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     und Foto: Stefan Jahnke

 

Leseprobe - Birkkenkreuz - Band 3: Die Flucht

 

Prolog (Auszug)

"Schlagt ihm den Kopf ab. Ich will nichts mit ihm zu tun haben!"
Weithin schallt der Ruf über die Ruinen der Felsenburg. Besseler schlottert, sieht schon, wie einer der Birkentreuen grinsend sein Schwert zieht und nach einem guten Richtplatz sucht. Nein, denkt er, nein, so darf es nicht enden! Was soll der Heilige Vater… nun ja, wenn alles stimmt, was man den Birken nachsagt, dann hätte der auch keine Gewalt und alles wäre wirklich eine Lüge. Aber er lebt doch… er weiß viel… vielleicht kann er…?
"Halt!"
Wer schreit das? Die Stimme klingt brüchig und alt. Konrad? Was erdreistet der sich? Fast die gleichen Gedanken müssen Baresch und Besseler haben. Wobei Letzterer natürlich mehr von diesem Ausruf hat. Immerhin kann er seinen Tod verzögern.
"Was…?"
Donnernd, lauter noch, als der Ruf nach dem Blut des ehemaligen Kardinals, klingt die Stimme über die Steine. Konrad grinst einen Moment und schaut dann ungebrochen und stur in Bareschs Augen.
"Wisst Ihr eigentlich, dass Ihr mit ihm auch Eure Chance zerstört, Euer Erbe anzutreten?"
Erbe… was faselt der alte Kerl denn da? Der Bauer in Rochlitz meinte schon, dass das der Schlimmste auf diesem Steinhaufen sei, als er ihnen die Beiden vorhin erst überstellte. Nun ja, viele versuchen halt, sich bei den neuen Herrschern so schnell als möglich Lieb Kind zu machen. Sollen sie es nur. Der Bauer jedenfalls hatte nichts davon, bekam gleich einen ordentlichen Bescheid, was er in den nächsten Tagen zu liefern hatte. Trotzdem… dieser Folterknecht… nun ja, manchmal haben solche Leute auch einen Sinn!
"Erbe hin oder her… erst folterst Du mir meinen Vater zu Tode und dann schwingst Du große Reden? Warte nur… bald bist auch Du dran! Genauso wirst Du sterben, wie mein Vater!"
Konrad macht eine wegwerfende Handbewegung.
"Ich bin alt, habe mein Leben gelebt. Sicher halte ich nicht lange durch, wenn Ihr mich piesackt. Aber egal… ich habe so viele vom Leben zum Tode befördert, dass ich einfach müde bin. Tut nur immer, was Ihr wollt! Aber der da…"
Seine verknöcherten Finger weisen auf Besseler, der langsam ein wenig Hoffnung spürt.
"…der weiß, wohin sein so sehr geistlicher Bruder und dieser Maron gingen… und wo sie… das Kreuz zu finden hoffen!"
Besseler bibbert. Nicht nur am Körper, auch innerlich. Er weiß genau, dass Rohweder ihn jetzt retten könnte… soweit denn auch Baresch wirklich etwas wissen will, was der in den alten Dokumenten fand. In seinem eigenen Kopf ist irgendwie… eine undefinierbare Leere. Nicht zu begreifen und doch vorhanden. Wie geht das? Er fragt sich immer wieder. Und er ist unzufrieden, ja gar geschockt. Ist das nicht Konrad, der dort die Brandeisen in der Feuerschale erhitzt, sich wirklich in eben jenem Kerker und Folterraum unter der zusammengefallenen Burg bereit macht, um ihn, einen Mann des Glaubens, der Kirche, gar des großen Roms, zu foltern? Wie geht das denn?
Ungläubig sieht er, wie Baresch gar einen Moment mit Konrad scherzt. Dann versucht er, sich zu erinnern, wie schnell denn der alte Folterknecht bereit war, ihn zu begleiten. Ja, damals… nicht einmal einen ganzen Tag ist es her… da dachte er noch, dass der Kerl nur ebenso fliehen will, wie er selbst. Dabei noch den alten Herrn einzuholen, diesen feigen Ritter, der sich einfach davon macht, ihn hier sitzen und auch noch alle Verantwortung tragen lässt, war sicher ein gutes Zubrot. Aber jetzt?
Oh, zu bereitwillig ging das alles!
Was meinte von Maron? Dieser Birke müsste einen Mittelsmann in der Burg haben, sonst hätte er diese gar nicht gefunden, wäre nicht darauf gekommen, nach Karel zu suchen und auch noch wirklich genügend Männer bei sich zu haben, dass sie gemeinsam dieser Burg gefährlich werden konnten… ja, das meinte er!
Mittelsmann…
Jonas… dessen Namen nannte er. Oh, es sah schon lustig aus, als der Ritter dieses unzüchtige Weib an den Baum nagelte… mit einem Bolzen. Besser kann es kaum kommen! Aber der Junge? Tot soll er sein. Wenn er für Baresch spionierte… dann hätte der ihn nicht getötet. Und wenn es Maron selbst war…? Nein, damit hätte er sich noch vor seinen Männern gebrüstet!
Mittelsmann… Konrad? Der Alte, der sich für nichts zu schade ist? Für gar nichts… dann auch nicht für einen Verrat! Wie Schuppen fällt ihm all dies von den Augen. Ja, so entsteht Verrat! Er war dermaßen blind… lief in die Falle. Nicht umsonst fassten die Burschen des Bauern in Rochlitz nur ihn fest an, ließen Konrad meist ungeschoren hinterdrein tappen. Und dann… donnerte der Birke zwar zwischen den Steinen der gefallenen Burg herum, richtete aber kaum den Blick auf den Folterknecht, sondern auf ihn. Ja, das könnte man als Hass auf die Kirche…
"Aaaahhhhiaiaiaiaaaahhhh!"
Sein eigener Schmerzensschrei reißt ihn aus den Gedanken. Dann wird es schwarz vor seinen Augen.
"Schwächling!"
Feixend und doch mit dem Kopf schüttelnd steht Konrad neben seinem Opfer. Baresch haut ihm eine Ohrfeige ins Gesicht, dass er sich trotz der vielen Schmerzen, die er schon an heißen Eisen hatte, wirklich windet und den Birken ganz erbost anschaut. Der hebt nur den Zeigefinger und sein Gegenüber ist sofort still.
"Also, das wird nichts! Ich brauche Antworten. Wie sagst Du, Konrad? Dieser andere Pfaffe wusste viel? Wie kommt das?"
Sich immer noch nicht ganz erholt habend schüttelt dieser den Kopf.
"Ich weiß es nicht, Herr. Ich weiß überhaupt nichts. Nur eben, dass dieser Papst aus Rom sie schickte und das Maron ganz wild darauf war, zu erfahren, wohin sie wollten. Und dann… lief dieser Rohweder auch noch durch den Weinkeller. Danach war mein Herr nicht mehr er selbst. Nicht einen Moment dachte er wirklich an die Verteidigung seiner Burg… und ich… ich wusste nicht, wie ich Euch und ihm zur gleichen Zeit gut dienen kann!"
Angewidert schaut Baresch auf den Verräter. Er sagt jedoch nichts. Weinkeller… Norden… Papst… und wie passt das alles zusammen? Wohin sind die? Kann er sie noch einholen? Kaum zu glauben! Aber irgendetwas muss doch dieser Kardinal wissen… sonst hätte ihn Innozenz sicher gleich aus der Kurie geworfen und nicht auch noch mit einem heiklen Auftrag betraut… obwohl… was nun, wenn das gar keine heikle, gefährliche, geheime Sache ist und eigentlich nur etwas her musste, damit die Beiden Rom verlassen?
Rom… Sein Vater schimpfte immer auf diese Stadt. Ach was, nicht auf die Stadt. Eher auf den Papst, diesen Bischof, der für sich so viele Rechte in Anspruch nimmt, aber eigentlich ein ganz gewöhnlicher Pater ist, der nur das Glück hat, an einem heiligen Ort zu sitzen… nur eben… ist der Ort wirklich heilig oder ist auch das nur eine Einbildung? Pha… doch halt…
Eben kommt der ehemalige Kardinal wieder zu sich. Die linke Seite seines Gesichtes kann er kaum bewegen. Die nahm sich Konrad als Erstes vor. Da sind die Zeichen der Eisen zu sehen. Nie wieder wird er dort die heiß geliebte glatte Haut haben. Nun ja, so, wie hier, genau an diesem Ort, mit seinem Vater umgegangen wurde… da ist das doch nur eine gerechte Strafe! Wie soll er überhaupt mit Konrad verfahren? Ihm dies alles durchgehen lassen, nur weil sie sich kennen? Na, seinen Vater kannte er auch… und brachte ihn… nein, er tötete ihn nicht. Das war Jonas, dieser verdammte kleine Kerl, den er einfach köpfte. Aber kurz vor dem Tode stand Karel bereits, als der ihn erlöste. Nur, dass er eben keines der Geheimnisse mehr… nun ja… die gab er nicht preis. Was soll das Gerede von angeblichen Zeichen? Nichts ist da… nichts wird zu finden sein!
"Nun, Kardinal… Eure Eminenz… wie denkt Ihr über Eure Zukunft? Soll sie gleich hier enden oder wollt Ihr uns die Ehre geben, doch noch ein paar Eurer Geheimnisse kundzutun?"
Verhöhnen… das kann er. Baresch musste es lernen. Erst in der eigenen Familie auf dem oberen Karlstein, dann bei der Flucht in die Berge, die nicht einsamer sein können. Ohne seine letzten Getreuen wäre er sicher schon längst jämmerlich eingegangen. Egal… jetzt geht es aufs Ganze. Er muss… wenn er etwas leisten will im Leben, muss er den Kerl zum Reden bringen. Weiß der wirklich nichts, kann er ihn immer noch umbringen.
"Ich weiß nichts… ich weiß wirklich nichts!"
Konrad zieht die Augen hoch. Merkt der Kerl in der dreckigen und zerrissenen Sutane nicht, dass er sich eben sein eigenes Grab schaufelt? Der Alte grinst… nein, ein Grab erhält er sicher nicht… zu gut, zu christlich für einen Mann Gottes, der nach Bareschs Ansicht nicht mehr zu leben hat.
"Gut. Prima, dass Ihr das sagt, Kardinal. Aber vielleicht wisst Ihr wenigstens, wohin sich Euer Betbruder mit dem hiesigen Burgherrn begibt… das würde auch schon nützen!"
Fieberhaft überlegt der Gebundene. Fast spürt er die Schmerzen nicht mehr. Konrad bleckt die Zähne und lässt das Feuer im Becken aufflammen, dass Funken in alle Richtungen zischen und fliegen. Verrückt… das ist… das ist also das Ende, ein Vorgeschmack auf die Hölle? Gehört er denn dahin? Er weiß es nicht. Nur eines schwirrt immer wieder durch seinen Kopf… dieses Kreuz, von dem sie in Rom lasen. Oh Gott, hilf, denkt er und flucht schon wieder vor sich hin. Wie soll der Herr da oben ihm helfen, wenn er vielleicht schon die ganze Zeit mit Rohweder gemeinsam gegen dessen Sohn arbeitete? Kann es denn sein, dass sie einer Wahrheit auf der Spur sind? Kreuz hin oder her… irgendwo in dieser verdammten Teufelsbibel war es abgebildet… einfach so. Und er glaubt nicht daran? Ungläubig… nun ja. Jetzt jedoch könnte ihn… er flucht vor sich hin… ja, dieses verdammte Kreuz könnte ihm jetzt das Leben retten. Ihm… einem… einem… nur einem Bischof, der nicht einmal einen Sitz, eine Kirche, einen Ort hat. Verdammt aber auch!
"Soll er sich erst einmal besinnen… Zeit ist, glaube ich, unser kleinstes Problem. Denn wenn eines gewiss ist, dann wohl, dass diese Kerle auf ihrer Flucht nicht schnell genug vorankommen. Wie denn… ohne Pferde und überall bekannt und gehasst… bloß gut! Und ich sehe mir jetzt diesen Weinkeller an. Konrad… zeig ihn mir! Ich hoffe, da gibt es wirklich gute Tropfen!"
Der Alte kann es gar nicht glauben. Ist Baresch verrückt? Einen Gefangenen lässt man nicht zur Vernunft kommen… also so etwas!
Eine Ewigkeit vergeht, ohne dass Baresch vorwärtskommt. Er flucht immer wieder vor sich hin, schimpft sich einen Trottel, dass er nun in alten Steinen suchen muss, anstatt seinen Vater zu fragen, der ihm bereitwillig zu allem Auskunft gibt… Er denkt zurück an jene Tage, in denen Karel ihm in den unterirdischen Gängen von Prag zeigte, was ihn einmal erwartet. Und doch konnte er dies alles nicht übernehmen… nein, das stimmt so nicht. Er konnte schon. Er weigerte sich, er lehnte es ab, er wollte einfach nicht. Er ist… ist und bleibt ein Trottel! Ja, an den Fleischbatzen denkt er, den ihm seine Männer vor die Füße warfen. Der soll… sie sagen es… der soll sein Vater gewesen sein. Tot… nichts mehr wirklich zu erkennen. Mehr roh, als mit Haut überspannt. Lediglich dieser eine Fleck, den er selbst in ähnlicher Form besitzt, der ließ ihn dann doch glauben, dass es sich um Vater handeln muss. Ja, Baro Hinko, ich war kein guter Mensch… bisher, denkt er. Ich habe das Erbe verloren. Nichts, was ich Dir geben könnte! Und er stampft dabei hart auf den Boden.
Steine schleppen sie zur Seite. Unmengen davon. Alles, fast das ganze alte Haupthaus stürzte auf diesen einen Zugang, den Konrad ihnen benannte und hinter dem sich die Treppe hinunter in den Weinkeller verbergen soll. Zum Glück schmissen diese Dussel hier auf der Burg eine Menge davon hinunter, um ihn und die Truppe der Birken zu vertreiben. Natürlich ohne Erfolg. Oh, es war schon ein sonderlicher Klang, als das schon alte, kaum einmal wirklich bedrohte Tor der Burganlage fiel. Ja, vorbei… die Macht von Maron ist gebrochen. Doch… vielleicht kann sich Baresch nicht darüber freuen? Immerhin… da, zusammengeschlagen von den Steinen, angebrannt von den eigenen bengalischen Feuern, die er hier hinaufwerfen ließ, da liegen die Köpfe, die Konrad seinen eigenen Angehörigen abschlug und die er, zur Mahnung oder zur Belustigung, dann auch noch zu einer Pyramide aufschichtete. Der Mann ist ein Monster! Und er? Er verbündet sich mit ihm? Das ist ebenso wenig Recht, wie sein sonstiges Tun… mit alten Männern hat er es wohl nicht so… erst der Vater, den er vor den Kopf stieß, und nun Konrad, dem er sein Schwert gleich beim Eintritt in den Burghof in die Rippen hätte rammen sollen. Nur das allein verdient so ein Kerl!
Ja, der Vater… sein Sohn Baro Hinko ist fern. Er scheint irgendwo sein Selenheil zu suchen oder auch gefunden zu haben. War da nicht diese eine Nachricht, er wäre auf dem rechten Wege und das Kreuz ist sein Ziel… nun ja, dass der das ‚wahre Kreuz' suchen und finden könnte, bezweifelt Baresch schon arg. So meint der sicher nur seinen Frieden mit Gott… und das einzig Richtige, was er seinem zu weichen, stets wieder etwas Falsches im Leben tuenden Sohn zutraut… in ein Kloster zu gehen, fernab von der Welt zu verweilen.
Nein, er hat keine Zeit, dies näher zu bedenken. Jetzt scheint der Weg frei. Hinunter in einen Weinkeller. Konrad sieht er schmunzeln. Sollte er lieber einen seiner Getreuen voranschicken, damit ihm selbst nichts geschieht? Nicht zum ersten Male wäre es wohl möglich, dass ein Eroberer in einem dunklen Schlunde umkommt… man kann Fallen einbauen. Und dass er keinen Grund hat, Konrad zu trauen, ist doch ein offenes Geheimnis. Der brachte so viele seiner Sippe um… und folterte den Vater. Aber wen sollte er wählen, wen kann er mit gutem Gewissen in einen möglichen Tod schicken, ohne selbst als Feigling dazustehen? Ja, einen von der alten Besatzung, vielleicht auch ein Weib, das bisher für diesen Ritter und sein Gesinde die Beine breitzumachen hatte und sich ansonsten in Küche und am Drecke schaffte. Aber… Vorurteile… ja, nichts weiter ist es wohl, was er immer wieder versucht! Alle ließ er lynchen. Einfach so. Selbst stach er ein paar der Kinder ab. So, wie es Konrad mit seinen eigenen Leuten vom oberen Karlstein tat, um sich bei Maron mehr und mehr einzuschmeicheln. Der konnte einfach nicht glauben, dieser dumme Ritter des Papstes, der sogar einen Auftrag des Kaisers zu erfüllen hat, dass sich so einer mit all dem gegen ihn stellen könnte. Doch… kann er sich da auch sicher sein? Tat denn Konrad nur etwas, um die Burg schneller in Bareschs Hand zu bekommen? Nein. Er floh… um den Besseler nicht aus den Augen zu lassen? Eine schöne, wenn auch sicher sehr falsche Ausrede!
Die Treppe. Er sieht sie. Fackeln entzündet man. Wenn die hier viel hatten, dann diese Dinger. Irgendwo muss es hier ein Pechloch geben, in dem man jeden Ast zu einer Fackel machen kann. Na, egal. Er greift beherzt eines der rußenden und doch dabei hell leuchtenden Dinger, denkt lieber nicht an all die Gefahren, die unterwegs nach unten auf ihn lauern können, und geht los. Was mag ihn erwarten? Geheime Dokumente? Nein, Ritter, Gefolgsmann und Pater… ähm… Bischof… die können nicht auch noch viele alte Folianten und Dokumente geschleppt haben. Zu schwer, zu unförmig, zu… unwahrscheinlich. Die hatten zu tun, sich selbst zu retten. Also kann er Glück haben, wenn man solches da unten verbarg. Aber wo?
Fragend, mit sich hadernd und auch wieder nicht wissend, ob man ihn nur veralbern will, steht er vor den zwei langen Reihen der Fässer.
"Verdammt noch eines!"
Wütend schlägt er mit dem Schwertknauf auf den Boden des Ersten ein, dass man bald ein lautes Knacken und Bersten vernimmt, worauf ein Hilfeschrei und ein Rauschen folgen, ehe man weiter oben an der Treppe, wo gleich seine Getreuen hingelaufen kommen, das verklärte Lachen des Birken hört. Wein, denkt Baresch, guter und teurer Wein… auf dem Boden… und auf seinen Kleidern. Zu dumm!
Nichts… vorsichtig, nun unterstützt von seinen Getreuen, die gleich mit Hand anlegen, richtet er Fass für Fass auf und schlägt dann den oberen Deckel ein, schaut stets nur in Flüssigkeiten und genehmigt sich über die Maßen davon, was dann nicht nur den ohnehin nach dem Bersten des ersten Fassens hier unten starken Gestank und den Alkohol in der Luft erweitert, sondern nun auch noch seine Sinne nach und nach ganz vernebelt.
Oh weh… er strauchelt bald und stürzt direkt in die Lachen am Boden, wo er gar noch mit seiner schleckenden Zunge wie eine Katze versucht, das, was nach unten ging und was längst für Gaumen und Durst verloren scheint, aufzuschlecken, um sich noch weiter in den Dusel zu bringen.
Konrad, langsam zu Fuß und längst nicht mehr so guter Dinge, wie auf der Flucht nach Rochlitz, steigt nun, bewacht von zwei Männern des Birken, endlich in diesen Keller hinunter. Auch er spürt schon den Wein im Kopfe, ehe er den ersten Schluck davon nahm. Verdammt, denkt er. Wenn ich mich jetzt danebenbenehme und Baresch sich das merkt, habe ich verspielt. Doch trotz alledem ist er inzwischen wohl der Einzige in dieser Tiefe, der noch ein wenig klar denken kann. So versucht er, den Raum und alles darin zu erfassen. Schwer, wenn es nur nach Wein… stinkt. Und nicht einfach, wenn man versucht, sich zurückzuhalten, nicht doch einen der vielen Heber an den Wänden zu greifen und sich reichlich am so heiter machenden Gesöff zu bedienen. Nein, er muss jetzt versuchen, sich wieder als nützlich zu erweisen. Sonst, das ist ihm klar, lastet der Mord an Bareschs Sippe zu schwer und er kann tun, was er will… er ist dann des Todes. Vielleicht nicht gleich. Aber doch bald… das scheint gewiss.
Langsam steigt er, vorsichtig, um Baresch nicht zu treffen, über ihn hinweg und geht weiter in den Keller hinein. Was, so fragt er sich, was war es nur, das Rohweder so außer sich zu Maron laufen ließ? Auf keinen Fall wollte er, dass Besseler davon erfuhr… warum auch immer. Er sorgte gar dafür, dass der gleich auf sein Lager kam und gar noch von einem Diener betreut, vielleicht auch bewacht wurde. Na, man kann sich auch etwas einbilden… aber es wirkte so. Vielleicht ist etwas Wahres daran. Zu dumm sicher, dass es ihm nicht mehr vergönnt war, die beiden später zu belauschen… Maron und Rohweder, meint er zu sich. Nicht den Besseler. Der bekam in dieser Nacht eh' keinen klaren Gedanken mehr aus dem Kopf… in den Kopf? Oh, der Wein… der Dunst eher! Da liebt Konrad schon eher seine Folterkammer. Deren Gestank kennt er… da macht ihm wirklich niemand etwas vor. Aber hier? Wenn er nicht bald…
Wie angewurzelt bleibt er stehen. Längst erreichte er das Ende des Ganges, dreht sich um… und schaut direkt… auf ein Tatzenkreuz.
Dunkle, schemenhafte Bilder tauchen vor ihm auf. Der Wein… er weiß es. Der macht den Kopf dumm. Er hat nicht einen einzigen Schluck getrunken… und doch ist er dem Dusel nahe. Was sieht er da schon? Ein Kreuz… eben jenes Tatzenkreuz, das auf dem Fass herumspringt… so knapp am Rand wurde es hineingebrannt… und er kann den Blick nicht mehr davon wenden.
Woher kennt er dieses Bild? Er weiß es nicht, will es aber irgendwie erfahren. Verdammt auch… ist sein Kopf schon so umnebelt, dass er nicht mehr versteht, was wirklich vor sich geht. Ein Kreuz, das auf einem Fass tanzt… nein, das ist längst kein Fass mehr. Sieht eher aus, wie ein schlammiger Hügel. Oder vielleicht auch ein Felsen? Nein, da laufen Leute und waten im Schlamm. Woher kommen diese Menschen? Was geschieht mit ihm? Er versucht, sich mit Schütteln in die Realität zurückzubringen, doch er erkennt nichts, weiß einfach nicht, was diese Wirklichkeit ist. Gibt es sie? Ist er nur ein Narr, dass er denkt, was er da sieht… oder sieht er nur, was er denkt?
Wo sind die Anderen? Waren nicht mit Baresch, über den er eben stieg, noch mehr der Birken hier heruntergekommen? Nein, der Herrscher der Birken, der Nachfolger Karel von der Dubas, der wird sich niemals allein in solch einen Keller begeben… eher öffnet sich die Hölle an einem einzigen Tage… und niemand kann ihr mehr entfliehen. Entfliehen will er nicht.
Schemenhaft tauchen weitere Bilder auf. Da hängt wer… wo ist das? Sollte es seine Folterkammer sein? Dann schleppte er sich vielleicht in seiner Weinseligkeit bis hinüber zu diesem Besseler, der schon schreiend und sein Schicksal verleugnend an den Ketten hängt? Nein. Der ist nur feist, nicht so stark, wie der da, der vor ihm hängt. Ein Trugbild… nur ein einfaches Trugbild ist das. Nicht mehr. Er träumt… oder man gaukelt ihm etwas vor, was er eigentlich nicht erkennen, nicht wahrhaben will… und darf?
"Karel von der Duba!"
Er ruft, er schreit den Namen heraus. Dann schlägt er sich mit der rechten ‚Pranke' auf den Mund. Nein, er ist nicht bei sich. Mitnichten! Er erwischt nicht den Mund, sondern die Nase. Gleich spürt er, wie sein Blut daraus hervorschießt und ihm über die Lippen läuft, dann vom Kinn tropft. Verdammt aber auch! Ist er denn ein Kind, dass ihm immer und immer wieder solches passiert? Verrückte Welt! Aber der Mann, der Name… der ist schon richtig. Immer noch, wenn auch wie in einem Schleier aus Dusel und Verrücktheit, sieht er ihn hängen. Die Lippen… hat er noch welche? Es muss lange her sein. Das Gesicht verbrannte er ihm doch gleich zu Anfang, um nicht immer wieder in dieses schon von Baresch bekannte Antlitz sehen zu müssen… ja, die Lippen bewegen sich. Sie sprechen Worte, die irgendwo tief in seinem Kopfe zu diesem verrückten Bild vom springenden Kreuz werden. Springendes Kreuz… vielleicht springt es? Er weiß es nicht… nein, davor springt etwas, was dann wieder verschwindet und schließlich doch noch einmal erscheint. Zu verrückt… wirklich! Ein Mann ist das. Der versucht, am Kreuz nach oben zu springen.
Ein Folterknecht, der dem Wahnsinn verfällt… das ist doch das gefundene Fressen für alle, die ihn nicht mögen, die ihn verachten, die ihn strafen wollen, die sich freuen, wenn er jetzt vielleicht doch noch vom Birken gerichtet wird.
Richten… wer sollte dann die Drecksarbeit tun? Nein, er ist… er ist der Einzige, der dies alles tut. Darum wird er geachtet… oder zumindest geduldet.
Die Ohren hält er sich zu… das eigene Straucheln bemerkt er nicht. Hart schlägt er auf den Boden, verliert gar für einen Moment das Bewusstsein, wird dann wieder von einer Stimme zurückgeholt. Stark, laut, unnachgiebig ist sie, will nicht dulden, dass man sich ihr entzieht. Er muss nachgeben, erwacht, wälzt sich zur Seite.
"Der Berg des Kreuzes… er ist heilig. Aber nicht, weil ein Jesus daran starb, sondern weil eine Lüge damit aufgedeckt werden kann… Die Wahrheit allein ist immer das Heiligste, was man sich nur vorstellen kann!"
Diese Stimme… sprach so Karel von der Duba? Er weiß es nicht mehr. Zu wenig ließ er sich von ihm berichten. Viel zu wenig. Und doch muss er nun erkennen, dass…
"Hey, Konrad, auf mit Dir! Hast Du zu viel gesoffen oder bist Du schon ganz bedeppert?"
Er schreckt auf, schaut aus riesigen Augen sein Gegenüber an, dann auf das Fass vor ihm. Alles scheint still, ist nicht mehr in Bewegung, will sich nicht noch einmal auf ihn stürzen, ihn ablenken und irremachen. Zufrieden fast atmet er durch.
"Herr, seht… da… das ist…"
Er weist auf das Kreuz vor sich. Baresch, scheinbar schneller dem Wein entkommen und nun klarer im Schädel, wundert sich über das Tun des Mannes, folgt dann seinem Blick, kann zuerst nichts erkennen, schaut dann genauer hin… sein Blick wandert von dem Fass auf seinen eigenen Schwertgriff und wieder zurück, dann zu Konrad, der ein wenig grinst, aber trotzdem unschlüssig wirkt.
"Was soll das?"
Ja, was? Der Folterknecht sieht das gleiche Kreuz auf dem Schwert. Man könnte fast meinen, irgendwer trieb seinen Schabernack und brannte genau mit diesem Griff da in das Fass. Doch dieses kann einfach nicht sein. Baresch weilte nie auf der Burg, Karel führte sein Schwert nicht bei sich, als man ihn aufbrachte, sondern schenkte es vor Jahren schon seinem Sohn, behalf sich mit einem einfachen aus dem Norden, das er zwar stets zu loben versuchte, mit dem er jedoch nicht wirklich einem Feind zur Gefahr werden konnte. Zu schwerfällig, zu wenig ausgewogen, nicht gut im Material und ein schnell aus der Hand gleitender Griff. Da ist das alte Schwert der Väter schon etwas ganz anderes.
Ungläubig streicht der neue Besitzer der Waffe über das Kreuz, nickt dann jedoch langsam vor sich hin.
"Floh Ritter Maron darum?"
Niemand kann diese Frage beantworten. Ihm geht jedoch einiges durch den Kopf. Ein Mann der Kirche, beauftragt von Papst und Kaiser, treu im Glauben und loyal zur Krone… der Wein der Templer im Keller hält?
"Gestohlen… und wenn ich vor den Mauern stehe, dann…"
Der Blick Konrads lässt ihn schweigen. Dann greift er sich den Alten, nimmt ihn in den Schwitzkasten und setzt ihm dabei noch sein Schwert an die Kehle.
"Was weißt Du? Sag es, wenn Dir Dein Leben lieb ist!"
Leben lieb… pha! Konrad lächelt und ringt doch nach Luft.
"Herr…"
Er haucht das, wobei Baresch lieber ein wenig locker lässt. Was nützt ihm noch ein Toter? Genug liegen oben zwischen den Trümmern… die wird er den Krähen überlassen. Vielleicht, so denkt er, vielleicht kommen auch noch ein paar Falken… und dann fressen sie diese ganzen Feinde, die es wagten, ihm den Vater zu nehmen. Was interessiert es ihn, dass dieses Gesindel einem Befehl folgte? Er ist… er verlor… na ja, eben so.
"Also, woher kommen diese Fässer? Nahm er sie meinem Vater?"
Nur immer der Vater!
Konrad lacht. Nein, der alte Birke wird sich nicht mit Wein beschäftigt haben. Wo sollte er ihn lagern, wenn er seit Jahren, fast Jahrzehnten floh, sich mit allem, aber nicht mit Besitz beschäftigte?
"Im Sommer erst… da kamen diese Fässer hier an. Waren wohl lange unterwegs. Irgendwoher aus dem Frankenreich. Mehr weiß ich dazu auch nicht. Aber Maron schien sehr erfreut… ob nun wegen des Weines oder des Kreuzes…"
Noch einmal erkennt er in seinen Gedanken diesen Berg mit dem springenden Mann am Kreuz. Kreuzberg… der Berg des Kreuzes… verdammt… was sagt ihm diese Verbindung? Er kann es nicht erkennen. Zu alt… er schimpft sich einen alten Mann und will doch Baresch beweisen, dass der ihn gut gebrauchen kann. Warum sollte der ihm vertrauen, wo er doch nur… Mist redet? Erinnerung… ist etwas Wunderbares. Kann man sie nicht deuten, ist sie unnütz!
Der Birke glaubt, in dem Zeichen einen Hinweis zu sehen. Noch einmal lässt er Fässer öffnen. Ohne Erfolg. Ja, gut… noch viele Heber voll werden unter den Männern verteilt. Mitnehmen wird er von hier nichts. Verbrennen will er alles… wenn überhaupt noch etwas zum Verbrennen da ist. Verdammt noch eines! Den Vater muss er auch zu Grabe tragen. Vielleicht unten an der Iser? So fern der alten und eigenen Gebiete. Nicht wirklich gut. Doch bei Gott sind alle, die in die Erde kommen. Einen Pfaffen wird er doch wohl finden, der ihm die letzten Worte spricht. Drüben in Rochlitz vielleicht? Dann denkt er an Besseler… ein Kardinal, den man zum Bischof machte… das wäre… ein Geschundener im Glauben. Ja, weit hergeholt sicher. Aber vielleicht ein gutes Werk, wenn er nun seinem Vater solch eine Größe, einen letzten Spruch eines so wichtigen Mannes angedeihen lässt? Er grinst… und dann tötet er ihn? Nein, das geht nicht. Mitnehmen muss er ihn, zumindest dafür sorgen, dass ihm nichts geschieht. Denn versündigt er sich an einem Pfaffen, der auch noch seinen Vater beerdigt, wird Gott das an Karel auslassen.
Ein Spiel, dessen Einsatz sein eigener Verzicht ist… Verzicht auf Rache? Er hatte sie schon. Er brachte Jonas um und lynchte alle, die er auf der Felsenburg nur in die Finger bekommen konnte.
"Frankreich, sagst Du? Und was meinte Rohweder, als Du ihn mit Ritter Maron zusammen sahst?"
Konrad überlegt. Das Kreuz… ob er es ebenso sah? Vielleicht war das der einzige Grund, der ihn so schnell und mit wehenden Schößen aus dem Keller zum Burgherrn laufen ließ? Dem Besseler sagte er nichts… weil er allein fliehen wollte, sich von diesem Manne zu trennen hatte, wusste, dass der nur Probleme bereiten wird. Sicher tat er gut daran. Denn wäre er mit diesem gegangen, wäre auch Konrad dabei… und Baresch wüsste, wohin es ging.
Die Welt ist nicht gut… und sie ist klein… und groß in einem.
"Sie gingen nach Frankreich. Ich glaube, das hörte ich!"
Baresch stutzt, schmunzelt erst, lacht dann laut.
"Du spinnst! Von hier ins Reich der Franken? Das sind viele Meilen… ohne Pferde… sie besorgten sich keine in Rochlitz… kein Einziges!"
Ja, sicher. Aber irgendwie…
Nichts in den Fässern außer Wein. Dann war es vielleicht nur ein Zufall, dass Maron den Wein bekam? Er weiß es nicht, hat nicht einmal eine wirkliche Ahnung. Verdammt aber auch! Wie kann man nur so dumm sein… er muss sich doch wenigstens etwas gemerkt haben! Aber nein… nichts. Er weiß…
"Maron war im Süden des Reiches. Ich weiß nicht, wo. Aber ich glaube, er reiste auch über jenen Ort, wo einst der Papst herrschte… Av… Avignon, oder so."
Baresch lacht vor sich hin. Avignon also. Das ist fern. Nicht umsonst verbarrikadierte sich der Heilige Vater in seiner Furcht vor Rache wegen der Auflösung des alten Ordens in dieser Einöde! Ließ sich eine Burg bauen, hohe Mauern, viele Soldaten, dazu noch die Macht und den Schutz des Königs… nichts nützte es ihm. Er starb bald… und nach ihm wurde keiner der christlichen Herrscher dort glücklich. Viel zu spät erst erkannten sie, dass sie sich mit ihrem dummen Tun selbst die Füße wegschlugen.
"Gut denn… das Gebirge ist groß. Aber so viele Wege daraus hervor gibt es nicht. Ich muss zu Besseler… vielleicht kann er mir doch irgendwie helfen!"
Und noch ehe Konrad sich versieht, steht Baresch schon auf der Treppe, schleppt sich, trotz der gespielten Stärke weinschwer, hinauf, sucht den Zugang zum Verließ und ist schon vor dem einzigen Gefangenen, den sie hier machten… oder den ihm ein Bauer brachte, als er Konrad und Besseler beim Pferdekauf einfach nicht ziehen ließ.

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