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     und Foto: Stefan Jahnke

 

Leseprobe - Eingeschlichen

 

Prolog (Auszug)

"Bereits in den Abendstunden des gestrigen Mittwoch wurde bei Abbrucharbeiten in der Unteren Burgstraße eine weibliche Leiche gefunden. Nach bisher unbestätigten Berichten kann es sich um eine dem Rotlichtmilieu zuordenbare junge Frau aus Eisenach handeln. Die Todesursache ist bisher nach offiziellen Angaben noch ungeklärt. Sollte sich jedoch die Herkunft der Toten bestätigen, wäre dies ein weiterer Fall für die schon vor zwei Jahren zusammengestellte Ermittlungsgruppe ‚Stadtschloss', die seither darauf zurückgeht, dass drei bis heute ungeklärte Mordfälle mit ähnlichem Hintergrund zu bearbeiten sind. Ich schalte jetzt direkt an den Fuß der Wartburg zu unserem Kollegen Holger Bengler. Holger, was kannst Du uns zum aktuellen Stand mitteilen? Gibt es schon neue Erkenntnisse oder tappt die Polizei auch in diesem Fall schon wieder und weiter im Dunkeln... und was meinen die Anwohner zu alledem?"

Eigentlich wollte ich die Flimmerkiste gerade ausschalten. Nur die Nachrichten waren es, die mich trotz des vollen Schreibtisches noch interessierten, ehe ich zu Keller wandern darf. Na ja, Polizeichef und Minister… eine Verbindung, die nicht immer so glücklich ist. Gerade jetzt, wo der Umzug ins neue Polizeizentrum ansteht. Eigentlich haben wir… was soll's… Personalknappheit und leere Kassen sind verantwortlich, dass man mir diese politische Nähe nachsieht.
Ich schaue wie gebannt in den Fernseher. Da ist die Burg. Wie die das schaffen, solche Bauwerke so wirksam ins Bild zu setzen! Dabei wird wirklich schon so viele Jahre an der Burg gebaut… ich denke gleich an all die Fälle, die selbst in Sachsen damit zu tun hatten.
Wie meinte Petra zum Wochenende? ‚Der Luther ist in aller Munde. Da sollte man sich die Wartburg mal wieder anschauen.' Habe zwar keine Lust dazu… muss mich schließlich laufend in alten Gemäuern herumtreiben… auch als Polizeichef. Was tut man nicht alles… Und Kuno…Müssen wir halt aufpassen, dass er sich in den dunklen Gängen nicht zu sehr gruselt!
Jetzt schaltet die Kamera noch einmal um. Der Kommentator vor Ort scheint endlich sein Script fertig zu haben.
"Ja, Beate, das ist schon ein verworrener Fall. Die Bauarbeiter wollten nur dieses fast verfallene Haus entkernen, weil der Hotelbetreiber nebenan moderne Garagenanlagen plante, dann finden sie solch eine Leiche. Ich sage Dir ehrlich, ich möchte nicht der Finder gewesen sein!"
Klar. Wer will das schon. Ich trinke meinen Kaffee aus.
Schnell den Koffer zusammenpacken. Keller will ein paar Unterlagen einsehen, weil er meint, da hätten die Kollegen geschlampt und er müsse alles richten, um Senners Abteilung nicht ganz abschaffen zu müssen. Na, der soll mal…
Meine alte Truppe. Wie er überhaupt darauf kommt, gerade da zu sparen… Geld. Nur Geld regiert die Welt!
Der Mantel hat sich im Garderobenständer verheddert. Nur mit halbem Ohr höre ich noch, was dieser Bengler zu erzählen hat. Jetzt kommt jemand ins Bild, mit dem ich etwas anfangen kann.
"Der Herr Hauptkommissar Schadt leitet die Ermittlungen vor Ort. Herr Hauptkommissar… bitte… Herr Hauptkommissar…"
Den kenne ich nur zu gut. Manche Weiterbildung haben wir gemeinsam absolviert und ich weiß , dass er mit der Presse mehr als nur auf Kriegsfuß steht.
Etwas amüsiert setze ich mich noch einmal in den Sessel. Diese Couchecke von Keller steht immer noch hier. Jetzt ist sie ganz praktisch. Wann das letzte Mal da jemand drin saß…?
"Kein Kommentar!"
Der will sich aus der Affaire ziehen! Bengler jedoch lässt sich nicht abwimmeln. Er verstellt meinem Bekannten fast den Weg, dass der sich schon nach weiteren Kollegen umsieht, die ihn rausholen sollen. Scheinbar sind alle hinter die rot-weißen Absperrbänder geflüchtet. Er ist allein.
"Herr Hauptkommissar… Die Bürger sind unruhig! Laufend sterben junge Frauen in der Stadt und niemand kann es sich erklären. Macht die Polizei überhaupt etwas?"
Oh, das ist sicher auch Schadt zu viel! Er geht hoch wie eine Rakete, kann sich gerade noch fangen, um Bengler nicht vor laufender Kamera eine zu verwinken. Dann scheint er doch noch zu begreifen, dass er etwas sagen muss, um nicht alle Schuld auf ihn und die Polizei zu lenken. Ich sehe es ihm nur zu gut an… er will nicht!
"Wir wissen derzeit noch gar nichts… Eine Leiche. Weiblich. Vielleicht 25 bis 30 Jahre alt. Aber wie sie zu Tode kam… Kein Blut, keine Spuren von Gewalt. Im besten Falle gar ein natürlicher Tod. Die Kollegen von der Gerichtsmedizin werden das klären. Und bitte… lassen Sie mich meine Arbeit machen. Sonst, das muss ich zugeben, sonst bekommen wir wirklich keine Ergebnisse und Sie können wieder auf mir herumhacken und…"
In dem Moment kommt ein noch etwas jüngeres Gesicht ins Kamerabild. Habe ich irgendwann schon gesehen. Der Mann drängt Schadt regelrecht aus dem Bild. Der scheint mehr als nur glücklich darüber. Das ist der Pressesprecher von denen. Jung. Wirklich jung. Genügend Power, um die Presse zu meistern...?
Schadt ist verschwunden. Eben will dieser… die blenden den Namen ein. Neuner… ja, Neuner heißt der. Falk Neuner.
"Bitte halten Sie sich bei Anfragen direkt an mich. Ich versuche, Sie in den Ermittlungen auf dem Laufenden zu halten. Alles Andere lenkt nur von der eigentlichen Polizeiarbeit ab…"
Die machen dicht.
Gut, versuche ich bei meinen Fällen ebenso. Aber wirkt das bei uns auch so ungekonnt? Na ja, kann sein, dass die wirklich schwimmen… Mordopfer Nummer vier in zwei Jahren. Immer will man gerade die Zuteilung der Mitarbeiter ein wenig reduzieren, die Soko auflösen, da passiert es schon wieder. Böse Zungen behaupten schon…
Nein, daran will ich nicht einmal denken.
Nun folgt natürlich das übliche Gerede. Der Kameramann scheint sich zu langweilen und holt eine Beamtin näher heran. Ihre Uniform sitzt nicht richtig und man sieht zwischen Jacke und Hose einen Tangaansatz. Na, Kollege von den Medien… ob das bei dieser Berichterstattung das richtige Bildmotiv ist?
Aha… man blendet weg. Nun ist nur noch ein Bild von Bengler zu sehen… und dahinter die Stadtsilhouette von Eisenach. Die müssen ganz schön schnell gewesen sein. Dass Schadt und sein Team schon da sind… Von Erfurt herüber, das ist ja auch ein Weg… Oder haben die Bauarbeiter erst eine Weile gewartet, ehe sie nach der Polizei die Presse anriefen …? Ich bin schon wieder zynisch! Dabei weiß ich gar nicht, ob die wirklich das Fernsehen… Bei uns in Dresden gibt es für die immer andere Quellen. Mal ist es ein Beamter, mal nur einer von den vielen zivilen Kollegen, die sich mit dem ganzen Background beschäftigen. In den seltensten Fällen melden die Finder oder anders Betroffene das an die Presse.

Ich schaue auf die Uhr. Verdammt… Keller sitzt nun schon im Augustiner und ich komme wie immer zu spät. Dann meint er wieder, dass die Politik nichts tun kann, wenn es die Beamten nicht einmal schaffen, einen kleinen Anruf zu machen oder eben einen Termin einzuhalten. Lachhaft! Ich sause los. Gerade beim Ausschalten sehe ich im Hintergrund des nun wieder laufenden Bildes Schadt aus dem verfallenen Gebäude kommen. Tja, Kollege… die Presse wird Euch zerreißen. Verdammter Fall, sicher. Ich kann da nichts tun!
‚Wo bleiben Sie denn, Zech?' Noch hat sich Keller nicht gemeldet.
Klar, wenn ich jetzt nicht gehe, ruft er sicher gleich an. Aber ich bleibe ruhig und laufe auch keinen Schritt schneller. Fehlt eigentlich nur noch, dass er mich persönlich im Präsidium abholt. Das hat er sich verkniffen! Zumindest meist. Heute hoffentlich auch.
Schon stehe ich auf der Treppe vor dem Gebäude.
Für den Monat ist es erstaunlich warm. November. Mal hat man um diese Zeit schon Schnee und jetzt will ich gleich meinen Schal wegwerfen. Oh, ich höre Petra schon wieder, wenn ich dann morgen früh vor mich hin huste…
‚Habe ich Dir nicht gesagt, dass Du Dich schnell erkältest? Aber nein… auf mich hört ja niemand!' Ja, ja… Petra!

Im Augustiner ist viel los. Davor sind fast alle Tische belegt. Keller kann ich nicht entdecken. Also will er nicht die Sonne, sondern die Dunkelheit. Ich gehe hinein. Man kennt mich hier und die eine Bedienung kommt gleich auf mich zu. Wird sicher wissen, wo Keller sitzt und dass er sich auch schon eine Weile…
"Herr Polizeirat, welche Überraschung!"
Hä? Na, die will mich wohl auf den Arm…
Ich schaue sie an, erwarte, dass sie mich nun zu Keller und unserem Tisch bringt. Doch sie blickt nur fragend drein. Verstehe ich nicht.
"Der Herr Minister?", beginne ich vorsichtig.
Sie schüttelt den Kopf, schaut sich noch einmal um und zeigt dann auf einen Tisch in Nähe der Fenster.
"Da sind Sie dann ungestört!"
Keller... nicht da? Ich bemerke kaum, wie ich meinen Mantel ablege und mich ‚niederlasse'. Dann steht ein Hausbier vor mir. Eigentlich noch zu früh für mich, aber im Augustiner… Nun ja, die kleinen Annehmlichkeiten als Chef der Polizei… auch im Dienst!
Schräg über mir läuft ein Fernseher. Nicht das öffentlich-rechtliche Fernsehen, sondern ein Privatsender. Scheint gut anzukommen, dieser Nachrichtenkanal. Wundert man sich schon immer wieder. Und natürlich werden da genauso der Fall und die Polizei auseinandergenommen. Ich erinnere mich noch an diese Sache damals… Haben die Reporter des Kanals doch glatt die ganzen Ermittlungen beobachtet und dann auch noch den Täter gewarnt. Wurde nie gefasst. Hatte mit der Sache in Eisenach nichts zu tun.
"Die Beamten sind sich sicher… die Frau wurde ermordet!"
Frechheit! Gerade noch meinte Schadt, dass sie noch gar nichts wissen... und die behaupten frech und dreist, dass…
"Und natürlich liegen die Verbindungen zu den anderen ermordeten Frauen auf der Hand!"
Sie haben einen sogenannten ‚Polizeiexperten' hinzugeholt. Wer weiß, welchen Krimi der schon einmal gelesen hat, dass er sich bei diesem Sender so nennen darf!
Wenn ich jetzt…
Halt, mein Handy klingelt. Kellers Büro. Na endlich! Da bekommt man es ja schon mit der Angst zu tun. Ich bin doch nicht schizophren, oder? Wir haben uns diesen Termin gemeinsam ausgemacht… und das war heute, jetzt und hier. Nichts anderes, oder?
"Ha, Zech… Sie sitzen sicher auch noch am Schreibtisch, oder?"
Ja, ja, diese ewige Gängelei, weil ich zu unseren Treffen nicht pünktlich komme. Aber warte, Minister, warte!
"Ach, da wissen Sie wohl noch gar nichts von der Sache, oder?"
Was denn nun? Diese da in Eisenach und bei meinem Kollegen Schadt?
"Nein, Zech, nein… ich habe hier die Kürzungsliste für Sachsen. Betrifft eine ganze Menge in meinem Ressort. Und auch… ähm… na ja… also… Ihre alte Abteilung… die soll weg!"
Mir bleibt gleich die Bestellung im Halse stecken. Gierig muss ich zwei Schlucke trinken. Mann, wenn mir jetzt einer von der Presse zuschaut und das morgen in die Zeitung setzt, dann kann ich auch…
‚Polizeichef schluckt gierig Bier auf Kosten der Steuerzahler...'
Pha! Aber nicht mit mir!
Die Bedienung entschwindet, nachdem ich nur auf die zwei Kleinigkeiten in der Karte zeigte. Ob das nun hochnäsig wirkte? Ich bekam gerade wirklich kein Wort heraus.
"Zech, sind Sie noch dran? Hallo!"
Ja, natürlich.
"Wie, um alles in der Welt, kommt man denn nun gerade auf das dünne Brett? Warum Senner und das Team?"
Keller scheint nach Worten zu suchen.
"Na ja, die werden natürlich versetzt. Soll eine Effektivitätssteigerung geben und so. Aber eben… nun… Sie wissen es doch… das liebe Geld. Und Ihre Leute haben in der Öffentlichkeit gar nichts erreicht!"
Der Kerl! Aber ein riesiges neues Polizeizentrum bauen… Ich könnte… Dabei ist er es, der mit seinen ganzen geheimen Absprachen im hintersten Hintergrund dafür sorgt, dass unsere Ergebnisse nirgends veröffentlicht werden dürfen. Aber warte… Wenn jetzt Senner und das Team… Dann werde ich dafür sorgen… Ganz sicher!
Ich denke an Klaus, meinen schreibenden Nachbarn. Wie oft musste ich den schon zurückpfeifen! Dabei hat er daran einiges verdient. Die Ausfälle und so… die bekam er stets voll ersetzt. Vielleicht besser, als wenn er das jeweilige Buch veröffentlicht hätte. Wer druckt schon regional bezogene Krimis? Und vor allem… wer kauft sie dann? Aber wenn ich den anspitze… Der hat nur für mich geschwiegen. Ein wenig auch für Petra. Die bekniet ihn jedes Mal und er gibt doch wieder nach, nimmt den Scheck und alles ist in bester Ordnung. Nehmen wir zumindest an. Aber jetzt?
"Na, Zech, lassen Sie mal den Kopf nicht hängen! Vielleicht können wir das auch noch einmal ändern. Ich habe zwar gerade keinen Fall… aber das heißt ja nicht…"
Nach einer Weile lege ich auf. Der Nachrichtensender hat sich endlich beruhigt und scheint nun mit verrückten Börsenergebnissen bei den Berg- und Talfahrten des Dax mehr Aufmerksamkeit erheischen zu wollen. Ich knuspere mein Würzfleisch und den Salatteller hinter, trinke aus und zahle. Wenn ich schon… nun ja… wenn ich so was erfahre, muss ich auch mit Senner drüber reden. Nach unserer Manier ist er sicher der Letzte, der was davon erfährt!

"Was meinst Du? Frank, sag das noch mal!"
Max steht vor mir und scheint die ganze Welt nicht mehr zu verstehen. Gut, das kommt bei ihm schon hin und wieder vor. Er ist eben der geborene Organisator, aber nicht der beste Rechercheur und kann auf völlig geänderte Situationen nur schwer und vor allem nicht sofort reagieren. Ansonsten ist er ein guter Mann. Und was seine Abteilung… na ja, ich muss stets mit ran. Nicht, weil die es nicht allein schaffen, sondern weil ich die Füße nicht stillhalten kann. Ist eben so.
"Diese Abteilung? Und der Keller sagt Dir das so kalt, dass es einem gleich wie ein Eisschrankbesuch vorkommt?"
Oh, man übt sich in Redewendungen und Erwiderungen?
Ich sehe Max an, dass es ihm gar nicht nach lustigem Geplänkel ist. Er sieht eher aus wie in Siebeneichen. Zumindest so, wie ihn mir die Kollegen schilderten, ehe er damals wegsackte.
"Das ist doch sein Baby!"
Er kann es nicht fassen. Ja, natürlich hat Keller damals meine Abteilung geschützt und entwickelt. Zumindest, als wir uns dann endlich mal die Meinung gesagt und anschließend auch wirklich gut verstanden haben. Aber jetzt?
Ich schlucke bei dem Gedanken. Zumal es gerade in Sachsen einen Fall nach dem anderen gibt, wo wir als Team gebraucht werden … ich muss mich lösen, gehöre eigentlich nicht mehr dazu. Oder doch? Klar. Ich bin der Polizeichef und bestimme, wer wann in welchem Team arbeitet. Kann mich der Keller mal? Klar kann er das! Ich bestimme und…
"Nein, wenn Du Vorgaben bekommst, dann hast Du keine Chance, das zu umgehen. Aber trotzdem, danke für die Info!"
Er geht, l ässt mich in seinem eigenen Büro sitzen. Ja, danke… das kann ich jetzt auch sagen!
Noch einmal geht mir der Fall aus dem Fernsehen durch den Kopf. Gibt es in Thüringen eigentlich so ein Historikerteam? Habe ich zumindest bisher noch nichts von gehört. Also… könnte man eventuell…?
Die Überlegung schiebe ich zur Seite, denn gerade kommt ein Anruf rein… und ich bin der Einzige im Raum. Klar, der Chef macht alles!
Fast nebenbei nehme ich den Hörer ab.
"Fleischhauer hier. Kann ich bitte… ähm… Frank, bist Du das?"
Fleischhauer? Meine Gehirnzellen beginnen zu rasen…
Ich brauche einen Moment, muss nachdenken. Dann habe ich ein Gesicht. Der Jürgen? Wie kommt der denn in meine… Nein, ist nicht meine Leitung. Ist jetzt die von Max. Und der schiebt irgendwo im Haus oder draußen in Richtung Elbwiesen seinen Frust. Oder aber er trommelt das Team zusammen und probt den Aufstand. Beides keine guten Alternativen zu einer konstruktiven Lösung.
"Mensch, dass ich Dich gleich dran habe, das ist toll!"
Jürgen ist ein alter Kumpel. Fast eine Art Vaterfigur. Auch wenn er sich das verbitten würde, denn er ist nicht doppelt so alt wie ich, sondern nur gut zehn Jahre älter. Jetzt hat er ein Problem…
Nein, nicht das, was ihn jetzt zum Telefonat anstiftete… das wird er mir gleich noch verraten. Sein Hauptproblem, warum er heute noch Kommissar ist und eben nicht einen dankbaren gehobenen Posten in einer der Direktionen im Freistaat innehat, ist der verfluchte…
"Frank, ich bin trocken!"
Na ja, das kenne ich. Wie oft hat er das schon behauptet und dann war wieder alles für die Katz? Aber gut. Er wird sicher nicht darum anrufen, oder?
"Erinnerst Du Dich an meinen letzten Ausrutscher?"
Unschwer! Hätte ich ihn damals nicht rausgeholt, würde er wohl schon einige Jahre im Ruhestand sein oder sich verzweifelt nach einem anderen, ihn auch ernährenden Job umsehen. Dazu kam es zum Glück nicht. Und wahre Freundschaft… na ja, eigentlich sagte ich damals, dass er sich nicht noch einmal bei mir…
"Ich wollte Senner anrufen. Nicht Dich. Aber wenn ich Dich nun schon… Denk nach. Der alte Fall, ja!"
Ich versuche, zu überlegen. Hatte das was mit… Nein, damit nicht. Oder war das… Auch nicht. Also beim besten Willen… Ich habe schon Probleme, meine eigenen Fälle auseinanderzuhalten, und dann soll ich auch noch seine…
"Aber Frank, wir waren doch auf dem Schloss. Wegen der Nutten. Weißt Du nicht mehr?"
Schloss und Nutten… Ja, Schloss Augustusburg. Der Name ist ein Widerspruch in sich! Dabei war es ein schöner Ausflug. Nur eben, aus einem unschönen Grund. Die drei Nutten waren verschwunden und niemand hatte auch nur einen Schimmer, wohin. Dabei schien Fleischhauer eine gute Idee zu haben. Nur eben… wenn er damals dem Direktor des Schlossbetriebes nicht so rüde über den Mund gefahren wäre … und da kein dringender Tatverdacht bestand, bekamen wir auch keinen Rückhalt von oben. Nicht einmal der Wehner hatte Lust, sich in die Geschichte einzumischen. Und Avenarius meinte, dass Fleischhauer erst einmal seinen Suff in den Griff bekommen solle, ehe er sich um das Umpflügen eines ganzen Innenhofes kümmert. Dabei sollte…
"Mensch Frank, das ist doch genau das Gleiche, wie jetzt diese Nutten in Eisenach. Ganz sicher… Ich könnte… Na ja, ich will eigentlich nicht. Aber ehrlich, einen Schluck würde ich riskieren, um das zu beweisen!"
Trocken, ja? Klingt zumindest nicht so! Ich werde mich hüten, ihn jetzt abzukanzeln. Außerdem… Was ruft er in Dresden an? Soll er doch dem Schadt und den Kollegen dort auf die Nerven gehen. Ich war in dem Fall nie offiziell drin. War mein Urlaub. Habe ich mir von Petra oft genug anhören können. Zumal sie auch noch schwanger war. Ein Pulverfass mit brennender Lunte sozusagen… Einfach liebenswert! Isst sie heute überhaupt noch diese Spreewaldgurken? Zumindest damals hätte sie gut und gerne den ganzen Spreewald kaufen können… und dazu noch Marmelade. Na ja… schwanger eben!
"Die wollen das nicht sehen und nicht hören. Der Schadt… Ich war zweimal dort in den letzten Wochen. Meine ganzen Ergebnisse… Die Kollegen meinen, ich wäre eben nur ein Säufer und da sieht man dann Dinge, die es nicht gibt!"
Kenne ich. In seinem Fall stimmt das vielleicht?
Mich in andere Fälle einzumischen, das ist nicht meine Art. Man muss die Grenzen achten, die Kollegen ihre Arbeit machen lassen. Es nützt ja niemandem, wenn man sich als verdeckter Ermittler irgendwo einklinkt. Macht man mehr kaputt, als man je bewirken kann. Aber gut. Wenn er jetzt erst einmal Lunte roch und mich an der Strippe hält, bekomme ich wieder Lust, ganz allein loszuziehen... und das im Urlaub…
"Frank, ich brauche Zugang zu meinen alten Unterlagen. Aber der Wehner hat die damals eingefroren. Ich muss doch… wenigstens mal hineinschauen. Und dann kann auch der Schadt nicht mehr sagen, dass ich spinne. Der muss mir einfach glauben!"
Ich versuche, den Hintergrund zu verstehen. Wie war das?
Fleischhauer arbeitete damals noch in Chemnitz. Und in Flöha gab es einen Escortclub, der sich besonders für die Betuchten anbot. Haben diese Dinger meist so an sich.
Irgendwie kamen denen in kurzer Zeit drei Nutten abhanden. Natürlich heißen die anders, sind aber nicht viel mehr, selbst wenn sie sich für was Besseres halten. Der Dünkel des einfachen Volkes...
Suche war nicht. Die haben kaum eine Spur hinterlassen. Dann brannte auch noch der Club aus und die Daten von den Festplatten waren weg. Oh, hat sich der Herbert damals gefreut, als ich ihm ein paar Fragmente von diesem Kassenrechner vorbeibrachte. Ich glaube, der hat eine ganze Woche nichts anderes gemacht, als zu versuchen, ein paar Datensätze wieder herzustellen.
Erfolglos?
Nein, natürlich nicht! Was Herbert anfast, das klappt auch… Irgendwann zumindest. Und hier ebenso.
Die Daten gaben nicht viel her. Aber wie durch ein Wunder hatten wir so ein paar Adressen von Leuten, denen es irgendwie gar nicht passte, mit dem Club in Verbindung gebracht zu werden.
Wettiner darunter. Habe ich erst später mitbekommen. Aber es war so. Verrückte Geschichte. Während man hart in Dresden um die Rückgabe von allen möglichen Preziosen verhandelte, wohnte man fast standesgemäß im Schlosshotel auf Augustusburg. Fast da also, wo früher eine ganze Weile die Herrschaft über Sachsen ausgeübt wurde. Jahrhunderte her. Heute regieren auf dem Schloss eher die Touristen… und dabei auch die Biker. Motorradmuseum und Bikertreffen. Sicher interessant. Jedoch habe ich lieber vier Räder unter meinen Schuhen, wenn ich schneller als fünfzig fahre.
Die Nutten sollen auch von denen gebucht worden sein. Da fiel mir damals eine Begebenheit ein. Kam einer dieser ‚von Sachsen' mit einer aufgetakelten Schönheit zu einem Empfang in der Semperoper und die konnte nicht mal einen zusammenhängenden Satz sprechen. Zumindest kam später heraus, dass es nur so eine vergoldete Bordsteinschwalbe war. Na ja, lange her… weit vor dem Fall.
Dann wollte niemand auch nur einen Mux von den Nutten wissen. Die wären eben nicht mehr da. Vielleicht zurück in ihrer Heimat, weit im Osten, vielleicht auch auf Wanderschaft oder von einem noch besser zahlenden Kunden mitgenommen. Willig sollen sie alle gewesen sein. Für einen gewissen Betrag…
Der Fleischhauer zumindest… na ja, der wollte den Fall lösen und ich hatte ihn zu unterstützen. Als Freund und Profi bei ganz anderen Fällen. Nur eben, dass wir keinerlei Ansatz für ein brauchbares Motiv fanden.
"Jetzt aber, Frank, jetzt haben wir eines!"
So? Dann übersehe ich sicher irgendetwas. Nur was? Ist nicht mein Fall. Und wenn Schadt seine Bedenken hat, kann und muss ich das akzeptieren. Wir hatten damals nichts und jetzt hat er… Leichen. Jede Menge sogar. Damit ist ein direkter Bezug zu dem damaligen Fall eigentlich ausgeschlossen, oder? Doch wenn ich das dem Fleischhauer genauso sage, macht der irgendwelche Dummheiten. Der ist zu aufgeheizt. Ist nicht gut. Ob ich…? Ja, ich lasse ihn herkommen. Ist für alle besser. Ganz nebenbei kann ich noch einmal alles überprüfen, was er damals sammelte... Sollte mir Wehner die Unterlagen geben. Ich hoffe es einfach!

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