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     und Foto: Stefan Jahnke

 

Leseprobe - Karteileichen

 

Kapitel 3 - Strom ist nicht gleich Strom (Auszug)

"Natürlich sehe ich mir den Röster an, Frau Schneider. Ist doch keine große Sache. Nur ein paar Spiralen und die Leitung. Der Schalter kann kaputt sein. Oder eben ein Kontakt lose. Lötstellen… immer anfällig. Um so eher ich… ja, danke."
Herr Günzel lacht in sich hinein. Früher hatte er Angst vor der Frau Schneider. Die konnte doch nichts für sich behalten und hatte dann auch noch irgendwelche Spitzen, die sie einem sagte oder genüsslich verschoss. Dass man dann im ganzen alten Dorf Gesprächsthema Nummer eins war… na ja, das Dorf verschwand längst. Kaputt und weg. Und er… er ist immer noch da. Niemals hätte er gedacht, dass er sich mal mit den ganzen neumodischen Geräten der Nachbarn beschäftigen würde. Aber Not macht erfinderisch. Wenn man ein Berufsverbot bekommt, weil der Vater ein hohes Tier bei der SS war, dann auch noch hört, dass es den Kindern im Westen nicht so gut geht, weil ihr Vater angeblich im Osten mit allen kollaboriert, da kann man nur die Notbremse ziehen… Ja, die Kinder haben immer nur ihren Ärger im Kopf. Aber sonst? Für ihn reicht es.
Der Fön von Stellmachers ist fertig. Die holen ihn doch sicher selbst ab. Noch den Leuten hinterherrennen? Für die paar Pfennige… na ja, die sind geizig. Er weiß nicht, warum. Hausbesitzer. Verstrittene Schwestern. Wenigstens die Anderen im Viertel sind ganz anders.
Vorsichtig sortiert er die verschiedenen Stecker. Die schmoren am schnellsten. Was die Leute aber auch immer machen! Schnell geht das. Nicht richtig in die Dose gesteckt und schon… na ja, oder eben der Versuch, einen normalen Stecker in so eine neumodische Schukodose zu bekommen… lebensgefährlich. Trotz Schutzkontakt. Wenn nicht das, dann doch zumindest verrückt.
"Herr Günzel, guten Tag. Ich komme von der Bauaufsicht. Können wir uns unterhalten?"
Der Mann sieht gut aus. Sehen die doch alle, die irgendwie die Leiter nach oben kriechen konnten, oder? Er bittet den Mann in seine ‚gute Stube'. Hier gibt es nur zum Sonntag eine Tasse Kaffee. Heute ist eine Ausnahme. Natürlich bei jedem Besuch… heute eben auch.
"Was kann ich für Sie tun, Herr… ähm… wie war Ihr Name?"
Der Mann geht über diese Frage hinweg, packt einen Plan aus, den er auf dem kleinen Tisch nur zum Teil ausbreiten kann. Dann setzt er umständlich eine Brille auf, die ihm wohl ein wissenschaftlich-wichtiges Aussehen geben soll. Günzel vermutet, dass da nur Fensterglas im Rahmen steckt. Er lacht in sich hinein.
"Kennen Sie das Aufbauprojekt der Stadt Dresden? Natürlich kennen Sie das. Die Innenstadt hat ja in den letzten Jahren viele neue Bauten bekommen. Ein ganz anderes Gesicht. Endlich mal was Modernes. Nicht diese alten Bauten. Manchmal habe ich den Eindruck, dass uns die Amerikaner und die Briten einen Freundschaftsdienst erwiesen, als sie… Nun ja, das bleibt aber unter uns, Herr Günzel, nicht wahr? Ja, warum bin ich nun hier?"
Der Elektriker stellt Wasser auf den Tisch. Staatsgewalten soll man nicht mit Alkohol locken. Zu schnell kommen die auf die Idee, sich auf private Kosten zu besaufen. Und was dann herauskommt… Na, die Staatssicherheit hat wohl schon einige Leute festgenommen, die nur Spaß machten. Gesehen haben soll man sie anschließend nie wieder. Aber das hier… der Typ… der gleich den ganzen Tisch voller Pläne legt, der kann nicht wirklich was trinken wollen. Dann bekommt er eben Margonwasser. Selters, wie Günzel das Zeug mit dem Geprickel immer nennt. Die Flaschen sehen zwar furchtbar aus, müssten sicher nur mal ausgetauscht oder neu gegossen werden, jedoch... man macht es nicht. Werden immer wieder gefüllt, bis alles kaputtgeht.
"Danke. Ist aber auch eine trockene Luft hier!"
Der Mann will Spaß machen, alles locker darstellen. Was ihn wirklich hertreibt? Günzel hat keine Ahnung. Nur eben… ein ganz dummes Gefühl. Gerade, wenn es diesen komischen Plan gibt. War da nicht diese Familie drüben in Striesen? Ja, er erinnert sich. Bis dahin geht sein Kundenkreis. Kamen mit einem Staubsauger, bei dem im Motor nur ein paar Windungen durchschmorten. Leicht zu reparieren. Die PGH hätte viel genommen oder es einfach nicht gemacht. Die tauschen nur noch aus… Motor kaputt? Motor raus, neuer rein. Pech, wenn es keine neuen mehr gibt.
Was erzählten die? Sie wollten an ihr altes Haus nur einen Vorbau anbauen und darauf ein Bad oder so. Hat er damals nicht richtig hingehört. Die Stadt genehmigte es schließlich. Aber weil man irgendwann an der Fetscherstraße eine Brücke hinüber zum Waldschlösschen bauen will, mussten sie unterschreiben, dass sie einem Abriss ihres Anbaues zustimmen, wenn der Brückenbau beginnt. Soviel Günzel weiß, plant man an der Elbquerung schon seit Hitlers Zeiten. Vielleicht auch länger. Nicht ohne Grund wurde die Fetscherstraße von der Elbe bis zum Großen Garten so breit angelegt. Wohin der Verkehr danach abfließen kann? Nun, er ist Elektriker. Zumindest wurde das seine Passion… und jetzt auch sein Broterwerb.
"Also, Herr Günzel, wir wollen bauen. Viel Neues natürlich. Und hier an der Bodenbacher Straße haben wir so viel vor. Dazu brauche ich Ihre Unterstützung. Nicht nur ich. Die ganze Stadt. Sie wissen doch. Jeder Einzelne zählt!"
Unterstützung? Vater meinte vor Jahrzehnten, dass man erst um einen kleinen Finger gebeten wird, und dann hat man schnell die ganze Hand los. Alles Betrüger.
Traurig sieht er auf die Bilder von früher. Mutter war eine Gute. Sie verstand es, aus allen Situationen was zu machen. Nicht umsonst fand sie genügend starke Hände, die das arg beschädigte Haus wieder aufbauten. Und weil sie sich damals alle an die Vorgaben und Zeiten hielten, machte ihnen auch niemand Platz und Gebäude streitig, obwohl es ab der ersten Etage schon recht windschief und nur aus Holz gebaut ist. Unten… fester Ziegelbau. Die Bombe im Garten hatte oben eben alles weggefegt. Na ja, lange her. Heute sein zuhause. Das werden die doch nicht…? Nein, oder? Warum sollte man ihn sonst ansprechen?
"Kennen Sie den Herrn Tippmann, Herr Günzel? Ja, natürlich kennen Sie ihn. Wer denn nicht in dieser Gegend, nicht wahr? Also, der… oh, wer ist denn das?"
Fiffi kommt unter dem Sofa hervor. Da versteckt er sich am Liebsten. Ist eben ein kleiner Pudel, der allen einen Schabernack treiben kann, aber doch alle lieb anwinselt.
"Ist ja süß. Ihrer? Natürlich Ihrer. Ein Mann wie Sie braucht doch einen Freund. Ja, die Zeit… wie das alles… also, wo war ich? Bei Herrn Tippmann, nicht wahr? Ja, der zog vorn ins Hochhaus. War eine sehr kluge Entscheidung. Natürlich bleibt das Haus auf der Zwinglistraße stehen. Aber so eine große Wohnung brauchte dieser eine Mann nun auch nicht. Jetzt wohnt da eine junge Familie. Arbeiter. Er. Sie ist noch in Ausbildung. Aber schon ein Kind. Man kann sich eben zeitig entscheiden. Gut so, nicht wahr? Und Herr Tippmann ist zufrieden. Aufzug, schöne Sicht, wenig aufzuräumen und unten gibt es gar noch eine kleine Gaststätte, wo er ganz billig essen gehen kann. Na ja, und die Volkssolidarität ist auch gleich an der Karcherallee. Kennen Sie? Ach, gehen Sie auch hin? Gut so. Ist wirklich ein tolles Angebot. Und man trifft viele andere alte Menschen… nein, nicht zu alt… eben rüstig natürlich."
Günzel fühlt sich überfordert. Der Mann redet in einem Fort. Nicht einmal scheint der Luft zu holen und er soll ihm folgen… Das konnte er nie gut. Ist halt auch kein Studierter. Davor hat ihn die alte Stellung des Vaters erst recht bewahrt. Hätte er in den Westen gehen müssen. Aber damals war Mutter noch zu pflegen. Ging also nicht. Und dann... klick… Mauer zu. Keine Chance. Jetzt könnte er sicher reisen. Er lässt es lieber. Ehe sie ihn nicht wieder reinlassen… auch das soll es schon gegeben haben.
Plötzlich neigt sich der Besucher vertraulich zu Günzel, sieht ihm scharf in die Augen und klopft auf die Karte vor ihnen.
"Hier, Herr Günzel, hier… da soll ein kleines Einkaufszentrum hin. Ich plane sogar, dass man das noch ausweitet. Vielleicht können wir irgendwann den Altstoffhandel integrieren. Oder der kommt eben weg. Sieht sicher nicht schön aus, so neben dem dann neuen Haus."
Fassungslos sieht der Elektriker auf die Karte. Ja, natürlich. Da sind die Straßen. Dort steht sogar dieser kleine Bau, wo die Kinder manchmal drin zündeln. Nicht nur gefährlich, auch noch sehr einsam mitten unter allen. Was soll das alles…? Wo ist sein Haus? Da steht… da hat irgendwer etwas ganz anderes hingemalt. Dieses Einkaufszentrum etwa? Er will aber nicht…
"Herr Günzel. Ich weiß, das ist überraschend für Sie. Aber Sie bekämen eine ganz neue Wohnung. Und vielleicht können wir sogar noch etwas mit Ihrer Rente machen. Dann müssten Sie diese ganzen Reparaturen nicht mehr…"
Günzel steht langsam auf, greift sich Fiffi, geht in der Stube hin und her. Als wenn er Abschied nehmen will, schaut er die Bilder an. Das eine Gemälde hat mal seine Urgroßmutter erworben. Sieht schön aus. Eine weite Landschaft und ein kleines Haus in der Mitte. Bis zu ihrem Tode behauptete sie, dass dies irgendwo im alten Gruna wäre. Nein, kann doch nicht sein, oder? Irgendwo sah er schon einmal Mühlen. Sollen auch nicht weit weg gewesen sein. Heute steht da eine Gaststätte mit dem Namen ‚Windmühlenberg'. Drüben in Striesen. Da, wo um die Ecke die Kirche im Bombenhagel verschwand.
Verschwand…
Schwer stützt er sich auf den Tisch, schaut noch einmal auf den Plan. Sein Besucher grinst etwas vor sich hin, denkt sicher, dass das ein leichtes und einfaches Spiel wird. So ein alter Mann kann doch nicht viel entgegensetzen, oder?
Pha… er ist stark. Er hat gelernt, zu überleben und zu kämpfen. Das allein zählt. Er will… er muss… er hat doch… na ja, er wird nicht aufgeben. Nicht so einfach. Überhaupt nicht… das wohl eher. Lieber nicht von der Leiche reden, über die sie müssen, wenn sie ihn hier heraus… Der sieht so aus, als wenn der das dann sogar ernstnehmen könnte. Gefährlich. Ganz klar!
"Nun, Herr Günzel. Ich lasse Ihnen mal ein wenig Zeit. In der Zwischen… na ja… also ich gebe Ihnen hier die Adresse von der Frau Krause. Gehen Sie zu der und lassen sich eine der schönen Wohnungen im Hochhaus zeigen. Wird Ihnen sicher gefallen. Mit Balkon. Man kann sich auch rausstellen, wenn der Verkehr tobt. Kein richtiger Krach da ganz hoch oben. Das verfliegt eben in alle Richtungen. Sie verstehen?"
In Gedanken versunken nickt Günzel. Nein, als er heute Morgen aufstand, hatte er keine Ahnung, dass man ihm so übel mitspielen würde. Was die sich denken… Aber er wird sich nichts überlegen müssen. Er bleibt. Das ist sein Haus, er bezahlt die Steuern und hat keine Schulden. Natürlich werden sie kommen und nachprüfen, wie er lebt, wie er sein Geld verdient und was er wirklich dafür tut. Vielleicht finden sie dann bei ihm alten Mann einen Grund, um ihm eine Strafe nach der anderen aufzubrummen. Wie war das beim Zengler, drüben bei den Zahnrädern? Der Mann stellt die alle allein her. Hat nur ein paar Gerätschaften und Maschinen. Früher besaß er angeblich eine Fabrik… sein Vater eher. Aber jetzt? Nein, komisch war das schon. Plötzlich kam eine Kontrolle und die hatten Zahlen von Zahnrädern, die er hergestellt haben sollte, dass man sich das gar nicht vorstellen konnte. Der alte Mann fiel aus allen Wolken und musste eine große Summe Strafe zahlen. Gleich zugemacht hat er den Laden. Das passte einigen auch wieder nicht und dann bekam er eine Sondergenehmigung und sogar einen Teil der Strafe erlassen. Tja, sollte man sich eher überlegen… wenn niemand Zahnräder in so guter Qualität herstellen kann, wie er es tat, dann kann man ihn nicht einfach zur Aufgabe zwingen. Aber er? Günzel? Oh, ein paar Staubsauger weniger, die funktionieren, einige Familien mehr, die sich über die PGH ärgern und solche Dinge. Ansonsten? Wer sollte ihn schützen? Manchmal haben sich die Leute ringsum schon aufgeregt. Es würde stinken aus seinem Haus. Ja, die Klärgrube… wurde lange nicht mehr geleert. Doch das hat was mit Wind und Hitze zu tun. Nicht mehr und auch nicht weniger. Sollen sich nicht so haben, diese… Nur die Schreibwarentante war für ihn. Aber die mag hier auch niemand.
"Auf Wiedersehen, Herr Günzel. Ich komme dann so in einer Woche wieder. Wäre schön, wenn Sie sich dann vielleicht ein paar positive Gedanken gemacht hätten? Sollte Ihnen doch keine Umstände bereiten… Sie verbessern sich. Auf jeden Fall tun Sie das. Können Sie mir ruhig glauben!"
Glauben. Nein. Sicher nicht.

Am nächsten Tag sitzt Günzel bei Fiedlers. Man akzeptierte sich bisher, ging sich aber meist aus dem Weg. Der Günzel sammelt eine Menge Schrott und kann aus Blech und ein paar Schrauben manch interessantes Schmuckstück für Gärten basteln. Die Seite, die er wirklich nur als Freizeitbeschäftigung sieht, heute sagt man wohl Hobby dazu. Und die Fiedlers wären schon scharf auf die Berge von Blech und Kupfer, die er da liegen hat. Aber man bestiehlt sich nicht. Das ist gegen die Berufsehre. Und die hat nun einmal einige Regeln.
"Sie meinen, dass man Sie da raushaben will? Also ich würde nicht gehen. Ist doch alles in Ordnung bisher!"
Frau Fiedler lacht dabei. Der alte Fiedler, ihr Schwiegervater, wirkt sehr nachdenklich.
"Was mich nervt, ist, dass man dann auch ganz schnell uns abservieren kann. Mein Gott… ist einer weg, sind alle Anderen keine Bastion mehr. Ich glaube, wir sollten zusammenstehen und uns nicht vertreiben lassen."
Sein Sohn zeigt dem Alten einen Piep.
"Mann, Papa… wir sind hier nicht mehr in der Weimarer Republik. Wenn die sich was ausgedacht haben, dann wird das alles Hand und Fuß haben. Die lassen uns nicht einmal richtig Luft holen. Kannst Du mir glauben!"
Luft holen… Günzel zieht sie scharf ein.
"Ich will nicht weg. Nicht mal diese Wohnung da oben will ich mir ansehen. Wozu denn auch? Nein, ich bin hier zuhause. Zuviel Leid, was wir alle hatten. Man kann mir nicht…"
Er weint, wenn er an die Eltern denkt. Alles schienen sie zu verlieren. Er muss doch das Erbe halten. Und wie soll er leben, wenn sich mal was ändert? Vom Geld anderer abhängig sein? Ja, wenn man ein Leben lang gearbeitet hat, dann darf man auch auf eine ordentliche und vor allem ausreichende Rente hoffen. Aber er? Gut, er durfte nicht arbeiten. Nur ein paar Hilfsdienste. Zu schade war er sich wirklich für nichts. Doch dass er dafür nun nichts weiter als ein paar Allmosen erhält, ist auch legitim. Er kommt zurecht. Die Miete kostet ihn nichts und Strom und Wasser… er hat durch die Reparaturen einiges auf der Bank. Aber ohne sein Tun kommt er damit nicht weit.
"Wozu ein Einkaufszentrum? Ich verstehe das einfach nicht. Die haben da drüben so viele neue Geschäfte gebaut. Und die sind nicht einmal schlecht. Nur in dem Intershop war ich noch nicht drin. Aber die anderen… und die große Kaufhalle. Ein Kaufhaus gibt es in der Stadt. Kindergeschäfte auch. Was soll denn noch herzu? Ich dachte früher, als die die kleinen Baracken wegrissen, dass wir nun weniger haben zum Einkaufen. Aber es ist doch mehr. Und eine Bibliothek haben wir auch. Ist das nicht toll?"
Alle nicken.
Fiedler Junior holt ein paar Flaschen Bier aus dem Kühlloch. Bis eben dachten sie an einen Höflichkeitsbesuch, doch nun wissen sie, dass es um den Grundsatz geht. Was tun? Ja, was tun?

Stunden sind vergangen. Man beschließt, dass sich Günzel die Wohnung im Hochhaus ansehen soll. Wenn es nötig wäre, würden die Fiedlers sogar den Tippmann einladen. Den können sie zwar nicht leiden, aber vielleicht… Man kann nie wissen. Und der hat Erfahrungen mit der Staatsmacht. Keine guten. Klar!
Angetrunken geht man nach Mitternacht auseinander. Günzel kommt nach Hause und wird gleich von seinem kleinen freund Fiffi begrüßt. Ja, denkt er, das ist ein Freund. Der schaut zu mir auf und macht mir Freude. Zuhören kann er auch. Dabei sieht er mich manchmal an, als wenn er mich wirklich verstünde. Kaum zu glauben, aber eben doch fast wahr.
Schnell schneidet der alte Mann seinem Hund ein wenig Fleisch und Wurst auf, vermengt alles mit etwas Brühe, die vom letzten Kochen übrig ist. Fiffi legt sich vor die Schüssel und grunzt beim Kauen. Ja, das schmeckt ihm.

Drei Tage später hat Günzel eine herrliche Aussicht. Frau Krause zeigt ihm alles und er staunt nur.
"Nicht einmal den Müll müssen Sie herunterschaffen. Wir haben hier einen Müllschlucker. Alles hinein und unten wird abgeholt. Kostet ja nichts. Und immer warmes Wasser. Zuhause haben Sie sicher einen Gasboiler? Ja, wusste ich doch. Die Dinger können schnell kaputtgehen und wir haben diese Sorgen eben nicht. Treppen sind auch passé. Aufzug. Haben Sie gerade schon gesehen. Geht auch schnell. Und der Einkauf… na ja, manchmal kommen ein paar Kinder vorbei, die den alten Leutchen gerne helfen. Geben Sie ihnen einfach ein paar Mark mit und die holen Ihnen alles aus der Kaufhalle, was sie kaufen dürfen. Wenn es aber Bier oder Schnaps sein soll… na ja, das bekommen wir schon hin. Wir können Ihnen da helfen und was vermitteln. Die Verkäuferinnen drüben in der Kaufhalle sind nette Mädels. Helfen auch mal. Ein paar Mark mal oder ein Geschenk zu Weihnachten und schon haben sie auch nächstes Jahr noch Freude daran und Freunde für gewisse Fälle."
Günzel hört kaum zu. Was soll er hier? Nie hatte er so einen Blick, muss da auch nicht sitzen und den ganzen Tag auf die Sächsische Schweiz in der Ferne sehen. Der Fernsehturm… wenn man sich ein wenig herüberlehnt, sieht man den auch. Schön. Wirklich.
"Wissen Sie, Herr Günzel, einige bauen sich sogar noch eine zusätzliche Antenne auf den Balkon. Verstehen Sie? Westfernsehen… beim richtigen Wetter hat man zwei Programme von drüben auf dem Schirm. Aber bitte nicht weitersagen, ja? Na ja, ist alles schön. Wenn ich nicht ein eigenes Haus hätte, wäre ich auch schon lange hierher gezogen. Also… schauen Sie sich noch um. Ich lasse Ihnen mal den Schlüssel hier und Sie kommen dann einfach wieder runter, bringen ihn mir. Tür nur zuziehen. Und wenn Sie die Wohnung haben wollen… eine Woche kann ich Ihnen gerade geben. Dann muss ich mich anderweitig entscheiden. Ein Glück überhaupt, dass gerade was frei ist. Verstarb vor drei Wochen. Ist nun leer. Sehen Sie ja."
Verstorben. Haben die nichts anderes für mich, als die Wohnung eines Verstorbenen? Günzel ist sauer, kann sich nicht an der Sicht freuen. Was soll er hier? In diesem Hochhaus stirbt man nur. Ja, ist eine blöde Angewohnheit von ihm, das zu verallgemeinern. Aber so kommt es ihm nun einmal vor. Kann er auch nichts machen.

Müde und traurig kommt er an diesem Tag nach Hause. Frau Krause sah ihm wohl an, dass sie die Wohnung nicht für ihn freihalten muss. Sicher hat sie so viele Anfragen, dass sie das nicht einmal im Traum stört.
Bei einem Bier überlegt Günzel. Das Haus ist kaputt. Na ja, das Dach hat er decken lassen. Als er noch jünger war, jagte ihn seine Mutter nach oben. Da musste er das alles allein… konnte es aber dabei eben auch ordentlich lernen. Hat eben alles sein Gutes und sein Schlechtes. Nun sind die Beine schwer und eine Leiter… die klettert er nicht mehr hoch. Braucht er auch nicht. Er lebte sein Leben. Und außer seinem kleinen Hund wird ihn sicher nichts mehr auf Trab bringen. Auch dieser mysteriöse Herr nicht. In ein paar Tagen wird der wieder vor der Tür stehen. Ob Fiedlers und er sich wirklich noch gemeinsam mit Herrn Tippmann unterhalten sollten?

Der Tag der Entscheidung ist da. Nicht einen Fuß setzte Günzel seit Rückkehr vom Hochhaus aus seiner Wohnung. Ist ihm nichts, anderen ins Gesicht zu schauen, wenn er doch weiß, dass sie ihm alle nur sein Leben zerstören wollen.
Fiffi spielt mit der Decke, als es klingelt. Ja, die Klingel hat er selbst gebaut. Ein Dreiklang. Gongt richtig gut. Ist auch nur eine Frage der Glocken und der Spulen. Hat er sich allein, selbst und nur für sich angeeignet.
"Guten Abend, Herr Günzel. Schön, dass ich Sie antreffe."
Der Mann geht wieder an ihm vorbei in die ‚gute Stube', ohne sich vorzustellen. Einen Moment lang will Günzel ihn hinausweisen, an die Ordnung erinnern, die doch alle Staaten in Deutschland immer so wichtig ansahen. Auch die Kommunisten. Mögen sie sein, wie sie sind. Ordnung versuchen sie zu halten. Wenn auch mit Mitteln, die er nicht versteht und nicht weiter betrachten will.
"Ha, schön hier. Aber so eine Wohnung… Na, die Frau Krause erzählte mir, dass Sie sich in die Aussicht verliebt haben. Stimmt doch, oder, Herr Günzel?"
Was quatscht die Krause für einen Mist? Nein, sicher hat er das nicht. Zu hoch. Da wird es einem doch ganz schwummerig um den Bauch, wenn man von da oben runtergucken soll. Alles klein. Zwölfte Etage… nur Dächer vor einem und dann diese Ferne. Wenn es dazu noch ein Gewitter geben sollte… schlimm. Echt!
Der Mann sieht Günzel lange an. Nein, heute bietet er ihm nichts an. Der da hat ja auch seine Rolle mit der Planung nicht dabei. Wenn ja, würde er ihm einen frischen Kaffee drüberschütten. Selbst wenn das sicher nichts an den Tatsachen ändert, hätte er seinen kleinen Sieg. Tja, aber wenn nicht? Na ja. Er weiß schon. Man wird ihn jetzt…
"Sie wollen nicht? Haben Sie sich das gut überlegt?"
Die Stimme… diese Stimme…
Kalt, eisig kalt, als wenn man über einen Felsen klettert und einem der eisige Wind entgegenweht. Oh, einmal erlebte er das. Damals im Riesengebirge. Unten im Tal blühten schon die Schneeglöckchen und die Märzenbecher. Und oben… meterhoher Schnee, Kälte. Am Liebsten wäre er damals einfach sitzengeblieben. Keine Kraft mehr. Doch irgendwie war da etwas in ihm… Überlebenswille?
Der Mann da, der kann einem den Überlebenswillen gleich nehmen. Kalt, finster. Einfach zum Fürchten.
"Ich sehe schon. Sie haben nichts begriffen. Wollen Sie sich so in Gefahr bringen?"
Gefahr? Droht der etwa offen? Das kann doch einfach nicht sein. Der darf ihm nicht drohen. Er ist doch… vom Staat.
"Wenn Sie Ihr Haus nicht aufgeben, kommt das Einkaufszentrum trotzdem her. Und dann lehnt Ihr kleines bisschen Hütte an einem großen Haus. Wollen Sie so etwas?"
Angst…
Fiffi kommt aus der Küche, streicht dem Besucher um die Beine. Der bückt sich vom Stuhl her, will den Hund greifen. Doch der merkt wohl, wessen Kind dieser Besucher ist, knurrt kurz und es hätte nicht viel gefehlt, dass Fiffi ihm in die allzu keck vorgestreckte Hand biss.
"Verdammter…"
So schnell war Günzel noch nie auf den Beinen. Mit einem Hieb streckt er den überraschten Mann nieder. Wollte der doch mit dem Fuß nach seinem Hund treten. Also wirklich!
"Entschuldigen Sie… ich weiß auch nicht… das arme Tier…"
Günzels Worte prallen an dem Mann ab. Der reckt sich noch auf dem Boden, wirft dem Hund einen vernichtenden Blick zu und rappelt sich langsam nach oben.
"Gut denn, Herr Günzel. Das hat sicher ein Nachspiel. Und glauben Sie nur nicht, dass wir spaßen. Wir sehen das alles als einen Angriff auf den Staat. Das war ja nicht anders zu erwarten… Kinder beim Klassenfeind und der Vater bei der SS. Na ja, Verbrecher… das ändert sich eben nie!"
Wütend stampft der Mann noch einmal auf, greift sich seine kleine Tasche, in der vielleicht ein paar Vertragsentwürfe steckten, dreht sich noch einmal zu dem weiter knurrenden Hund um, reibt sich Po und die Seite und geht zur Tür, die er einfach aufstößt, dagegenrempelt, dass gleich ein Knarren zu hören ist, lässt sie einfach beim Gehen offenstehen.
Verdutzt sitzt Günzel wieder auf seinem Stuhl. Was denn nun? Nachspiel. Wenn der wirklich… dann hat er sicher nichts zu lachen. Verdammt. Noch nie legte er sich mit jemandem an. Und Freunde hat er hier nicht.
Fiffi streicht um seine Beine.
Ja, Fiffi… das ist sein Freund. Ein guter Hund. Und der Kerl wollte ihn schlagen. So ein Wicht!
Unzufrieden mit sich und der Welt steht er auf, schlurft durch die Wohnung. Eigentlich bräuchte er jetzt einen Schnaps. Er verzichtet darauf, schnappt sich seinen Schlüssel und geht zu Fiedlers. Nein, das sind wirklich nicht seine neuen Freunde. Aber in der Not… mit dem Teufel legt er sich nicht an.

Herr Fiedler, in seiner ganzen Fülle in einen Gartenstuhl gequetscht, sitzt da, prostet Günzel mit der dritten oder vierten Bierflasche des Abends zu.
"Dem haben Sie's aber gegeben. Wenn der zu mir kommen würde, ich wüsste auch nicht, was ich täte… Einem das Haus unter dem Hintern wegziehen und dann auch noch von Recht und Ordnung, Fortschritt und solchem Pfeffer reden… Na ja. Kommunisten!"
Der Mann beißt sich auf die Zunge, als seine Frau ihn bitterböse und fast erschrocken ansieht.
"Na, was Recht ist, das muss doch auch Recht bleiben, oder? Und uns was wegnehmen… aber richtig war das allemal."
Dann unterhalten sie sich über das Hochhaus. Tippmann… der hat nur Angst. Wer weiß, was der für Erfahrungen machen musste. Aber sie lassen sich das nicht gefallen.

Irgendwann hören alle gemeinsam im Hof des Altwarenhandels ein helles Jaulen. Keiner gibt etwas drauf. Wenn Hunde und Katzen aneinandergeraten, dann kann es schon einmal…
Als Günzel jedoch später nach Hause kommt, wundert er sich. Fiffi kommt nicht an die Tür. Wo ist der kleine, dumme Kerl? Der hat doch immer Hunger, und wenn Herrchen zurückkommt, bekommt er meist etwas. Warum bleibt er heute weg?
Ruhe. Nichts. Nur eine Straßenbahn quietscht um die Ecke. In der Nacht fahren die nur alle Stunden. Reicht auch. Nur eben, wenn man eine verpasst, hat man ganz schlechte Karten. Dauert dann eben wieder eine Stunde. Aber da ist auch noch was anderes. Was nur? Als wenn sich jemand laut unterhalten würde.
Günzel vergisst Fiffi, geht noch einmal auf die Straße. Absolute Stille. Doch, da hinten. Das kommt sicher von der Zwinglistraße. Oder von noch weiter weg? Kann sein. So gut sind seine Ohren nun auch nicht mehr. Einen von der Reichsbahn kennt er, der kann beim Hinhören genau sagen, wie viele Meter das Geräusch entfernt ist. Muss aber ein Trick dabei sein. Niemand kann das… Der aber, der behauptet es nicht nur, er macht es immer gern vor.
"Fiffi?!"
Er ruft eine Weile. Jetzt würde er gern eine kleine Runde drehen. Mit Hund natürlich. Das wäre fein. Gassi gehen. Die anderen Hundebesitzer der Umgebung machen das immer. Und die Hundehaufen sprechen dabei eine deutliche Sprache. Niemand schert sich um den Dreck. Er eigentlich auch nicht. Aber Fiffi schickt er doch immer an die drei gleichen Stellen. Da ist Laub, sind auch ein paar Äste und niemand kann gleich hineintreten. Kinder spielen weit und breit nicht an den Stellen. Keine Gefahr also.
Fiffi kommt nicht. Nun, dummer Hund, dann gehe ich eben allein, denkt Günzel. Er greift sich die Jacke. Nicht einmal frostig wurde er. Dabei muss es kalt sein. Er sieht seinen Atem. Komisch. Ist das so, dass man im Alter nichts mehr so richtig mitbekommt? Kann sein. Ist ihm auch egal. Er muss sich nach niemandem richten und so muss sich auch niemand nach ihm…
Allein war er lange nicht unterwegs in Gruna. Die Gaslaternen werfen ein mehr als spärliches Licht. Einige sind aus, andere sprangen nicht an und dann kann man bei den schlechten Fußwegen wirklich ganz schön von Platte zu Stein und Pfütze stolpern, hinfallen und so weiter… Na ja, ist auch egal. Wenn er fällt, trifft es keinen, der noch wirklich arbeiten muss. Und so alt…
Auf der Beilstraße erwischt er die Schreihälse. Eigentlich nur einen Einzigen. Das ist… er kennt sich mit den Namen nicht aus. Aber der muss der Sohn von den Hausbesitzern da sein. Waren unbedeutende Leute. Und das Haus… Na, die ganze Umgebung redet von diesem Umbau. Wie die sich das leisten …? Geht ihn nichts an.
Was schreit der da? Wo seine Mieter sind? Wollte der gar, dass die in dem ganzen Schutt drinbleiben? Wirklich, ein netter Mensch… muss man schon sagen. Aber gut. Er ist eben… er ist alt und versteht so einiges nicht mehr. Früher wurden die Häuser nicht komplett umgebaut oder saniert… heißt dieses neumodische Wort so? Man machte mal dieses oder jenes und irgendwann war man eben rum, hatte alles geschafft. Sah nicht immer aus, wie einem Guss, aber es stimmte eben und man konnte alle Arbeiten an seinen Geldbeutel anpassen. Nicht schlecht. Heute? Alles auf einmal. Das birgt doch die Probleme… so viele auf einen Streich.
Ohne sich wirklich blicken zu lassen, geht er die Beilstraße entlang, biegt an der Thomaskirche wieder auf die Bodenbacher ein. Der Mann da… wie hießen die? Bauer… Gärtner. Ja, Gärtner hießen die… die kamen wohl irgendwoher. Heute machen die jungen Leute laufend Urlaub. Seine Mutter konnte sich das nicht leisten. Nie kam sie weiter weg, als zu ihrer Schwester drüben in Freiberg. War auch so eine lange Fahrt. Aber ansonsten…
Urlaub. Die kamen an und nun stehen sie… na, wer weiß. Wenn es was zu erzählen gibt, erfährt er das sicher von Fiedlers. Mit denen will er sich morgen noch einmal treffen. Alle wollen sie nachdenken. Müssen sie auch. Wenn er schon allein ist und sie ebensolche Angst haben… ja, das wird der richtige Weg sein.

Nach einigem Stolpern kommt er zuhause an. Der Hund meldet sich wieder nicht. Dabei kommt jetzt auch noch der Mond zum Vorschein. Hat er den nur nicht gesehen? Nein, die Wolken verdeckten ihn. Gut, da kann er lange suchen. Fiffi bellt gern, wenn der leuchtet. Warum denn heute nicht? Steckt der im Keller und kann das Licht gar nicht sehen? Was weiß er. Wenn der Hund eine Freundin hat, dann soll er sich ruhig die Zeit vertreiben. Morgen kommt er wieder und hat sicher mehr Hunger und Appetit, als jemals zuvor. Das war immer so. Meint Günzel zumindest zu wissen.
"Dummer Hund. Wo Du auch bist… schlaf gut!"

Wilde Träume. Die hat man nicht als alter Mann. Er denkt nicht an Frauen oder diese vielen Techtelmechtel, die er hin und wieder mal hatte. Wozu auch? Waren keine so wichtigen Beziehungen. Nun sind sie alle zu Ende. Die Frau fort, die Kinder fort. Die Eltern fort. Der Hund fort.
Hund…
Noch einmal schreckt Günzel hoch, ruft nach seinem Fiffi. Ohne Erfolg. Er denkt sich nicht viel dabei.
Im zweiten Teil der recht kurzen Nacht beschleichen ihn mehr Träume in Richtung Bau. Krach. Alles sieht er abgerissen. Schlimmer noch, als die Bilder vom Krieg, die er tief in seinem Kopf hat. Verdammte Geschichte aber auch. So viele Bomben. Und dann soviel kaputt. Doch er sieht große Baumaschinen, die alles einreißen. Riesige Häuser. Die ganze Zwinglistraße geht unter. Die anderen Häuser, gar die neuen vorn an der Stübelallee. Und die Apotheke mit der Treppe hinauf… alles kaputt, alles zusammengeschoben. Ist nichts mehr da. Verrückt. Was man nicht manchmal für einen Mist träumt!
Warum liegt sein alter Koffer im Bauschutt? Man räumt doch die Häuser aus, ehe man sie zusammenschiebt, oder? Ja, so würde er es auf jeden Fall machen. Aber in diesem Traum… Nein, das ist nichts für ihn. Schweißgebadet wacht er auf, wälzt sich den Rest der Nacht nur noch hin und her. Verdammt aber auch. Was muss er sich mit allen Leuten anlegen? Kann er denn wirklich verhindern, was die wollen?

Es ist vielleicht sieben Uhr. Der Dreiklang schlägt immer wieder an. Mühsam schleppt sich der völlig übermüdete Günzel die Treppe vom Schlafzimmer hinunter zur Tür.
"Was ist denn so schlimm, das ich mitten in der Nacht…?"
Frau Bahlhorn steht vor der Tür.
"Herr Günzel… sin Se stork? Gonz stork müss'n Se jetze sei, ja?!"
Der sieht die Frau an, als wenn sie von der Stelle weg verrückt geworden wäre. Sie schüttelt aber den Kopf und langsam wird es ihm angst und bange. So richtig weiß er nicht, warum. Da ist nur dieses dumme Gefühl…
"Herr Günzel… wir worn nih immer eener Meenung und isch habbe sicher ooch bei manch'n Ding'n überreagiert. Obber…"
Die macht es jetzt wirklich spannend. Günzel bittet sie herein. Sie sieht sich um, geht staksend vor ihm her und hat natürlich gleich alle Augen an seinem Inventar kleben. Ja, die Weiber… so kennt er sie. Darum hat er sich auch nicht noch einmal mit einer eingelassen. War sicher der bessere Weg.
Endlich sitzt die Frau, und Günzel schielt zur Küche. Ein Kaffee würde gut tun. Außerdem muss Fiffi endlich was zu futtern bekommen. Der wird hungrig sein. Na, wer sich auch die ganze Nacht…
"Fiffi… hallo Fiffi!"
Frau Bahlhorn schaut Günzel komisch an. Der bemerkt es nicht.
"Trinken Sie einen Kaffee mit? Ich habe aber nur Kaffeemix."
Die Frau, die immer alles zuerst zu wissen scheint und mit ihrer Elektromangel drüben an der Zwinglistraße damit das richtige Publikum hat, nickt langsam. Na ja. Das Zeug wurde aus allen Resten gemacht, die die DDR vom Kaffeemarkt kaufen konnte. Es schmeckt zumindest ein wenig nach Kaffee. Nur der Duft… riecht eher nach Erbsensuppe. Gut. Trinken kann man es. Günzel wird sich nichts anderes, Teureres leisten wollen.
"Jo, Herr Günzel, des is so eene Sache…"
Sie beobachtet, dass der alte Mann immer noch jeden Stuhl anschaut, auf das Sofa klopft, wieder nach dem Hund ruft. Nichts. Er tut ihr leid. Sie weiß, was geschah und muss es ihm jetzt endlich sagen. Hoffentlich bricht ihm das nicht das Herz!
"Herr Günzel… Ihr Hund…"
Der schaut auf, sucht noch einmal, findet ihn nicht.
"Ihr Hund is doot, Herr Günzel!"

Der Notarzt versucht alles. Endlich ist der alte Mann wieder bei sich und sieht gleich sein Haus um ihn herum verschwinden.
"Herr Günzel, wir bringen Sie ins Krankenhaus. Bleiben Sie ganz ruhig. Wir helfen Ihnen. Keine Sorge. Das wird schon wieder!"
Schemenhaft erkennt er die Bahlhorn im Hintergrund, will ihr etwas sagen. Sie kommt nicht zu ihm, steht nur mit einem Mann zusammen, den er nicht erkennen kann. Zu dunkel. Was machen diese ganzen Leute in seinem Haus? Das ist nicht gut. Die haben da nichts zu suchen! Aber er kann nichts sagen. Warum nur? Haben die ihm etwas gegeben, damit er ruhig ist, sich nicht äußert oder so etwas? Das hasst er an diesem Staat. Man kann nie sagen, was sie mit einem machen. Gefährlich!

Zwei Wochen ist er wie von der Außenwelt abgeschnitten. Der Arzt sagt immer wieder, er solle sich keine Sorgen machen und sicher kämen die lieben Verwandten, wenn es ihm besser ginge. Na, wer denn? Die Kinder sind… ja, das ist klar. Und die Eltern sind… auch klar. Aber die vielen Nachbarn. In seinem Alter hat man sicher eine Menge guter Freunde. Die kommen schon. Ob man jemanden informieren sollte? Fiedlers vielleicht?
Niemals vor ein paar Wochen wäre er auf gerade die gekommen. Die Bahlhorn fällt ihm noch ein. Zu der hat er eine ganz eigene Meinung und die wird sich auch nicht durch ihre sicher nur gespielte Freundlichkeit ändern. Die Frau ist… eben eine Geschäftsfrau, wie es damals seine Mutter sein wollte, aber nicht durfte, wie es sein Vater war, aber eben im Krieg sein Leben lassen musste. Und er? Er ist nur…
Gesund. Ja, der Doktor schrieb ihn gesund. Bei der Morgenvisite meinte er, dass man ihn nicht noch länger da liegenlassen dürfe. Immerhin sei er ein Mann, vieles gewohnt. Nun könne er heim und alles regeln, was es eben zu regeln gebe.

Niemand holt Günzel ab. Er sitzt erst am Empfang der Station. Dann fragt die Schwester, ob sie jemanden anrufen könne. Wen denn? Nein, er sollte… schade eigentlich. Der Doktor meinte doch, dass man mit so einem Fahrdienst mitfahren könne. Sicher war da kein Platz mehr frei. Dass es manchmal einen halben Tag dauert, ehe jemand wirklich auf diese Art heimkommt, weiß er nicht. Woher denn? Nein, er will jetzt, sofort…

"Adresse, Opa?"
Junger Schnösel. Soll mal lieber arbeiten. Ja, Autofahren… Ist das alles, was der kann? Hofft er doch eher nicht. M öglich ist alles… gerade heute. Verrückte Zeiten.
Er nennt die Adresse.
"Nee, Opa. Die Frau am Tresen sagte was Anderes. Mann, warum bekomme ich immer nur die Idioten!"
Was anderes? Er weiß doch, wo er wohnt, oder? Der kann ihn nicht einfach woandershin…
"Nu reg Dich ma ab, Opa, ja? Verstehe ich doch. Vielleicht die Alte gestorben oder umgekippt beim Einkofen? Na, keen Problem. Ich weeß doch, wo ich fragen muss!"
Und schon geht es los. Ist nicht weit. Von der Fetscherstraße, also der Krankenhausverwaltung, rüber nach Gruna… Der Große Garten sieht schön aus. Auch in diesem Spätherbst. Die Blätter fallen alle runter. Ein Baum hat irgendwie zu jeder Jahreszeit seinen Reiz. Sollen mal nicht so tun, die ganzen Leute, als wenn man die nur richtig mögen kann, wenn sie grün sind. Grüne Bäume… na ja… die kann man immer sehen… aber eben die ohne Blätter?
Bodenbacher Straße. Kaum Verkehr. Der Fahrer kennt sich aus. Noch ein paar Meter, dann rechts den kleinen Schlenker über die Zwinglistraße und er ist…
Halt…
Wieso fährt der jetzt Links?
"Junger Mann, das ist falsch. Da drüben. Sehen Sie? Das Haus da, das ist meines. Bitte… nicht schlimm. Drehen Sie einfach um und…"
Nichts da. Der Mann fährt. Dabei tippt er sich kurz an den Kopf. Was er denkt, sieht Günzel ganz klar vor sich. Was soll das aber?
An der Kreuzung, wo es in die Schneebergstraße geht, biegen sie scharf nach rechts ab, fahren da entlang, wo früher das alte Dorf stand. Dann stehen sie vor dem gerade erst fertig gewordenen zweiten Hochhaus.
"So, Opa… erkennst du es wieder? Ich gehe mal schnell zur Krause. Die kennt sich aus. Habe schon manche Oma heimgebracht. Die Männer sind doch eigentlich immer ein bisschen cleverer. Aber Du nicht. Ist nicht schlimm. Kleinen Moment!"
Krause… Günzel ahnt, was jetzt kommt… und will es nicht wahrhaben. Was soll das? Das ist… er hat doch… niemand kann ihm… nein, oder?
"So, Opa. Steig mal aus, ja? Die Krause kommt mit einem Rollstuhl. Musst nicht mal die drei Stufen zum Eingang hoch. Und dann Fahrstuhl. Mann, so gut möchte ich auch mal wohnen… dreizehnter Stock und auch noch ganz neu. Na, möchte nicht wissen, was Du früher so gemacht hast. Verdienter Genosse des Volkes, oder?"
Der Fahrer lacht. Frau Krause kommt wirklich und rollt das kleine Gefährt vor sich her.
"Herr Günzel… endlich!"
Der sitzt noch im Auto, schüttelt nur den Kopf. Zum Verrücktwerden. Er hat niemandem gestattet, ihn umzuquartieren. Und doch scheinen sich alle gegen ihn verbündet zu haben. Ist das noch normal?
"Haben Sie Ihr Gepäck dabei? Alles andere ist ja oben."
Oben… dreizehnter Stock, meinte der Fahrer.
Umständlich fingert Günzel seine Brieftasche hervor, will die Fahrt bezahlen. Immerhin hatte er ja das Taxi gerufen. Die Fahrt mit dem Transport wäre kostenlos. So aber…
"Nee, nee, Opa. Hat die Krause schon erledigt… Entschuldigung… Frau Krause. Ist ja alles klar. Also… schönen Tach noch!"
Der lehnt das Geld ab? Warum? Krause erledigt? Wie das?
Fragend blickt er dem Fahrer hinterher, als der mit dem beige gespritzten Wartburg mit dem schwarzgelben Taxischild obenauf davonfährt. Kann man das noch verstehen? Nein, sicher nicht. Ist einfach... verrückt.
"Herr Günzel, ich habe da noch einige Papiere, die Sie mir bitte unterschreiben müssten. Keine Eile… Es reicht, wenn ich die morgen bekomme. Schön, dass Sie sich doch noch für so eine moderne Wohnung entschieden haben. Ist ja auch ein Ausblick… Kann man gar nicht glauben, nicht wahr? Ja, fahren wir erst einmal hinauf!"
Hinauf… in seine Wohnung?
Fiffi fällt ihm ein. Hätte er nicht lieber zu Frau Bahlhorn gehen sollen… fahren eher… die hätte… na ja, wer weiß. Ob es stimmte, dass er tot sein soll? Kann er sich nicht vorstellen. Wer kann das schon? Ein geliebter Mensch, ein Tier… eben etwas, was man wirklich mag… das geht nicht einfach so davon. Oder?

Der Fahrstuhl fährt schnell. Irgendwie ratzt da was an der Seite. Das Geräusch ist anders, als drüben in dem anderen Haus, wo er sich eine Wohnung ansah. Er überlegt. Wenn das Haus in den letzten Wochen hochgezogen wurde… Na ja, war ja schon fast fertig letztens. Verbaute auch ein wenig die Sicht von drüben. Von hier hätte er noch ein besseres Panorama. Wenn die nicht noch ein solches Riesenhaus bauen. Was sich die Menschen nicht alles ausdenken… Hohe Häuser, schnelle Autos… Na ja, er ist kein Verrückter. Gerade kommt er sich so vor. Da quartiert man ihn um. Warum? Weil man ihm sein Haus…
"So, Herr Günzel. Ich freue mich. Hier, Ihr Wohnungsschlüssel. Nicht verlieren. Und wenn doch, dann mir sagen. Ich bin Ihr gerichtlich bestellter Vormund. Verstehen Sie? Ich muss das alles wissen. Und wenn Sie was brauchen, dann bitte auch zu mir kommen. Natürlich immer schön abmelden, wenn Sie einen Ausflug machen. Aber müssen Sie ja nicht. Ist alles hier."
Mit den Worten schiebt sie ihn im Rollstuhl durch die Tür. Und nun? Krach… Türe zu. Er steht in einer leeren Wohnung. Nein, nicht wirklich. Da sind… seine Möbel. Ein paar. Der alte Schrank, in den seine Frau die Kleidung umlagerte, wenn Winter und Sommer wechselten. Das Vertigo mit den vielen kleinen Fächern, in denen er Brillen und alte Fotos aufbewahrte. Und an der Wand hängen einige davon. In Rahmen. Hat man schön ausgesucht. Auch wenn ihm wenige der Gesichter darauf nicht allzu viel sagen. Muss er sicher noch einmal sichten und anders machen. Das hat Zeit. Hofft er. Man soll… die Hoffnung nie aufgeben.
Vorsichtig rollt er durch die Räume. Keine Schwellen. Zuhause stolperte er manchmal über diese Dinger, war auch schon einmal drauf und dran, sie alle rauszureißen… oder eben rausreißen zu lassen. Und hier… man braucht keine. Die Türen schließen saugend mit dem flauschigen Fußbodenbelag und der geht nahtlos von Raum zu Raum über.

Nach einer Stunde in der ihm eigentlich fremden und doch durch seine wenigen Dinge vertrauten Wohnung bemerkt er erst, dass er immer noch im Rollstuhl sitzt. Was für ein Unfug! Er kann gehen. Diese ganze Geschichte… Und was meinte die mit ‚gesetzlich bestellter Vormund'? Krause? Diese Frau Krause…? Er weiß, was ein Vormund ist. Hörte er schon einige Male. Gerade nach dem Krieg gab es das häufig. Die Kinder ohne Eltern mussten irgendwie unter einen Schutz gestellt werden. Brauchten doch jemanden, bei dem sie sich ausheulen konnten oder der ihnen bei der Schule und den vielen anderen Problemen half. Aber er?
Hilfe… er braucht keine Hilfe.
Wütend stößt er sich vom Rollstuhl ab. Der donnert gleich gegen eine der Türen und hinterlässt da eine unschöne Scharte. Mann, dass er auch noch etwas beschädigt… Dabei weiß er doch, dass er das nicht tun sollte, wenn er alles um ihn wieder loshaben will. Die Wohnung… Sein Eigentum natürlich nicht. Wer erlaubte überhaupt, das hierher zu bringen? Muss er denn nicht zustimmen? Und müssten nicht erst seine Kinder gefragt werden, wen sie zum Vormund über ihn bestimmen? Ja, sie sind im Westen. Aber eben doch auf diesem Planeten. Adresse bekannt… was soll das also alles? Nur Schikane. Mehr kann das nicht sein!

Günzel steht auf dem Balkon. Da hinten… das ist doch sein Haus. Er sieht es gut von hier oben. Verrückt. Na, ist auch ein ziemlich großes Haus. Und da vorn steht die Post… Nein, da zog jetzt der Zahnarzt rein. Die Post ist seit Kurzem in der Ladenpassage. Dieses alte Stückchen angeknabbertes Haus aber, das bleibt stehen. Alles reißen sie weg, ebnen ein ganzes Dorf ein... und lassen diese Ruine… na ja… fast Ruine… die lassen sie wirklich stehen? Menschen zu verstehen, ist nicht immer leicht.
Blick. Schöner Blick.
Langsam geht Günzel zurück in sein angeblich neues Wohnzimmer. Nun gut. Man kann sich hier zumindest für die ersten Tage wohlfühlen. Nicht wirklich. Die Arbeit wird ihm fehlen. Aber alles Andere? Das ist gut. Und Fiffi? Wo ist der? Die Bahlhorn muss er fragen. Sicher sagt sie es ihm. Nur hinkommen muss er dazu erst einmal. Wie meinte die Krause? Er solle sich bei ihr abmelden. Na, wo ist er denn hier? Vormund… das will er sehen!

"Herr Günzel, hier sind die Papiere. Der Doktor hat das alles bestätigt. Sie müssen das schon glauben. Ja, ich kann verstehen, dass Sie das nicht so richtig können. Aber wirklich… es ist besser für Sie. Glauben Sie es mir. Da können Sie jetzt auch nicht viel machen. Ich verspreche Ihnen, wir werden das alles in Ihrem Sinne erledigen. Da gibt es doch keinen Zweifel. Nicht wahr?"
Frau Krause schaut ihn treuherzig an.
Günzel versteht die Welt nicht mehr.
"Ich will Frau Bahlhorn sprechen. Sie weiß, was mit meinem Hund passierte. Ich muss das unbedingt erfahren. Verstehen Sie?"
Sein Vormund… nun muss er sie schon als solchen sehen… die schaut nicht nett.
"Wissen Sie, was das letzte Mal passierte, als sie Ihnen einfach so eine Meldung über Ihren Hund an den Kopf knallte? Wissen Sie es noch? Nein? Darf ich Ihrem Gedächtnis ein wenig auf die Sprünge helfen? Sie landeten im Rettungswagen und waren wochenlang im Krankenhaus. Verstehen Sie? Die Frau ist Gift für Sie. Halten Sie sich bloß von der fern. Die kann Sie noch ins Grab bringen!"
Ins Grab? Ja, keine schlechte Idee! Wie soll das denn weitergehen? Er darf sich nicht einmal um seinen Hund oder dessen Verbleib kümmern?
"Und, Herr Günzel, bleiben Sie bitte unbedingt drin. Nicht rausschleichen, ja? Ich kann meine Augen nicht überall haben und soviel Vertrauen muss sein, dass ich Sie nicht einschließe. Verstehen Sie doch, oder? Na, ich denke schon. Aber die nächsten Tage würde ich Ihnen nicht raten, zu gehen. Brauchen Sie etwas, dann… na ja… dann kann ich Ihnen das besorgen. Ich habe ja allen Zugriff… Geld und so. Und wenn was Anderes sein muss… einmal in der Woche komme ich auch an einen Genossen vom Vormundschaftsgericht heran. Dann haben wir sicher noch mehr Klarheit… Wenn wir das wirklich brauchen. Denke ich aber nicht. Und lassen Sie die Frau Bahlhorn aus Ihrem Kopf. Sie sind mir wichtig, Herr Günzel. Sehr wichtig sogar. Also… bitte machen Sie keine Dummheiten. Ich würde mir… Na ja, wäre auf jeden Fall für uns beide nicht gut. Sie verstehen mich doch hoffentlich richtig, oder?"
Richtig? Nein, sicher nicht. Wut hat er. Dabei ist er so ein friedlicher Mensch. Aber was zählt das, wenn man ihm so mitspielt.
"Wo kann ich mich beschweren?"
Die Frau sieht ihn an, als wenn er gerade wie Rumpelstilzchen durch die Wohnung gesprungen wäre.
"Na, überhaupt nicht. Ich bin Ihr Vormund. Ich entscheide so etwas. Verstehen Sie? Legen Sie sich lieber ein wenig hin, schlafen Sie und versuchen Sie, sich mit alledem abzufinden. In einem Jahr will das Gericht den Fall neu prüfen. Wenn es ein paar Erfolge gibt, kann man die Vormundschaft auch teilweise aufheben. Aber bis dahin… ist eben im Gesetz so verankert. Seien Sie doch froh… ich kümmere mich um alles und Sie lassen es sich gut gehen, ja?"
Er es sich… Als wenn er das könnte. In seinem Alter hat man wenige Bedürfnisse. Er musste sich immer durchschlagen. Aber der wird er es zeigen. Nichts kann sie ihm verbieten, und wenn man ihn mit der Polizei zurückbringt, dann müssen die den ganzen Fall, ihn also, noch einmal neu bewerten. Wenn man nicht alles verlieren will, muss man kämpfen. Heute noch, in ein paar Stunden, da geht er, wird bei der Bahlhorn klingeln und endlich erfahren, was mit Fiffi geschehen ist. Und wehe… wehe diesen ganzen Kanallien, wenn da auch nur ein Verdacht bleibt, dass die das absichtlich…
Heulen… er heul wie ein Kind.
Fiffi…
Selbst, wenn die Bahlhorn, diese Plaudertasche, wenn die nicht recht hatte, dann bekam Fiffi seine ganzen Tage im Krankenhaus nichts zu fressen. Wie es ihm bei diesen verdammten Temperaturen draußen gehen soll, kann er sich eh' nicht denken. Das ist alles…

"Herr Günzel… Sie hier?"
Frau Bahlhorn trägt einen Nachtrock über dem sicher feschen, aber auch alten Nachthemd.
"Kommen Sie rein. Sie sind ja ganz durchgefroren. Nein, also wirklich. Wie man heute mit den Menschen umgeht… das ist doch wirklich das Letzte!"
Günzel versteht nicht, was sie meint. Aber er geht hinein. Natürlich ist ihm kalt. Wie auch nicht? Er hat nicht einmal die dünne Strickjacke übergezogen. Sicher meinte die Krause, er wäre nicht so verrückt, bei diesen Temperaturen ohne alles rauszugehen. Da hat sie sich eben wieder einmal getäuscht. Wie auch, als sie dachte, er würde stillhalten. Warum? Er ist nicht plemplem!
"Fiffi… ja, de Hund. Is scho en paar Doge her. War schlimm! Sin Se sicher, dass Se des hörn wolln? Jo? De letzte Mol worn Se donach nich so gutt droff. Nich, dass sch denne ooch noch für Ihr Seelenheil verantwortlch gemocht werdn muss… no jo. Isch hab de Nummer vom Notdienst im Kopp. Also… was soll's?"
Beruhigend.
Die Frau holt eine Flasche Wein.
"Eselstanz. Süßer Rotwein von de Ungarn. Feine Sache. Lassn Se uns de olln Streiterein begroben, ja?"
Streitereien? Ist er schon so alt, dass er sich nicht mehr daran erinnern kann, oder spinnt die ihm was vor? Nein, sicher nicht… das Letztere… und das Erste? Keine Ahnung. Streitereien. Wann? Er ging ihr aus dem Wege. Dachte sie, er hätte mal etwas von ihr in die falsche Kehle bekommen? Dann hat sie sich sicherlich sehr geschnitten. Na ja, auch egal. Soll sie doch denken, was sie will.
"De Hund… ich hab' so ville Jahr poar Katzn, dass 'sch mit denne schon lebb… fast. Türlich dürfn de nit alles. Immerhin sin se Tier. Ham Se Ihrn Hund ooch ausm Schlafzimmer verbannt?"
Warum? Ein Tier kann wie ein Mensch sein. Ja, der Mensch will das so. Papageien lässt er reden, Hunde die Zeitung holen und Katzen den Körper wärmen… sogar die Felle nehmen sie noch… sagen dann, das wäre von dieser und das von jener ihrer einst so lieben Katzen. Und das Rheuma soll auch noch davon und damit gelindert werden. Einbildung? Wer kann das sagen?
"Ja, dr Hund… also, dr lag da glei bei de Tauber-Ecke. Einfach so. Bei de Birken. Se verstehn?"
Tauber. Ja, die Ecke drüben. Daneben wohnt sie. Sie beobachtet vieles... und immer sehr genau. Die erkennt sicher seinen Hund unter allen in der Gegend. Da hat er keine Zweifel.
"Danke, Herr Günzel!"
Hat er das laut gesagt oder liest sie seine Gedanken an seinen Augen ab? Hexe… eben eine, die die Stiefmütterchen an kleine Stöcke bindet. Na ja, soll sie nur ruhig. Wen geht es etwas an?
"I soh ihnn liege und wollt's Ihne ganz uff de Schnelle saggn. Dass Se glei umfallen tun… das konnt i doch och ni ahn. Wissn Se, wie oft eene meener Katzen schon starb? Ja, oft… nie alle auf emol. Das gebe ich zu. Aber ganz ehrlich… das reichte ooch."
Sie soll nicht ihre Katzengeschichte erzählen, sondern von Fiffi reden.
"I hab ihn umgedreht. E Hund… der liggt ni so da. Und dann kam i zu Ihne. Als de Krankenwoogn schließlich mit Ihnne weg wor, lief i noch emol zu de Stell. Wollt mi vergewissern. Aber do log nicx mehr do. Nur noch e Abdruck in de hohe Gras. Nix mehr. Aber gesponnen hab i sicher ni!"
Aha. Nun ja… Fiffi ist weg. Aber hätte man nicht eher sie unter eine gerichtliche Vormundschaft stellen müssen?
"Oh, Herr Günzel… warum denn mi? Mei Haus will doch keener hobn. Broocht man ni. Un beim Bebauungsplan wor und is es immr no drin. Se verstehen? Na ja… da muss ma nu auch ni so tun, als wenn es mir genauso geht, wie Ihnne… de Tankstelle wird gebaut. Damit find i mi ob. Kann dann sicher vor Lärm nachts ni mehr schloofn. Oober als olle Frau gilt ma doch glei als Bremse von de Fortschritt, wenn ma versucht, so ewas zu verhindern. Anders bei Ihnne… aber das ist ni mei Sach. Se verstehn?"
Günzel grübelt. Das vierte Glas Wein trank er schon… in großen und hastigen Zügen gar. Frau Bahlhorn sieht es etwas pikiert. Natürlich mag sie keine Trinker. Wer mag die schon? Der alte Mann tut ihr trotzdem leid. Zumal sie weiß, was noch geschieht.
"Jo, also, i würd Ihnne gern soogn, dass i den Fiffi genomm hob unn ihn viellei irgendwo in de Gegend verbuddle. Aber er wor ja weg. I konnt gar nix tun. Leider. Verstehen Sie doch sicher? Na ja, selbst wenn ni… der wor eben weg. Oober tot. Kei Zweifel. I dacht erst noch, dass der viellei nur schlief. Aber als i mi an mei Umdrehen erinnerte… so steif… oh…"
Günzel wird ganz weiß im Gesicht. Schnell trinkt er noch ein Glas. Frau Bahlhorn tut etwas, was sie sicher noch nie tat… sie öffnet an ein und dem selben Abend eine weitere Flasche vom Eselstanz.
"Hier… dos hülft zwar ni wirklich. Aber wenns Ihne jetzt gut tut… bitte… Trinken Se nur ema!"
Er säuft… glatt kann man es so sagen. Er säuft und macht sich nicht einmal etwas daraus. Doch irgendwann wird er mit einem schweren Kopf aufwachen. Sie muss nur zusehen, dass das nicht bei ihr ist.
"Herr Günzel, gehn Se do bitte nach Haus, jo? Das wär gut. Da kann nix weiter possiern. Ni, dass Se mir no in enne Bus renn… oder gar in de Straßenbohn."
Zu seinem Haus muss er nicht über die Schienen. Wenn er nicht mehr ganz klar ist… wegen des Weines oder auch sonst… dann macht er vielleicht noch einige Bögen.
Günzel steht auf. Schweren und schwankenden Schrittes geht er los, weiß noch nicht, was er tun soll. Fertig ist er. Nur seinen Hund sieht er vor sich… Der Kleine… immer lieb, folgte aufs Wort. Und schon steht er vor der Tür der Bahlhorn. Die sieht ihm im schwachen Schein der Gaslaternen nach. Als er über die Zwinglistraße ist, gleich beim Schreibwarenladen ankommen muss, schlägt sie sich an den Kopf, schreit auf und will ihm nach.
"Verdammt… der wohnt da ni mehr!"
Aber sie lässt ihn gehen.
"Soll r doch… is sei Haus. Ni mehr longe. Unn findn wern se ihn da ooch ganz schnell. Aber wenn r was erzählt… wer gloobt scho em Schutzbefohlnen? Nee, sicher keener!"
Zufrieden und doch etwas unruhig geht sie wieder schlafen. So ein Kerl… der Alte. Na ja, etwa so alt wie sie. Sie kam im Leben besser zurecht, als er. Wen interessiert es? Nun steckt er zwischen den Rädern… großen Rädern. Ganz großen. Von oben eben. Da sollte man sich nicht unbedingt auch noch einmischen. Ungesund… gefährlich gar. Das muss man sich nicht wirklich antun.

"Hallo, Herr Günzel, Herr Günzel… sind Sie hier?"
Schwer atmet er. Auf seinem Bett, das völlig auseinandergenommen zu sein scheint, liegt er kaum. Er kann nicht… hier ist alles so anders. Und doch tut ihm alles weh. Vor allem der Kopf. Er muss sich übergeben. Der Bauch… der Magen… alles kaputt. Oder eben… oh, der Wein. Wie warnte ihn seine Mutter früher immer vor Rotwein. Ja, man muss ihn nicht gekühlt trinken, wie den weißen. Aber er hat es in sich. Am Schlimmsten, wenn er auch noch süß ist. Idioten trinken süßen roten Wein… und er gehört dazu. Phu… brr… igitt!
"Ja, Moment… ich komme!"
Draußen wird es nicht ruhiger, sondern noch lauter.
"Los, schnell… machen Sie auf!"
Was haben die? Und wie sieht es hier aus? Oh Gott… hat er das angerichtet? Alles umgeworfen, durcheinander? Na ja, wenn die da weg sind, wird er eine ganze Weile zu tun haben, wieder Ordnung in all das zu bringen. Wird ihm gut tun. Nie wieder säuft er soviel. Was hat er eigentlich…?
Während er sich noch einmal übergibt und mit Schaudern feststellt, dass das Wasser der Klospülung nicht geht, erinnert er sich nach und nach. Was um alles in der Welt wollte er denn mitten in der Nacht bei der dummen Bahlhorn? Kann man doch wirklich nicht verstehen… und die ließ ihn auch noch rein? Nein, das ist einfach… krank. Versteht niemand.
Doch…
Noch auf dem Weg zur Tür spürt er Gefahr. Was soll das? Gefahr? Da draußen sind sicher keine Menschenfresser. Und hier drinnen… ob er in diesem Wust wirklich sicher ist?
"Kommen Sie, Herr Günzel, wir bringen Sie zurück in Ihre schöne neue Wohnung, ja?"
Ist das diese… die Krause? Ja, wirklich… die Stimme ist unverkennbar. Die Krause. Was macht die hier?
"Herr Günzel. Los jetzt, machen Sie. Sonst müssen die Polizisten noch Ihre Tür kaputtmachen. Das wollen Sie doch nicht, oder?"
Plötzlich sieht er alles klar vor sich. Die will sein Vormund sein. Angeblich gibt es einige Papiere, die ihr das bestätigen. Verrückt! Und das Hochhaus… Dort soll er leben… wohnen… Na ja. Eben in so einer Wohnung im zweiten Hochhaus. Dreizehnte Etage. Das kann nicht… aber er ist allein. Nicht einmal Fiffi ist mehr da. Niemand steht zu ihm.
Vorsichtig lugt er aus dem Haus. Oben, von der ersten Etage, hat er einen guten Überblick. Die stehen nur vorn. Natürlich. Wer traut einem Idioten schon eine Flucht hinten hinaus zu? Niemand. Und er wird rennen… schnell wird er das. Soweit diese alten Knochen es noch mitmachen.
Traurig, resignierend fast, schaut er auf die umgestoßenen Regale mit den vielen kleinen technischen Bauteilen. Stecker… ja, die waren wichtig. Draht… Kupfer… sollte er Fiedlers sagen, die können den ganzen Kram haben? Muss ein Vermögen wert sein, wenn die immer so gierig darauf stierten. Lieber gibt er es ihnen, als irgendwem Anderen.

Vorsichtig. Da hinten die Tür ist seit Jahren zu. Verdammt… alles hat er erwartet, aber doch nicht, dass er die einmal brauchen könnte. So richtig verrostet sehen die Angeln nicht aus. Na, versuchen muss er es. Wenn es nicht klappt, kann er wenigstens von sich denken… ach was… denken. Er denkt zu viel. Eindeutig!
Die Tür ist auf. Nicht weit. Fiedlers haben da einen Zaun. Nie kommt er über den drüber. Ganz klar. Dann ist die Flucht sicher an dieser Stelle zu Ende.
"Hallo, Herr Günzel?"
Leise. Wer war das… eher… wo war das? Ah, da… der Junior von Fiedlers. Der steht da. Am Zaun. Kann man ihn nicht von vorn sehen? Nein, sicher nicht. Der große Wacholder schützt ihn… das ist ja… Der hebt das Zaunfeld einfach aus den Angeln und schon ist der Weg frei. Mit seiner geringen Kraft hätte er es nie geschafft. So aber… Er rennt und ist drüben. Gleich verschwindet er in einer der Seitentüren des Fiedlerhauses, während der Junior das Feld wieder einhängt.
"Hallo, Herr Günzel… gleich ist unsere Geduld am Ende!"
Geduld, denkt er… 'die wollen alle nur, dass ich mich ergebe. Aber das will, das kann ich einfach nicht.' Er hat wieder Kraft, der alte Mann. Er kann noch rennen. Er hat sie ausgetrickst. Zumindest für ein paar Minuten. Lange wird das alles nichts helfen.
Noch ehe Fiedler Senior ein Wort mit ihm wechseln konnte, greift sich Günzel einen Zettel vom Tisch, beginnt, mit seiner geschwungenen Schrift darauf zu schreiben. Alle sehen ihn etwas verdattert an. Komisch… ist er doch verrückt? Fiedlers schütteln sich.
"Ich habe das Datum vorgesetzt. Drei Jahre. Damit ist das alles noch gültig. Klar, oder?"
Der Senior und Altwarenhändler schaut auf den Zettel. Er liest ihn gleich mehrfach durch und glaubt kaum, was er da hat.
"Alles?"
Günzel nickt.
"Die machen mich fertig. Und wenn die auch alles bekommen… Fast alles… Das auf jeden Fall nicht. Verstanden? Holt es Euch gleich morgen offiziell ab. Und wenn jemand das Papier anzweifelt, dann befragt die Leute in Gruna… alle nacheinander. Niemand hat mich vor drei Jahren als Idioten abgestempelt. Damit hat das alles… Na, Ihr wisst schon. Und nun gehe ich."
Günzel stiert auf die Bierflaschen, die Frau Fiedler gerade auf den Tisch stellt. Na gut. Eines noch. Nur ein Bier. Nicht, dass er abhängig wäre. Aber er weiß es genau… Es wird das Letzte sein. Nie wieder… na ja, kein Bier… bedeutet nun auch nicht, dass das Leben zu Ende ist.

"Herr Günzel… Sie haben uns aber einen Schrecken eingejagt!"
Die Polizisten halten sich zurück. Sie stehen überall auf seinem Grundstück und nur Frau Krause kam zu ihm herüber, als er plötzlich auf der Straße auftauchte. Wer kann das schon verstehen? Niemand natürlich.
Ohne die Frau eines Blickes zu würdigen, setzt er sich in den bereitstehenden Rollstuhl und lässt sich ‚nach Hause' bringen. Wirklich daran glauben, dass er jemals dort heimisch wird, kann sicher niemand der Anwesenden.

Eine halbe Stunde später sitzt er immer noch in dem rollenden Ding. Nur dass es jetzt in seiner neuen Stube steht. Er schaut sich nicht um. Zu sehr ist er mit seinen anderen, tief drin in ihm ablaufenden Gedanken beschäftigt. Warum?
Es klopft. Warum dringt ihm nun gerade dieses Klopfen ins Gedächtnis… in die angeblich so verwirrten Sinne…? Na ja, er schreckt jedenfalls hoch und weiß nicht, warum.
"Herr Günzel… das ist ja eine Freude. Ich hätte niemals gedacht, dass es Ihnen noch einmal so gut gehen kann. Na ja, ist schon eine Sache, sich zu lösen und doch noch so eine schöne… aber ich sehe schon… Sie haben auch nur wenig Zeit. Geht mir nicht anders. Also. Ich habe noch einmal die Papiere mit… Sie müssen lediglich unterschreiben und alles ist perfekt."
Der Kerl mit dem Plan. Nur darum? Wegen eines einfachen, alten Hauses, ein paar Quadratmetern Land und dem Kupfer? Letzteres gehört wenigstens den Fiedlers. Einen Moment zweifelt er. Nein, die hatten damit nichts zu tun.
Er geht alles durch.
"Gut. Klingt alles gut. Ich habe also eine Wohnung, in der ich mein restliches Leben frei wohnen kann und ich werde auch noch betreut… aber… das ist doch wirklich fast zu viel für das Wenige, was ich ihnen bieten kann, nicht wahr?"
Günzel kennt immer noch nicht den Namen des Mannes. Er hasst ihn. Fürs Erste reicht das. Aber er schafft es mit seinen wenigen Worten, den Kerl nachdenklich zu stimmen. Sicher, er kann nichts tun. Vielleicht hat er doch noch Erfolg? Womit eigentlich? Kann man nicht wirklich sagen. Der denkt einfach nach.
"Ja, Herr Günzel… Das tun wir eben, weil Sie uns wichtig sind!"
Günzel sieht seine Mutter in Gedanken vor sich. Wie hatte sie zu kämpfen. Und er auch… Na, der will ihn doch nur zum Narren halten. Und er erkennt es. Dann kann es mit dem kranken Kopf nicht soweit her sein. Jetzt grinst er sein Gegenüber an.
"Wissen Sie, wenn ich das richtig sehe, wollen Sie mir jetzt etwas schenken, was ich doch schon lange habe, oder?"
Ungläubiges Schauen. Keine andere Reaktion.
"Das ist meine Wohnung. Ich wohne jetzt hier. Man kann mich nicht hinauswerfen, denn ich bin durch das Gesetz geschützt."
Jetzt aber…
"Sie sind schneller draußen, als Sie sich auch nur vorstellen können. Ich kann…"
Günzel zeigt auf die eben in den Raum kommende Frau Krause.
"Tut mir leid, Herr… ähm… Na ja, wie auch immer. Aber ich darf nicht einmal diese kleinen Zettel da unterschreiben. Und wenn ich es täte… meine Unterschrift hätte keinen Sinn, keinen Wert, keine Rechtskraft. Wie Sie vielleicht noch nicht wissen, hat ein übervorsichtiger Arzt, ein Doktor natürlich, hier in Dresden und erst vor ein paar Tagen Frau Krause als meinen gesetzlichen Vormund einsetzen lassen. Natürlich darf sie nicht über mein Privatvermögen verfügen. Das bleibt unangetastet… ist ja klar. Wäre doch sonst eine nicht mehr steuerbare Sache, oder? Aber ich darf auch nicht entscheiden. Also… das tut mir unendlich leid für Sie… Bleibt eben alles beim Alten. Ich verspreche Ihnen… irgendwann werden Sie es begreifen und verstehen. Bis dahin kann ich leider nichts für sie tun. Guten Tag… könnten Sie den netten Herrn mit den vielen Zetteln bitte hinausbringen, Frau Krause? Der tut mir gerade überhaupt nicht gut. Ich habe so einen Brechreiz im Hals und außerdem kommen diese Kopfschmerzen wieder hoch… also wirklich… das ist eben eine verrückte Zeit. Erst da, dann dort, dann wieder hier… und mein Hund kam auch noch um. Wenn der noch… na ja, ich glaube, wegen seinem Tod wurde ich richtig verrückt."
Günzel lehnt sich zitternd zurück. Dieses Zittern stellt er sofort ein, als der namenlose und doch so gefährliche Mann den Raum, seine Wohnung verlassen hat. Er lacht nur.

Als ein paar Minuten später Frau Krause wieder nach oben und zu ihm kommt, sitzt er immer noch lachend da.
"Das war unklug. Der hätte noch mehr für Sie tun können!"
Günzel winkt ab.
"Was denn? Ich habe alles. Was soll ich mehr bekommen? Ich bin alt, Frau Krause. Sie kennen viele alte Leute. Haben die noch viele Wünsche? Nein. Natürlich nicht. Und wenn ich schon nicht mehr da unten wohnen darf, gönne ich mir zumindest ein wenig Spaß. Heute hatte ich den."

Drei Tage später liegt ein Briefumschlag auf Günzels Tisch. Er weiß, dass verschiedene Leute einen Schlüssel zu seiner neuen Wohnung haben. Er findet sich damit ab… den Umständen entsprechend. Ungewohnt bleibt es.
Warum er ihn öffnet? Er weiß es nicht. Frau Krause meinte immer, sie lese alle Briefe an ihn, damit keine wichtigen Schreiben von Behörden oder so verloren gingen. Er stimmte dem zu. Geheimnisse hat er nicht mehr. Er will auch keine. Resignation pur… Niemand versteht ihn und seine Situation.
Groß steht es über dem eigentlichen Text.
Enteignung.
Zwangsweiser Eigentümerwechsel… so schreibt man dann noch einmal im Text. Was die nicht alles für interessante Worte erfinden können… Na ja, ist auch egal. Was da steht, das begreift er schon. Und er ist zufrieden. Zurück konnte er nicht. Das haben sie verhindert. Ohne Kampf aufgeben? Nein, sicher nicht. Das will und kann er einfach nicht. Also mussten sie Unrecht begehen. Und er ist darum zufrieden. Verrückt, nicht? Sie enteignen ihn, als wäre er ein Junker nach dem letzten Krieg... dabei hatten die Junker nun wahrlich das Geringste mit dem eigentlichen Krieg und vor allem den Gräueltaten darin zu tun. Die Nazis, die also alles taten, was allen bekannten Menschenrechten zuwiderlief, die durften auch bei den Kommunisten Polizei und Armee aufbauen. Und die Junker… verkannt. Wie er auch.
Das Haus und das wenige Land ringsum sind fort. Gehört jetzt dem Staat. Man müsse eine Sicherung vornehmen. Na ja. Das klingt alles ganz gut. Ist es aber nicht. Er schluckt. Nun sitzt er hier in der kleinen Wohnung fest. Ohne eigenen Willen und auf Kosten aller. Genau das, was man sich nie wünscht. Er muss auch dieses ertragen. Vorbei die Tage, an denen er Sachen reparierte. Schade. Wirklich.

Einige Tage schon verweigert Günzel die Nahrung. Frau Krause hat ihre liebe Not. Gerade mal, dass er etwas trinkt. Wasser. Und Tee. Fast den halben Tag muss sie sich um ihn kümmern, verflucht längst ihr Angebot an die Herren vom Stadtbezirk, ihn zu übernehmen. Wie kann man sich nur wegen einer alten Bruchbude so gehenlassen?
Ja, sie hat auch ein Haus. Ihr Mann arbeitet bei der Stadtreinigung… Früher musste er die großen Müllwagen fahren, wenn Not am Manne war, stand er auch in dreckigen Sachen hintendrauf. Heute, dank der Partei, die ihn endlich richtig einschätzte, leitet er die ganze Abteilung auf dem Tatzberg drüben in Johannstadt, gleich beim Friedhof. Oh, bei manchem Gelage haben sie alle gelacht… die Müllmänner und sie selbst… hohe Müllberge neben dem Friedhof. Na ja, die Kirche will sich unbedingt diese Stätten halten. Sollen sie. Sind die Kosten wenigstens gering. Glaube… pha… wenn sie die alten Leute hier im Haus anschaut… Die glauben auch alle an etwas… Dass es ihnen gut geht und sie den nächsten Tag erleben. Aber gut, sollen sie doch ruhig denken, was sie wollen… Tage sind eben immer anders. Und denken… glauben… Sie glaubt an sich und ihre Zukunft. Alt ist sie schon. Zum Glück nicht so alt, wie der Günzel. Rüstig… der wäre es, wenn er sich lösen könnte.
"Kommen Sie, noch einen Becher von dem Wasser, ja? Sie vertrocknen mir doch!"
Die Heizung… wieder voll aufgedreht. Er nimmt es auch… Was denkt er denn, wer das alles erwirtschaftet? Nun, sicher nicht er. Nicht seine Kinder. Die sind im Westen. Wenn er jetzt schon hier ist… die anderen brauchen ihre Hilfe ebenso. Warum sie sich nur um ihn kümmert? So richtig weiß sie es nicht. Reue? Nein, sicher nicht. Wofür denn?
Günzel macht wieder, was er will. Klatsch… da liegt der Becher unten und alles schwimmt. Wenn er jetzt noch einpullert, reicht es ihr. Dreimal musste sie ihn in den letzten Stunden umziehen. Die Waschmaschine im Keller wird wohl noch auf seinen Namen getauft. Alte Menschen sind furchtbar. Schlimm… eigentlich… na ja. Alt eben. Schade. War sicher mal ein patenter Mann. Und einige behaupten, bis eben noch hätte er Geräte repariert. Staubsauger, Toaster, Fön… eben alles, was man sich heute so in die Wohnung holt. Bei ihr ging auch schon einiges kaputt. War nichts zu machen. Zu teuer. Selbst heutzutage, wo man doch froh ist, was zu bekommen. Ihr Mann macht das schon. Schickt einfach seine Leute aus und irgendwo finden die einen Laden mit entsprechendem Freikontingent. Kann man eigentlich nicht nachvollziehen, wonach die das vergeben. Aber der Mann… reparieren? Wie kommt der denn an die Teile? Nein, das kann nur Quatsch sein.

Günzel sitzt allein in seiner Einraumwohnung. Wenn er sich umschaut, ist das alles klein. Was kann man daran finden?
Mühsam quält er sich hoch. Vor ein paar Wochen konnte er zwar keine Bäume ausreißen, aber er kam zumindest mühelos ein paar Treppen hinunter und hinauf, fand in seinem Wust drüben im Schuppen alles, was man eben zum Neuwickeln von einer Spule oder zur Reparatur eines kleinen Schalters braucht. Zinn… das war immer ein Problem. Aber die alten Geräte, die keiner mehr braucht, die nahm er auseinander. Manche Betriebe sparen nicht an Zinn, wenn sie ein paar Lötstellen setzen. Kann man alles auslösen und wieder neu vergießen. Nicht schlecht. Drei große Näpfe voll hat er sich so zurechtgemacht. Und Lötfett… das gibt es zum Glück im Bastlerladen. Wenn Zinn aus ist, steht eben das Fett herum. Komische Welt, doch ihm reichte es.
Nun jedoch sitzt er müde auf dem Bettrand. Was soll er noch im Leben? Er greift zu den Zetteln. Nicht einmal eine Mappe konnte ihm die Krause besorgen. Und nun liegt der ganze Kram einfach so herum. Mehr ist er vielleicht nicht wert? Der Kram… und er selbst? Ein Mensch… Ist das menschlich?
Hinauszugehen, traut er sich nicht. Der letzte Ausflug zur Bahlhorn reichte. Was er sich anhören musste… Aber ein Ritual schaffte er sich an. Immer um zehn spaziert er auf seinen kleinen Balkon, schaut über die Blöcke vor ihm hinüber zum Dach seines Hauses… Seines… Es gehört ihm nicht mehr. Gestohlen haben sie es ihm. Niemand wollte ihn unterstützen. Niemand half. Er steht allein. Dann muss er eben auch allein handeln.

Da ist das Dach. Schön… nein, nicht wirklich. Aber das da ist sein Zuhause. Das hier… eine Station auf dem Weg zum Friedhof. Dort hat er gelebt. Mit Mutter. Vater kannte er kaum. Er erinnert sich an ihn. Er war eben klein. Und dann war der Mann fort, den seine Mutter einst liebte. Und seine Frau? Die freute sich erst, als er ihr sagte, er hätte ein Haus. Dann lebte sie da. Mehr schlecht als recht. Irgendwann hasste sie es. Wie die Kinder. Die gingen fort, als sie es konnten. Ungarn. Vor ein paar Jahren. Er hatte Ärger wegen ihnen. Aber wenn es ihnen gut… Geht es ihnen nicht. Auch egal. Sie wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben. Damit hat er sie verloren. Kann man seine Kinder verlieren, wenn sie doch leben? Er weiß es nicht. Traurigkeit ist das, was er jetzt fühlt. Schade. Wirklich. Er konnte soviel gewinnen und doch alles verlieren. Ist das ein Fazit für ein ganzes Leben? Wird man nur danach bewertet, was man am Ende erreichte? Er denkt nicht weiter darüber nach. Diebe. Alles Diebe. Die Nazis waren besser! Nein… Er schlägt sich auf den Mund. Was denkt er denn da? Die waren nicht…

Ein mächtiges Krachen schreckt Günzel aus seinen Gedanken auf. Was war denn das? Er schaut sich um, reißt sich vom Blick auf den Fernsehturm los.
Eine Staubwolke schwebt drüben über den Häusern. Na, hat der Fiedler etwa wieder mal… halt… da lichtet sich alles.
Günzel greift sich ans Herz… mein Dach, denkt er, mein Haus…
Weg. Nichts mehr zu sehen. Die Bäume aus dem kleinen Garten dahinter, der Busch, an dem vorbei er zu Fiedler hinüberschlich, um der Polizei zu entgehen, das sieht er alles schon wieder. Nur eben… Das Dach ist weg. Das ganze Haus. Wo ist es?
Schwer hält er sich fest. Dann geht er zurück in sein Zimmer. Mehr ist das alles nicht. Eine kleine Küchenecke wurde noch hinzugebaut und das Klo mit der Dusche hat wenigstens eine richtige Wand zum fast quadratischen Wohnraum. Es soll heute solche Absteigen geben, wo sogar das alles nur mit Vorhängen abgeteilt wurde. Stinkt sicher im ganzen Zimmer, wenn man mal auf dem Klo war. Igitt!!
Der Kühlschrank… im Eisfach, das weiß er von der Krause, da liegt eine Flasche Wodka. Er trinkt das Zeug nicht. Bier… ja, das schmeckt mal. Man hat so ein Gefühl, immer mehr trinken zu wollen. Wenn es nicht gerade dieses Meißner Bier ist. Wer weiß, was die da hineintun…
Er vergisst das alles.

Die Flasche steht vor ihm auf dem Tisch. Eisig außen herum, ganz beschlagen. Richtig gute Temperatur. Ein Glas nahm er sich nicht… doch, jetzt fingert er hinüber zur Anrichte, wirft zwei Vasen zu Boden, die gleich kaputtgehen. Egal. Wer soll ihm noch Blumen bringen? Ihm? Niemand natürlich. Er wird vergessen, ist es schon längst… ein vergessener Kerl eben. Alt und dumm. Zu nichts nütze.
Der Verschluss… da gab es mal eine alte Frau in der Nachbarschaft… als er noch ein junger Mann war. Na ja, vierzig mag er gewesen sein. Sie wohnte über dem Schreibwarenladen und bekam nichts mehr richtig auf die Reihe. Einmal stand sie wohl unten im Geschäft und bat die alte Verkäuferin… Frau Peine? Ja, Frau Peine war das noch. Die sollte ihr helfen. Sie bekam die Flasche nicht auf.
Alle im Laden lachten. Frau Peine half natürlich dabei, den Korkenzieher aus dem Blech des Schraubverschlusses zu drehen… Die Frau war nicht mehr bei sich. Und seither weiß er das, lacht immer, wenn er den Korkenzieher, dieses alte Ding, das schon seine Mutter…
Weg. Ist auch weg. Nur diese neumodischen Dinger mit den Hebeln an der Seite hat er noch. Zwei Stück. Wer braucht zwei Korkenzieher? Der von seiner Mutter besaß noch eine richtige Spirale. Die hier… echte Korken machen die nur kaputt. Hmm... richtig echte Korken gibt es doch gar nicht mehr. Doch, Frau Bahlhorn hatte einen auf dem Eselstanz… kam ja auch nicht aus der DDR, das Zeug. Jetzt würde er gleich eine ganze Flasche davon austrinken. Da merkt man nicht so sehr, was man tut, alswie bei diesem Zeug hier. Die Russen sollen es in Mengen trinken… saufen. Sto Gramm… Trinkfest war er nie. Musste er auch nicht sein. Er wünscht es sich jetzt… oder auch nicht. Vergessen. Einfach vergessen, was er erleben musste.
Ach was. Das Haus ist nicht weg. Wer sollte denn Wohnraum…?
Blitzartig kommt ihm das Einkaufszentrum in den Sinn. Na, das sollte doch dahin. Wenn sein Haus dann… Das stört. Oh Gott, konnten die ihm nicht ein Zimmer irgendwo, aber nicht so nahe von dort geben? Nun ist alles hin und er…

Wie lange er so gesessen hat, weiß er nicht. Als er die Augen öffnet, ist es duster. Nicht dunkel, eben duster. Die Uhr… die gute alte Uhr auf dem Vertigo steht still. Vergessen, sie aufzuziehen? Schade! Wirklich. Nun weiß er nicht… Na ja, er könnte Radio hören oder in den Fernseher schauen. Ist noch ein altes Ding. Hat er mal das zweite Programm nachrüsten lassen. Kleiner Bildschirm. Reicht aber. Kommt eh' nichts Gescheites.
Langsam schlurft er zum Balkon zurück… zurück? Ja, da war er heute schon einmal. Und dann hatte er diesen verrückten Traum.
Traum. Nein, war keiner. Da steht noch die Flasche. Was? Eine halbe hat er getrunken… Wodka? Das Zeug war auf jeden Fall nicht schlecht. Er bekam bisher keine Kopfschmerzen. Wenn die… oder sieht er schlechter? Als er auf dem Balkon steht, sucht er sein Dach, sein altes Hausdach im Aufflammen der Straßenlaternen. Ja, kann sein. War vielleicht doch zu viel Methanol drin. Dieses Zeug, was blind macht. Heißt das so? Ach was… das Dach kann nicht…
Wieder entdeckt er alles ringsum, sieht sogar Fahrzeuge. Die bringen irgendetwas weg. Schutt? Nein, oder?
Mein Haus, denkt er. Bisher nahm er an, das wäre alles nur vorübergehend. Und irgendwann wird man es eben einsehen… einsehen müssen. Das kann man doch nicht tun, jemandem etwas wegnehmen. Ist keine gute…
"Herr Günzel?"
Da ruft jemand. Unten? Nein, hinter ihm. Ach, die Frau Krause.
"Herr Günzel, Herr Günzel, das hätte ich nie von Ihnen gedacht. Also wirklich… soviel Schnaps… Sie… auf Ihre alten Tage… Entschuldigung. Aber das traut man Ihnen doch gar nicht zu. Darum war es heute so still hier bei Ihnen. Na, nun stinkt es wie in einer Destille… Legen Sie sich mal lieber hin, ja? Und stehen Sie nicht so betrunken auf dem Balkon… Kommen Sie, ich helfe Ihnen!"
Vorsichtig schielt die Krause hinüber an die Stelle, wo das Dach fehlt. Hat er es gesehen? Nein? Ja? Soff er darum?
Dann hat sie ihn im Bett. Endlich. Was sie sich mit dem… Na ja, sie braucht sich nicht zu bemitleiden. Immerhin suchte sie sich die Arbeit aus. War ihre eigene Entscheidung… muss sie nun damit leben.
"Also, Herr Günzel, Sie schlafen sich jetzt richtig aus und ich werde sehen, ob wir morgen mal einen Ausflug machen können. Großer Garten vielleicht? Mit dem Rollstuhl doch kein Problem. Ich muss nur mal sehen, wie wir Sie dahin bekommen. Die ganze Strecke schieben… ich weiß nicht. Die vielen Bordsteine… ganz schön mühsam. Also, schlafen Sie gut, ja?"
Er grunzt etwas. Schlägt jetzt doch noch der Alkohol zu? Nein. Als die Tür zu ist, sitzt er schon im Bett. Was bilden die sich alle ein? Er ist weder blöd noch wird er sich das bieten lassen. Ausflug. Pha… das ist alles… nein, er will das nicht. Er hat zu viel erlebt. Und er hat es satt.

Sein Entschluss steht fest. Niemand wird ihn hindern. Er ist… ja, er ist verrückt, dass er das nicht schon längst tat.
Das Bild der Kinder holt er aus der Schublade. Gute Kinder. Haben es nicht leicht. Warum auch immer. Seine Frau? Deren Bilder schaut er sich schon lange nicht mehr an. Warum? Ja, das ist eben so. Trauer, Wut, Verzweiflung… Einsamkeit. Gern hätte er die Kinder noch einmal… aber als Flüchtlinge können sie nicht hierher kommen. Das lässt man auch jetzt nicht zu, wo man ihm alles ermöglichen wollte. Und selbst reisen? Nein. Zu schwach. Eine weite Reise… das ist auch nichts für ihn. Hätte er sich vor ein paar Jahren überlegen müssen. Damals tat er alles, nur eben nicht das. Egal. Vorbei. Er hat… Er schließt ab mit der Welt. Weggenommen haben sie ihm sein Leben. Nun sollen sie es auch behalten. So einfach kommen die nicht davon. Ein einziges Mal wird er Aufmerksamkeit bekommen, im Mittelpunkt stehen. Auch wenn er das nicht mehr erlebt. Sie können es nicht vertuschen. Das nicht… hahaha! Der Tauber, der war ein guter Mann. Der Selchow… der wird sicher nur noch weinen. Und der Gärtner? Nein, das will er gar nicht wissen.

Wieder steht Günzel auf. Schwer geht er zur Küchenecke. Die Krause stellte die Wodkaflasche einfach auf den Kühlschrank. Nun ist das Zeug warm. Soll einen Kopf machen, wenn man es nicht kalt trinkt. Nun ja, egal. Das ist doch alles so egal…
Zitternd setzt er an, trinkt mit schweren, langen Zügen. Dann ist sie leer. Kein Wodka mehr. Oh Gott… das ist eben alles so.
Das Klicken des Riegels am Balkon hört er kaum mehr. Er geht hinaus, schaut hinüber. Nichts. Dunkelheit. Natürlich. Nacht. Die Lampen sind aus. Noch ein wenig Schwung... und eine weitere wird erlöschen.

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