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     und Foto: Stefan Jahnke

 

Leseprobe - X-Change - London, Kent und alte Steine

 

Kapitel 2 - Ankunft (Auszug)

Regen. Freude pur, als die Tropfen schon die ganze Nacht vom Sonntag zum Montag auf Fensterbrett, Dach und in den Hof tropfen. Laut. Kaum ein Auge mache ich zu.
Heike verabschiedet mich halb schlaftrunken. Ist wirklich zeitig. Schon gegen 4:00 Uhr sollen wir an der Schule stehen, dort auf die Kleinbusse aus Leipzig warten.
"Und denkt dran… die Fluggesellschaften lassen nur 20 kg Gepäck zu. Was mehr ist, kostet extra oder wird nicht einmal mitgenommen!"
Eine halbe Stunde stehe ich laufend wieder mit dem umgepackten Koffer auf der Waage. Zum Glück war ich zeitig genug munter. Man soll auf der Fahrt nach Berlin und im Flieger schlafen können… oder eben auch nicht. Wer kann das so genau sagen?

Alles fertig.
Ich gehe. Zu Fuß natürlich. Wir wohnen nicht zu weit von der Schule und ich habe einen schönen großen Schirm, auf den ich zur Not am Flughafen oder dann auf dem Rückflug irgendwann Ende Juni verzichten kann. War ein Werbegeschenk einer großen Biermarke.
Der Weg zieht sich. Der Koffer hat zwar Rollen, aber eben vier und keine moderne Trolleystange hintenan, sondern eine schlabbrige Schlaufe. Ich habe die ganze Zeit zu tun, damit das Ding nicht in die nächste Schlammpfütze fällt. Fängt ja gut an!
Endlich erreiche ich die Schule. Dreiviertel Vier. Rekord gebrochen… ich bin der Erste. Klar. Haben wir in der Familie irgendwie im Blut. Warum? Keine Ahnung. Klappt immer.
Nach und nach treffen die Mitreisenden ein. Tobias wird von seiner Freundin gebracht, die ihn über Himmelfahrt oder Ostern besuchen will. So hat er den Vorteil, dass er bei dem Mistwetter mit dem Auto kommt… bis zur Schule. Bequem. Und er ist auch nicht so durchgeregnet, wie ich mich gerade fühle.
Der Handtrockner auf der Toilette der zum Glück offenen Schule muss ganz schön ran und schließlich, als draußen alle da zu sein scheinen, fühle ich mich wieder trocken. Klar, Hemd und Jacke sind noch klamm. Die Hose wird auch erst in London… nahebei… trocknen. Zum Trost rufe ich mir die Geschichte der Eroberer Südamerikas ins Gedächtnis, die in ihren Eisenblechanzügen durch den gerade richtig nassen Regenwald zogen, als ich das Buch zuhause zur Seite legte. Die werden noch ganz andere Probleme gehabt haben. Wenn man morgens aufwacht und sich nicht mehr bewegen kann, weil die Scharniere einrosteten, ist das sicher ein noch blöderes Gefühl, als ich es auf diesem England-Feldzug haben kann.

4:10 Uhr. Keine Kleinbusse. 7:30 Uhr geht der Flieger von Tegel. Daran wird sich nicht viel ändern. Und die vielen Baustellen, die jeden Morgen bei den Verkehrsmeldungen durchgesagt werden, liegen alle auf der A13, die uns nach Berlin bringen soll. Mist. Wie kann das denn nun gehen? Haben wir eigentlich eine Notvariante, wenn Herr Ernst sich doch täuschte und die beiden Busse nicht kommen können? Ich denke, da gibt es nicht einmal eine wirklich angedachte Alternative.
4:30 Uhr. Wo können wir jetzt anrufen, um noch etwas zu ändern? Nirgends? Na, das geht wirklich hervorragend los!
Unzufrieden stehen wir unter dem Vordach der Schulhäuser. Einer läuft immer mal vor zur Straße. Könnte ja sein, dass die Fahrer sich in Hausnummern und sonstigen Dingen irren und wir darum noch nichts von ihnen hörten und sahen.
4:45 Uhr. Irgendwer findet Herrn Ernsts private Telefonnummer. Thomas läuft zur Telefonzelle an der nächsten Ecke und ruft an. Er ist der von uns, der die wenigste Scheu vor allen Höheren hat. Musste sich auch schon ganz schön durchbeißen im Leben!
5:00 Uhr. Herr Ernst ging wohl ran und will noch ein wenig telefonieren. Ob er Erfolg hat? Jedenfalls ist er nun munter und scheint sich gleich auf den Weg zur Schule zu machen, um uns und die Fahrt irgendwie zu retten. Wenn wir zwei Stunden fahren sollten, dann schaffen wir auf keinen Fall mehr die eine Stunde vor dem Abflug, die man am Check-in sein sollte.
5:05 Uhr. Zwei weiße Kleinbusse biegen in die Straße ein. Sichtlich genervte Fahrer steigen aus, rennen zu uns herüber, schnappen sich schon ohne Gruß die ersten Koffer und zeigen uns an, dass wir genauso schnell mitmachen sollen.
"Unfall auf der A14. Sorry, aber das konnte ja niemand ahnen! Sonst brauchen wir kaum eine Stunde von Leipzig hierher. Heute waren es fast zweieinhalb!"
Gerade, als der letzte Koffer in einem der Busse verschwindet, wir uns auf die Sitzbänke aufteilen und langsam etwas ruhiger werden, kommt ein weinroter Audi um die gleiche Ecke gefegt, um die eben noch die Kleinbusse rasten.
Ernst springt zu uns, will auf die beiden Fahrer schimpfen, verhält, nickt nur und wünscht uns eine gute Reise. Er muss wohl auch von dem Unfall gehört haben. Das Radio bringt ihn jetzt. Leider zu spät, denn die Kleinbusse kamen nicht mehr von der Autobahn, als sie es erfuhren. Na, ob das noch gut geht?
Ohne sich auch nur an eine einzige Geschwindigkeitsbeschränkung zu halten, rasen wir los. Natürlich sollten wir uns alle anschnallen und ein wenig ist es jedem von uns schwummrig, gerade wenn die beiden im Heck überladenen Busse in zu enge Kurven gehen. Bloß gut… irgendwann erreichen wir die Autobahnauffahrt an der Hansastraße und nun geht es lediglich lange und weit geradeaus… mal von den Baustellen und Straßenverwindungen abgesehen.

Der Regen setzt erneut ein, als wir die Piste der A13 erreichen, also das Kreuz Dresden und damit auch die A4 hinter uns haben.
"Schaffen wir das noch?"
Beritt sitzt schräg hinter mir und fragt ganz vorsichtig, etwas ängstlich gar zu unserem Fahrer, der sich als ‚Uwe' vorstellt und nun auch versucht, die Hektik wieder abzulegen.
"Keine Ahnung. Ich habe es mal in einer Stunde geschafft. Mit 'nem anderen Auto. Aber heute… na ja, ist noch früh. Doch die Pendler sind vielleicht schon alle auf der Strecke!"
Pendler. Die also irgendwo im Norden arbeiten und im Süden wohnen. Ist das nicht mehr in Richtung Westen der Fall? Nein, West-Berlin scheint noch ebensolch eine Oase des westlichen Tuns zu sein. Und wirklich… so viele sind unterwegs.
"Ich weiß gar nicht, wie die die Baustellen hier gebaut haben. Bin jetzt gut vier Wochen nicht hier lang. Na, mal sehen. Wenn zwei Spuren da sind, dann geht es vielleicht!"
Noch fahren wir auf der alten Bahn. Huckelig. Die Berge sind weg, nur noch Flachland mit ein paar wenigen Hügeln um uns, dann Bäume und alles erinnert mich an meinen Militärdienst in Prora auf Rügen. Da sahen die Wälder ähnlich aus. Waren nur nicht ganz so groß… bedingt durch die Größe Rügens.

Zeit, die nie vergeht, haben wir heute sicher nicht. Als wenn jemand die Uhren extra für die Fahrt geölt hat, rasen die Zeiger noch einmal so schnell herum und wieder ist eine Stunde weg. Dabei die Kilometer… nun, noch fünfzig bis Berlin. Wenn sich unsere beiden Fahrer gut auskennen, kommen wir vielleicht vor sieben in Tegel an? Ich war nur 1989 und 1990 in West-Berlin, müsste jetzt echt lügen, wenn ich sagte, ich wüsste, wo der Flughafen liegt. Aber ich hoffe mal auf die Findigkeit der Fahrer.
Baustellen kamen einige. Halsbrecherisch fast rasten wir auf der linken Spur an Lkws vorbei, überholten sogar einmal einen Polizeiwagen… da dachten wir schon, das wäre es. Aber zum Glück war das nur Grenzschutz. Die Autos sehen so gut wie gleich aus und der Zoll saß wohl drin, der sich mehr mit den vielen ausländischen Lkws beschäftigen wollte. Ob die uns überhaupt wahrnahmen? Nun, in einem Kleintransporter kann man auch eine ganze Menge Zeug verstecken. Aber wir haben für solche Spiele heute soundso keine Zeit.

Der Zeiger geht auf 6:45 Uhr, als wir die Autobahn verlassen. Angeblich ein Schleichweg soll uns nun durch drei kleine Dörfer und eine Dreißigerzone direkt zum Flughafen bringen. Ich kenne Schleichwege… hatte ich erst bei einer Wanderung nahe Dresdens… zwei geschlagene Stunden, dann standen wir in einem Nest, was so weit von unserem Ziel weg war, dass wir glatt den Bus nehmen mussten, um zum Auto zurückzukommen.
Hier? Noch sieht es nicht so aus, als wenn ein Flughafen in der Nähe wäre. Verdammt! Wenn das nun auch noch schiefgeht!
Ich schlucke schon wieder obligatorisch. Wenigstens haben wir den zweiten Kleinbus nie länger als zwei oder drei Autos hinter uns gelassen. Verloren? Das wäre auch noch so eine Sache. Was macht man, wenn man pünktlich auf dem Flughafen ist… sind wir eh' nicht mehr. Aber wenn doch… und der Rest der Gruppe fehlt? Fliegt man dann eben allein? Keine Ahnung. Verrückt allemal!
Aber sie sind hinter uns und wir fahren durch Vororte, die gerade richtig erwachen. Komisch… ach ja, man sagt doch, dass in Berlin viele erst gegen acht oder gar neun Uhr mit der Arbeit beginnen. Vielleicht darum? Kann jedoch auch ein Zeichen für Arbeitslosigkeit sein. In unserer Straße zuhause gibt es einige ältere und einfachere Häuser. Da stehen jeden Morgen bis fast zum Mittag die Arbeitslosen auf den Balkons und rauchen oder sehen sich zitternd die ihnen sicher bekannte Umgebung an. Natürlich, besser, als nur vor dem Fernseher zu hocken. Aber wie soll das weitergehen? Gerade jetzt, wo wir erst einige Jahre die Einheit haben…
Keinen Tag arbeitslos.
Bisher habe ich es geschafft.
Und jetzt erreichen wir wirklich den Flughafen.
"Terminal?"
Ach, was weiß ich denn? Bisher flog ich von Dresden. Da gibt es zweie und die kann man recht schnell erlaufen. Hier? Viele.
"Terminal Drei!"
Kerstin schaut auf dem Ticket nach. Gut, dann drei. Und schon stehen wir vor dem Zugang.
"Schnell, holt Euch diese Kofferroller und ich lade inzwischen alles aus. Einer rennt und schaut nach dem richtigen Schalter fürs Check-in. Da sparen wir noch ein paar Minuten!"
Sparen? Ich weiß nicht. Eigentlich sind wir zu spät. In dreißig Minuten soll der Flieger schon abheben.
Krach. Natürlich flog nun auch noch Beritts Kassettenrekorder auf die Steine. Scheint aber außer einer Schramme nicht viel abbekommen zu haben.
"Dudelt noch. Reicht!"
Sie lacht. Vielleicht nur aus Verlegenheit. Denn beide Henkel ihres Beutels rissen auf einmal. Mist!
Doch wir sind unterwegs. So richtig Zeit, uns von den Fahrern zu verabschieden, hatten wir nicht. Die Stewardess am Check-in sieht bereits genervt auf die Uhr, als sie unser Gepäck und die vorgerückte Zeit begutachtet hat.
"Reichlich spät!"
Hmm… die Deutsche BA scheint hier Deutsche zu beschäftigen. Zum Glück. Jetzt noch in unserem bisher recht fehlerhaften Schulenglisch eine Konversation über die Zeit zu beginnen, wäre sicher unserem Abflug nicht dienlich.
"Also los. Zur Kontrolle und dann klappt das noch!"
Sie winkt uns verschmitzt nach.

Die Zollbeamten und auch die Sicherheitskräfte haben alle Zeit der Welt. Erst werden die Pässe gecheckt. Kinfe hat wieder einmal nichts wirklich griffbereit, und da er aus Afrika kommt, wird sein Pass jetzt noch zusätzlich begutachtet. Könnte ja gefälscht sein. Vielleicht ein Vermerk entfernt oder eine Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen? Zum Glück nichts dergleichen und so ist er auch in der Wartehalle, in der natürlich unser Gate schon längst geöffnet und die beiden Stewardessen links und rechts daneben sichtlich genervt sind, weil wir eben erst zehn Minuten vor Abflug bei ihnen auftauchen.
Kein Wort… besser so. Jeder von uns ist mehr als nur geladen. Wir brauchen jetzt keine weisen Belehrungen, sondern nur noch einen Gang, durch den wir…
Der nimmt kein Ende.
Wer baut solche Gänge? In Dresden… ja, das ist ein Spielplatzflughafen. Aber hier?
Drei Minuten vor Abflug erwarte ich nun, dass wir endlich vor einem Bus stehen, einsteigen und im Eiltempo zum Flugzeug gebracht werden. Dafür ist plötzlich vor uns eine Tür. Und wieder stehen da zwei Stewardessen, die uns schon sichtlich sauer erwarten. Eine Szene, die man nie vergisst! Nun wedelt eine auch noch mit den Händen. Wir sollen uns beeilen.
Ja, und wo ist der Bus?
Zum Glück frage ich das jetzt nicht. Besser so, denn…
"Sie nach links. Gleich die dritte Reihe. Guten Flug!"
Hä?
Ich sehe mich um.
Wir stehen schon im Flieger. Und ich gehe mal lieber. Nicht, dass das Ding losfliegt und wir noch nicht sitzen!
Beim Check-in achtete niemand mehr darauf, ob wir nun Nichtraucher oder Raucher, am Fenster, in der Mitte oder am Gang sitzen. Nun jedoch… Raucher. Toll! Aber die Maschine ist voll und wir werden den Teufel tun, uns nun auch noch darüber zu beschweren.

Während wir gerade die Gurte schließen, noch ein Bonbon gegen den Druck in den Ohren bekommen und die Notbelehrung über uns ergehen lassen, schaltet sich vor uns der Fernseher ein. Über uns eher. Ganz vorn. Und ich sitze fast darunter. Tobias neben mir, die Dritte in der Reihe ist Kerstin. Drüben auf der anderen Seite sind nur zwei Plätze, wo Kinfe und Beritt sitzen. Das hat nichts zu bedeuten. Nur eben, in welcher Reihenfolge wir am Check-in standen.

"Guten Morgen, meine Damen und Herren! Nachdem nun auch unsere Reisegruppe aus Dresden eingetroffen ist, können wir fast pünktlich abheben und nach meinen bisherigen Informationen werden wir auch für Heathrow ohne Verspätung Landefreigabe erhalten."
Informationen zum Flug folgen und der Kapitän verspricht, dass alles trotz des Regens ruhig vonstattengeht. Wenn es Probleme gebe, dann wäre diese Maschine sehr gut ausgestattet und wir haben ja auch noch die Tüten und Sauerstoffmasken, die man natürlich nicht benötigen wird.
Nun folgt eine sehr genaue Einweisung in die unter unseren Sitzen befindlichen Schwimmwesten, ehe wir langsam, aber stetig zur Startbahn rollen.

Tegel ist ein großer Flughafen im Westteil der Stadt. Früher flog man von Tempelhof. Der Airport spielte dann noch eine gewichtige Rolle bei der Versorgung Berlins in der Luftbrückenzeit und nun braucht man ihn nicht mehr.
Alle paar Minuten heben Maschinen ab. Als wenn man ein Lauffeuer vor sich sieht, ist immer eine am Boden, eine auf halber Höhe und eine in der Luft. Drüben auf den Landebahnen ist es nicht viel anders. Ein Durcheinander scheint es nicht zu geben. Besser so. Wir wollen ja ordentlich…
"Heathrow ist noch größer!"
Tobias erklärt Kerstin einiges, was er bei seinem letzten Besuch in London sehen und erleben konnte. Ich höre nur zu, warte aufs Essen. Denn nach der ganzen Aufregung habe ich Hunger. Und zur Toilette muss ich ebenso. Dringend. War bisher keine Zeit dazu.
Der versprochene ruhige Flug wird wirklich so. Der Regen fällt erst noch eine Weile während des Steigens. Dann sind wir über den Wolken und sehen nur an aufgerissenen Stellen, dass es immer noch regnet. Die Sonne hingegen ist über den Wolken wirklich zuhause und scheint vor sich hin. Besser so… wäre ja sonst Nacht.

Zeitverschiebung. Wir fliegen los und sind eher wieder da. Nun ja, die Briten machen die Sommerzeit nicht mit. Das wird auf dem Rückflug erst interessant. Denn noch haben wir Winterzeit.
Das Meer entdecken wir nur kurz unter uns. Wegen dieses kleinen Stücks mussten wir nun lernen, wie man Schwimmwesten handhabt… mit lauter Trillerpfeife, schnellem Aufpumpen und so weiter. Man kennt das von diversen Katastrophenfilmen, in denen jedoch meist Schiffe sinken. Flugzeuge… ja, gibt es auch. Aber… von hier oben sieht es fast unmöglich aus, dieses Wasser zu treffen. Selbst mit einem gezielten Manöver.
Das Essen hingegen verbreitet kein gutes Wetter. Etwas zäh ist das kleine Schnitzel und das Ei wurde so hart gekocht, dass man eher einen Pickel braucht, um es aufzubekommen und dann auch zu essen. Aber irgendwie mampfen wir es auch hinter. Nur ‚Napfkuchen' sollte man währenddessen nicht unbedingt sagen. Das wäre… nicht gut für die Lehne vor uns.

London kommt in Sicht. Nur auf der Karte am Bildschirm über uns. Man ersparte uns natürlich lieber einen Film. Wäre eh' nicht vollständig zu sehen gewesen. So gab es hin und wieder Werbung… auch für andere Flüge mit der gleichen Gesellschaft… und dann Bilder unserer Flugstrecke und die Landkarte, damit wir auch stets wissen, wo wir uns gerade befinden. Ordentlich.
Tobias und ich unterhalten uns über unseren ersten Ausflug nach London.
"Ist anstrengend. Mal sehen, wie wir hinkommen. Aber der Tag wird nicht leicht! Liegen immer ganz schöne Strecken zwischen allen Sachen. Na ja… und nicht überall hat man eine ganz günstige Verbindung von A nach B. Die bauten ihre U-Bahn zwar so, dass man in der Innenstadt keine zweihundert Meter in jede Richtung laufen muss, um eine Station zu finden. Aber die vielen Linien… da muss man dann wieder umsteigen und so weiter. Die Bahnhöfe sind auch weitläufig. Du denkst, Du bist zum Beispiel in Kings Cross', wechselst nur schnell von Dunkelblau auf Hellblau und… na ja… die Gänge. Aber da unten spielen dann einige Musiker. Ist auch nicht schlecht!"
Ich bin gespannt. Kann ich mir alles noch gar nicht so recht vorstellen. Aber wir werden sehen.
Kerstin schüttelt den Kopf.
"Lasst uns erst einmal dieses Sevenoaks ansehen. Vielleicht wollen wir da gar nicht raus!"
Tobias lacht. Nein, er kennt das Nest nicht, wie er es nennt.
"Aber wenn Du in einen Vorort von London fährst, dann ist das wirklich ein Kaff. Supermarkt, Tankstelle, Buchladen, Hotel, Pub… das war's schon!"
Britta, hinter uns, schaltet sich ein.
"Soll aber einen schönen Park geben!"
Ja, war im Hotelprospekt drin. Knole Park… keine Ahnung, wie der ist. Mit freilaufenden Rehen, auch einem Golfplatz und viel Wald und Wiesen, auch Anlagen und so weiter. So lang, wie der ganze Ort und dann noch ein gutes Stück von da weggehend. Alles gepflegt und doch öffentlich nutzbar. Also vielleicht lohnend?
"Na, sehen wir dann. Aber denkt dran… Kaff… habe ich gesagt!"
Thomas wirft Tobias einen scheelen Blick zu, versucht lustig ein paar Grimassen zu schneiden. Er sitzt ein Stück von uns weg, hat kaum was vom Gespräch mitbekommen, glaubt aber immer, wenn man ihn ansieht und dabei redet, es würde um ihn gehen. Ob das nun gut oder schlecht ist? Eigensinnig allemal.

Bing…
Über uns geht…
"Meine Damen und Herren, verehrte Fluggäste… Sie sehen über sich… die Lampe für das Anschnallen ist angegangen. Bitte schließen Sie wieder Ihren Gurt und stellen Sie Ihre Sitze in die senkrechte Position, klappen auch die Tische hoch und legen nach Möglichkeit Ihre Zeitungen und Bücher beiseite. Über London haben wir gerade ein Gewitter und die Landung kann ein wenig turbulent werden. Also bitte, keine Angst. Die Stärke von Regen, Wind und Blitzen ist nicht gefährlich und wir können eine ganz normale Landung ansteuern!"
Zog jetzt der Regen von Dresden und Berlin hierher?
Ich sehe mich noch morgens mit meinem Koffer und dem Rucksack unter'm Schirm losziehen. Toll! Nun empfängt uns London also…
"Sieh es doch positiv!"
Kerstin schaut mich verschmitzt an.
"Man gönnt uns eben genau das Wetter, was wir in Deutschland auch hatten. Ist doch gut, oder?"
Lachen? Nein, danach ist mir wirklich nicht zumute. Und jetzt zittert auch noch alles hier drinnen. Fehlt nur noch, dass die Sauerstoffmasken herunterkommen, die Gepäckfächer über uns aufgehen und wir dann langsam auf eines der Hochhäuser zutrudeln, die nun gerade auftauchen. Ist das London?
"Die Innenstadt dürfen die doch gar nicht überfliegen!"
Gerade kommt eine der Stewardessen letztmalig vorbei, sammelt noch die letzten drei Becher ein und hört Tobias Worte.
"Nein, das stimmt nicht. London darf in unserer Höhe überflogen werden. Ginge gar nicht anders. So frequentiert die verschiedenen Flughäfen hier sind, muss man auch Ausweichrouten und Schlechtwettervarianten haben. Sie verstehen?"
Ja, sicher. Ich will aber nicht verstehen. Zu verworren… Ist wirklich… na ja… zu verrückt eben.

Schließlich schaltet sich die Frontkamera der Maschine zu. Wir können die Landung auf den Monitoren verfolgen. Spannend. Die Landebahn sieht nicht viel anders aus, als eine Autobahn. Nur, dass da nicht so viele… halt, da steht ein Auto. Vielleicht eines der Flughafenfahrzeuge? Ja, das Blinklicht obenauf zeigt es an. Soll vielleicht dann noch unser Verfolgungsfahrzeug werden? Oder…
Die Maschine macht gerade einen kleinen Schwenk und setzt mit einigem Rasseln und Huckeln auf der Bahn neben dem Fahrzeug auf. Das setzt sich in Bewegung und überholt uns laut Monitor schon wenig später, um dann, nachdem wir an Geschwindigkeit verloren haben, vor uns zu fahren. Ich erkenne nun den Schriftzug obenauf, der vorhin wie ein Blicklicht wirkte.
‚Follow me'
Wir tun es.
"Willkommen in London!"
Der Kapitän meldet sich noch einmal bei uns, erzählt etwas vom Wetter und dass es in den nächsten Tagen nicht wirklich besser werden soll. Geteiltes Leid ist halbes Leid… wenn wir nur lernen und uns vielleicht dieses kleine Kaff ansehen, wird auch ein verregneter Beginn gehen. Da sind dann auch nicht zu viele Leute in London, oder? Tobias grinst bei meiner Annahme.
"London ist eine Millionenstadt. Da kann man eigentlich nie einen Tag finden, an dem nicht viel los ist!"
Hmm… nun gut. Er wird es wissen. Jedenfalls sind wir erst einmal hier. Nun muss nur noch Frau Klugmann wirklich am Terminal stehen und uns erwarten. Dann geht es irgendwie ins Hotel und später… oder morgen… na ja, irgendwann beginnt dann der Unterricht, das Sprachtraining. Und bis Ende der Woche wissen wir hoffentlich auch, wo wir nebenbei arbeiten können und wie wir zum Wochenende nach London kommen.
Britische Hauptstadt… wir kommen! Fast wie ein Schlachtruf geht mir dies durch den Kopf. Und doch… noch ist da das schwummrige Gefühl… Wir sind erst auf dem Flughafen!
Auch auf Heathrow muss man nicht in Nässe und Kälte hinaus, wenn man das Flugzeug verlässt. Vielleicht gut, vielleicht auch nicht. Es hat so etwas, als wenn man nur eben mal zum Zug geht oder eben einen Gang entlangläuft, um zum Ziel zu gelangen. Der Mensch schafft sich Transportwege und schließt sich selbst von der Umwelt ab. Es soll Menschen geben, die sehen einige Monate, vielleicht auch Jahre keine Sonne, weil sie von Reise zu Reise unterwegs sind. Früh zuhause los, mit dem Wagen aus der Tiefgarage hinaus zum Flughafen, da dann ins Parkhaus, von dort zum Terminal, Check-in. Wenn die Koffer verstaut sind und der Zoll zufrieden ist, steht man am Gate und geht ohne einen Kontakt zur wirklichen Umwelt bis ins Flugzeug. So ähnlich ging es uns ja heute fast. Zumindest im letzten Teil.
Am Ziel angekommen, alles Retoure. Nur eben ins Hotel.
Vor diesem steht am nächsten Morgen die Limousine, die einen direkt in die Tiefgarage des Verhandlungsgebäudes bringt. Das ist natürlich so ausgestattet, dass man vom Verhandlungsführer in die betriebsinterne Kantine eingeladen wird, um sich zum Mittag, gar zum Abend zu stärken. Die Verhandlungen sind hart und gehen lange. Daher geht es sofort danach zurück ins Hotel. Ein Imbiss auf dem Zimmer ist sicher gut.
Zum nächsten Morgen wartet schon das Taxi unter dem verglasten Vordach des Hotels und man fährt zurück zum Airport. Da angekommen, wieder ohne Luftkontakt zurück in den Flieger und in die Heimat. Der Chef will sofort Informationen haben und lässt seinen Mitarbeiter am Airport abholen.
Ohne einen grünen Baum zu sehen, sitzt der Reisende nun schon wieder in einem Büro und bringt alles rüber, was wichtig zu sein scheint. Während ein guter Geist den Wagen des Kollegen vom Airport holt, dauert das Gerede noch eine Weile mit viel Hin und Her an und schließlich bleibt nur noch die Fahrt im eigenen Wagen zurück in die häusliche Tiefgarage, von wo morgen schon zu einer nächsten Reise gestartet wird, weil die Verhandlungen eben nicht das brachten, was sie bringen sollten und man sich nun bei einem anderen Kunden einschleimen… zumindest vorstellen muss.
Einen Tag, eine Woche, einen Monat, ein Jahr…
Die Zeit bleibt fast stehen und geht doch so schnell vorbei.
Wie stand letztens in der Zeitung?
Ein Flugzeug auf dem Flug von Europa nach USA stürzte ab und einer der an Bord befindlichen Manager bekam von seiner engsten Familie folgenden Nachruf:
‚Er hat gelebt, ohne zu erleben. Wir kannten ihn kaum, aber er war überall auf der Welt. Wirklich gekannt hat er nicht einmal die.'
Ein schlimmes Ende.

Wir stehen auf unserem Terminal, haben die Kontrollen hinter uns und freuten uns eigentlich darauf, nun auf eine Frau zuzugehen, die ein Schild hochhält und uns abholen will.
Aber…
Nein, niemand da.
Was denn nun?
Frau Klugmann versicherte doch Herrn Ernst, dass alles klargehen wird. Doch nun… sind wir schon eine Stunde in London… die ganzen Prozeduren am Check-out, die Kofferkontrolle und alles Weitere dauerten eben eine Weile… und niemand kümmert sich um uns. Zum Glück haben wir alle ein paar Mark in Pfund umgetauscht und kaufen uns erst einmal etwas zu Trinken. Es ist ja noch früh am Tage, aber wenn man unterwegs ist, auch noch so einen Stress in der Morgenstunde hatte, dann bekommt man immer wieder Durst.
"Nichts… die kommt nicht!"
Jede einzeln reisende Frau, auch alle Ehepaare oder sonstige Pärchen, die uns entgegenkommen, halten instinktiv ihr Handgepäck etwas fester, als wir sie anstarren. Nun ja, wir erwarten ja jemanden… und wir wissen leider nicht, wie diese Frau Klugmann aussieht.

Nach einer Stunde vor den Schranken wird es uns zu Bunt.
"Komm, Kerstin, wir gehen mal dort zu dieser Info. Vielleicht verstehen die uns und können Frau Klugmann ausrufen!"
Schräg uns gegenüber ist ein wie eine Verkaufsstelle gebauter Stand, hinter dem zwei wie Stewardessen gekleidete Damen ihren Dienst tun. ‚Information' steht groß über ihren Köpfen und neben dem Tresen prangt auch noch ein Schild mit der Aufschrift ‚Meetingpoint'.
Gut… dann sind wir hier nicht ganz falsch.
Kerstin begleitet mich. Ich beginne, eine der Frauen zu fixieren und spreche sie auch gleich an. Richtig zu tun haben die hier nicht. Natürlich suche ich nach Worten.
‚Excuse me… can you help me?'
Ich habe ihre Aufmerksamkeit und versuche nun, unsere Misere zu schildern. Gar nicht so einfach, wenn man nur den Vokabelschatz von Linda und Dave aus dem Schulfernsehen im Kopf hat. Und der passt nun einmal nicht wirklich für so einen Fall, wie wir ihn jetzt haben. Wann sollte der normale und durchschnittliche DDR-Bürger wirklich jemals nach London reisen können? Nie! Dann brauchte er auch keine wirkliche Hilfe anzufordern. Dazu gab es Russisch… doch das wird hier sicher niemand sprechen.
Die Frau jedenfalls sieht uns beide amüsiert an, gungst ihre Kollegin in die Seite und erzählt ihr hinter vorgehaltener Hand irgendetwas. Was denn? Es bleibt erst verborgen. Dann lachen beide.
"Nu, wenn de Frau Klugmann ne kommt, denne müssen wor se ebben ma ausruffe!"
In einem breiten Mischmasch aus Bayrisch und Sächsisch wird unser erster Versuch belohnt, mit echten Engländern Kontakt aufzunehmen. Wir lachen alle vier eine Weile herum und nun schildern wir unser Problem noch einmal.
Eine der Stewardessen gibt Kerstin gleich den Tipp, mal in Deutschland anzurufen.
"Se könn' ja ne' de ganze doag hier rumstehe, ni wohr?"
Ja, sie hat recht. Und in einem wirklich gut klingenden Englisch beginnt die andere gerade eine Durchsage über alle Terminals des Flughafens. Es könnte ja auch sein, dass Frau Klugmann sich einfach verlaufen hat oder einen anderen Ort für unser Treffen annahm. Warum auch immer.
Kerstin indes steht schon an den Münztelefonen. Doch die Stewardess winkt ihr ganz hektisch zu. Darum kommt sie noch einmal zurück. Könnte ja sein, dass wir Frau Klugmann schon haben.
"Ne… Heathrow is groß! Abbe… das is doch zu deuer! Hier… nimm emo des Ding!"
Und sie drückt Kerstin einen mobilen Hörer in die Hand, sagt ihr noch die entsprechenden Vorwahlen für Amt und Deutschland und schon hat meine Mitschülerin ein Tuten in der Leitung.
"Es ruft. Hoffentlich sind die auch da!"
Ja, sicher. Wäre blöd, wenn nicht!
Immer noch ist nichts von einer um sich blickenden Frau zu sehen. Na, hatte ich nicht vorhin erst im Flieger dieses dumme Gefühl, dass heute noch einiges schiefgehen kann? Ich fühle mich wirklich nicht gut… und wenn so etwas ist, fast schon Familientradition, dann muss ich zur Toilette. Gut, dass wir uns eine Art Kofferburg bauten und mein Rucksack auch bei den Kumpels zurückbleiben kann. Dann folge ich den Wegweisern zur Toilette.

Auf dem Rückweg sehe ich eine Frau, die gerade zum Terminal hereinkommt. Über der Glastür stehen einige Ziele. Bus, auch andere Terminals, Taxistand, noch einmal Toiletten und ebenso eine Kaffeetasse, die auf einen Kaffeestand oder einen zusätzlichen Imbiss hindeuten soll. Die Frau sucht und schaut sich immer wieder um.
Noch kann sie unsere Kofferburg nicht sehen. Der Infostand ist im Wege und sie stellt sich auch nicht sehr weltmännisch an. Ist eben nur eine Frau… nein, sorry, wirklich. So wirkte sie jetzt gerade.
"Frau Klugmann?"
Ich spreche sie an. Dabei zuckt sie zusammen, mustert mich kurz, nickt kaum merklich.
"Ja?"
Ja, gut…
"Wir sind da drüben!"
Sehr zum Gefallen der beiden Stewardessen am Infoschalter bringe ich nun die verschollen Geglaubte herzu und alle um mich atmen auf.
Kerstin kann sich einen Scherz über Zeit und Engländer nicht verkneifen, aber Tobias meint nur trocken: "Wenn Stefan sie von der Toilette mitbringt, dann steckte sie vielleicht in der Schüssel?"
Alle lachen.
Natürlich müsste Frau Klugmann nun rot werden. Aber weit gefehlt.
"Ihre Laune ist ja noch gut. Prima!"
Kein Wort der Entschuldigung. Erst, als der vorlaute Thomas meint, wir warten nun schon eine ganze Weile und uns tun die Beine weh. Warum das denn so lange gedauert hätte, da erwidert sie endlich auch etwas.
"Hier geht doch alles Drunter und Drüber! Sie sollten an einem ganz anderen Terminal ankommen. Und hier in Heathrow ist das alles so verbaut… man kommt einfach nicht schnell von einem zum anderen Platz. Und als dann auch noch die Durchsage kam, habe ich natürlich erst einmal gewartet."
Warum denn das?
"Na, ich habe nur die Hälfte verstanden und musste mich erst noch an einem anderen Infopoint erkundigen. Ist ja auch eine verrückte Sache… leiten einfach die Maschinen um und dann soll ich das auch noch wissen!"
Nett!
"Also, los jetzt… Sie haben ja eine ganze Menge dabei. Aber das geht schon… irgendwie!"
Wie meint sie das jetzt? Kommt ein Bus? Gibt es Taxis?
"Ach was… wir nehmen die U-Bahn zum Piccadilly, steigen um nach Charing Cross und haben dort gleich den Zug nach Sevenoaks. In gut zwei Stunden sind wir im Hotel und nachmittags zeige ich Ihnen noch den kleinen Ort."
Was?
Nun, für mich ist das vielleicht kein Problem. Aber die Mädels haben alle drei oder vier, wenn auch kleinere, aber eben unhandliche Gepäckstücke. Wie sollen die, selbst mit unserer Hilfe, den ganzen Kram in die U-Bahn und zum Umsteigen, dann in den Vorortzug bringen und schließlich vielleicht auch noch in Sevenoaks einige Meter laufen?
Ja, irgendwie geht so etwas immer. Ich erinnere mich an einen Ungarn-Urlaub zu Beginn der Achtziger. In Budapest besuchten wir deren neuesten Bahnhof. Brauchten wir gar nicht. Aber ein Kollege meiner Mutter empfahl uns den. Man kann dort auf eine Art umlaufenden Balkon zur Bahnhofshalle gehen und auf die Halle hinuntersehen, also Menschen und deren Eigenarten bestaunen.
Da war eine Familie. Ich würde sagen, es könnten Halbzigeuner gewesen ein. Oder eben richtig braun gebrannte Ungarn. Keine Ahnung. Zumindest hatten sie viele Mitglieder und entsprechendes Gepäck, aber keinen Kofferroller. Damals musste man auch schon ein Geldstück in so einen Roller stecken und die hatten sicher keine Münzen dabei oder vertrauten nicht darauf, diese nach der Benutzung wiederzubekommen.
Nun musste die ganze Gruppe aber diagonal durch die Halle… wollte wohl von einem Bahnsteig zum nächsten, kam vielleicht auch mit dem Bus und musste zum Zug. Egal.
Wie bewerkstelligt man so eine Entfernung, wenn man weit mehr Gepäckstücke besitzt, als man selbst ziehen oder tragen kann? Man nimmt einen Teil und holt den anderen später.
Natürlich sind Zigeuner und auch Ungarn im Allgemeinen keine Verbrecher, kennen sich aber sicher aus eigenem Erleben darin aus, wie es ist, etwas zu verlieren oder bestohlen zu werden. Zumal gerade auf Bahnhöfen gern Geldbörsen und Gepäck Füße bekommen.
Doch man ist findig.
Der vermeintliche Vater lief mit der kleinen Tochter los, einen Koffer, eine Tasche und einen Rucksack dabei.
Nach etwa einem Viertel der Diagonale halten sie an. Vater stellt alles ab, setzt die Tochter obenauf, geht zurück, kommt mit dem Sohn und ähnlich viel Gepäck zurück, geht weiter, setzt in der Mitte der Diagonale ab.
Das ging immer so weiter.
Als später alles verteilt war, sahen Mutter und ich folgendes Bild:
Fünf Stationen, an denen jeweils Familienmitglieder mit Koffern und Taschen standen oder saßen, dazwischen der Vater, der nun begann, die in Sichtweite voneinander aufgestellten Hümpel zu vereinigen, um dann irgendwann, vielleicht eine halbe Stunde nach Beginn der ganzen Sache, alles glücklich am anderen Ende der Halle zu haben.
So etwas vergisst man ganz sicher nicht.
Lange haben wir darüber gelacht und leider nicht mehr gesehen, wie die Familie nun auf den Bahnsteig kam, da eventuell feststellte, dass sie den falschen erwischte und noch einmal alles umlagern musste… man könnte vielleicht einen ewig gehenden Thriller darüber schreiben… Und diese Menschen wüssten heute sicher nicht einmal mehr im Ansatz, dass sie Urheber des Bildes waren.
Aber… und das war unsere Befürchtung… wie sollten wir nun zum Hotel kommen, wo wir doch bisher nur dank der Kofferroller mühelos auf dem Flughafen klarkamen?
"Na, hättet Ihr mal nicht soviel mitgenommen!"
Danke auch! Von unserer Organisatorin und Hauptansprechpartnerin hätte ich ein klein wenig mehr Feingefühl erwartet. Aber scheinbar verlange ich dabei zu viel.
"Wir haben aber ganz klar gesagt bekommen, dass wir uns während der Anreise keine Sorgen wegen des Gepäcks machen müssen!"
Brit ist sauer. Sie soll in anderen Umständen sein. Sagte mal Beritt. Aber man sieht noch nichts. Vielleicht nur Gerede und Wunsch? Frauen und Mädchen darf man auch ohne diese Hoffnung nicht soviel schleppen lassen. Ist nun einmal nicht gut für sie.
"Ja und? Was soll ich jetzt machen? Klar stellen die Koffer kein Problem dar. Aber tragen müssen Sie die trotzdem!"
Quatsch!
"Na, dann nehmen wir eben ein Taxi!"
Frau Klugmann greift sich an den Kopf.
"Wisst Ihr, wie viel das kostet? Also, das ist sicher nichts!"
Na hallo! Wir können doch wohl darauf bestehen, dass wir mit einem Bus oder dergleichen gefahren werden. Hätte sie sich nicht auf dem anderen Terminal versteckt, sondern lieber gleich darum gekümmert!
Es geht noch eine ganze Weile hin und her. Dann verschwindet Frau Klugmann zum Telefonieren. Sicher will sie ihren Mann irgendwo in der Ferne erreichen und klagt ihm nun ihr Leid… oder sie findet eine Lösung? Hier stehen lassen kann sie uns ja nicht. Und wenn die ganze Situation nicht so zum Schreien gewesen wäre, hätten wir sicher bei der U-Bahn-Variante mitgespielt. So aber… nein, soll sie mal eine Lösung finden. Herr Ernst schaffte es auch von jetzt auf gleich, für die Fahrt nach Berlin die beiden Kleinbusse heranzubekommen. Dann geht das hier sicher ähnlich!

Wir stehen noch eine Weile. Ich beiße in eine meiner Stullen. Getreu der Familientradition nahm ich natürlich etwas zu essen mit. Man kann nie wissen. Und die Nahrung im Flieger war auch nicht gerade… nun ja. Jedenfalls kann man damit ein wenig den Hunger übergehen.

Nach zehn Minuten, schneller als gedacht, ist unsere Betreuerin wieder da.
"Ich werde in den nächsten Augenblicken ausgerufen. Habe noch keine Verbindung hinbekommen. Er ruft zurück."
Wer? Wirklich ihr Mann? Danke auch! Dann können wir das vergessen… der erzählt doch gleich wieder, dass kein Geld da ist. Und schließlich finden wir es dann auf seinen eigenen Konten… na ja, Zustände… es war vielleicht doch ein Fehler, mit der Truppe hierher zu reisen? Obwohl… das Team ist gut. Wir stehen zueinander.
Die Zeit vergeht.
Ich hörte von Menschen, die auf Flughäfen leben sollen. In den Abfertigungsbereichen. Weil sie nicht in ihre Heimat zurück können oder wollen, ihr Visa nicht gilt oder ablief oder sie gar vor einer Verfolgung irgendwo Angst haben und vielleicht auch längst pleite sind. Wie sie sich dann verpflegen? Nun, wenn sie lange genug da sind und sich einigermaßen benehmen, übernimmt das sicherlich der Flughafen? Aber wir leben nicht hier.
Da sich alles hinzieht, wechseln wir uns mit der Beaufsichtigung unseres Gepäcks ab. Frau Klugmann ist verschwunden, scheint sich irgendwo ihrem Frust hinzugeben und will uns dabei gar nicht sehen. Besser so. Wir sie nämlich auch nicht. Doch den Flughafen schon.
Ich hatte vorhin mit meinem Toilettengang bereits einen kleinen Eindruck. Nun jedoch sehen Tobias und ich uns die Geschäfte an. Sündhaft teuer natürlich, aber ein Erlebnis… der ganze Schnulli, den man nicht braucht, aber vielleicht als Geschäftsmann mit einem gehörig schlechten Gewissen doch kauft, um etwas nach Hause mitbringen zu können. Auf dem Flug selbst darf man dann ja auch noch einiges erwerben… verrückt, aber na ja.

Die Zeit verrinnt. Schließlich steht Frau Klugmann, die wir bei einem Milchkaffee sitzend in einer der kleinen Bars am Terminal entdecken konnten, nach einer Lautsprecherdurchsage auf und geht an den Infopoint. Inzwischen ist es schon 14:30 Uhr.
Sie bekommt das gleiche Mobilteil, mit dem sich Kerstin vorhin mit Deutschland abmühte.
"Was kam da überhaupt heraus?"
Kerstin zuckt mit den Schultern.
"Ernst meinte, wir sollten warten. Die müsste uns ja abholen. Und er war schon mal froh, dass wir hier sind. Die Fahrer aus Leipzig haben ihm noch nichts mitgeteilt. Kannst Du Dir das vorstellen?"
Ja, jedes Wort!
Ich grinse in mich hinein, versuche dann jedoch an der Mimik der Frau Klugmann zu erkennen, was ihr Göttergatte und sie wohl nun gerade austüfteln.
Irgendwann legt sie auf und kommt zu uns herüber.
"So, das hat sicher noch ein Nachspiel. Ich hätte dann eigentlich noch einen Termin in Sevenoaks. Aber…"
Sie grinst…
"Nun, ich sehe mal, ob ich einen Bus auftreiben kann!"
Toll… jetzt. Das kann Stunden dauern!
"Na, wenn Ihr nicht mit der U-Bahn fahren wollt… nach 18:00 Uhr könnte es von hier aus auch knapp werden. Die Züge fahren bis acht. Danach bleibt nur noch ein Taxi. Merkt Euch das lieber gleich. Sonst steckt Ihr mal ganz blöd in London fest!"
Prima. Die Züge fahren… na ja, Hauptsache, wir kommen überhaupt an. Und schon sehen wir die Frau von hinten, wie sie erst noch einmal zum Infopoint, dann in Richtung Taxistand entschwindet. Sie wirkte nicht so, als wenn sie schon häufig einen Bus gechartert hätte. Ob sie das wirklich irgendwie hinbekommt? Ich wage mal, es zu bezweifeln. Aber sie lebt ja hier… irgendwie.
"Und wenn wir die Wagen einfach mitnehmen? Ist doch auch nur Geld drin. Verbietet uns hier keiner!"
Tobias winkt auf Beritts Rede hin ab.
"Wenn wir mit der U-Bahn in Charing Cross ankommen, müssen wir auf jeden Fall Treppen hoch. Da geht das nicht. Und vorher… beim Umsteigen am Piccadilly sicher auch… gar runter oder so. Also mit den Dingern kommen wir nicht weit. Weiß nicht einmal, ob wir hier damit die U-Bahn erreichen."
Hmm… also auch nicht. Frau Klugmann ist fort und wir wissen nicht, wie es weitergeht.

Meine Stullen sind alle.
Mittlerweile haben wir schon 16:30 Uhr überschritten und stehen seit vielen Stunden auf dem Terminal. Zweimal versuchten wir zwischenzeitlich, mal alles Gepäck in die Hände, auf die Rücken und so weiter zu verteilen. Wir scheiterten kläglich. Dabei… nun ja… die Mädels haben aber auch viel mit!
"Denkt Ihr, im Hotel gibt's eine Waschmaschine?"
Klar. Jedes Hotel bietet den Service an, und wenn wir lange da wohnen, bekommen wir sicher auch einen Rabatt, können Buntes und Weißes zusammentun… also getrennt, nur eben von uns allen. Und wenn wir Jungs uns um Organisation und so weiter kümmern, übernehmen die Mädels vielleicht das Bügeln?
Ich sage nichts davon. Dafür haben wir dann noch Zeit.
"Und, meint Ihr, wir lernen heute noch was?"
Ich habe meine berechtigten Zweifel. Aber ich bin still. Besser so. Ich will nicht als Störenfried gelten. Und irgendwann muss ja Frau Klugmann wieder auftauchen.
Thomas entdeckte meine Stereoanlage im Plastikbeutel. Mit einem geschickten Griff holte er die beiden kleinen Lautsprecher heraus und steckt sie an seinen CD-Player. Nun müssen wir zwar seine Musik ertragen, haben aber wenigstens überhaupt etwas Anderes zu hören, als nur laufend die Geräusche dieses Terminals.
"Mist… irgendwie geht das alles anders los, als wir dachten!"
Kinfe, der sich schon die ganze Zeit aufregt, sitzt auf dem Boden.
Er sieht aschfahl aus.
"Was denn, wenn die uns am Abend rauswerfen?"
Ich denke an meinen Besuch in Leipzig. Messe 1986. Die Concorde landete erst- und einmalig in Leipzig und ich fuhr extra dafür dahin. War eine spannende Sache! Aber sobald der Flieger abflog, machten die den Flughafen zu und ich fuhr dann mit dem letzten Bus des Airport-Personals zurück in die Innenstadt. Aber hier schließen die doch sicher nicht einfach alles ab? Heathrow ist so groß. Die starten und landen in einem fort und ich denke, das ist die ganze Nacht hindurch nicht anders.

Sicherheitswacht. Ein Uniformierter vom Flughafen steht neben uns. Wir fielen schon einigen auf und Thomas konnte es auch nicht lassen, die Musik zu laut zu drehen. Freundlich und höflich weist man uns darauf hin, dass wir ausmachen sollen und uns langsam um eine Abreise zu kümmern haben. Den interessiert nicht, was uns passiert und was man uns versprach. Er will Ruhe in seinem Revier. Wir packen zusammen und hoffen, dass Frau Klugmann endlich mal erscheint.

18:30 Uhr ist es. Ich kann nicht mehr stehen, sitze auf meinem prall gefüllten Koffer, sehe in Richtung des Ausganges und erkenne Frau Klugmann erst nicht. Wie das so ist. Man glaubt einfach nicht mehr an einen guten Ausgang und so verschwimmt der einem auch noch vor den Augen.
Doch, sie ist es.
"Na, Leben noch frisch?"
Ich kann die Frau nicht ab! Und wir sind ihr hier ziemlich ausgeliefert, bis wir allein klarkommen. Doch wenn sie denkt, dass wir jetzt den Schwanz einziehen… Immerhin wissen wir ja, dass nun die Zugverbindung weg und vergessen sein muss.
"Also, wir fahren jetzt!"
Brit steht gleich vor der Frau.
"Und wie?"
Unmerklich zuckt Frau Klugmann zurück. Hat sie Angst? Aber vor uns doch nicht, oder? Da muss ich aber lachen!
"Na, mit dem Taxi. Ich habe vier draußen. Müsste reichen. Drei auf die Rückbank und so weiter… Hauptsache, wir bekommen alle Koffer rein. Die haben keinen so großen Stauraum, sind aber billig!"
Oho… erinnert mich an die Schwarztaxis, die es früher am Hauptbahnhof in Dresden gab. Autobesitzer stellten sich auf den Parkplatz und warteten einfach. Nie sprachen sie selbst einen Reisenden an. Das wäre gegen das Gesetz. Wer sie ansprach, der wollte ja etwas und so durften sie ohne Strafe fahren. Freundschaftsdienst. Billig!
Und hier?
"Nein, das sind richtige Taxis. Aber die haben eben… ach was… los jetzt, lange genug gewartet. Der Tag ist schon rum… hoffentlich fehlt der uns dann nicht bei der Prüfungsvorbereitung!"
Die macht mir Spaß!
Wir laden auf. Noch können wir die Kofferkarren verwenden. Der Taxistand draußen ist links, aber wir gehen nach rechts an eine Busstation, wo jetzt vier Autos stehen. Wie geht das?
"Na, habe ich organisiert. Bekannte. Freunde meines Mannes eher. Aber na ja. Los, wir müssen jetzt schnell machen. Ehe die im Hotel auch noch zumachen!"
Zumachen?
Ich ahne Schlimmes!
Es gab auch in Dresden mal ein Hotel, wo man nur am Tage ein- oder auschecken konnte. Verrückte Sache! Dann hatte man ja seinen Schlüssel und konnte auch rein und raus, wie man wollte. Aber eben nicht an- oder abreisen. Das ging nur, wenn Personal da war. Und das ging abends nach Hause.

Vor uns stehen vier Opels. Müssen ältere Kadett sein. Nur, dass eben das Lenkrad auf der anderen Seite ist und der hinterste Taxifahrer scheint sich auch noch ein anderes Logo anstelle des Opel-Zeichen ans Auto gebastelt zu haben. Sieht aus, wie… ein Fabelwesen?
Tobias weiß wieder einmal mehr.
"Das sind keine Opels. Das sind Vauxhalls. Sind schon Opels. Aber die Marke heißt hier eben so. Haben auch noch ein paar andere Modelle. Dazu die, die wir in Deutschland kennen!"
Hmm… nun ja, schon mal etwas gelernt… zu dem, dass man in England auch einen halben Tag nutzlos auf einem Airport verbringen kann und mit dieser Schule, bei der wir sind, nicht unbedingt auf Pünktlichkeit und ordentliche Organisation rechnen darf.
"Du bist ungerecht, Stefan! Wir haben eben nur zu hohe Ansprüche!"
Issam, unser Äthiopier, schüttelt bei meiner Rede den Kopf. Vielleicht hat er wirklich ganz andere Erfahrungen machen müssen? Aber wenn man etwas organisiert und in unseren Breiten lebt, muss es doch zumindest ein wenig funktionieren, oder? Keiner lacht. Ich habe wohl eher eine wunde Stelle erwischt. Tut mir leid. Jedoch… die engen Taxis bringen mich auch nicht zurück auf die Sonnenseite.

Endlich ist alles im Kofferraum und wir können los. Die Fahrer sprechen alle noch einmal mit Frau Klugmann, während wir uns in die Wagen zwängen. Scheinbar soll doch noch im Preis nachverhandelt werden. Aber unsere Aufpasserin bleibt hart. Und los geht es.
Als wenn wir Autofahrten am heutigen Tag nur im Regen zu erleben haben, beginnt es nun mörderisch zu schütten. Ich erkenne kaum die Straße vor uns, obwohl ich das seltene Privileg genieße, vorn sitzen zu dürfen. Dabei quetschen sich drei unserer Mädels auf die Rückbank. Wollten wohl bei dieser Enge nicht auch noch einen Kerl zwischen sich haben.
Die Fahrt zieht sich. Es geht erst über einige Straßen, dann auf eine gut ausgebaute Autobahn.
Ungewöhnlich… Links vor Rechts… und alles bis zur Autobahn auch noch auf der falschen Seite. Bis hin zu den Verkehrszeichen und Ampeln. Wie sich ein Land dermaßen anders benehmen kann… na ja, ist eine Frage der Mentalität. Wenn man es eben von Kindheit an so lernt… ist wie mit der Sprache. Man kann jemandem auch eine ganz andere beibringen, die er dann als Muttersprache spricht, wenn man sie ihm nur immer wieder vorspricht und ihm auch zeigt, was sich hinter den einzelnen Ausdrücken verbirgt… wie beim Wellensittich… ja, gut, der denkt nicht beim Reden.

Irgendwann, als unser Taxi wieder einmal bremst, um die anderen drei hinter uns nicht zu verlieren, erreichen wir endlich die richtige Abfahrt. Für einen Moment holten die Scheinwerfer das Schild mit der Aufschrift ‚Sevenoaks' aus der Dunkelheit und der Regen scheint jetzt immer noch stärker zu werden.
Kleine Häuser kommen aus der Dunkelheit… verschwinden sofort wieder. Dann sehen wir eine hell erleuchtete Tankstelle und gleich danach einen Bahnhof.
"Na, dann kommen wir auch nach London!"
Ich bin voller Zuversicht.
Tobias meinte irgendwann auf dem Aiport, wenn ein Ort in der näheren oder weiteren Umgebung Londons einen Bahnhof hat, dann fährt da auch ein Zug in die Hauptstadt. Hoffen wir, dass das stimmt.
Am Bahnhof geht es nach links. Dann noch ein paar Meter und die Taxis biegen alle wie an einer Perlenschnur auf den Parkplatz des Hauses ein, das wir schon vom Prospekt kennen.
"Here it is!"
Unser Fahrer, sicher ein Inder oder ein anderer Bürger des einstigen Großreiches, lacht uns an und wir steigen aus, suchen unser Gepäck, während ein schwarz befrackter schmaler und älterer Herr die Treppe des Hotels herunterkommt, uns alle willkommen heißt und beginnt, das Gepäck zumindest aus dem Regen zu tragen. Natürlich helfen wir ihm nach Kräften dabei. Während Frau Klugmann bezahlt, stehen wir an der Rezeption und triefen schon wieder vor Nässe. Mist… aber nicht zu ändern.
"So, liebe Schüler… Fiona wird Euch jetzt die Zimmer zuteilen und dann räumt Ihr ein und macht Euch frisch. In einer Stunde treffen wir uns noch einmal hier im Frühstücksraum. Dann erzähle ich Euch ein paar Dinge und wir planen auch gleich den morgigen Tag."
Und schon verschwindet Frau Klugmann in der Bar.

Ein wenig unschlüssig sehen wir dem Butler John zu, der sich schon mit unseren Taschen beschäftigte und sie nun nach und nach die schmale Treppe neben der Rezeption hinaufträgt. Wenn er das tut, dann sind unsere Zimmer sicher nicht die schönen im Hof, die im Prospekt abgebildet waren.
Die Mädels unterdes suchen sich bereits einige Prospekte aus dem großen Schuber an der Wand heraus. Tobias meinte irgendwann, so etwas gäbe es an jeder Stelle. Besonders in Hotels, auf Bahnhöfen und so weiter. Da findet man dann eigentlich alles, was man über Gegend und Sehenswürdigkeiten wissen muss. Nun denn. Ist ja in Ordnung!

Schließlich kommt eine etwas dickliche Frau mit schwarzen Haaren und Brille und stellt sich hinter die kleine Rezeption.
Sollte das Fiona, die Hotelmanagerin sein?
Ja, sie stellt sich kurz vor und ruft dann, nachdem sie drei, vier Willkommensworte in ihren nicht vorhandenen Bart murmelte, unsere Namen in einem kaum zu verstehenden englischen Akzent auf, worauf wir uns dann melden und unsere Schlüssel erhalten.
"Only one for a Room. The Girls upstairs on the first. The Boys on the second floor. Breakfast only between seven and eight in the Morning.”
Immer wieder hören wir die Worte und können sie sogar schon ein wenig übersetzen.
Tobias hat unseren Zimmerschlüssel. Und als wir nach oben gehen, unsere Koffer suchen, sehen wir John, wie er eben diese in unser Zimmer schleppt. Na, wie bekommt der denn…? Ach, die Banderolen! Er kennt die Zimmerverteilung und kann lesen… sorry… war nur so eine Erkenntnis.
Etwas genervt gehen wir in unseren Raum. Dachzimmer. Schräge Wände. Tobias beginnt gleich, einen Tee zu kochen.
"Ich muss jetzt was tun… sonst raste ich noch aus!"
Er hat recht. So, wie das hier beginnt… aber da kommt schon Alexander herein.
"Bei Euch auch gutt?"
Gut? Nun ja… ja, vielleicht. Wenn man mal vom Standard einer Jugendherberge ausgeht… und immerhin war es wohl eine Notvariante, hier unterzukommen, oder?
Wir benutzen den einzigen Schrank im Zimmer, um ein wenig auszuräumen. Hier sollen wir nun also eine ganze Weile wohnen… toll! Aber wir werden sehen. Wenn alles andere gut geht… darf das kein Problem werden!
Ich baue die kleine Stereoanlage auf und wir suchen einen Sender, der anderes bringt, als nur Klassik. Dann sitzen wir erst einmal auf den Betten und sinnieren vor uns hin.

Wenn wir uns auch nur hier waschen können… vielleicht nicht einmal eine Dusche…
Draußen gibt es einiges Hallo. Ralf ruft herum. Ich gehe nachschauen.
"Hier… hier ist die Dusche. Aber die Mädels haben keine!"
Aha… er grinst dabei. Kerstin klettert gerade die Treppe zu uns hoch, sieht ihn herausfordernd an.
"Dann gibt es eben genaue Duschzeiten. Und wenn dann jemand zur Toilette muss, wird er natürlich warten!"
Toll… klar! Aber vielleicht sind unten noch… mehr Toiletten? Ja, sicher. Zum Glück. Für den Notfall sozusagen.
"Also, alles da. Keine Probleme!"
Noch ist Zeit. Wir gehen in unser Zimmer und ich suche meine Wörterbücher zusammen. Thomas musste natürlich auch dabei den Vogel abschießen. Schleppte ein dickes und im A4-Format gestaltetes altes Webster-Wörterbuch her. Das braucht doch kein Mensch! Zumal man uns zusicherte, dass wir zur Not auch vor Ort etwas erwerben können. Die Cambridgebücher allemal.
Die Zeit ist herum.
Im Frühstücksraum stehen die Tische in einer Art Rechteck. Hier kann man doch nicht frühstücken, oder?
"Das wird Ihr Unterrichtsraum. So wollen die Lehrer, dass dann alles steht. Und nach dem Unterricht richten Sie die normale Ordnung wieder her, damit alle Hotelgäste am Morgen frühstücken können. Wann es etwas zu essen gibt, haben Sie ja schon gehört. Also… ich denke, das klappt so."
Hmm…
Gibt es heute noch was zu essen?
Frau Klugmann sieht sich um.
"Hier nicht. Sie können aber zum Pub gehen. Gleich unten am Bahnhof. Die haben so Sandwiches, manchmal auch etwas Warmes. Und ein gutes Bier gibt es obendrein. Aber das kostet hier an der Bar auch nicht mehr. Die Briten sind ziemlich eigen. Kaum Preisunterschiede. Mal von den Nobelherbergen abgesehen. Sie verstehen?"
Gut. Es geht jetzt auf 20:00 Uhr. Haben die in England nicht so eine Art Polizeistunde? Tobias erzählte was von einem Gong… dann soll es im Pub das letzte Bier geben. Die haben zwar noch eine Weile auf, aber man bekommt nichts mehr.
"Ja, 22:45 Uhr läutet der Wirt und ab 23:00 Uhr läuft kein Bier mehr. Aber das ist noch ein bisschen hin."
Hat er wieder recht. Der weiß zu viel… und grinst mich auch noch an. Na, mal sehen… ist ja gut, wenn ich jemanden kenne, der soviel weiß… da kann ich mich nicht danebenbenehmen.
"Und wie läuft es nun morgen, Frau Klugmann?"
Beritt fragt. Interessieren tut es uns natürlich alle.
"Hmm… ja, also, ich bin so gegen 9:00 Uhr da und dann werden wir uns erst einmal den Ort ansehen. Vorher erkläre ich Ihnen noch einiges zur Organisation… wir müssen zum Beispiel um Pfingsten herum hier raus, weil das Hotel da schon ausgebucht war. Habe aber schon andere Zimmer unten im Pub bekommen. Sind eh' nur die Feiertage. Sie verstehen? Also, auch kein Problem. Werden wir dann morgen genauer besprechen."
Hier raus? In den Pub? Gab es denn nichts, wo wir ohne Umzug…? Na ja, bis Pfingsten ist es noch eine Weile. Erst kommt Ostern, dann Himmelfahrt… und dann…
Verdammt, da will Heike kommen! Muss ich morgen gleich besprechen. Mal sehen, wie wir das hinbiegen. Bis dahin kenne ich sicher schon einiges von der Gegend. Hoffe ich einfach.
Morgen… nun ja… gut denn… wir sind da. Obwohl wir schon nicht mehr daran glaubten, sitzen wir in Sevenoaks, haben Frau Klugmann vor uns und sind sogar guter Dinge.

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