt ist dort auch noch alles.
Mühsam zwänge ich mich zwischen zwei der Bauzäune hindurch. Ich weiß, wenn mir jetzt etwas passiert… tritt kein Versicherungsschutz ein. Aber… nun ja… sieht nicht so aus, als wenn sich die Kollegen schon für das hier interessiert hätten. Wohl eher für die sanierten Teile dahinter. Da hat einer ein altes Gesindehaus zum Wohnhaus umgestaltet. Toll! Das hilft mir jetzt auch nicht weiter. Ich telefoniere mit Sonja, ehe ich weiter hineingehe.
„Nein, die Befragungen wollten wir noch nicht durchführen. Wehner meinte, Du würdest dann schon wissen, ob es notwendig ist. So ein kleines Nest… da kann es schnell zu…“
Hahaha! Ich bin noch mehr sauer. Zumal gerade der Regen so richtig anfängt. Platsch, tropf… nein, nicht immer gut. Manchmal mag ich das ja. Nicht heute!
„Gebt die Weisung raus. Gibt es inzwischen ein besseres Bild von Lehndorff?“
Friedrich hat eines. Vom Reisepass. Der ist erst zwei Jahre alt. Und seine Frau?
„Hat sich nicht gemeldet, soviel ich weiß. Morgen hast Du sie hier. Sie lässt sich in Düsseldorf abholen. Hat da wohl eine… wie sagte sie? Ist mir entfallen. Eben ein Meeting. Und weil wir etwas wollen, sollen wir sie holen!“
Verkehrte Welt, oder? Ihr Mann ist weg. Wir suchen ihn. Und sie lässt sich einladen? Na, die soll mir kommen!
„Sag ihr, sie soll private Fotos mitbringen. Jede Menge. Mit ihr und ihm, möglichst auch zusammen drauf!“
Ja, ich sehe Sonjas besorgten Blick. Kann sie nicht einordnen. Diese Frau, ich kenne sie nicht, die tut überhaupt nichts, damit wir schneller und besser suchen können. Das ist auf jeden Fall nicht in Ordnung. Und unverständlich.
Ich schlucke. Wenn Petra so mit mir… über mich… für mich… eben so wäre, dann… ja, was dann? Wen würde es stören? Könnte ich es überhaupt erfahren, ja nur erahnen? Nein, natürlich nicht. Wie auch?
Ich komme aus dem Schlucken nicht heraus.
Gerade geht einer der Beamten hinüber zum Schloss… will gehen, sieht mich und schlägt fast die Hände über dem Kopf zusammen.
„Aber… Herr Polizeichef… das ist doch gefährlich!“
Ich rufe ihm zu, dass er mir eine Lampe und einen Helm besorgen soll… und mich nach Möglichkeit begleiten kann. Er rennt zurück zum Einsatzwagen. Wenn ich Glück habe und die alles ordentlich an Bord halten, bekomme ich, was ich brauche, in ein paar Minuten. Allein brauche ich auch nicht zu gehen.
Vorteile?
Nun, zumindest bekomme ich nur Hinweise. Verbieten wird mir wohl niemand etwas. Also... warten. Ich schaue mir dabei die Fassade des heruntergekommenen Hauses an… oder was auch immer das mal war… Alt auf jeden Fall. Sicher nicht so alt, wie das Schloss… wenn ich den Akten trauen kann. Aber alt genug, um das eine oder andere Geheimnis zu verbergen. Nun gut, warum denn nicht? Geheimnisse halten das Leben locker!
Da kommt er. Hat wirklich nicht nur einen gelben Helm auf dem Kopf, sondern noch einen in der Hand. Dazu die Lampen. Na, dann wissen die Kollegen Bescheid und wir können ohne Furcht, ganz vergessen zu werden, da hineingehen. Zumindest, wenn der da, der einiges dicker ist als ich, durch die Zaunlücke passt.
Glück gehabt. Er ist drüben. Drinnen eher. Eben auf meiner Seite des Zaunes. Und nun? Hinein!
Eine Tür? Die brauchten wir nicht, denn jede Öffnung war irgendwie offen und zugänglich. Natürlich schien man in den vergangenen Jahrzehnten hin und wieder versucht zu haben, die wilden Besucher durch Sperrholz oder Drahtgeflechte abzuhalten. Irgendwann gab man es doch auf und fügte sich dem unendlichen Drang des Menschen, alles Unerforschte zu erforschen. Zumindest nahm man seine Kennzeichnungspflicht ernst und wies auf die Gefahren hin.
Ich notierte… Zu klären ist auch noch, wem das ganze Anwesen gehört. Dem Freistaat? Vielleicht besitzt der nur das Schloss und den Park direkt drum herum? Na, da konnte ich jetzt spekulieren, wie ich wollte… ohne die Unterlagen bekam ich das nicht heraus.
„Wollen Sie da wirklich hinein?“
Gellert, der Name stand zumindest auf seiner Uniform, machte ein missmutiges und auch ein wenig ängstliches Gesicht. Na, nicht Jeder ist der große Forscher. Ich sehe mir lieber schon von anderen gesicherte Objekte an. Aber na ja. Ich zerstreute seine Bedenken trotzdem. Die Gerechtigkeit benötigt jetzt diese Begehung. Wenn wir nichts weiter fanden, vielleicht eine ordentliche Staubschicht im Innern darauf hindeuten sollte, dass da schon ewig niemand mehr war, dann konnten wir das weitere Eindringen gut und gerne abbrechen. Nahm ich an und sagte es ihm. Er wirkte darum nicht gerade glücklicher, aber doch mutvoller. Sagt man das so? Glaube ich zumindest.

Drinnen sah es nicht aus, als wenn man dem Zaun draußen viel Bedeutung schenkte. Fußabdrücke, gar Essensreste und Verpackungsmüll. Alles deutete auf erst kürzlichen Gebrauch hin. Sogar ein paar Matratzen lagen da… daneben, unmissverständlich, Überbleibsel wilder Nächte. Nun, wenn die dabei keine Angst vor dem Dach haben, was wirklich aussah, als wenn es bald den Geist aufgeben und die Standhaftigkeit gegen eine massive Bodenhaftung tauschen würde, konnten wir noch ein paar Schritte weiter gehen. Und wieder musste ich finster lächeln, wie man so schön sagt, wenn ich daran dachte, dass das schon hätte vor vier Tagen erledigt werden können. Dabei… Vermisstenmeldungen sind meist nur in den ersten Stunden heiß. Gut, die Lehndorff meldete sich spät. Die Chancen sanken laufend. Und nach dem Auffinden des Audis…
Half alles nichts. Jetzt galt es. Alles andere war eh' vorbei.

„Da, Herr Zech, da liegt was!“
Nicht nur, dass Gellert nun nicht wusste, wie er mich ansprechen sollte… Wo, um alles in der Welt, lag denn hier nichts?
Ah, das meinte er… sah nach… ja, nach einem Fotoapparat aus. Zumindest kaputt. Aber irgendwie machte das Ding nicht den Eindruck, als wenn es ein Billigkasten wäre… gewesen wäre eher.
Ich zog die Gummihandschuhe über, die ich immer in der Tasche hatte. Das brachte mir einen bewundernden Blick des Kollegen ein. Dann nahm ich das Ding, diesen Rest einer technischen Errungenschaft der Menschheit, einfach mal hoch.
Hmm… Canon. Modellnummer? Nicht zu erkennen. Das ist was für Herbert. Der wird immer zum Kind, wenn er so etwas auseinandernehmen darf. Doch eines sah ich gleich… Da steckte noch so eine Karte drin, schien zu klemmen. Glück für uns… denn Herbert, da war ich mir sicher, der konnte die rausholen!
Fotoapparat… Lehndorff… Der war Reporter? Eher Journalist. Berichterstatter. Mit der Feder unterwegs… oder eben mit Stift und Papier… oder dem Laptop. Aber Fotos? Was schrieb Max von diesen Frankes? Die hatten doch was von einer Knipskiste erwähnt, oder? Muss ich prüfen. Doch, ja, fällt mir wieder ein. Ich dachte noch… klar, dass man dem den Pressemann gleich ein paar Meilen gegen den Wind ansah. So stellen wir uns die Leute ja auch vor.
Fotoapparat. Einfach so hierher geworfen. Wenn wir jetzt noch feststellen können, wem das Ding gehört…
Ich rufe Herbert an. Der stellt drei Fragen, die ich mit dem Schrotthaufen in der Hand beantworten kann.
„Du, Frank, das ist ein Profigerät. Drei Modelle von Canon kommen da infrage. Und so was wirft man nicht mal weg, wenn man es wirklich dolle kaputtgemacht hat. Es sei denn, man will es schnell loswerden. Da, wo man denkt, dass es niemand sucht.“
Ermittler. Alles Profis. Wenn die doch mal schon drei Tage eher… oder vier… Nein, ich schlucke den Ärger hinunter, sollte mich eher auf die Sache konzentrieren.
„Los, Gellert, gehen wir weiter. Vielleicht finden wir noch mehr!“
Vor meinen Augen sehe ich schon irgendwo einen leblosen Körper liegen. Sicher geht wieder einmal die Fantasie mit mir durch. Nein, so dumm ist selbst ein Mörder nicht…
Lehndorff… der war also hier. Zumindest ist das nach diesem Fund, dem Wagen und den Aussagen sehr wahrscheinlich. Nun ist er weg. Seine Kamera und sein Wagen sind noch da. Das lässt Schlüsse zu. Selbst, wenn wir jetzt nichts weiter finden, kann ich fast mit Sicherheit sagen, dass dem was passierte.
Raubmord? Noch haben wir keine Leiche. Entführung? Zu still bisher. Was dann? Oh, ich muss diese Woitsach befragen… und das richtig. Max muss ich auch besuchen. Schnell! Also weiter…
„Gellert, lassen Sie das Ding nach Dresden bringen!“
Er sieht mich genervt, doch auch ein wenig erleichtert an. Und nun zur Woitsach? Nein. Die Kollegen kommen an. Nun wird wohl der Tieflader verschwinden müssen. Na, ich sollte mich zumindest da mal sehen lassen. Sonst schätzt man mich noch als hochnäsig ein.
„Kommissar… Hauptkommissar… ähm… Herr Polizeichef… da ist… sorry… da ist was ganz Komisches!“
Gellert.
Ich beruhige mich. Zumindest hat er den Apparat nicht mehr in der Hand und versichert mir inständig, dass er den schon mit einem Wagen zu Tobler geschickt hat. Na, hoffen wir mal, dass das auch wirklich eine gute Idee war… immerhin kann an dem Ding eine ganze Menge hängen.
„Was ist denn nun komisch?“
Gellert ziert sich.
„Drei Traktoren. Nichts zu machen!“ Hä?
Ich muss zugeben, ich verstehe erst einmal nichts. Und genau jetzt klingelt mich auch noch Petra an.
„Kuno geht es nicht gut. Ich wollte erst den Arzt holen, aber dann dachte ich an Kreta. Vielleicht hat er was nicht vertragen. Ich fahre ins Krankenhaus, melde mich von da!“
Keine Frage. Klar, sie hat anderes im Kopf. Kann ich verstehen. Unbedingt. Und nun?
„Ja, der Tieflader. Wir bekommen ihn nicht von der Stelle. Wie einbetoniert. Habe ich auch nicht glauben wollen!“
Einbetoniert. Ja, das wäre doch…
Ich gehe hinüber. Inzwischen scheint der Himmel ein wenig Einsehen zu haben und schüttet nicht mehr ganz so viel herunter.
„Räder… wie viele sind das?“
Nein, eine wirkliche Antwort auf diese Frage will ich gar nicht haben. Und ich sehe die Schuhe, die man dem Tieflader verpasste. Ja, einbetoniert. Wer macht denn so etwas? Doch nur, um uns, mich, die Polizei abzuhalten.
„Los, die Dinger muss jemand abpickern. Schnell sogar. Ich denke, wir werden in diesem Schacht auf jeden Fall etwas finden. Entweder den Lehndorff oder eben etwas anderes, was wir nicht sehen wollen.
Ah, vielleicht die Dachdecker…? Ich schicke nach ihnen. Paul ist heute allein auf dem Gerüst.
„Ah, der Polizist. Na, kann man helfen?“
Ich erzähle von diesem Schacht und er wird still.
„Nein, den Tieflader haben wir nicht hingestellt. Gehört wohl jemandem Anderen. Keine Ahnung. Sind auch nicht unsere Farben. Sehen Sie doch mal in der Handwerkerrolle nach. Vielleicht finden Sie was Passendes?“
Nein, Handwerkerrolle… da wollte ich nicht nachsehen.
Inzwischen höre ich schon einen Hammer. Einen mit Druckluft. Was habe ich mich in den letzten Tagen aufgeregt, wenn genau so ein Ding vor unserem Haus hämmerte… vor dem Urlaub… und Kuno zu jeder nur möglichen Stunde störte. Jetzt aber…
„Wir haben ihn frei. Nun nur noch wegziehen!“

Da kam ein dunkler Jeep die Straße nach Siebeneichen und gleich zum Tieflader gefahren.
„Was machen Sie denn hier?“
Dunkelhäutiger Typ. Nein, ich haben keine Vorurteile. Irgendwann saßen wir alle mal am selben Feuer… und wenn es in der Urgesellschaft war. Aber, und das bleibt mir ein ewiges Rätsel, wie schaffen diese Leute es immer, die besseren Jobs, die höheren Gewinne und die größeren Autos zu haben?
Neid… Frank, nimm Dich zusammen. Diese Sache mit Kuno, die Entführung von Petra und auch noch dieser abgebrochene Urlaub… das verändert einen Mann. Nehme ich zumindest an. Mich hat das alles verändert. Sehr sogar.
Schlucken, ruhig durchatmen.
„Ist das Ihr Tieflader?“
Der Mann nickt und wird auch nicht wirklich ruhiger, als ich ihm meinen Dienstausweis zeige.
„Wissen Sie, ist ja schön, wenn sich die Polizei bemüht. Aber ich habe in den letzten drei Jahren vier recht große und auch noch teure Fahrzeuge eingebüßt. Keine Deutschen… waren wohl irgendwelche Osteuropäer. Und ehe Sie noch denken, dass ich vielleicht von den eigenen Verwandten rede… ich bin Türke. Mein Urgroßvater kam vor über fünfzig Jahren hierher. Nun, eher nach dem alten Westen. Und nun, nun bin ich halt hier und habe eine Baufirma. Und weil hier der Boden als etwas locker und anfällig gilt… da sollen ja schon Kleintransporter eingebrochen sein… da habe ich den alten Tieflader da einfach hingestellt, damit ich die Teile für den Umbau des alten Speichers irgendwo lagern kann. Nichts ist schlimmer, als wenn man am Morgen kommt und das Zeug ist im Boden verschwunden. Und da ich es nicht Jedem einfach machen will. Verpasste ich dem Ding eben Betonfüße!“
Betonfüße. Ich dachte an die Mafia.
Jetzt wies sich der Mann aus. Wieso heißt so einer denn nun gerade Müller? Sammelbegriff? Ich muss schmunzeln, was er natürlich gleich als eine Wertschätzung… oder eher eben keine einordnet.
Ich beschwichtige ihn.
„Wir haben Hinweise darauf, dass da unter Ihrem Tieflader etwas zu finden ist. Natürlich kommen wir für alle Unannehmlichkeiten auf und nehmen Ihren Tieflader auch nicht in Gewahrsam!“
Das sollte lustig klingen. Irgendwie kam mein Witz bei diesem Erdenbürger nicht an. Überhaupt nicht. Leider.

Nun war erst einmal alles frei. Die Traktoren standen bereit und wurden angekoppelt.
Den Besitzer des abzuschleppenden Fahrzeuges dabei zu haben, ist nicht gerade gut. Immer hat der dann etwas zu nörgeln. Und ist das Ding, was wir da zur Seite ziehen, auch noch so alt…
Ja, ein Farbkratzer kann dann gleich richtig teuer werden.

Endlich war das Ding zur Seite.
„Öffnet den Schacht und dann runter!“
Ja, das hatte ich mal gehört. Wo war das? Keine Ahnung. Sicher irgendein Film. Egal. Wir hatten Zeit verloren. Viel Zeit.
Wie kommt man nur gerade darauf, diesen blöden Tieflader…? Ich lasse das doch. Die Kollegen, ordentlich zurechtgemacht und in den richtigen Klamotten, waren bereit. Die Abdeckung, wenn man das so bezeichnen konnte, war nicht zu schwer zu entfernen. Nichts hatte sich scheinbar seit dem Tag verändert, als Max und Sonja hier waren. Hoffentlich… konnte ich nur sagen.
Schon stand ein Dreibein über dem Loch. Tief hinein in den Boden. Wenn ich nur mal den Schein der Taschenlampe hineinschickte… und die war stark, strahlte gut dreißig Meter weit, dann war einfach kein Boden zu erkennen. Nicht toll… da konnte ich den Dachdecker schon wieder verstehen. Zu tief und zu gefährlich!
Jetzt schwebte der Erste hinunter. Ich sah ihm nach und schaute im gleichen Moment auch hinüber zum Schloss. Meinte Max nicht im Bericht, dass er den Eindruck hatte, beobachtet zu werden?
Ich schluckte. Was war hier nur los? Was konnte denn an einer staatlichen Schule so interessant sein? Was hatte Lehndorff gesucht? Warum ist er verschwunden? Und warum scheinen alle keine Wahrheit zu lieben? Und die, die ihn sahen und länger hier oben sind… nein, ich habe die Woitsach noch nicht gesprochen. Daher…
„Wollen Sie jetzt wirklich gehen? Gerade jetzt haben wir doch diesen Schacht frei!“
Ich halte mich zurück. Gellert denkt wohl, weil ich ihn einmal für diese eine Sache hinzuzog, dass er sich nun schon wie ein Kripobeamter aufführen kann? Nein, sicher nicht!
Ich mache mich auf den Weg hinüber zum Schloss.

Komische Skulpturen, denke ich so bei mir. Hat das denn einen Bezug zu solch einer Umgebung? Ich kann keinen feststellen. Vielleicht gab es irgendwelche Preisgelder, von Europa gestützt und so. Da muss man dann alles ausstellen, was dazugehört. Egal, ob es einem wirklich gefällt.

Ein Ruf. Ich werde gerufen, als ich gerade auf die Klinke vom Schloss drücken will… Die Klinke vom Schloss… ist komisch. Wie vieles Anderes in diesem Fall. Klinke der Schlosstür natürlich...
„Herr Zech!“
Ich sehe Gellert. Schon wieder. Sonja kommt auch gelaufen. Nun ja, dann ist sie wohl mit den Kollegen eingetroffen… eben, als ich losging.
"Ja?“
Die Frau Woitsach, so wie sie mir zumindest von diesem Foto herunterlächelte.
„Entschuldigung. Zech, Hauptkommissar Zech. Ich komme dann noch zu Ihnen. Bitte veranlassen Sie, dass niemand das Haus verlässt. Keine Schüler, keine Lehrer. Eben überhaupt niemand. Hier ist ein Beschluss. Den können Sie gern zeigen, wenn jemand eine Frage hat!“
Sie sieht mich mit einem bleichen Gesicht an.
„Wie darf ich das verstehen?“
Ich habe keine Zeit. Die konnten sicher was finden. Und ich muss da sofort hin.
Schnell bekommt sie den Beschluss in die Hand und ich gehe zurück. Ob sie weiß, was das bedeutet? Ich weiß es auch noch nicht. Und als ich nun schneller gehe, weil es gerade wieder begann zu regnen, vibriert mein Handy.
„Zech, was machen Sie denn in Deutschland? Ich denke, Sie sind auf Kreta?“
Keller. Der… Nein, eigentlich bin ich froh, ihn zu hören. Immerhin kann er mir vielleicht doch noch ein paar Tipps geben, wie man sich als Polizeichef benimmt.
Erst erzähle ich vom Fall, den er natürlich kennt.
„Ja, der Lehndorff. Der ist mir vor ein paar Jahren auch mal über den Weg gelaufen. Komischer Typ. Immer auf der Suche nach der richtigen Story. Aber was soll's. Wenn er es gut macht? Und nun soll er weg sein?“
Ich setze ihn noch einmal ins Bild, berichte von Max und dem Krankenhaus.
„Lungenentzündung? Damit ist nicht zu spaßen! Passen Sie nur auf, dass da nichts hängen bleibt!“
Ha… das war mir schon klar. Und nun?
„Ja, ich schlage vor, die Suche sollte nicht nur auf dieses… wie heißt das? Siebeneichen? Ja, also nicht nur da suchen. Das kann auch ganz andere Hintergründe haben. Vermute ich sogar. Denn immerhin ist es doch viel zu offensichtlich, wenn da das Auto gefunden wird. Wäre für einen Mörder oder Entführer einfach zu dumm. Das die Typen in der Regel nicht dumm sind, wissen wir doch alle, oder?“
Ja, aber…

„Frank, komm her. Wir haben ihn!“
Ihn? So sicher? Ich ertappe mich dabei, gar nicht zu erschrecken, dass sie wirklich etwas fanden. Nein, das war sicher abzusehen. Der Tieflader… das war doch eigentlich eine plausible Erklärung von diesem Bauunternehmer. Haben wir seinen Namen? Nannte er doch… typisch türkisch… Müller! Wenn das abgekartet gewesen sein sollte, brauchen wir ihn noch! Ah, da sitzt er. Etwas blass… passt gar nicht zu seinem Teint! Aber was…
„Los, Frank, komm schon. Wir haben Lehndorff gefunden!“
Sonja ist nervig. Wenn sie ihn gefunden haben, kann das auch noch ein paar Minuten…
„Frank, er lebt!“
Ich lasse das Handy mit Keller dran fallen. Krach… nein, nicht ‚krach'. Da war Matsch. Nicht zu wässriger. Ich höre schon, Keller muss es trotzdem mitbekommen haben.
„Werfen Sie mich nicht rum. Und geben Sie mir gefälligst Bescheid, was da läuft!“
Ich nehme ihn mit dem Kommunikationsknochen hoch und stecke ihn in die Tasche.

Lehndorff lebt?
Füße in die Hand. Blöde Redewendung. Ein wenig passt das schon. Sonja, die doch weitaus sportlicher ist, als ich, kommt mir kaum hinterher. Die Hosen kann ich auch vergessen. Klar, Schlamm! Egal. Zumindest jetzt…
„Hier, Frank, hier drüben!“
Na prima, auch noch vorbeigerannt. Aber jetzt…
„Er atmet. Nicht stark. Aber er ist zumindest nicht tot!“
Da kommt schon der Krankenwagen. Bloß gut, dass wir mal ein Happy End haben … Pha, nicht zu früh freuen!
Der Notarzt schaut sich den Gefundenen an.

„Vierzig Meter. Hätte ich nicht gedacht, dass das Ding so tief ist. Und er hing auch noch auf einem Ast, der sich da unten verfangen hatte… oder eine Wurzel. Zumindest eben dieses Holzzeug, auf dem er aufgeschlagen ist. Ein paar Brüche auf jeden Fall!“
Nein, das war erst einmal Sonja. Gellert, der sich besonders wichtig vorkommt, nickt gewichtig dazu. Dabei stehen die Kollegen, die unten die gute Sucharbeit leisteten, etwas angewidert herum und versuchen, Schlamm und Gestank, den sie an sich haben, loszubekommen.
Jetzt sieht der Arzt auf. Er schaut nicht gerade freudig. Schnell legt er einen Zugang, lässt Lehndorff vor allem Flüssigkeit zukommen.
„Dehydriert. Trotz des feuchten Wetters. Der muss die ganze Zeit bewusstlos gewesen sein. Da konnte er nichts von dem Wasser aufnehmen. Und die ganzen Brüche… Nicht so toll. Da kann man ihm schon fast gratulieren, dass er die Schmerzen nicht mitbekommen musste. Aber ansonsten… Nicht gerade in guter Verfassung. Ich gebe keine Garantie, dass er die nächsten 48 Stunden überlebt!“
Und noch einmal gibt er ein paar Anweisungen, meint auch, dass der Gefundene nicht transportfähig ist.
„Zumindest nicht mit dem Wagen. Sie wollen ihn doch sicher nach Dresden haben, oder? Zu lang... bei der Straße auch zu holprig. Ein Hubschrauber… Aber in diesen Zeiten… Wenn Sie das nicht anweisen, werde ich das nicht befürworten!“
Hmm… der Mann ist fast tot. Und doch… ich rufe Knauber an. Der hängt gerade über… ja, wirklich im wahrsten Sinne des Wortes, er ist doch Bergsteiger… er hängt über einem kleinen Tal in der Sächsischen Schweiz und hofft, dass er wieder nach oben kommt.
„Ja, geben Sie mir den Arzt. Mal sehen!“
Nun reden die wohl gut zwanzig Minuten miteinander. Der Beutel mit Wasser und Salz wurde schon zum zweiten Mal gewechselt. Wirklich viel Flüssigkeit, die ihm fehlt! Wenn ich ihn mir so ansehe… ist das ein Journalist, vor dem man Angst haben muss?
Fragen… ich stelle sie mir immer wieder. Auch, warum das mit Max bisher nicht funktionierte. Ist er der bessere zweite Mann? Na, das muss ich klären, wenn er wieder im Dienst ist. Erst einmal kann ich nur hoffen, dass…
„Der Hubschrauber kommt. Die Kollegen wollen drüben auf dem Feld landen. Bis dahin kann ich ihn transportieren lassen. Weiter nicht. Ich habe nicht genug Stabilisierung für die Knochen. Und bei den vielen Brüchen… Ich denke, da sind auch noch einige Rippen betroffen. Zu gefährlich bei dem Geholper!“
Geholper… würde ja bedeuten, dass man noch vor rund zwanzig Jahren niemanden von hier nach Dresden hätte schaffen können. Nun ja, vielleicht muss ich umdenken. Vielleicht hat damals auch nur niemand den Wunsch gehabt, einen Reporter in einen Schacht zu stecken. Denn wenn das Ding so abgedeckt war… da schließe ich doch Eigenverschulden aus. Zumindest bisher.
„Los, fliegt ihn nach Dresden. Ich will aber laufend zwei Beamte um ihn haben. Und wenn er etwas sagt, dann wird das aufgenommen. Nichts darf verloren gehen. Hatte er was bei sich?“
Erst jetzt sehe ich, dass die Beamten vom Tauchverein… so nennen wir unsere Höhlenforscher manchmal scherzhaft… ihr Dreibein noch gar nicht abbauten. Wollen die etwa noch einmal hinunter?
„Ja, Herr Hauptkommissar. Wir haben ihn erst einmal geborgen und wollten nun noch einige Sicherungen am Rande vornehmen. Jetzt geht es aber hinunter. Und dann muss auch noch dieser Abzweig in zehn Meter Tiefe untersucht werden. Scheint in diese Richtung zu führen!“
Der Mann mit der Stirnlampe und dem Namen ‚Reiber' auf der Uniform zeigte in Richtung Schloss und verfallenen Stall. Dahin?
„Was ist das für ein Abzweig?“
Nun erfuhr ich natürlich, als wenn ich noch ein Grünspan wäre, dass man erst nach unten geht, die Zugänge an den Seiten nur dokumentiert und dann schließlich zusieht, dass man sich nach und nach vorarbeitet. Ja, das weiß ich doch. Ich wollte ja nur…
„Na, eben ein Abzweig. Kann man gut als Gang bezeichnen. Scheint fast Mannshoch. Ich würde sagen, alt. Und der geht recht trocken da hinein. Bei dem vielen Regen lässt das an einen trockenen Ausgangspunkt denken. Das werden wir noch herausfinden.“
Gut. Nur brachte das meine Theorie, dass Lehndorff nur von oben gekommen sein konnte und dass ihn jemand verbergen wollte, gleich wieder durcheinander.
Trotzdem… warum passiert an dem Schacht nun gerade in den letzten Wochen soviel? Erst der Kleintransporter, dann der Tieflader… und jetzt Lehndorff.
Keine Antwort. Woher auch?
Ich schicke die Männer los. Sollen sie sich verdingen und mal sehen, was sie finden. Und meine Fragen konnte mir immer noch niemand beantworten. Was hatte der Lehndorff bei sich? Überhaupt etwas?
Richtung… Richtung des alten Stalles.
Ich gab Gellert zu verstehen, dass ich ihn noch einmal brauchte. Schon standen wir wieder in diesem alten Gemäuer. Ja, auch wenn mir die Worte meiner Mutter einfielen… Man soll sein Glück nicht überstrapazieren. Doch ich wollte den Kollegen helfen und war außerdem neugierig. Konnte da vielleicht doch noch …?
Nein, so richtig hatte ich den Faden noch nicht in der Hand. Mir fehlte das Feeling bei diesem Fall. Erst wird der Mann vermisst, dann finden wir ihn… auch noch lebend. Und selbst wenn es makaber hoch drei ist… das war der denkbar schlechteste Ausgang einer Vermisstensache, denn niemand konnte mit Sicherheit sagen, dass wirklich mehr dahintersteckte. Solange Lehndorff nichts dergleichen meinte. Wenn ich den Notarzt ernst nehme… Das kann also wirklich noch eine ganze Weile dauern. Nehme ich zumindest an.

Jetzt hebt der Hubschrauber ab. Vorhin nahm ich seine Landung gar nicht so recht wahr. Routine eben. Nun wusste ich, dass unser Opfer an Bord war. Wessen Opfer? Hoffentlich nicht nur eines, das man der Angst der Frau zuordnen konnte. Selbst dann würde er von Glück sagen können, dass wir ihn fanden. Glückspilz also!
Ich grinste und stolperte erst einmal über eine da liegende große Flasche… Glas. Vielleicht eine Sonderausgabe Sekt? Könnte sein. Egal. Es gab immer noch Spuren. Auch hier sah man Fußabdrücke. Die konnten unmöglich alle nur von Lehndorff stammen. Natürlich, das war klar, eben auch von ihm.
Hier fanden wir die Kamera. Da wurden wir wieder hinausgerufen. Und dort? Da ging eine Treppe nach unten. Auch mit Spuren.
Weiter.
Es war dunkel und stickig… nein, eher wie in einer Sauna. Ich hatte längst meine Jacke geöffnet. Schwül… wenn man das noch eine Weile aushalten sollte, dann konnte man sich beim Temperaturwechsel draußen wie Maxeine Lungenentzündung holen. Ich bin hart im Nehmen. Denke ich zumindest. Petra meint das immer!
Knauber, daran denke ich jetzt, hatte sich mit dem Notarzt unterhalten und meinte dann noch zu mir, dass ich zu viele Gespenster sehe. Man könne schon davon ausgehen, dass der Lehndorff von allein gefallen ist. Er nimmt ihn sich vor. Wenn der wüsste, dass er mit Toten … nun, muss er ja nicht unbedingt erfahren! Aber der Pathologe ist nun einmal der Beste.

Die Treppe führt über zehn Stufen in einen kleinen Keller. Einen wirklichen. Keinen Minister, der sich irgendwann in jeden meiner Fälle einklinkt. Hier unten sind weitaus weniger Spuren. Ich kann vielleicht sagen, dass da nur ein Fußpaar den Staub verletzte.
Verletzte? Pha!
Da, da geht es gegen die Wand. Und dann hört alles auf.
Geheimgänge… ich lächle. Ja, da kannte ich einige. Und ich denke, wenn die, die auch davon wissen, nicht verhindern wollten, dass all das auch Andere erfahren, dann würden einige Hobbysucher sich schon vor Jahren bestätigt gesehen haben… Das ganze Leben ist ein Spiel. Und Überraschungen sind keine, sondern alles nur Taktik. Wie eben die alten Gänge.
Einer zum Brunnen? War das überhaupt einer? Ich weiß es nicht. Noch hatten die Kollegen nur den Lehndorff geborgen, sich das alles nicht weiter angesehen.
Halt… ich höre Stimmen. Natürlich konnte ich es nicht lassen und fingerte an der Wand herum, vor der die Spuren aufhörten. Nur Gummihandschuhe. Klar. Wegen der Abdrücke. Trotzdem. Und doch, wenn ich da nahe heranging, hörte ich Worte.
Worte… hier?
„Hallo, ist da jemand?“
Ich kam mir gar nicht blöd vor… zumal vor Gellert… wenn ich jetzt mit der Wand vor mir sprach. Und ich sah deutlich, dass der Mühe hatte, dies als einen Scherz abzutun. Er sah mich schon recht komisch an. Ein verrückter Polizeichef?
Nun wurde es gleich noch verrückter…
Die Wand antwortete.
„Hallo? Wer ruft da? Brauchen Sie Hilfe?“
Ja, das war doch… Klang zumindest wie Reiber von den Kletterern.
„Herr Reiber? Hier Zech. Wir sind auf der anderen Seite der Wand!“
Drüben grummelte und lachte man. Dann hörte ich ein Stöhnen, das ich keinem Überfall oder dem Verenden der Dresdner Polizeielite zuschrieb, sondern dem Versuch, die Wand zur Seite zu schieben.
„Verdammt… das Ding rührt sich nicht. Können Sie bei sich was erkennen?“
Ich suchte weiter. Gellert, der sich nun vom Schock wegen der sprechenden Wand erholt hatte und langsam verstand, was hier ablief, suchte fleißig mit. Und, der Teufel liegt im Detail, da war doch tatsächlich er der glückliche Finder.
„Hier, Herr Hauptkommissar, hier ist was!“
Ein Ring. Ich hätte den übersehen, denn in alten Gemäuern hat man die häufig. Sehen ein wenig wie die aus, die Bergsteiger an den Felsen verwenden. Na, eher verwendet haben. In Sachsen darf man nur noch vereinzelt selbst Ringe schlagen. Ansonsten hat man sich an die Vorhandenen in den meist geschützten Felsen und Steinen zu halten.
Dieses Ding schien locker zu sein.
„Hmm… gut, versuchen Sie es mal. Und, Reiber…“
Ich wurde lauter und wandte mich noch einmal an die Wand.
„…suchen Sie mal nach einem etwas lockeren Ring auf Ihrer Seite!“
Reiber verstand und hatte auch gleich einen zur Hand.
„Gut, ziehen Sie mal beide daran!“
Gellert versuchte sein Bestes. Reiber sicher auch. Nichts. Na, gibt ja noch andere Richtungen! Ah… drehen…
„Eh, wer dreht mir denn den Ring weg?“
Ich sah an Gellerts Ring, wie der sich bewegte. Aha!
„Die hängen zusammen und sind vielleicht nur ein Schließmechanismus. Einfach einmal drehen und gegen die Wand stemmen!“
Meine Erfahrungen mit alten Gängen machen sich bezahlt. Hohburg… Nistejka… und so weiter. Klar. Irgendwann muss ich ja den Profi geben! Tatsächlich… da tat sich etwas.
Olsenbande… Da wartete der Egon doch immer mit einem Stethoskop auf das Klicken in der Mechanik der Tresore. Hier war es anders… wir hörten es alle.
‚Klick'
Der Ring hatte etwa eine 45-Grad-Drehung gemacht. Dann dieses Klicken. Und schon warfen sich von beiden Seiten Leute gegen die Wand. Noch einmal ‚Klick'. Klar, so dumm kann man ja nicht sein!
„Ruhig, Leute. Erst einmal die Drehung. Und dann drückt Gellert von hier. Passiert nichts, dann Reiber von drüben. Also bitte!“
Und schon ging es.
Das Klicken schien Routine. Dann schob Gellert und bekam die Wand wirklich ein paar Zentimeter zur Seite. Na, ein guter Anfang. Nur, wenn ich diesen Lehndorff gesehen habe, musste er Hilfe haben… allein konnte er das nicht schaffen. Oder aber… ja, die andere Seite!
„Drehen Sie noch einmal, Reiber. Dann drücken Sie von da!“
Gesagt… getan. Und schon schwang die Tür… die Mauer… eben diese Sperre zur Seite. Einfach und auch recht gut beisammen. Nur… wenn der Lehndorff das auch fand, dann musste er ja von dieser Seite…
„Ja, hier!“
Reiber sah nur kurz an die Wand und erkannte, was wir im Schein von unseren kleinen und düsteren Funzeln nicht erkennen konnten… Da war noch ein Ring. Fast im Stein. Und daran konnte man gut ziehen. Einfache Sache.
Ich sah mir nun die Mechanik an. Nicht alles… das ging nicht. War ja in der Mauer und so weiter verborgen. Ansonsten hatte das wohl eher etwas von einem Riegel. Nichts Neuzeitliches oder Modernes. Und doch gut intakt.
„Na, nur ein wenig Öl. Mehr ist das auch nicht.“
Hmm… aber das musste ja jemand daran getan haben, oder?
Pläne. Die brauchen wir. Das, was man von diesem Schloss, dem Gebiet und so weiter noch auftreiben kann.
Diesmal rief ich gleich Hauber an. Und der, wie könnte es anders sein, war auf der Autobahn…
Halt, wieso auf der Autobahn? Nicht in Dresden bei Judith?
„Ja, ging noch nicht. Ich stecke hier fest. Stau. Hat sich wieder einmal irgendwer totgefahren. Kann noch eine Weile dauern. Und überall Polizei… nichts für ungut. Aber ich traue mich nicht auf die Standspur. Dabei sind es nur noch gut vierhundert Meter bis zur Abfahrt. Grimma, Sie verstehen?“
Ja, der Hauber…
Ich weiß, er sammelt. Punkte. In Flensburg.
Ich gebe ein paar Weisungen und noch während wir sprechen, klopft ein Kradmelder an Haubers Beifahrerfenster.
„Und kommen Sie schnell. Erst in die Bibliothek. Ich brauche die Pläne. Wenn Sie was haben, dann gleich hierher nach Siebeneichen. Wir nehmen alles. Die alten Pläne, auch aktuelle. Und ein paar Sagen und Vermutungen. Das, was wir noch nicht haben. Aber bitte erst die Pläne. Und nicht ewig lange prüfen, ob das Zeug nun von 1509 oder 1905 ist. Alles ist wichtig. Und wichtig ist… hier!“
Hauber schien sich noch viel mehr darüber zu wundern, wie er nun zu einem Kradfahrer kam, und wagte es nicht, mir zu widersprechen. Zumal er auf der Landstraße bis zur nächsten Auffahrt mit Blaulicht und Sirene eskortiert wird.
Der Mann ist glücklich, ich zurzeit im Trockenen und Lehndorff im Krankenhaus.
Ha, Krankenhaus… Max… und Lehndorff! Petra und Kuno auch?
Ich überlasse das Feld Gellert und Reiber. Die können den Gang checken und feststellen, wohin es in diesem Schacht noch geht…
Zumindest will ich das gerade. Aber Reiber macht mir einen Strich durch die Rechnung.
„Herr Hauptkommissar… vielleicht sollten Sie sich das doch noch anschauen. War uns bei der Bergung ganz entgangen. Kann man auch übersehen. Ist aber komisch. Zumal man so was erst viel später machte… Schauen Sie nur!“
Na, da muss ich wohl!
Ich trotte hinter ihm her, sehe, dass hier nur zwei Fußspuren sind. In der Mitte zumindest. Am Rand liefen die Kollegen. Nichts zerstören, ehe die Spurensicherung durch ist.
Zwei Spuren. Zwei Menschen. Ja, die Profilabdrücke könnten unterschiedlich sein. Aber was will mir Reiber zeigen, wenn nicht das? Ich stehe am Ausgang. Da, wo der Gang in den Schacht führt. Schön. Und nun?
„Da, Herr Hauptkommissar, da drüben… und hier auch!“
Licht… viel Licht. Und da sind… Ja, da sind Stufen. Hinunter. Die führen runter. Nur… wohin?
Ich dachte an verwunschene Türme. Nein, sicher nicht!
Habe ich Zeit? Zumindest sehen mich die Kollegen herausfordernd und ein wenig nachdenklich an. Klar, meine Ausrüstung lässt zu wünschen übrig. Vielleicht muss ich nicht bei jedem kleinen Ausflug mit dabei sein. Aber ich habe Lust.
Eventuell eine Art Wutreaktion auf die Urlaubsrückkehr?
Ich merke schon… so richtig komme ich von diesem ganzen Kram nicht los. Wie auch? Immerhin…
„Wir gehen runter!“
Ich greife nach der großen Taschenlampe eines amerikanischen Herstellers, die der Einsatzleiter der Kletterer mir entgegenhält, und gehe nach vorn. Nein, eigentlich nicht gefährlich. Wenn Lehndorff nur eben geklettert ist, dann muss er sich aber reichlich blöd angestellt haben! Was soll's… er lebt ja noch.
Gerade kommt die Meldung, dass er wohl in Dresden ankam und sich Knauber um ihn kümmert… neben den Ärzten für die Lebenden. Er soll sich zumindest einen Überblick verschaffen. Und bei dem großen Wort ‚Fremdeinwirkung' macht ihm so schnell niemand etwas vor. Gut. Und Hauber? Haben wir schon was?
Kein Empfang hier unten. Na, dann gehe ich eben erst einmal so hinunter! Wenn mir Reiber nur sehr widerwillig das Seil umlegen will… ich muss dahin!

Rutschig? Ja, ein wenig. Man kann sich an den Griffen in der Wand ganz gut halten. Da es immer rund herumgeht, ich auch nicht den Helden, also den Vorkletterer spiele, bekomme ich jederzeit Tipps, wohin ich zu greifen habe.
Oben poltert es. Nein, nicht die Schachtabdeckung. Die ist eh' offen und Sonjas Gesicht verriet mir vor einigen Minuten, dass sie mich wieder einmal nicht so recht verstehen kann. Ja, was macht denn ein Polizeichef nun gerade da unten?
Unbeirrt geht es weiter. Irgendwas ruft eine Frauenstimme von oben. Das hallt so an den Wänden wider, dass ich nicht einmal ausmachen kann, ob es Sonja ist oder jemand anderes… aber… da waren doch keine anderen Kolleginnen?
Nein, ich kann mich damit nicht aufhalten, habe keine Zeit.
„Halt. Wir sind unten!“
Wie lange…? Oh, viertel Stunde. Und immer ringsherum. Ich schaue nach oben. Ganz schön weit weg, dieser Einstieg… nein, die obere Öffnung. Der Einstieg liegt gut zehn Meter darunter. Eben gerade soviel, wie die Treppe im alten Stall hinunter ging. Aber das lässt sich von hieraus recht schlecht schätzen.
„Vorsicht… alles voller Wasser. Nicht hoch. Kaum Knöcheltiefe. Aber ich weiß nicht, was da alles drinnen liegt!“
Reiber ist vorsichtig. Dabei war doch klar, dass da Wasser sein musste. Wir stehen in einem Brunnen, oder?
Er schüttelt den Kopf, schaut sich noch einmal um.
„Nein, das hier muss alles einen anderen Zweck erfüllt haben. Zumindest nehme ich es an… Sieht gar nicht nach einem typischen Brunnen aus. Auch nicht nach Zisterne. Sicher nicht!“
Der Schein seiner Lampe, dem ich nun mit meiner folge, geht hinüber zu einer… einer weiteren Öffnung. Nein wirklich, das ist nicht typisch für solch eine Zisterne. Und ein Brunnen… ja, der kann Wasser von überall her brauchen. Aber auch nicht so. Sicher nicht!
„Versickert nicht, läuft eher weg. Nur das Bisschen… als wenn man von oben den Schein waren wollte. Komisch!“
Wir warten, bis die anderen drei Kletterer unten sind, dann geht es los.
„Immer hintereinander. Und den Blick nach oben, unten und vorn. Zur Seite schaue ich noch. Da dürfte aber… Oh, Vorsicht… hier steht ein recht scharfer Stab hervor!“
Stab? Stange eher… schön verrostet. Ein Herd für eine gute Blutvergiftung, wenn man nicht aufpasst.
Vorhin beim Klettern kamen wir an diesem Holz vorbei. Ob wohl der Lehndorff jemals hier unten war? Zumindest nicht auf seinem letzten Gang. Oder passierte das beim Hinaufklettern? Aber wenn es da zwei Spuren gab… zwei verschiedene Paar Schuhe, die sich ein wenig, aber kaum überlagerten, also auch nicht von zwei Ausflügen des Mannes stammen konnten, warum hat dann niemand den Unfall gemeldet?
Ich spekuliere, dass das in Niemandes Interesse lag. Ja, sicher!
Schlucken.
Wenn ich mal in solch einen Schacht falle, dann wünsche ich mir entweder den Tod oder eine ganz schnelle Rettung. Nein, ich habe keine Angst vor dunklen Räumen. Aber diese Ungewissheit… dann auch noch die meiste Zeit bewusstlos…

„Hier, hier ist etwas!“
Ich laufe hinter Reiber. Er strahlt ein Bündel an, das da aus einer Wandnische ragt.
„Könnte wichtig sein!“
Ja, sicher. Nur wie?
Ich greife nach dem Ding und merke schon, dass es ziemlich feucht ist. Alte Papiere? Oder einfach nur eine Sackgasse?
Alles ist möglich. Ich denke schon, dass man noch gar nichts weiß. Nur, dass Lehndorff noch lebt. Und wie seine Frau vorhin am Telefon auf die Meldung reagierte…? Nun ja, ich werde sie morgen sehen. Dann kann sie sich noch einmal zu ihrer komischen Mine äußern, die sie dabei gemacht zu haben scheint. Zumindest klang das alles sehr abweisend.

„Mehr ist hier nicht. Wand. Keine, die sich bewegen lässt. Vielleicht gab es früher mal was. Aber jetzt…“
Ich drehe um, will nach oben. Zurück nach Dresden. Die Zeit drängt!

...

 

-------------------------------------------------------

© 2008-2017 by Stefan Jahnke, alle Rechte, besonders das Recht auf
    Vervielfältigung, Veröffentlichung und Verbreitung, sind vorbehalten.

 

Krimis - Alle Bücher - Autor - Verlag und Bestellung - Hintergründe - Rezensionen - Zurück zu Siebeneichen