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2017 Einbandgestaltung
     und Foto: Stefan Jahnke

 

Leseprobe - Jagdfieber - Heimatstreit

 

Jagdfieber (Auszug)

...

Lange nach Mitternacht schließt Anne-Kathrin endlich Küche und Gaststube ab. Draußen ist es kalt. Zu kalt für diesen Frühsommer 2010. Der Wetterbericht verkündet Hitze. Eine Woche noch diese Kälte und dann… die Bauern bekommen schon Angst um ihr Vieh auf den schattenlosen Weiden. Gerhardt kramte die Wassertonne heraus, mit der er das letzte Mal vor gut vier oder fünf Jahren von Koppel zu Koppel unterwegs war. Nun ja, das wird er schon schaffen… trotz seines Rückens. Erst im Herbst war die Letzte, nunmehr die sechste Operation. Die Ärzte wissen auch nicht, was sie wollen.

Janine… seit drei Jahren erst wohnt sie hier. Anfangs war sie lustig. Anne-Kathrin schüttelt in Gedanken den Kopf. Ja damals. Eigentlich so, wie man sich eine selbstbewusste Frau vorstellt. Aber jetzt? Nicht einen Finger macht sie krumm. Gerade einmal, dass sie es schafft, sich alle Woche ihr Arbeitslosengeld in der Stadt abzuholen. Arbeitslos… dabei könnte sie doch das Büro bei Jan führen. Sie ist auch noch gelernte Sekretärin. Und den Rest, Rechnungswesen und so weiter, kann man sich alles aneignen.
Nur nicht zu lange darüber nachdenken. Was saß sie selbst, die Wirtin der ‚Kastanie’, was musste sie lernen, Kurse besuchen und sich schinden. Doch seither haben kein Steuerberater und kein Prüfer auch nur einen Fehler in ihren Unterlagen gefunden. Ginge doch gar nicht. In so einem Dorf hilft jeder jedem. Und jeder schaut dem Nachbarn besonders genau auf die Finger. Klatsch? Nein, eher Neid. Und ihr Mann war einmal Bürgermeister. Noch vor der großen Gemeindereform. Er hatte das Sagen. Was zerrissen sich alle die Mäuler, als man ihn nicht zum Vorstand in der neuen Großgemeinde im Grenzland wählte. Aber seinen Rat brauchen sie immer noch. Genau, wie sein Wissen, seine Kraft. Eben alles, was er immer für Dorf und Umgebung einsetzte, was ihm Rücken, Knie und Hüfte kaputtmachte und heute noch als den eigentlichen Chef der ganzen Gegend auszeichnet. Und diese Janine? Menschen gibt es… Kommt in eine ihr fremde Gegend. In ein Dorf auch noch. Dabei weiß jeder, dass es gerade für Städter, Fremde… eben die Neuen… unheimlich schwer sein kann, in so eine Gemeinschaft hineinzukommen. Aber weil alle Jan und Bert gut leiden können, empfingen sie auch die Janine mit offenen Armen. Alles lief gut. Bis sie bei Holger und Gerlinde drüben Eier klaute. Einfach so. Ging wie selbstverständlich in den Stall und kam mit beiden Händen voller frischer Eier heraus. Sie wäre das so gewohnt. Und wenn diese langweiligen Seidels ihr keine Hühner halten wollen, verzichtet sie doch nicht auf Eier.
Oh, wie kann sie froh sein, dass die gute Gerlinde ihr überhaupt noch die Hand gibt! Auch das vermittelte Gerhardt. Ja, sie hat einen guten Mann. Der macht sich eher selbst kaputt, als dass er jemanden im Stich lässt. Und doch versteht er sie nicht. Wie kann sie Janine noch in der Gaststube dulden? Nun ja, einige Gäste bleiben aus. Aber die tranken nicht viel, aßen nie etwas bei ihr, brachten gar eine Schnitte und ihr eigenes Bier mit, wenn sie beim Skat am Freitag saßen. Und Janine… vierzig, fünfzig Euro sind schon jede Woche an Umsatz drin. Bei Getränken bleibt davon viel hängen. Besonders, seit sie nicht mehr über den Großhandel einkauft, sondern in den ganz normalen Läden. Sonderangebote eben. So einen Gast setzt man nicht einfach vor die Tür. Die Weiber… zerfetzen sich stets ihr Maul. Muss wohl so sein. Dorf eben. Ach, Schluss für heute!

Rumms… Krach… Was war das? Laut zumindest. Und schon gehen überall die Lampen an. Gerade noch saßen einige der Nachbarinnen am Stammtisch, nun wollten sie schlafen und stehen doch am Fenster oder vor dem Haus.
„Klang wie eine Explosion. Hat jemand gehört, woher das kam?“ „Von draußen… irgendwo hinter der Kirche, oder? Holger, hast Du was gesehen?“
Gerlinde und Holger stehen schon in ihrer Einfahrt gleich neben der ‚Kastanie’. Drüben sehen sie Bert, wie er aufgeregt aus dem Garten zurückkommt und ins Haus der Seidels an der Kurve läuft. Bertha versucht gegenüber, gleich neben der Kirche, ihre vielen Katzen zu beruhigen und Hans-Joachim brüllt nur im fortgeschrittenen Bierwahn, dass man endlich mal Ruhe geben solle und die Janine auch leise ihre Kerle bumsen könnte.
So ernst es allen zumute ist. Jetzt müssen sie einfach schmunzeln, Franzi gar laut lachen.
„Aber nun mal ehrlich… was war das?“
Gerhardt, dem der Rücken noch mehr wehtut, als nach einem schweren Arbeitstag in Stall und Scheune, klettert laut schimpfend die Treppe herunter. Bloß gut, denkt Anne-Kathrin, dass ihre Tochter Melanie schon gestern zurück in die Stadt fuhr und Sohn Karsten bei seiner Freundin in der Nähe übernachtet. Bei diesem heutigen Arbeitspensum brauchen die ihren Schlaf. Auch wenn sie es nicht immer einsehen. Junge Leute eben.
„Da leuchtet was!“
Hans-Joachim hat doch noch lichte Momente. Und wirklich… der Schein kommt von hinter der Kirche und ist so unwirklich, dass er gar ein paar Äste der Dorfkastanie bei der Bushaltestelle beleuchtet.
„Da ist… da muss doch…“
Holger rennt hin und her. Gerlinde beruhigt ihn. Er hat manchmal Angst im Dunkeln. Dabei ist er nun auch schon ein Mittvierziger. Wie die Zeit vergeht.
Endlich rennt er um die Kurve und schlägt, für alle gut sichtbar, die Hände vors Gesicht, „NEIN!“
Nur dieses eine Wort. Dann setzt ein Wimmern ein und schließlich, weil er nichts rufen oder erklären will, schlurfen alle, von normaler Kleidung bis hin zum Nachthemd mit Hauspantine, die Straße entlang zum Ende der Kurve.
„Das geht doch gar nicht!“
Es brennt. Gleich beim Ortseingang. Franks Haus. Dieses kleine Ding, was mal irgendwer von der alten LPG-Verwaltung als Feriendomizil einrichten wollte, was aber nie fertig wurde und dann im Trubel der Wendezeit schnell in Vergessenheit geriet, obwohl doch alle daran vorbei müssen, wenn sie aus dem Dorf heraus wollen. Es gibt nun einmal nur eine einzige wirkliche Straße. Ansonsten ist hier die Welt zu Ende. Die Feldwege zählen dabei nicht wirklich, oder?
Feuer…
Noch stehen die Dorfbewohner und schauen ungläubig hinüber. Wann brannte es denn das letzte Mal bei ihnen? Ja, die Felder… erst letzten Sommer. Hitze. Der Rauch trieb schon die Dorfstraße hinauf. Mancher sah seinen Hof bereits in Flammen untergehen. Doch wirklich passiert ist nichts. Sogar bezahlt wurde der Schaden am Feld. Versicherung und Bund. Nun ja, das klappt wenigstens. Wäre schlimm, wenn auch da in West und Ost mit anderem Maß entschieden würde! Aber jetzt?
Endlich erwacht Gerhardt aus der Starre.
„Schnell, die Spritze. Frank… FRANK!“
Er schreit. Die Pantinen, mit denen er gerade die steile Treppe im Haus herunterkam, fliegen von seinen Füßen. Obwohl vom letzten Winter noch jede Menge spitzen Splitts gegen Eis und Schnee auf der geflickten Asphaltstraße liegt, scheint er nichts davon zu spüren.
Holger ist wieder bei Sinnen. Er läuft zum kleinen Spritzenhaus an der Bushaltestelle, drückt den großen roten Alarmknopf. Gut, alle Dorfbewohner stehen schon bereit und sind auch gleich bei der alten, noch funktionstüchtigen Motorspritze. Vielleicht hören die Nachbarn hinterm Teich die Sirene. Der Wind steht günstig und das Tal zwischen den beiden Dörfern wirft manchmal alles noch lauter hinüber. Was haben sich die tollen Rentner da drüben nicht erst im Herbst aufgeregt, als am Berg die großen Hexenfeuer brannten und die Feierei bis in den frühen Morgen ging. Na, dann könnten die heute einmal ein gutes Werk tun…

Endlich rollt die Spritze. Gerhardt empfängt sie auf halbem Wege. Alle, die mit der Feuerwehr nichts zu tun haben, schnappen sich Eimer. Der Hydrant vorn bei der kleinen Hütte ist alt. Die Leitungen wurden wohl in den Sechzigern oder drum herum gelegt. Ob da noch viel Wasser durchkommt? Keiner will es genau prophezeien. Darum muss Bert die Eimerkette von seinem Haus hinüber gestatten. Hans-Joachim schließt die Kirche auf, schaltet die Pumpe ein. Der Gartenschlauch ist nicht dick, aber unheimlich lang. Vielleicht reicht er… zumindest als Verstärkung zum Befüllen der Eimer.
„Hast Du jemanden gesehen?“, fragt Bertha außer sich. Eine ihrer Katzen trägt sie auf dem Arm, steht bleich neben dem Hydranten.
Der Wirt schüttelt nur den Kopf und alle sehen sich vielsagend an. Frank würde nie mitten in der Nacht und auch noch mit einigen Bier intus zurück nach Coburg fahren. Extra dafür hat er doch den einen Raum im Haus schon hergerichtet. Wie meinte er letztens?
„Im Sommer geht das schon. Im Winter wäre mein Arsch laufend dreckig und vereist!“
Nun ja, Eis hätte vielleicht den Brand verhindert?
Die Pumpe läuft laut. Die Spritze bekommt zu wenig Wasser. Der Druck reicht nicht aus und der Gartenschlauch von Hans-Joachim scheint ebenso wenig zu helfen. Selbst beim Eimernachfüllen setzt er immer wieder aus, weil überall Verwindungen auf der Länge sind und das Wasser ohne wirklichen Druck zur schmalen Düse vordringt.
„Das wird nie was!“, schimpft Gerhard, der wie selbstverständlich trotz blutender und eiskalter Füße das Kommando übernahm, steht da und schüttelt unschlüssig den Kopf.
„Was hat vorhin so gekracht?“, will irgendwer wissen.
Ja, was? Alle schauen sich fragend an. Eine Heizung ist da noch nicht drin, ganz zu schweigen von einem Gastank.
„Eine Bombe!“
Bertha, die wie das Leiden Christi an der Seite steht und mit ihrer Katze auf der Schulter eher an eine Hexe erinnert, sagt es ganz leise, was ihren Worten ein gehörigeres Gewicht gibt. Unweigerlich müssen alle lachen, was sie nur mit einem Schulterzucken beantwortet. Ihre Katze findet das nicht so gut und springt von ihrer Schulter, rennt in Richtung LPG und ist nach Sekunden verschwunden.
„Miezi… Miezi!“, rennt sie schreiend, fast kreischend, dem Tier nach. Alle glauben das Gleiche. Die Katze kommt eher zuhause an, als Bertha. Vorsorglich schickt Gerhardt Holger hinterher.
„Nicht, dass sie noch in eine der alten Wassergruben fällt!“

Endlich, die Flammen wüten nun sicher eine halbe Stunde und niemand glaubt mehr an Hilfe, da rollt mit lauten Tatütata und einem Schwarm hinterherrennender Männer und Frauen die weitaus neuere und leistungsstärkere Motorspritze aus dem Nachbardorf am Teich über die nahe Kreuzung. Der Tankwagen saust gleich, vom dortigen Brandmeister mit einem neuen John-Deere-Traktor gezogen, am Brandort vorbei in Richtung des hinter dem Dorf im Tal liegenden Feuerlöschteiches. Die Bauern von nebenan haben sogar einen Wasserwagen. Hier im ehemaligen Hauptdorf der Gegend verließ man sich all die Jahrzehnte auf Leitungen der LPG-Hydranten.

„Nun, was ist denn hier los?“, fragt Meyer, der Brandmeister, und steht bald neben dem bibbernden Gerhardt, der ungern zugibt, dass sie das Feuer ohne Nachbarschaftshilfe nicht in den Griff bekommen.
„Nun reg Dich ab und lass mal nicht Deinen Kamm schwellen, ja? Also, was ist los?“
Meyer sieht sich um, „Hat der Coburger Probleme mit der Versicherung oder wollte er die Hütte nur ein wenig heizen?“
Plötzlich ein Aufschrei hinter den Schaulustigen, die hier nur eine kleine Anzahl bilden können.
„Der Frank… wo ist der Frank?“
Nichts. Jan kommt eben. Er hat ein paar Decken mit, die er den alten Weiblein unter den Zuschauern über die Schultern wirft, dabei aber laufend zuckt.
„Janine schläft wohl den Schlaf der Gerechten? Na, diese Weiber… Schönheitsschlaf… und wir retten die Welt!“, meint Hans-Joachim und kann sich nicht helfen. Jan schaut aufgewühlt und ganz komisch in die Runde, meint nur, „Sie ist nicht zuhause!“
Nicht… Anne-Kathrin erschrickt bei seinen Worten, „Wie, nicht? Sie kam doch aber vorhin heim, oder?“
Fassungslos sehen alle, wie Jan mit dem Kopf schüttelt.
„Verdammt!“
Und schon sehen sie wieder auf das brennende Haus.
„FRANK!!!“
Gerhardt schreit sich die Seele aus dem Leibe. Außer dem Prasseln des Feuers und dem müden Plätschern des Wassers in die Eimer ist nichts zu hören. Natürlich nur einen Moment. Dann beginnen alle, durcheinanderzupalavern.
„Da drinnen sind sie. Haben sich versündigt. Man kann eben nicht immer nur hin und her springen. Das kostet das Leben!“
Bertha ist fort und Franzi übernimmt scheinbar ihren immer gern besetzten Part der Pessimistin und Lästerin.
„Ja, ja… da drin… sicher! Die sind ja nun vielleicht gerissen, aber nicht blöd, nicht wahr? Warum sollten die denn nun gerade…“
Rumms… Rauch, fliegende Teile, Feuersäule gen Nachthimmel.
Beinahe hätte es noch Verletzte gegeben. In diesem Moment, als Gerlinde versucht, Franzi zum Schweigen zu bringen, fliegen eine Menge Dachschindeln des kleinen Hauses durch die Gegend.
„Eindeutig… Explosion. Und was da oben explodieren sollte? Keine Ahnung. Bloß schnell weg von der Stelle. Alle! Da ist eh’ nichts mehr zu retten!“

Natürlich wird aufgeräumt. Zwei Tage dauert es allein, ehe aus den Städten der Umgebung und dann gar aus Erfurt angereisten Ermittler die Trümmer freigeben. Kommt nicht selten vor, dass es brennt. Die Explosion jedoch zieht staatliche Aufklärung an.
Kommissar Klein aus der Landeshauptstadt, nun schon das neunzehnte Jahr bei der Kripo und doch immer nur bei den kleineren und unbedeutenden Fällen im Einsatz, der rümpfte fast automatisch die Nase, als er die ersten Ergebnisse auf den Tisch bekam, „Wessi. Kauft ein Haus und lässt alles hochgehen. Fehlt nur noch, dass er eine ordentliche Versicherung auf alles abgeschlossen hat. Aber das bekommen wir heraus“, und süffisant lächelnd übergibt er den Auftrag seiner jüngeren Kollegin Strassner, die natürlich gleich hektisch zum Einsatzwagen rennt und versucht, eine Verbindung zur Gesellschaft der Deutschen Grundstücksversicherer aufzunehmen. Nicht so einfach, wenn es noch früher Morgen ist. Bei den Damen und Herren in dieser Branche macht man eher abends lange und kommt dann erst gegen Mittag aus den Federn. Ewige Kundenbesuche oder teure Partys auf Kosten der Prämien der Versicherten.
„Na, nun machen Sie mal halblang, Strassner. Das bekommen wir schon noch heraus!“
Und wieder wandert Klein die Ruine ab. Nein, hinein kann er nicht. Alles schwelt. Der Rauch ist beißend. Plastik oder auch Dämmmaterial. All das stinkt eben fürchterlich, wenn man es ankokelt. Dafür stehen die Dorfbewohner weiterhin wie ein Mann an der Kirche und sehen allen Einsatzkräften gebannt zu. Nur Gerhardt wütet vor sich hin wie ein Schuljunge, dem man den Ball geklaut hat.
„Jahre… was sage ich? Jahrzehnte üben wir. Jeden Monat ein Einsatz und jedes halbe Jahr sogar noch eine Übung oben in der Gemeinde. Und was ist der Dank dafür? Abhauen sollen wir. Wir… die Feuerwehr. Nur eben, weil wir keine Berufsfeuerwehrleute sind. Toll. Ich glaube, ich hänge den ganzen Kram an den Nagel!“
Wird er nicht. Alle um ihn herum wissen das. Auch für die Gemeinde wollte er nichts mehr machen, als sie ihn nicht zum Bürgermeister wählten, sich gar für den Zusammenschluss zur Großgemeinde aussprachen. Wie der letzte sächsische König soll er gerufen haben, sie könnten ihren Dreck allein machen. Und doch steht er jedem mit Rat und Tat zur Seite.

„Wo ist eigentlich dieser Wessi?“, fragt Klein und sieht Gerlinde an, die gerade nahe genug am rot-weißen Absperrband steht, um ihm als williges Redeopfer zu dienen. Sie zuckt mit den Schultern.
„Abends war er noch in der ‚Kastanie’ und dann ging er… wie alle. Ich glaube, Janine war auch dabei.“
Klein sieht genervt um sich. Er kennt sich hier nicht aus, weiß weder, was die ‚Kastanie’, noch wer diese Janine ist. Und er vermutet sicher zurecht, es ist nur wieder dieser allgegenwärtige nervtötende Dorfklatsch. Typisch für die Gegend!
Holger, der Bertha sicher nach Hause brachte und sich später doch wieder beim Unglücksort einfindet, springt ein wenig herum. Niemand will ihn beachten, bis es Gerlinde zu viel wird, sie fragt, „Was?“, und alle zucken herum. So kennen sie die ‚gute Seele des Dorfes’ gar nicht. War ganz schön laut!
Holger steht auch augenblicklich still, meint nur, „Janine ist fort!“
Er lacht dabei und zeigt zu Berts Haus in der Kurve.
Janine. Nun ja, jeder denkt sich wohl gerade seinen Teil. Nur Gerhardt, der das Wüten aufgab, wird hellhörig.
„Fort? Wieso?“
Klein kümmert sich nicht um das Gerede und trampelt wütend zurück zum Einsatzwagen. Seine Frage bekam er scheinbar nicht beantwortet. Nur eben… na ja, die Frau ging mit dem Mann. Nun brannte dessen Haus und er ist fort. Irgendso ein Trottel behauptet, diese Frau wäre es auch. Dorf. Was sonst?
Holger jedoch steht nun bei Gerhardt. Er weiß, dass er längst schlafen müsste. Beide wissen das. Morgen, eher heute soll das Heu von Gerhardts Wiesen und Holger will helfen. Die paar Euro brauchen Gerlinde und er dringend. Außerdem hat er dann eine Aufgabe, hockt nicht nur den ganzen Tag am Fenster. Jetzt bleibt er auf Gerhardts Nachfrage stumm, zeigt nur wieder zu Berts Haus.

Hans-Joachim zündet sich eine Zigarette an. Die Schachtel wirkt ewig alt. Seine Frau, unscheinbar und in einen dicken Nachtmantel gewickelt, schüttelt ihren Kopf.
„Ja, mecker nur. Ich brauche das jetzt!“, antwortet er hart. Seine Lunge ist nicht mehr in Ordnung. Wie auch vieles Anderes mehr in seinem geschundenen, aber doch kräftigen Körper. Das Rauchen gab er vor gut zehn Jahren auf. Der Arzt meint zwar, das allein wird ihn nicht retten. Vielleicht bekommt er so wenigstens ein paar Jahre mehr Lebenszeit?
„Die Karre meint er sicher!“
Nun wird auch Bert hellhörig.
„Die Janine ist fort? Mit dem Auto? Habe ich gar nicht gehört. War die denn nicht beim Stammtisch?“
Alle nicken. Sie war da. Und gekübelt hat sie auch nicht gerade wenig. Zusätzlich viel geraucht und alle genervt.
Gerhardt geht die paar Schritte. Gleich neben den lang gezogenen Garagen im alten und schon lange geschlossenen Konsum parkt sie sonst ihr Cabrio. Natürlich wollte sie nie zugeben, dass sie im Winter selbst bei geschlossenem Verdeck drin friert wie ein Hundebaby. Na, wenn man sich unbedingt so eine teure und nutzlose Karre leisten muss… BMW und so… da soll man auch leiden. Sie besonders. Er grient vor sich hin. Dann wird ihm kalt.
„Eh, wirklich. Ist nicht da, das Ding!“
Er steht auf dem leeren Platz. Mitten in der Nacht weggefahren oder geklaut? Kann ja alles sein. Heutzutage ist es eben möglich. Leider. Die Polen und die Tschechen, aber auch Jugendliche aus der Umgebung… erst letztens hatte der Wirt drüben im Nachbardorf am Teich so ein Bürschchen am Schlafittchen. Wollte der Kerl doch wirklich frische Holzofenbrote klauen… und hatte auch noch alles über Wochen hinweg ausspioniert. Werbung ausgetragen und in die Gärten und Höfe geguckt. Na ja, aber ein Auto… natürlich, man redet viel. Wirklich passiert ist es hier noch nicht.
„Besoffen fahren. Das gibt ihr den Rest! Wenn die Bullen die erwischen, kann sie ihren Führerschein in Urlaub schicken!“
Klein hörte Gerhardts Ausbruch. Er schnaubt, bleibt aber ruhig. Besser so. Der soll mal lieber aufklären… den Fall hier. Nicht noch Vermisste hinzuerfinden!

Zehn Fahrzeuge der Polizei stehen inzwischen am Ortseingang. Die ersten der noch arbeitenden Dorfbewohner überlegen, wie sie am Morgen ihrem Chef beibringen, dass sie den Tag frei brauchen, um hier nichts zu verpassen. Und immer noch schwelt es im Haus. Niemand glaubte, dass da schon soviel Brennbares drin ist. Der Frank hatte letztens entrümpelt und entkernt. Kann höchstens sein, dass er… die Hütte absichtlich… nein, das traut ihm hier niemand zu… noch nicht. Da soll der Kommissar doch denken, was er will. Und er denkt und wütet innerlich vor sich hin.
Wessi. Wie viele hatten ihm die Positionen und Stellungen weggeschnappt? Mit der Wende war er noch ein junger Kerl, voller Tatendrang. Morde und all diese Fälle wollte er aufklären. Gern auch in Berlin oder sonst wo. Und was machen die? Wiedervereinigung. Er solle nach Hause gehen, nach Erfurt, da beim Aufbau einer wirklichen Polizei helfen. Er wäre noch nicht so verdorben, wie seine ewig der Partei treuen Kollegen. Er fand das noch gut. Tolle Sache, nun alles mitgestalten zu können…
Mitgestalten… na ja, die Nachtschichten übernehmen, weil die edlen Kollegen aus den Altbundesländern nur am Tage arbeiten wollten. Und dann Ausbildung? Ach was. Learning by Doing. Beherrschte er etwas nicht, hätte er es sich doch schon längst aneignen können.
Was hat sich geändert? Über zwanzig Jahre. Mit Ausbildung. Und er steht nachts in irgendso einem Kaff mitten im Wald und soll einen Brand aufklären. Brand. Er… na ja. Die sind einfach nur verrückt im großen Erfurt!

Am Morgen versuchen die Beamten, die Klein noch nicht abzog, sich am Verpflegungswagen auf dem Buswendeplatz zu versorgen. Natürlich reichen die Beutel wieder nicht und der Bäcker, der eigentlich nur Montag, Mittwoch und Freitag gegen Vormittag hier vorbeikommt, wittert ein Geschäft und kommt extra zum Donnerstag mit dem Mobil und einer ganzen Ladung belegter Brötchen in den Ort gerollt. Leider kann er nicht bis in die Ortsmitte. Da die Polizisten ihn genauso sahen, wie die Anwohner, verkauft er eben neben der Brandruine am Versorgungsweg zur LPG. Daran stört sich niemand… und er… ja, er fährt mit leeren Regalen wieder ab.
Gegen Mittag ist immer noch alles offen und doch geschlossen. Niemand darf das Dorf verlassen und keiner weiß, in welche Richtung Klein ermittelt. Nicht einmal die Strassner, die sich nun als die gute Seele der Polizei im Dorf zeigt und alles versucht, die Bewohner zumindest etwas auf dem Laufenden zu halten.
„Und von meiner Frau haben Sie noch nichts gehört?“
Jan ist außer sich. Auf seinem Arm sitzt seine kranke Tochter. Süßes kleines blondes Mädel. Etwas dicklich. Das scheint heute in zu sein. Zeitalter von Fast Food. Nun ja, wenn das bei Babys schon eine Rolle spielen sollte. Strassner schüttelt nur den Kopf, „Wir fahnden im Gebiet. Bis hin zur Autobahn. Bisher fehlt der Wagen noch.“

Dafür kommen weitere Kollegen an. Der Brandherd, dieses ganze Haus scheint langsam abzukühlen, sodass die Ermittlungen im Innern aufgenommen werden können.
Strassner sieht noch, ehe sie zu den Kollegen geht, um ihnen erste Anweisungen von Klein mitzuteilen, wie Bert Jan in die Arme nimmt. Vater und Sohn. Und die ungeliebte Schwiegertochter ist fort. Könnte man doch glatt vermuten, dass… Strassner reißt sich zusammen.

„Und, was denkt Ihr?“, fragt Heller, Chefermittler mit allen wichtigen Abschlüssen, vor allem immer einem Witz auf den Lippen, und steht mit kahlem Kopf, der weit über die hochgewachsene Strassner hinausragt, vor ihr, sieht sich schlotternd um.
„Verzeihung… war so heiß im Auto. Und hier… na, soll ja noch warm werden!“
Strassner grinst, erzählt dann den bisher bekannten Hergang.
„Und wo ist Klein?“
Fragend sieht sie sich ebenso um. Sicher in der ‚Kastanie’? Oder einfach nur… da hinten auf dem Feld? Kann er das sein? Ja, da stolpert ein Typ über die Stoppeln, der wie der Kommissar läuft und gekleidet ist. Wollen die hier nichts säen? Kann sicher irgendwer beantworten. Strassner erinnert sich an den Unterricht vor Jahren. Dreifelder-Wirtschaft. Ob es damit zu tun hat? Erst irgendetwas, was den Boden richtig auslaugt, dann eine Frucht, die nicht so viele Nährstoffe braucht, dann ein Jahr oder eine Saison Brache, damit sich der Boden erholt. Kann man sich das im Zeitalter von Dünger und Geldnot auf dem Lande heute überhaupt noch leisten? Kaum.
„Ja, Versicherungsbetrug, würde ich sagen. Aber wir haben keine richtigen Hinweise. Der Besitzer, ein Frank Schmidt, der war wohl gestern im Dorf, ging erst heute Morgen aus der Wirtschaft weg. Seither ist er angeblich verschwunden. Und ebenso fehlt nun noch eine Janine Seidel-Rülle samt ihrem Wagen. Was der Schmidt fuhr, ist ungewiss. Nach erster Abfrage besitzt er kein Auto. Ist zwar kaum vorstellbar. Aber er hat eine kleine Firma. Vielleicht laufen die Fahrzeuge auch darüber. Und diese Janine… die besitzt ein BMW-Cabrio. Zumindest anzunehmen, das sie vielleicht gemeinsam…?“
Heller grinst die Strassner an, was sie gleich mit einem schnippischen Grinsen beantwortet.
„So, so… dörfliche Idylle, oder? Na, werden wir doch mal sehen. War schon jemand drin?“
Sie schüttelt den Kopf und er gibt seinen Männern das vereinbarte Zeichen. In schweren Monturen, ein wenig den Schutzanzügen bei Atomkatastrophen ähnelnd, spazieren sie los, wollen trotz der sicher noch vorhandenen Brandnester versuchen, erste Erkenntnisse zu sammeln. Die Dorfbewohner schauen ihnen mit gemischten Gefühlen nach. Strassner erscheint eher nachdenklich und sieht zu intensiv auf Heller, der ihr eben noch zublinzelte. Na, ein Mann ist das schon. Immer noch besser, als Klein. Der nervt einfach mit seinem ewig großtuerischen Gehabe. Bei der Arbeit soll man nichts anfangen. Den Spruch kennt sie noch von ihrem Ausbilder. Jahre her. Zu lange nicht. Gerät bei diesem ganzen Durcheinander bei der Kripo schnell in Vergessenheit. Jedoch… die Möglichkeiten bei diesen ewigen Sonderschichten sind für eine junge Frau auch nicht gerade rosig. Noch einmal denkt sie an Bernd. Der ist tot. Nein, kein Kriminalfall. Krebs. Ihr Schulfreund. Und auch der, mit dem sie sich ein Leben hätte vorstellen können. Ansonsten? Nein, alles nicht so toll. Heller? Mal sehen, was die Zeit bringt.

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