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2015 Einbandgestaltung /
     Foto: Wellhöfer-Verlag

 

Leseprobe - Vogtländisches Blut(bad) - Zaulsdorfer Taubentod

 

Zaulsdorfer Taubentod

Lärm mitten in der Nacht. Die alte Kauschwitz schreckte hoch. Sie schlief schlecht in der letzte Zeit. Eine Autotür knallte zu. Vorher hörte sie laute Stimmen, später das Tuckern eines sich entfernenden Motors. Ungehörig, dachte sie. Der halbe Ort musste nun munter sein. Verschlafen quälte sie sich aus dem Bett, richtete ihr verwaschenes Nachthemd, schaute auf den Zaulsdorfer Dorfplatz. Nichts war zu sehen. Sicher wieder diese Jungs, dachte sie. Immer das Gleiche. Keine Arbeit, nichts im Kopf, aber Lärm machen. Wütend schüttelte sie ihren Kopf, ließ sich schwer zurück aufs Bett fallen. Vier Uhr. Noch zwei Stunden, dann hieß es für sie: aufstehen. Hoffentlich erinnerte sie sich an alles, was sie am beginnenden Tag tun wollte.

Der Abend brachte Dunkelheit. In Schöneck sah Jens Dobeneck auf die Uhr. Der letzte Bus war angekommen. Opas Augen wurden immer schlechter. Sollte er ihm entgegengehen? Seine Frau Susanne nickte ihm zu, bereitete weiter das Abendessen vor. Der neue Hosenanzug stand ihr. So schick für Opa? Bewundernd blickte er sie an, dann schloss er die Wohnungstür, ging in Richtung Haltestelle davon. Eine Taube saß im heruntergekommenen Vogelhaus seines Nachbarn, schaute herüber und gurrte. Viehzeug, dachte er, sah in Gedanken die Taubenschläge drüben in Zaulsdorf und schlenderte zum Wartehäuschen. Zweimal musste Opa hierher umsteigen, seit er sein Auto verkaufte und jegliche Hilfe ablehnte, der alte Sturnischel! Wo blieb er nur? Jens zuckte die Schultern und ging zurück nach Hause. Susannes Blick war fragend. Er schüttelte den Kopf, griff zum Telefon und wählte Opas Nummer. Lange tutete es erfolglos am anderen Ende.

Als Frank Dobeneck am nächsten Abend die Dorfstraße hinunterfuhr und vor dem Hoftor anhielt, sah er den alten Zedtwitz mit ausgewaschenem Arbeitsanzug und arg verbeultem Hut auf dessen Anwesen verschwinden. Sein Vater und Zedtwitz mochten sich nie. Er selbst hielt sich da raus. Der Anruf seines Sohnes Jens machte ihm eher zu schaffen. Sein Vater verpasste nie einen Termin. Alles schrieb er sich genau auf, schaute eher zehnmal als gar nicht auf seinen Kalender. Als Jens aus Schöneck bei ihm zuhause in Oelsnitz anrief, meinte der, Franks Vater wäre nicht da, meldete sich nicht einmal am Telefon? Ungewöhnlich.
Die alte Kauschwitz lief im schummrigen Licht der einzigen Laterne an ihm vorbei. Er verkniff sich ein Lächeln, weil ihr das Kopftuch halb über die Augen gerutscht war, grüßte sie freundlich und schüttelte den Kopf, als sie nach einem Nicken ihre Katze an der Hundeleine zu sich heranzog. Sein Vater befahl ihr die Leine, denn Minka ging gern auf Tauben. Zum Leidwesen der Züchter im Dorf. Sein alter Herr baute einst den Zuchtverein auf. Der kam zu einigen Ehren. Das Dorf nur zu Taubendreck.
Er fummelte, um den alten Schlüssel ins Schloss des Hoftores zu bekommen. Abgeschlossen. Das konnte alles bedeuten. Langsam ging er über den vom Gras durchbrochenen Kiesboden zum Haus, hörte, wie sich Vaters Tauben im Verschlag bemerkbar machten. Dunkelheit umfing ihn. Kein Licht schien vom Haus herüber. Verflixt, dachte Frank, was war hier nur los?
Er schloss die Haustür auf. Von drinnen wehte ihm muffiger Geruch entgegen. Das Telefon klingelte. Er ignorierte es, ging durch alle Räume. Nichts. Es sah ordentlich aus. So ordentlich, wie man es bei einem alleinlebenden alten Mann erwarten durfte. Vom Vater fehlte jedoch jede Spur. Frank spürte ein leichtes Ziehen in der Herzgegend. Der Alte verschwand doch nicht einfach so, dachte er.
Der Anrufer gab nicht auf. Das dritte Mal setzte die Klingelmarter ein. Er nahm ab.
„Ja, Jens. Ich bin da. Nein, Vater fehlt. Keine Ahnung, nicht zu finden. Ich gehe noch in den Stall und zur Scheune. Hier war aber alles abgeschlossen. Komisch.“

Der kommende Tag ging gar nicht gut los. Kaum stieg Kommissar Holger Tremnitz aus dem Wagen, den er unwissend in einer grasüberwucherten Schlammpfütze parkte, da sah er etwas von oben fallen und fluchte. Toll! Taubendreck. Die Hose war neu. Seine Kollegen meinten, er solle sie kaufen. Als altgedientem Junggesellen fehlte ihm dafür der Blick. Und nun? Wegwischen? Nein, der Fleck würde so nur noch schlimmer! Angewidert schaute er an sich herunter, klickte den Wagen per Fernbedienung zu und ging am Teich des Kottengrünen Baches vorbei, bog in den Kirchberg ein und läutete am ersten Hof rechts. Ein hochgewachsener Mann, vielleicht Mitte vierzig, öffnete und schaute ihn fragend an.
„Tremnitz. Kripo Plauen. Ich komme wegen Ihrer Vermisstenanzeige.“
Das Gesicht des Mannes, der sich als Frank Dobeneck vorstellte, hellte sich trotz des sorgenvollen Blickes ein wenig auf. Sie gingen hinein. Nach gut einer Stunde meinte Tremnitz, einen Überblick zu haben, verabschiedete sich und lief noch einige Schritte durchs Dorf, hinauf zur Märchenferienanlage, vorbei an schön hergerichteten Höfen und baufälligen Scheunen, hinüber zu den Windrädern und wieder hinunter zum Anger. Taubenschläge gab es viele, dazu hörte er überall eintöniges Gurren und versuchte instinktiv, herumfliegenden Tauben auszuweichen. Dann fuhr er zurück nach Plauen. Vermisstenfall. Noch 24 Stunden warten. Dann schickt er die Kavallerie. Groß angelegte Suche? Mal sehen!

„Nein, Ernst, nein, Du siehst doch, was hier los ist. Kümmere Du Dich im Sinne meines Vaters um den Verein, aber erzähl’ mir nichts vom Dorfgeschwätz. Dazu fehlt mir die Zeit. Ich habe Vaters Tauben zu versorgen und warte auf Nachricht von der Polizei, verstehst Du?“
Drei Tage vergingen, seit der Kommissar bei Frank geläutet hatte. Gestern erst rückte die große Truppe an und durchkämmte alle Gehöfte, die Felder und den Wald. Sogar mit Boot und Stangen gingen sie dem Teich zu Leibe. Nichts. Keinen Hinweis auf seinen Vater fanden sie. Kurz darauf kam Ernst Kauschwitz zu ihm, wollte mit ihm schwatzen. Pietät war für ihn etwas anderes! Sein Gast schimpfte noch auf dessen Mutter, die alte Kauschwitz. Sie vergaß wohl in letzter Zeit fast alles. Dann brachte Frank ihn an die Tür, ging darauf in die Scheune und holte Vaters Spezialtaubenfutter. Feines Zeug. Die Tauben mochten es. Schlag für Schlag befüllte er, ertappte sich dabei, wie er mit einigen Vögeln sprach. Manchmal verstand er sich selbst nicht. Seine Frau tat es hin und wieder. So, wie jetzt. Er musste hier sein, nicht zuhause.

„Versuchen Sie bitte, viel zu trinken. Wir sind gleich bei Ihnen“, meinte der Einsatzleiter am Telefon, während er Adresse und Einsatzbefehl eintrug und den Wagen nach Zaulsdorf dirigierte. Sicher eine Lebensmittelvergiftung. Die Stimme des Anrufers klang jung und war schwer zu verstehen. Er gab seiner Kollegin einen Wink. Die instruierte die Wagenbesatzung nach seinen Notizen. Zehn Minuten würde man brauchen. Kurz für das riesige, von Oelsnitz aus zu versorgende Gebiet von fast 58 km².

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