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2013 Einbandgestaltung
     und Foto: Stefan Jahnke

 

Leseprobe - Cholerabrunnen - Erbe des Krieges

 

Prolog (Auszug)

...

Immer noch regnet es. Das schon seit Tagen. Harald Bauer schüttelt den Kopf. Gleich sieht er noch mehr Tropfen um ihn herumwirbeln. Dann steckt er sich die Kopfhörer in die Ohren, versucht, deren Vorhandensein mit der weiten Kapuze zu verbergen. Mit sechsundvierzig will er sich nicht als junger Schnösel outen. Nachrichten zu hören… das ist jedoch wichtig. Gerade in den letzten Tagen. Sein Haus steht nahe am Wasser. Ungern verließ er es heute, wollte doch gar nicht herkommen. Die Anderen beknieten ihn. Nein, das ist falsch. Günther legte es fest. Es wäre nötig. Er fragt sich zwar immer noch, warum. Günther oder Rolf etwas abzuschlagen, das vergisst man jedoch sehr schnell. Gerade, wenn man von ihnen abhängig ist… sie ihm das Gefühl vermitteln, es zu sein.

Weiteres Tiefdruckgebiet. Wetterlage ähnlich, wie schon 2002. Man erwartet das schlimmste Hochwasser in Sachsen. Der Elbpegel scheint noch fast normal mit seiner doppelten Höhe gegenüber dem sonstigen Jahr. In Prag versinken Menschen in den Fluten, die Moldau schickt eine gewaltige Flutwelle zur Elbe und… irgendwann ist die dann hier. Er flucht vor sich hin. Am kommenden Wochenende wollte er sich ein paar schöne Stunden gönnen. Literaturfest in Meißen. Die gesamte Altstadt wird voller Menschen sein. Vorleser, Autoren, Zuhörer, Käufer. Er als Buchhändler mag solche Feste. Nicht, weil man dort viel absetzen könnte. Spontanläufe sind nichts für ihn. Die verwässern nur die Statistik… aber…
Verwässern. Nun ja, man hat nach diesem verrückten Frühling schon nichts anderes mehr im Kopf. Wird aber auch ein Hammer! Was, sagte Günther, werden sie heute endgültig beenden? Sagte er überhaupt etwas oder blaffte er wieder nur in den Hörer, als Harald nicht gleich Feuer und Flamme für das Treffen war?
Er winkt ab. Wer ihn beobachtet, greift sich sicher an den Kopf. Alle, und es sind nur Wenige unterwegs, rennen an ihm vorbei, versuchen, sich so gut es irgend geht vor dem Wasser von oben und unten zu schützen, fluchen über umknickende Regenschirme oder Pfützen, die man schon nicht mehr vom normalen Fußweg unterscheiden kann. Dann kommt noch ein Wagen zu nahe heran, donnert mit sicher überhöhter Geschwindigkeit in die Lache um eine verstopfte Schleuse und schon schreien einige nach der Polizei, stehen da, nass wie die Pudel und nun auch noch bespritzt mit allem, was sich im sicher diese Woche noch nicht gereinigten Schnittgerinne sammelte. Schön, denkt Harald. Seit gestern soll meteorologischer Sommer sein.
Langsam rollt die schwarze Limousine in Richtung Hofkirche. Harald bemerkte sie nicht, schaut eben die Auslagen des Juweliers im nahen Hotel Taschenbergpalais an, steht mit dem Rücken zum Cholerabrunnen und zur Straße. Teuer, denkt er. Viel zu teuer. Vor zwei Wochen fand er eine Einladung im Briefkasten. Man wolle das soundso lange Bestehen des Geschäftes feiern und lade interessierte Dresdner und weitere Kunden zur kleinen Feierstunde ein, wobei nach Champagnerempfang eine Fahrt in eine der traditionsreichsten Uhrenfabriken der Region erfolgen soll. Da entdeckt er eine deren Uhren. Sehen schon chic aus, und am Design erkennt man schnell, um welche Preisklasse es sich handelt. Prestige. Er lächelt.
Der Wagen wird noch langsamer. Getönte Scheiben im Fonds. Die Harald Zugewandte gleitet eben lautlos ein kleines Stück nach unten. Würde sich auch nur ein Passant dafür interessieren, fiele sein Blick auf einen langen Lauf, der sich nur wenige Zentimeter aus dem Wageninneren nach außen schiebt, da verharrt, bis der Wagen steht. Vielleicht war da eben ein kleines Wölkchen. Hören konnte man schon wegen des monotonen Regentrommelns auch auf die sicher erst vor wenigen Stunden gewaschene Karosse der langen Limousine nichts. Der Lauf verschwindet, das Fenster schließt sich… der Wagen fährt langsam davon. Nur keine Aufregung.

Die entsteht eben an ganz anderer Stelle. Eine Frau, vielleicht Personal des Hotels und unterwegs zum entsprechenden Zugang, schreit auf, schaut auf den zusammengebrochenen Körper, sieht, wie sich ein dünner, roter Faden auf dem regennassen Pflaster seinen Weg sucht, bald schon wieder verschwindet.
Auflauf. Irgendwann schreien Polizeisirenen und irgendwer rief einen Krankenwagen, der, selbst jetzt, da man aus dem Juwelierladen Decken brachte, sich darum bemüht, am Getroffenen die letzte Auffrischung des Erste-Hilfe-Kurses zu testen, kaum mehr etwas ausrichten kann.
Ein älterer Herr, grau melierte Haare, tritt aus der Gasse zwischen Hotel und Schloss, bahnt sich mit ganz leichten Bewegungen seinen Weg durch die gaffenden Menschen, denen nun der Regen gar nichts mehr anzuhaben scheint, bückt sich, greift dem Liegenden an die Brust, dann an den Hals und sucht am Arm neben der einfachen Digitaluhr nach einem Puls… Demonstrativ schaut er dabei auf seinen silbern glänzenden Chronometer und scheint die Zeit zu stoppen, schüttelt dann den Kopf.
Niemand bemerkt, wie er nun beim sich unauffällig über den Untersuchten Beugen dessen Mantel durchsucht, etwas entnimmt, auch etwas dahinein steckt.  Er richtet sich wieder auf, schlägt den Kragen nach oben, geht den gleichen Weg zurück, den er eben kam. Niemand schaut ihm nach. Er schreitet aus. Fast scheint es, als gerate er mehr und mehr außer Puste. Trotzdem ist da ein Schmunzeln auf seinem Gesicht.
Der Regen stört ihn nicht. Schnell erreicht er den Neumarkt, hält auf eine der vielen Gaststätten zu, verschwindet im recht schmalen Zugang zum ‚Dresden 1900’, dem Restaurant mit einer echten Dresdner Straßenbahn im großen Gastraum unter der Glaskuppel.
Weiter hinten in einem Nebenraum sitzen die derzeit einzigen Gäste. Ungewöhnlich um diese Zeit. Das Wetter treibt die Touristen aus Dresden heraus. Der Grau Melierte schaut in deren Richtung, nickt, zieht den triefenden Mantel aus, greift in die Tasche, holt zwei noch nicht zu erkennende Dinge hervor und geht, nachdem er die ebenfalls nasse Mütze auf die Ablage neben den Garderobenhaken legte, zum besetzten Tisch, wo man erst jetzt Notiz von ihm nimmt, gar aufsteht und ihm die Hände schüttelt. Er wehrt ab, setzt sich und winkt dem jungen Kellner, der ihn zu kennen scheint, schon mit einem großen Pils kommt, die Karte geschickt unter der Achsel hervorzieht und ihm hinhält. Keinen Blick riskiert der Ankömmling, sagt ein paar Worte, kennt scheinbar seinen Geschmack und das hiesige Angebot zur Genüge. Der Kellner verschwindet.

"Und?"
Der  Duft des kalten Bratenbrotes vor Rolf Mauersberger steigt allen in die Nase. Er streicht sich über die grau melierten Haare, nippt an seinem Bier. Sein Arzt verbot ihm den Alkohol. Er trinkt trotzdem. Was soll’s? Ist das Leben vorbei, können die ihn alle mal. Bis dahin macht er, was ihm einfällt. Wie eben draußen im Regen. Die anderen wollten nicht. Weil es regnet, weil man ja gesehen werden könnte, weil es gefährlich ist, weil man ein Stück laufen muss, weil es ihnen gegen den Strich geht, für ihren eigenen Frieden etwas tun zu müssen. Dabei sind sie bei einer Sache stets ganz schnell… beim Kassieren.

"Erledigt", meint er. Drei Augenpaare richten sich auf ihn und seine Hände, die eben preisgeben, was er vorhin aus dem Mantel nahm. Ja, denkt der. Erledigt. Und doch noch lange nicht vorbei. Erst muss der Dicke weg sein. Wenn sie sich dazu halten, schaffen sie auch das in den nächsten Tagen. Und trotzdem ist das nicht das Ende. Sie stecken mitten drinnen. Noch. Warum? Er weiß es nicht.
Günther Schnittge, der Honorarkonsul, wie sie ihn wegen seiner früheren Tätigkeit in München gern nennen, greift nach der Brieftasche und dem kleinen schwarzen Kasten mit dem unscheinbaren Knopf in der Mitte. Ja, nimm es, denkt Rolf. Ich will das nicht haben!
Blaulicht, rot-weiße Absperrbänder, Uniformen, soweit man nur blicken kann. Begängnis trotz schlechtem Wetter, viele Schirme sind unterwegs, die Menschen wollen etwas sehen, können aber nichts erkennen. Polizeiabsperrungen funktionieren nicht immer so gut. Heute schon.

Ein Bratwurstverkäufer wittert das Geschäft seines Lebens, brachte seinen mobilen Stand gar auf Touren und fährt nun hinter und zwischen den Schaulustigen hindurch. Warten und Schauen macht hungrig. Gegen die langsam einkehrende Kälte, bedingt durch immer weiter durchnässte Kleidung, helfen die eiligst von seiner Frau herzu gebrachten Glühweinvorräte, die noch vom letzten Winter übrig sind. Gleich steht die Hygieneinspektion hinter dem Mann. Er muss nachweisen, woher er all dies hat, ob die Verfallsdaten eingehalten wurden und trotz seiner sonst nicht üblichen Mobilität alle anderen Vorschriften gelten.
Er schnauft schon beim Anblick des Prüfers.
"Wein… der kann kippen, aber doch nicht einfach schlecht werden. Den kann ich auch noch in drei Jahren verkaufen!"
Der Prüfer grient ihn an, fand wohl eben eine Bratwurstverpackung mit Datum von gestern. Klaus, den alle hier kennen und der angeblich die beste Wurst in ganz Dresden grillt, winkt ab.
"Kannst’e mitnehmen!"
Schon stehen wieder Kunden vor der Klappe und er verkauft einfach die letzten Würste aus der beanstandeten Verpackung. Natürlich gegrillt. Der Prüfer zieht die Augen hoch und schaut noch einmal auf die Ordnung, vor allem die Sauberkeit. Isolde, Klaus’ Frau, wischt über den kleinen Tresen und schließlich verschwindet der Mann in der gelben Weste. Klaus schnieft.
"Soll sich nicht so wichtig machen. So, Senf oder Ketchup? Und zu den Pommes Mayo? Okay, viersiebzig alles zusammen. Noch einen Glühwein? Ja, der ist heiß und gut. Hier…"
Es läuft, denkt er und reißt die vorletzte Packung Bratwürste auf. Isolde sieht seinen Blick und schwingt sich aufs Fahrrad. Irgendwo in der Nähe kennt sie einen Fleischerladen, der stets ein paar Packungen für sie im Kühlschrank zurückhält. Er grinst und sieht ihr nach. Dann fragt er einen der Passanten.
"Was ist eigentlich los?"
Der schüttelt nur den Kopf.
"Keine Ahnung. Ist eben viel Polizei. Haben irgendwas gefunden. Im Pflaster scheinbar. Da, zwischen der Kirche und diesem Denkmal."
Ja, denkt sich Klaus. Soweit war er auch schon. Dann schaut er noch einmal genauer hin. Hmm. Der Kommissar dort, der kommt ihm bekannt vor. Ja, nicht jeder Polizist kauft bei ihm, aber…
"Was soll das große Aufgebot?"
Behringer schaut über den Platz. Die Kollegen mussten ganz schön arbeiten, um ihn vom Altmarkt hierher zu bekommen. Früher wäre das kein Akt gewesen. Von der Schießgasse gleich um die Ecke… na ja, man baut eben. Und das große neue Polizeizentrum weiter im Norden von Dresden, auch noch auf der anderen Elbseite, ist nicht geeignet für einen schnellen Einsatz in der Innenstadt.
Glöckner schaut ihn an.
"Ähm… Toter. Hier!"
Er weist auf die mit einem kleinen Bauzelt überdachte Stelle. So ein kleines, wie die Kanalarbeiter manchmal aufstellen, wenn sie im Regen in einen Gulli steigen müssen. Hier um den Neumarkt sind die alle verschweißt. Geht nicht anders. Außerdem braucht die Stadtreinigung nur selten Zugang. Bei der vielen politischen Prominenz, die sich erst in den letzten Jahren seit 2005, der Weihe der Frauenkirche, die virtuellen und realen Türklinken gegenseitig in die Hand gab, kann man die entsprechende Alarmstufe ausgerufen lassen.
Behringer schaut hin, kann natürlich nichts erkennen.
"Lag der hier einfach so herum?"
Seinem Assistenten stellen sich die Nackenhaare auf. Er weiß genau, Behringer kann ihn nicht leiden. Warum? Keine Ahnung. Er mag seinen Chef… nur eben nicht, wenn der ihm seine… fehlende Liebe zeigt. Ha, denkt er noch… Liebe war es wohl nie.
"Im Pflaster… der da, Herr Kramer und Herr Noack, die können Ihnen das noch besser erklären."
Abweisen, einfach an die Zeugen übergeben. Dann kann Behringer nicht auf ihm herumhacken. Der schnauft schon, sieht den recht breiten Mann, auf den sein Assistent zuletzt zeigte. Bei dem sollte er sich nicht unbedingt einen Patzer erlauben! Wer weiß, wie der reagiert. Er geht auf ihn zu. Glöckner hält ihn zurück.
"Nicht erst einen Blick auf den Toten?"
Nicken. Dann schlägt der Assistent die Zeltplane zur Seite. Natürlich ungeschickt hoch drei. Behringer schimpft und versucht, das auf ihn geworfene Wasser irgendwie fortzubekommen, doch sein Mantel ist durch. Nichts zu machen. Selbst, wenn Glöckner endlich den bisher geschlossen gehaltenen großen Familienschirm öffnet und über seinen Chef hält. Der schubst ihn zur Seite. Trottel, denken beide über den jeweils anderen. Schließlich schaut Behringer doch ins Zelt und… erschaudert. Nein, er kennt den Mann dort sicher nicht gut, aber… das Bild ist… nicht gerade etwas für schwache Nerven. Nicht, dass der Kriminalhauptkommissar über solche verfügte… Trotzdem. So früh am Morgen, bei diesem Wetter, viel zu vielen Schaulustigen und ohne den sonst gewohnten Kaffee bei Dienstantritt… Schauderhaft!
"Pflaster. Sie verstehen? Dresden, Sand, viele Gruben, alte Keller… und darüber Pflaster. Na ja, zu ordentlich hat man damals vielleicht auch nicht gearbeitet… ich meine, als man den Platz vor der Weihe pflasterte… und nun hatten wir eben einen Auftrag."
Trotz der Muskeln kann man mit Herrn Noack eigentlich ganz gut reden. Behringer schimpft sich einen Idioten. Immer diese verdammten Vorurteile! Dann versucht er, richtig zu erfassen, was der Bautruppführer meint.
"Ja, keine Ahnung… ähm… jedenfalls, bis wir eben diese Blase da geöffnet hatten. War einfach da. Einige meinten, wäre schon länger. Man stolperte eben, und weil sich bisher niemand was tat… Knochenbrüche oder kaputte teure Kleider… war es eben auch kein Thema. Nun aber… na ja, ist schon eine komische Sache. Der Präsident soll nach Deutschland kommen. Wieder einmal. Und scheinbar fraß er an Dresden einen Narren."
Der Kriminalhauptkommissar zieht die Augen nach oben. Was hat das nun wieder mit dem Fall zu tun? Wenn er an die Kollegen von der Inneren Sicherheit denkt… Presse und Internet sind Gift für die. Früher hätte man nach dem offiziellen Besuch einen Bericht verfasst, für die eigentlichen Stationen ausgewähltes Publikum besorgt… na ja, andere Zeiten. Er ist nicht stolz auf alles, was früher los war. Doch vom neuerlichen Besuchsplan des US-Präsidenten für Dresden weiß noch nicht einmal er etwas. Vielleicht eine Ente? Alles ist möglich. Trotzdem… Darum?
"Ja, also, das sollte eben alles wieder im Lot sein. Der Auftrag kam gestern. Wie bei all diesen Dingen… höchste Priorität. Was meinen Sie, wie der Kerl tobte, als ich die Leute abzog!"
Was denn nun noch? Hier? Wenn er hier einen Auftrag hat, kann er doch keine Leute abziehen… zumindest macht es keinen Sinn, oder?
"Nein, nein, wir haben doch diese Baustelle… Gohlis. Fast an der Windmühle. Flutschutzmauer. Na ja, ein Monster und ich kann die Leute verstehen, dass sie sich beschweren. Höre ich aber jetzt die Meldungen. Wetterbericht, Warnungen und so weiter. Vielleicht hätte doch schon alles fertig sein müssen?"
Die bauen an einer Flutschutzmauer… sicher noch aus Mitteln des Hilfsprogramms nach 2002 finanziert? Und für einen Fußweg, eine Blase im Pflaster zieht man die von da ab? Gibt es keine Bauarbeiter mehr? Frage über Fragen. Die kann er später klären… oder auch gar nicht. Jetzt geht es eher um den aktuellen Fall. Er denkt lieber nicht daran, dass er gemütlich in seinem Büro sitzen könnte, anstatt hier im Regen zu stehen, dank Glöckner nun ganz durchnässt, wenn der verdammte Präsident nicht nach Dresden kommen würde. Hmm… vielleicht sollte er seinen geplanten USA-Sommerurlaub absagen?
"Ja, also, eigentlich wollte ich heute ausschlafen."
Noack stellt sich ein wenig abseits des Geschehens, zog Behringer einfach hinter sich her. Er mag es nicht, im Vordergrund zu stehen.
Der Polizist zieht zwar die Augen nach oben, kommt aber mit. Er will ja etwas hören.
"Dann kamen wir her. Die Kollegen von der Stadtreinigung hatten den Platz schon ausgelassen. Wäre ja Quatsch, hier sauber zu machen, wenn wir dann alles aufreißen. Na ja, die haben manchmal komische Ansichten."
Dann berichtet er vom Aufstellen der Maschinen. Längst ist das bloße Pflastern nicht mehr mit der Hand zu erledigen. Gerade, wenn sich Blasen bilden, wie die Bauarbeiter natürlich zuerst dachten, braucht man schweres Gerät, um den Untergrund zu bearbeiten.
"Na ja, und dann kam uns die ganze Sache doch eher vor, wie der alte Witz mit dem Hamster beim Fußbodenverlegen…"
Noack lacht. Behringer kann nicht so recht. Er schaut auf die Stelle.
"Der lag also einfach so da?"
Nicken, "Ja, wir machten die Steine raus und dann wollten wir gerade den Sand wegnehmen, als uns die Hand auffiel. Na ja, war nicht all zu lange später… da hatten wir den ganzen Körper frei."
Toll. Was, fragt sich der Hauptkommissar, soll die Spurensicherung nun noch im Umfeld finden? Nichts. Ist ja alles schon… weg. Warum lassen die den Kram nicht einfach so, wie er ist?
"Na ja, wissen Sie…"
Noack wird rot im Gesicht und Behringer will am liebsten abbrechen, sich eher der Leiche widmen. Dann hört er doch zu.
"…ich dachte an einen Scherz. Ist ja bekannt, dass einige der Bauleute an der Kirche echte Spaßvögel waren. Haben Sie diese Zeichnungen gesehen? War erst in der Presse. Man musste einen Teil der Wände neu weißen und dabei kamen doch einige hinter der ersten Schicht hervor. Sollte sicher aussehen, wie… aus der Bauzeit von George Bähr. Na ja. Ich glaube ja nicht immer gleich alles. Und hier… hätte wirklich sein können, dass da irgendwer eine Gummipuppe versteckt. Wenn man die nämlich zu lange unter stark begangenen Steinen liegen lässt… nein, hatten wir noch nicht, aber mit einer Luftmatratze ist es ähnlich. Die bläst sich regelrecht auf. Luft kommt hinein… durch die Bewegungen. Sie kann aber kaum heraus. Irgendwann kann so ein Ding sogar explodieren. Sie glauben gar nicht, welchen Eindruck das hinterlässt! Hmm… na ja, war hier aber doch nicht der Fall. Und dann fielen wir aus allen Wolken, wussten erst einmal gar nicht, was wir zu tun hatten. Und nun sind Sie hier."
Behringer nickt und geht zurück zum kleinen Zelt.

Rolf Mauersberger ist froh, aus der Runde heraus zu kommen. Nein, mit denen verbindet ihn sicher nicht viel mehr, als eben diese eine Geschichte, die heute hoffentlich zu einem Abschluss kam. Er kennt zwar den Dicken und kann sich vorstellen, dass der sicher noch quer schlägt. Aber… diesmal wird er das gerne hinnehmen. Das Ende ist absehbar. Besser so!
Er schlendert über den Platz. Der Menschenauflauf drüben an der Kirche interessiert ihn erst, als er die Polizeiwagen sieht. Sollten die nicht eher hüben am Taschenbergpalais ermitteln? Hmm… Auf nichts ist mehr Verlass! Er schaut zu den vielen Gullideckeln überall auf dem Platz. Der eine dort, der ist nur noch blind. Vergossen… wie es sein muss. Was die hier jedoch suchen?
Eben bahnt sich ein schwarzes Auto den Weg durch die Menge. Polizei kümmert sich darum. Das ist solch ein Wagen, in dem man am besten nie liegen möchte. Ein Toter? Noch einer heute? Kaum zu glauben. Für seinen Geschmack ist der Tagesbedarf schon gedeckt. Verdammt noch eines, sterben so viele in der Stadt? Natürlicher Tod? Sicher. Vielleicht regte sich jemand über die horrenden Preise auf, die man bezahlen soll, nur um auf die Kuppel der Frauenkirche steigen zu dürfen? Dazu noch dieses mehr als nur abzulehnende Wetter und… Nein, er flucht trotzdem vor sich hin und kann nicht anders. Neugier? Sicher. Der Mensch hat eine ganz natürliche. Sonst wäre er kein Mensch. Er zuckt mit den Schultern und versucht, ebenso durch die Enge des Publikums zu kommen. Dass er Solches schon einmal heute nur wenige Meter entfernt tat, fällt ihm jetzt gar nicht ein. Er steht am rot-weißen Absperrband. Hmm… Ein Mensch also. Man stellte ein Zelt auf. Warum? Wer? Sah er noch nicht. Gut, so viele Tote fanden sich vielleicht auch nicht in der Stadt und vorhin erst drüben am Hotel gab es keinen Grund… die Polizei war noch nicht da. Er muss lachen. Kichern fast. Nein, er hält sich zurück, versucht, einen Blick auf die Trage, vielleicht schon eher eine Bahre, zu erhaschen. Nichts zu erkennen… zugedeckt. Nur der linke Arm samt Hand schaut hervor, hängt etwas herunter. Er meint, einen überdimensionalen Ring mit… mit einem Wappen zu erkennen. Und eine Uhr. Recht dick, diese Hand. Die Finger wirken kurz, wie eben vom Fett verwachsen. Er schaut genauer hin. Ein Polizist in Zivil… der muss einer sein… beobachtet ihn. Er schlägt lieber den Kragen weiter nach oben. Dann bemerkt er, warum der Kerl herüberschaut. Er ist wohl der Einzige, der keinen Schirm oder eine den ewigen Regen abweisende Jacke trägt. Macht man sich so verdächtig?
Er erschaudert. Gerade trägt man die Bahre zum Leichenwagen. Nahe an ihm vorbei kommen die Träger. Ja, ja, diesen Ring kennt er… zu genau. Er passt auch zum verfetteten Arm.
Schnaufen. Er rennt. Nicht einen Moment gönnt er sich Ruhe.
"Hey, hier können Sie nicht weiter!"
Was? Was soll das? Wer will ihn aufhalten?
Er geht, wohin er gehen will. Wenn sie ihn stoppen, dann doch auch nur mit einem Schuss. Sollen sie schießen. Sollen sie ihn töten, ihn umbringen, ihn auslöschen. Er will leben. Natürlich will er das. Aber wenn sie… schreien, "Hallo, da steht schon das Wasser!"
Wasser. Blöde Ausrede!
Er rennt und achtet nicht darauf. Die Straße macht einen Bogen, den er abkürzen wollte, wenn er es denn könnte. Nein, es geht nicht. Die Stadtentwässerung baute hier nach der Jahrhundertflut ein recht kompliziertes Rückhaltesystem und…
Sirenen. Sie suchen ihn. Ist er der Täter? Nein, er brachte niemanden um. Er holte nur ab, was sie brauchten. Dafür kann ihn nun wirklich niemand verantwortlich machen. Er flucht noch einmal.
Dann zieht irgendetwas für einen Moment den Boden unter seinen Füßen weg. Er fällt und schlägt hart auf. Was soll das? Wurfgeschosse? Er las einen Bericht über diese Gummibänder mit kleinen Sandsäcken. Die wirft man und sie sollen sich um die Füße der Fliehenden legen. So kann man…
Er schweift ab. Nein, hier ist nichts an seinen Füßen. Etwas Warmes läuft über sein Gesicht. Er greift hin. Fassungslos schaut er auf seine verschmierte Hand.
Blut. Sein Blut? Oh weh… und sein Herz wummert. Er ist alt. Zu alt für solch eine Rennerei. Wer aber…?
Er schaut hinter sich. Da ist… ist eine Mauer. Wo kommt die her? Das ist doch die Weißeritzstraße, oder? Sollte er sich dermaßen täuschen? Und dort… da steht die Yenidze und gleich vorn an der Ampelkreuzung geht es in die Magdeburger. Er sollte sich beeilen. Dort gibt es Buschwerk, da kann er sich in den alten Fabrikbahnanlagen verbergen. Ob es etwas bringt? Sie finden ihn sicher auch da. Er will nicht aufgeben. Dann fragt er sich, ob sie ihn überhaupt suchen. Ihn? Warum? Wer sollte auf einen bisher unbescholtenen Druckereibesitzer kommen? So schnell sind die nicht. Der Dicke… ja, der Dicke ist tot. Und Bauer auch. Soll er der Nächste sein?
Bauer sollte sterben. Der Dicke aber… der war ihnen ein Dorn im Auge. Jedoch traute sich nie jemand an ihn heran.
Er hetzt weiter. Schnell nur! Dann fällt es ihm ein. Die Flutschutzwand. Eben noch dachte er an diesen Bau der Stadtentwässerung, und als er sie dann aus der Straße hochgefahren stehen sah, kam er nicht mehr darauf? Darf man solch ein Ding einfach hochfahren, ohne… dass jemand kontrolliert, wer sich gerade dort befindet? Darum der Polizist, der ihn aufhalten wollte?
Er biegt in die Magdeburger ein. Schnell, nur schnell hinein und gut. Da ist… oh, sie bauten auch noch einen Maschendrahtzaun vor die alten und zugewachsenen Gleise? Er flucht. Drüberklettern? Dann schaut er die Straße nach vorn. Kein Auto. Weiter vorn flimmert etwas. Sonne scheint keine. Wer weiß… vielleicht ein paar Pfützen? Der viele Regen… nichts kann mehr abfließen. Und da ist der Zaun zu Ende. Gleich neben der Eishalle. Gut, wenn er dorthin kommt, da hinter das Plakat, kann er sich verstecken.
Er rennt, springt in den Graben neben der sonst viel befahrenen, nun aber völlig leeren und vereinsamt wirkenden Straße. Wiese, Buschwerk… Dornen. Er flucht schon wieder, schaut an seinem Designermantel nach unten. Gutes, teures Stück. Wie er jetzt gerade darauf kommt? Er schüttelt sich und kriecht tiefer ins Buschwerk, am Mantel zerrend, um ihn aus den Dornen zu bekommen. Hmm…
Ruhe. Dann hört er einen Motor. Er duckt sich, traut sich nicht, nach vorn zu schauen. Seine Augen könnten ihn verraten, und wenn er sich ganz dicht an den Boden drückt, wird ihn niemand sehen. Er zwar auch nichts, aber gut. Egal.
Vorbei. Da waren Stimmen. Klang wie Radio… irgendwer sprach blechern. Die Qualität der Geräte wird angeblich immer besser, aber irgendwie nicht wirklich gut. Zumindest klang es eben so. Dann legt er sich auf den Rücken, schaut durch die Blätter und Baumwipfel gen Himmel, der sich in graue Wolken hüllt, aus denen es wieder und wieder regnet. Gerade noch schien es nachzulassen. Nun prasseln die Tropfen in Strängen wie aus Eimern gegossen auf das Laubdach, welches kaum etwas entgegenzusetzen hat. Er trieft schon, bleibt aber liegen, spürt nicht, wie sich der Graben unter ihm nach und nach mit eben jenem Wasser füllt, sich gar mit dem der Straße vereinigt. Erst, als seine Hand im Wasser platscht, als er sinnierend auf den Boden schlagen will, fährt er auf, schüttelt sich und sieht die Tropfen um sich  herumfliegen.
So ein Mist… nun lag er fast in einem Fluss. Er schaut rundherum, lauscht, kann nichts als Wind und Regen vernehmen und kämpft sich auf einem etwas leichter zu gehenden Weg zurück zur Straße. Dort fließt schon alles um ihn herum, immer auf die Yenidze, die alte Zigarettenfabrik zu, in der es nun viele noble, wenn auch kleine Büroräume gibt, in dessen Kuppelrestaurant er immer gern aß und dahin bereits manchen Geschäftspartner einlud.

Er schluckt. Alles wird zum See. Er muss hier weg, versteht nur zu gut, warum links neben ihm die Wand nach oben ragt, vorhin gar eine ganze Straße abgeschottet wurde. Dresden bereitet sich auf die zweite Jahrhundertflut nach nur elf Jahren vor. Und er steht da, wo kein Flutschutz mehr greift. Wohin kann er gehen?

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