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2013 Einbandgestaltung
     und Foto: Stefan Jahnke

 

Leseprobe - Expedito

 

Kapitel 1 - Weit zurück (Auszug)

...

Der Sturm nimmt erst ein wenig ab. Regen peitscht in den Wald und die Bäume ächzen, haben Mühe, sich zu halten. Wiese und Boden auf der kleinen Lichtung sind völlig durchtränkt vom Wasser und jeder Schritt verursacht ein schmatzendes Geräusch. Dieser Wetterumschwung sorgte für einen Temperatursturz, der alle, die bei diesem Wetter draußen sein müssen, das Frösteln lehrt.
Sven lehnt an einem Baum und versucht, mit sich und der Umgebung klarzukommen. Verdammt, denkt er, das war knapp! Dann überlegt er und glaubt den Bildern nicht, die da in seinem Kopf sind, die einfach nicht wahr sein dürfen. Nein, ein Mensch wird sicher nicht durch die Luft gewirbelt… und wenn doch, so kommt er nicht so unbeschadet auf, wie er.
Jana… es durchzuckt ihn. Jana war eben noch neben ihm… und nun?
„JANA!“
Er ruft in die Umgebung. Nur das Grollen des endlich wieder abziehenden Sturmes ist zu hören. Er sucht um sich herum, erkennt gar nichts, meint, er könne doch nur ein paar Meter vom Festplatz zwischen den Klostermauern entfernt sein, und schimpft sich einen Dummkopf, weil er die vielen kurzen Pausen in Altzella nicht nutzte, um sich einmal genauer in der Umgebung umzutun. Nun kennt er hier nichts und… ja, sein Handy könnte ihn vielleicht leiten. Er fingert an seiner Hose. Diese Klamotten besitzen leider keine wirklichen Taschen und so muss er alles, was er sonst in die Hosentasche stopft, in eine extra Gürteltasche stecken. Er flucht noch einmal. Ja, die Tasche ist da, aber leer… irgendwie muss er vergessen haben, sie richtig zu schließen und…
Wieder sind da diese Bilder, die er nicht glauben will noch kann. Nein, er flog nicht. Nein, er tat auch sonst nichts, was man einfach nicht tut… und er sucht Jana. Wo ist sie nur? Sicher versteckt sie sich hinter einem der nahen Bäume und lacht sich gleich schief und krumm, weil er sie sucht und sich dabei auch noch recht unbeholfen anstellt. Dann schüttelt er den Kopf. Nein, nein, das ist alles irgendwie… Mist!
„JANA!“
Er ruft noch einmal. Nun müsste sie ihn schon bemerken, wenn sie irgendwo in der Nähe steht und ihn hören will. Der Sturm ebbt ab. Er sah noch eine Weile diesen Trichter, nein, eher das obere Ende dessen über den Bäumen. Doch dann konnte er nichts mehr sehen, weil der Himmel dunkel blieb und der Trichter weit weg war.
Er läuft ein paar Meter… War da eben etwas? Ein Keuchen? Er weiß es nicht. Dann sieht er einen Schatten, der zur Seite huscht.
„Hahaha, sehr witzig, Jana. Wirklich! Los, komm… Mir geht es gerade wirklich nicht zu gut. Oh Mann, diese Kopfschmerzen! Na ja, komm schon, los!“
Nichts. Er geht in die Richtung und…
Da rennt ein Fuchs. Ja, wirklich. Rostbraun und mit einer recht spitzen Schnauze, einem… etwas zerfransten Schwanz. Man kann den Fuchsschwanz noch erkennen, auch wenn er rennt. Was macht der hier? Er lacht sich aus. Wenn nicht hier, wo sollen diese Tiere denn leben? In der Stadt sind sie schon, streichen um die Müllkübel, hoffen, sich dort einfach etwas zum Fressen besorgen zu können und…
Der da? Der schien nicht wirklich scheu zu sein, rannte aber doch weg. Als wüsste er nichts von den Menschen. Na ja, übertrieben.
„So, jetzt reicht es mir aber echt, Jana! Komm raus und dann gehen wir wieder rüber zum Kloster…“
Er steht vor den Bäumen. Links… alles dicht. Unterholz… Dornen. Weiter. Auch alles dicht. Bald ist er eine ganze Runde um die kleine Lichtung herum und fand keinen wirklich als Weg zu bezeichnenden Durchlass. Ja, so ein Fuchs kann schon… na ja, der könnte da durch. Er aber? Verflixt… dass es solche Lichtungen noch gibt! Er schaut an den Bäumen nach oben.
„Och nö, oder?“
Regen… wieder lassen die Wolken alles aus sich heraus, was sie nicht mehr halten können. Er wischt sich über die Stirn, blinzelt und versucht, das Wasser aus den Augen zu bekommen.
„Mann, heute geht auch alles schief!“
Er muss zu seinem Transporter. Nur noch heim. Klatschnass fühlt er sich, und wenn er sich anfasst, an sich herunterschaut, trügt ihn dieses Gefühl auch nicht. Die linke Schulter tut auch noch weh und… na ja, er braucht sich nicht zu beschweren, denn er hat nicht viel zu tun. Etwas lesen, dann den Leuten eine Geschichte erzählen und sie zu Jana an den Stand schicken, wo sie die Salbe und die Kräuter zur Geschichte kaufen können. Man glaubt gar nicht, in wie vielen Sagen dieses Zeug vorkommt… nachdem er sie anpasste und sich in sein gutes, altes Buch entsprechende Ergänzungen einlegte.
Er grinst. Ja, na ja, es ist eben so. Aber Jana kann trotzdem etwas erleben! Wenn er sie nur schon hätte…
Wie kommt er in den Wald? Wohin sollte er sich wenden? Handy… ist weg. Damit auch der Kompass. Mühsam denkt er nach. Man bindet sich zu sehr an diese moderne Technik. Als Kind konnte er die Himmelsrichtung auch mithilfe der Sonne bestimmen.
Jetzt sieht er einen Strahl. Dort muss sie stecken… die Sonne. Jana fehlt immer noch. Er denkt nach. Wenn die Zeit noch stimmt, ist es jetzt kurz nach dem Mittag und die Sonne steht im Süden. Dann muss er… nach Osten laufen, um eine Straße, das Kloster oder auch Nossen selbst zu finden. Na ja, hmm… kann ja nicht zu schwer sein, oder?
Er nickt sich selbst zu und… steht schon wieder vor der Wand des Waldes. Langsam schüttelt er seinen Kopf.
„Mann, wo bin ich hier nur?“
Dann greift er auf die andere Seite. Dahin, wo ihm das Gehen etwas wehtut. Muss er drauf gefallen sein. Und dieses Messer, dessen Scheide man nur mit einem Clip am Gürtel befestigt, hielt. Die blöde Tasche ist unnütz. Am Liebsten würde er sie wegwerfen. Trotzdem… war auch nicht billig. Nein, er behält sie, selbst wenn weder Geldbeutel noch Handy darin überlebten. Alles fort.
„Was nun?“
Er schaut auf die laut Gesetz für eine offen zu führende Klinge viel zu lange Stahlspitze. Hier jedoch könnte er eher eine Machete gebrauchen. Hat er aber nicht. Gut. Himmelsrichtung stimmt… nimmt er mal an. Dann versucht er, irgendwie einen Blick in den Wald zu werfen. Hmm… dunkel. Noch viel dunkler, als es eben über ihm wird. Wieder solch eine schwarze Wolke, gleich einem Fabelwesen, die nur Regen und noch mehr Blitze bringen kann.
Schlucken. Noch einmal schaut er zurück auf die Lichtung. Nein, da gab es keinen Weg. Und wie kam er hin? Unweigerlich wandert sein Blick nach oben. Zum Himmel… Nein, das kann irgendwie nicht sein, oder? Er flucht vor sich hin, hält sich dann den Arm… na ja, wenn er jedoch diese… Schmerzen bedenkt… hat er eher Glück, dass…er noch lebt.
„JANA!“
Er will… nein, er bleibt in den Dornen hängen, kommt sich ein wenig wie der Prinz aus Dornröschen vor. Wie lange hörte er dieses Märchen nicht mehr? Weiß er nicht mehr. Jana meinte noch, er könne ruhig einmal das alte Märchenbuch hervorholen und sich wieder einlesen. Irgendwann werden sie schon Kinder haben. Ist sie…? Nein, das hätte sie ihm sicher gesagt. So gemein ist sie… nun wirklich nicht.
Gemein…
„Jana… JANA!!!“
Nichts. Nur wieder ein Fauchen des Sturmes, der noch mehr Regen herunterschickt, der eher… wie sagt man so schön? Bindfäden? Ja, Bindfäden gleicht dieser Regen. Und wenn es so weitergeht, ist die Luftfeuchte sicher bei 200 Prozent. Er lacht über den alten Witz, der seinem Vater zugesprochen wird. Bei 90 Prozent Luftfeuchte stehen von 100 Menschen 90 bis zum Hals im Wasser. Hahaha… nein, nicht wirklich lustig. Er flucht schon wieder, schaut nach oben. Es wird noch dunkler. Fast schon wie tief in der Nacht. Unwirklich sind noch einige erleuchtete Wolkenfäden zu erkennen, ansonsten herrscht tiefe Finsternis. So schlimm sollte es doch gar nicht werden, oder? Wetter… Na ja, wer verlässt sich heute noch auf den Wetterbericht?
Sven fröstelt.
Globale Erwärmung… hier wohl eher nicht! Dann erkennt er die eigene Hand vor Augen nicht mehr, beginnt zu stolpern. Dabei sucht er doch nur eine Stelle, wo ihn ein paar Äste vor dem Schlimmsten retten. Patsch… das war noch eine Pfütze. Egal. Ist eh’ alles durch. Die guten Lederstiefel, gar mit Stulpen und eine wirklich ordentliche Arbeit aus Italien… mit Profil auf der Sohle und richtig angepasst an seine unförmigen Füße, die sich immer zwischen zwei oder gar drei Schuhgrößen tummeln, ziehen nun auch Wasser. Nass… es quietscht drinnen und er spürt es schon… bleibt er jetzt nicht bald irgendwo sitzen, reibt er sich herrliche Blasen. Ideal… nasse Haut, quietschendes Leder, Wasser in Verbindung mit Schweiß… nein, das kann nur in blutigen Füßen und herrlichen Schmerzen enden.
„Mist!“
Wieder eine Pfütze und… Gong… dann auch noch ein Ast.
„Es reicht… ES REICHT WIRKLICH!“
Er ist sich nicht ganz sicher, wen er jetzt eben anschreit. Scheinbar bleibt er allein, hat niemanden in der Nähe und verstehen kann ihn der vorhin geflohene Fuchs sicher auch nicht.
Dann…
Ein Zischen scheint es zu sein. Oder bildet er es sich nur ein?
Taghell wird alles um ihn. Unwirklich, wie, als wenn man eine völlige Dunkelheit durch einen alten Schwarz-Weiß-Film ersetzt. Keine Farben, nur eine Überflutung mit Licht.
Blitze… lange, kurze. Er sieht einige am Himmel, andere nur, weil sie alles um ihn herum erhellen. Doch noch bleibt der Donner aus. Dann kommt auch der.
Rumms… Ein Getöse um ihn herum. Er hält sich die Ohren zu, erreicht damit gar nichts. Nicht einmal richtig fluchen kann er. Nichts ist möglich. Doch noch scheint das Gewitter nicht direkt über ihm zu stehen. Es dauerte einige gezählte Sekunden zwischen den vielen Blitzen und dem nun kaum enden wollenden Donner.
„Schöne Freunde habe ich!“
Niemand scheint ihn zu suchen. Das wird er auswerten, mit jedem Einzelnen von den Schaustellern und Händlern reden. Sie kennen ihn und… sie vermissen ihn mit Sicherheit schon, scheinen aber weder zu suchen noch zu rufen. Allen voran Jana. Die kann was erleben! Na, Mädel… das Gewitter ist noch lange nicht zu Ende!
Wieder ein Zucken. Unwirkliches Licht. Dann sofort der Donner.
Sven dreht sich um seine eigene Achse, fällt und schlägt sich den Kopf an einem herumliegenden Stein. Nein, das Bewusstsein verliert er nicht. Ganz deutlich sieht er die Flammen, wie sie unweit von ihm aus dem Boden schießen, sich über die nasse, eigentlich überschwemmte Lichtung in Richtung Westen… ist das der Westen? Er nimmt es an… in Richtung Westen fressen und bald am Wald ankommen müssen. Soviel… Feuer!
Der Blitz schlug vielleicht hier direkt ein und das, was ihn aus der Bahn warf, war nicht der plötzliche Donner und sein Erschrecken darüber, sondern… der Blitz und sein Werk am Boden?
Er blinzelt und schafft es endlich, sich wieder aufzusetzen. Instinktiv zieht er die Beine an, nimmt eine Stellung ein, die ihn schützen soll, es aber bei diesem Wetter gar nicht kann.
Nun zuckt er noch einmal zusammen. Verdammt, was sollte denn das? Beim letzten Blitz war es ihm, als sähe er in zwei Augen… niedriger als er, aber nicht gerade…
Da, schon wieder. Nur ein Stück weiter… nein, näher. Das ist…
„Scher Dich…“
Er zieht das Messer und sticht wütend in die Richtung. Irgendetwas erwischte er. Ein Jaulen ist zu hören. Dann versucht etwas, ihm sein Messer zu entwinden… oder einfach mit diesem im Wanst davonzurennen. Nein, er täuscht sich sicher… das ist…
Festhalten. Das ist sein Messer, und wenn das Gewitter vorüber ist, muss er immer noch von dieser blöden Lichtung herunter, was, weil alles zugewachsen ist, nicht so einfach… wird.
„Verdammt, hiergeblieben… das ist mein Messer!“
Er sticht noch einmal tiefer zu, zieht dann am Griff und… spürt, wie etwas geschnitten wird. Dann setzt das Jaulen aus und etwas fällt vor ihm hin. Na, besser so. Nur…
Schaudernd denkt er daran, vielleicht einen Menschen getötet… zu haben? Nein, bitte nicht! Aber… nein, der hätte sich doch bemerkbar gemacht und… Vorsichtig fasst er an die Stelle, wo er eben sein Messer herausziehen konnte. Etwas Felliges liegt dort. Fell… ja. Und nass. Warm und nass. Da scheint auch noch Leben zu sein. Ganz wenig. Ein leichtes Heben und Senken meint er zu spüren. Sicher täuscht er sich, oder? Egal. Er hat sein Messer und…
Wieder ein Blitz. Ist das was Dunkles daran? Wirklich Blut? Kaum zu glauben, oder? Er kann eh’ nichts erkennen. Darum ist es ihm auch egal. Ob dieses Gewitter endlich verschwindet? Na, auch dann kommt er sicher nicht weiter. Seine Uhr liegt zwar im Transporter, aber sicher geht es jetzt auf Abend, gar Nacht zu.
Er legt sich auf den Boden. Der Regen lässt nach, und auch wenn hier überall Nässe ist, kann er nur auf den Morgen warten, sich dann dem Wald und vor allem dem Unterholz widmen.
Vorsichtig legte er sich auf das Fell des wohl nun toten Tieres. Da ist keine Bewegung mehr. Erst schaudert es ihm, dann denkt er daran, dass etwas, was solch ein Fell hat, entweder ein Schaf ist… nein, das stinkt anders… oder ein Wolf. Na ja, übertrieben… vielleicht auch ein davongelaufener Schäferhund, den man mit irgendetwas Wildem kreuzte. Das Ding beißt doch hoffentlich nicht zu, oder? Er lässt es darauf ankommen. Was soll’s? Egal, wohin er kriecht… hier ist es überall nass, das Vieh, was immer, wird ihn, wenn es noch lebt, finden… und hier kann er wenigstens seinen Kopf etwas weicher betten, als nur auf dem Boden.
Er schläft ein.
Träume. Wilde Träume sind es eher. Nein, die haben nichts mit Mädels und solchen Abenteuern zu tun. Nicht, dass er sich zurückziehen würde oder nur Jana treu sein will… na ja, ergibt sich etwas, ergibt sich eben etwas. Er grinst kurz. Doch… er träumt eher von wilden Flügen durch die Luft, von Gewitter, Anziehungen, Regen, unwirklichen Fabelwesen und… na ja, einem Sturz aus dem Himmel auf die Erde, wo man nicht wieder wegkommt, auf das nächste Gewitter warten muss, um diese Lichtung verlassen zu können.
Schweißgebadet wacht er irgendwann auf, greift unter sich, spürt das Fell, den inzwischen kalten Körper darin. Tot. Er brachte den Tod. Dabei umging er bisher alle Arten des Tötens… na ja, die Zeit, die er sich als Hobby aussuchte, ist nun nicht gerade friedlich zu nennen, aber er muss ja niemanden verletzen oder gar töten. Er ist eben… einer, der sich nur für jene Zeit ab dem 11. Jahrhundert interessiert. Und eben dieses Interesse fand er, als er beim Militär war. Er, der nie eine Waffe anfassen wollte, wurde Stabsschreiber bei einem Musketen sammelnden Offizier. Auch Feuerstöcke, nach der Forschung wohl die Vorgänger der Pistolen und Gewehre. Woher der alte Militärmann die bekam interessierte Sven nicht. Er fand die Technik interessant und las schließlich vieles darüber.
Nun… ist er munter und sucht eine Stelle, wo er sich erleichtern kann. Nicht so einfach in dieser Kluft. Gürtel auf, Gürtel ab, Hemd hoch, Hose herunter und… na ja, der Rest ist alt bekannt. Zum Schluss alles wieder return, wie er denkt und dabei lacht. Verrückte Zeit! Dabei ist alles triefend nass und er weiß jetzt schon, dass er sich sonst was wegholen wird. Auf jeden Fall einen ordentlichen Schnupfen… Sommergrippe oder so. Er freut sich schon darauf! Jana wird meckern und er weiß nicht, was er antworten soll. Na ja, vielleicht wird es nicht zu schlimm!

„Autsch!“
Unter den Blättern der wohl höchsten Krone der Bäume ringsum regt sich etwas.
„Verdammt, wo stecke ich denn fest?“
Die hohe und doch feste Stimme ist unverkennbar. Jana. Sie hält sich krampfhaft an einem Ast fest und versucht, das Gleichgewicht zu halten, schaute eben noch durch die Blätter in die Morgensonne, die so tut, als könne das Wetter kein Wässerchen trüben.
„Klar, gestern Gewitter und heute… Mann, was ist bloß los? Wie komme ich denn hierher?“
Vorsichtig lugt sie noch einmal über die Blätter und sieht nur Baum an Baum, Kronen, soweit das Auge reicht, ein Mischwald, der sehr gut genährt, einfach in einem TOP-Zustand zu sein scheint. Hier? Bei Nossen? Sie erinnert sich an das Fest gestern … das Gewitter. Doch sie fuhren über die Autobahn hierher und da waren Apfelplantagen, weite Felder und Windräder. Hier? Nichts. Gar nichts.
„Wieder so eine Verarsche! Na, sicher liege ich hier in so einem komischen Panometer… wo beginnt das und wo hört der Himmel auf? Hmm… Erst einmal Halt suchen!“
Nun schaut sie nach unten. Ihre Fichte… es muss eine sein… die hat nur oben ihre Nadeln und die stechen ihr eben dermaßen in die Finger, dass sie am liebsten richtig laut schreien würde, es aber besser lässt.
Wie, fragt sie sich immer wieder, wie kommt sie hierher?
„Sven? Bist Du hier irgendwo?“
Nichts.
„SVEHEN???“
Wieder nichts. Nur einige Vögel rufen ihr entgegen und unten auf dem Waldboden war auch eine Bewegung. Nicht klar auszumachen. Ist verdammt hoch. Nein, Angst hat sie nicht. Nicht vor der Höhe. Eher davor, wenn sie erfährt, wer oder was sie hierher hob. Und wenn sie daran denkt, dass sie in der Nacht hätte bei nur einer falschen Bewegung durch die brüchig erscheinende Astgabel rutschen können, wird es ihr auch nicht besser.
„Mann, Mittelalter… blödes Fest! Ich mache das nicht mehr. Die Wochenmärkte sind auch gut. Und Sven unterstützt mich eh’ nicht richtig. Na ja, eben nicht wirklich…“
Sie hat gleich ein schlechtes Gewissen, ruft noch einmal, hört nichts, als das Rauschen des Waldes als Antwort.
„Okay, dann erst einmal runter!“
Unter Auferbietung aller Kräfte beginnt sie, sich aus der Gabel herauszuziehen. Nicht so einfach. Sie ist nicht dick, aber dieses Ding scheint ihr wie angegossen zu sitzen. Hätte sie eine Säge dabei, würde sie sich lieber losschneiden… und den Rest unten entfernen.
Endlich, es dauerte sicher eine ganze Weile, kann sie wieder richtig atmen. Auch so eine Sache, die sie erbleichen lässt. Noch ein Stück enger und nicht nur ihre Brüste wären im Eimer… na ja, niemand weiß, dass sie sich vor zwei Jahren einer eher kleineren Vergrößerung unterzog, und diese Implantate… nein, sie lässt sie nicht wechseln. Zuviel Stress. Sie ist froh, dass die Dinger drinnen stecken und alles gut ausging. Nicht einmal Sven bemerkte etwas, als sie ihn damals kennenlernte. Die Narben sitzen eben genau darunter. Aber… wenn der Billigkram platzt…? Nein, passierte zum Glück nicht.
Luft… Luft zum Atmen. Sie zieht sie ein, sie versucht, tief zu atmen, sich nicht noch einmal einengen zu lassen und… schaut nach unten.
Dann beginnt sie einen waghalsigen Abstieg.
„Mann, ich bin doch kein Eichhorn, oder? Wie, verdammt noch eines, komme ich hier hin?“
Keine Antwort… weder aus ihr drinnen noch von draußen. Ja, von wem wohl auch? Sie flucht und reißt sich an einem Ast ein bisschen die Hand auf.
„Autsch… Mann, das tut weh. Bloß gut… nur die Linke… die Impfe gegen Tetanus ist erst ein Jahr alt. Mann, wenn ich hier unten bin und den Kerl erst in die Finger bekomme…“
Sie hält inne, denkt an den Wald, den sie von oben sah. Er erinnerte im Entferntesten an die unberührten Wälder Brasiliens. Na ja, andere Bäume, aber diese Weite… sie schluckt. Wo ist sie hier? Wo ist dieses Nossen? Von Weitem sahen sie vom Stand im Klosterhof einige der Windräder entlang der Autobahn. Ja, man musste die Augen in die Hand nehmen. Aber… nein, das ist… mehr als nur komisch!
Endlich schafft sie die halbe Höhe. Hier gibt es nun gar keine Äste mehr. Sie schaut sich um, zieht ihr Halstuch hervor und legt es um den Stamm, hält sich links und rechts richtig fest und beginnt, mit dem Tuch und den Füßen am Stamm nach unten zu laufen. Dies lernte sie mal in einem Hochseilgarten, und auch wenn der damalige Führer ihnen diese Technik nur einmal zeigte, machte sie es gleich nach und schien sie zu beherrschen. Nur das Tuch…
„Na toll!“, schreit sie und hört ein Ziehen, dann ein lautes ‚Ratsch’ und… sie fällt die letzten gut zwei Meter nach unten.
„Och… aua… autsch!“
Sie landet zu Füßen des alten Baumes im… feuchten Moos. Zum Glück feucht. So kann es den Sturz ein wenig besser abfedern, als im trockenen Zustand. Sie verliert trotzdem für einen Moment jegliche Besinnung, kommt dann erst ein wenig zögerlich zu sich und sieht um sich herum nur Büsche.
„Na toll… nun nicht mehr oben, aber auch nicht schlauer!“
Sie schnieft ziemlich laut…
Was erwartete sie? Sie schimpft sich selbst aus. Nichts natürlich, denn wo Wald ist… ist nicht viel anderes.
„Hmm…
Sie schaut wieder und wieder um sich, blickt dann an die Bäume, die nicht einmal mit Moos oder Verfärbungen der Rinde verraten können, wo ihre Wetterseite ist. Wie auch? Dichter Wald… da kann man vergeblich nach solchem suchen. Oben? Vielleicht ist da etwas zu erkennen. Sie wird versuchen, die Sonne zu erhaschen und dann festzulegen, wie spät es ist, damit sie in nur eine Richtung gehen kann. Ist es falsch… kann sie später alles besser machen. Na dann… Puh!
Da… ein paar Strahlen. Na, wenigstens etwas! Da wachsen Brombeeren. Sie pflückt sich einige und stillt ihren immensen Appetit. Hunger? Nein, den hat sie nicht wirklich. Der Abstieg war anstrengend genug.
Sie flucht noch einmal vor sich hin. Was soll das alles? Wo, zum Teufel… oder wer auch immer dafür zuständig sein könnte, ist sie nur? Keine Ahnung. Nur Wut ist in ihr… worauf? Das bleibt offen.
Erst vorsichtig, dann, weil sie nicht weiterkommt, auch rabiat und um sich stampfend, sucht sie einen Weg durch das recht dichte Unterholz. Sie überlegt einen Moment. Wie war das? Ja, in Berlin kann man in jede Richtung gehen… 100 oder 200 Meter in der Innenstadt. Dann kommt man an eine U- oder S-Bahnstation. In den heutigen Wäldern gilt dafür… einen oder zwei Kilometer in eine Richtung laufen und man trifft zumindest auf eine Schneise. Wenn das hier ebenso zutrifft, kann sie sich nicht verirren. Zwei Kilometer… solange hält die Sonne durch und sie kann ihr immer entgegenlaufen. Ob sie noch im Osten steht… etwa dort? Sie hat keine Ahnung, aber sie hofft es und überklettert einen zerfressenen Baumstamm, sieht dann Kot von wer weis welchen Tieren, schreckt Vögel auf und findet… immer noch keinen Hinweis auf Menschen. Nichts… einfach nichts. Hier müsste doch mal ein Baum umgehauen worden ein, hätte man sicher ein Schild aufgestellt mit alledem darauf verzeichnet, was man hier nicht darf, und eine Schneise, von der aus man schnell einen möglichen Waldbrand bekämpfen könnte, sollte auch existieren… selbst in weniger erschlossenen oder teilweise naturbelassenen Gegenden. Zumindest stand das einmal in so einer Naturzeitschrift. Sie kommt gerade nicht auf den Namen. Verdammt aber auch!
Hier ist es kalt und ihre Klamotten sind auch noch total durchnässt. Prima… Genau dieses Gefühl liebt sie… gar nicht. Nein, sie will nur noch weg, sehnt sich nach einer heißen Badewanne, will sich hier nicht mehr… aufhalten lassen. Kann man das so sagen? Nein, sicher nicht. Sie flucht und fällt über eine Wurzel. Hat sie denn keine Augen mehr im Kopf? Ja, die Sonne scheint sich schon wieder hinter den Wolken zu verstecken und die Blätter tun auch noch ihr Übriges…
Sie flucht schon wieder in sich hinein und will nur noch raus aus diesem verfluchten Wald. Kann ein Wald verflucht sein? Sie weiß es nicht, rafft sich aber auf und schaut betreten an sich herunter.
„Verdammt noch einmal!“
Das Kleid schneiderte sie sich selbst, steckte viel Arbeit hinein. Natürlich. Sven sah gar nicht hin. Er meinte, das wäre ihre Sache und sie solle sich nicht so haben, aber sie lässt sich doch nicht… ärgern. Erst recht nicht von ihm.
Wieder sind da diese Gedanken.
Was kann er eigentlich? Warum liebt sie ihn? Liebt sie ihn wirklich noch immer und was wäre, wenn sie ihn nun verlässt? Hmm… in gewisser Weise tat sie das ja nun schon, denn sie hockt hier im Wald und… na ja, sie will nicht darüber nachdenken, lieber laufen und eine Ortschaft suchen. Wie sie hierher kam… na ja, sie hat keine Ahnung und eigentlich interessiert es sie nur bedingt. Nun denkt sie auch noch solch einen Stuss! Klar interessiert es sie. Was denn sonst? Nein, das ist doch alles nur… Mist!
Da vorn scheint es heller zu werden. Vielleicht endlich diese Schneise oder ein richtiger Weg, ein Dorf… sie lauscht. Nichts, nichts zu hören. Nur ein ganz leises Rauschen. Kommt das von den Blättern und Nadeln über ihr? So einen gut erhaltenen Mischwald sah sie lange nicht mehr. Wirklich… immer wieder schaut sie um sich, pflückt noch ein paar Beeren und hofft, die richtige Richtung eingeschlagen zu haben. Na, kann doch eigentlich nicht zu viel schiefgehen, oder?
Da… jetzt ist sie…
Huch!
Steil geht es nach unten. Da sieht sie einen Fluss. Nicht zu breit. Vielleicht nur von den Wassermassen der letzten Nacht angeschwollen und nun etwas tobend und tosend hier zwischen den beiden Felshängen. Mann, wo ist sie denn hier nur?
Sie schaut sich um.
Hmm… gibt es irgendwo Spuren? Wenn ja, sagte Sven einmal, als er sich wieder in irgendeine Geschichte vertiefte und gar begann, sich Stichpunkte aufzuschreiben, um später einen Roman daraus zu machen, wenn man also Spuren findet, soll man ihnen nicht entgegen gehen, sondern ihnen folgen. Denn so können sie nicht noch älter werden und man findet zumindest die Überreste des…
Sie flucht noch einmal.
Sven und seine Geschichten.
Ja, ja, die Überreste des Läufers könne man so finden und weiß eben, dass der auch nicht zum Ziel fand. Sehr ermutigend! Sie schluckt und nimmt sich vor, ihrem Mann den Kopf zu waschen, wenn sie ihn wiedertrifft… wenn… na ja, das kann dauern oder schnell gehen.
Sind hier nun Spuren? Sie sucht vergeblich. Nicht einmal Tiere standen hier. Klar, die kennen sich meist in der Gegend aus und warum sollten sie sich hier auf den Felsenkamm stellen und ins Wasser schauen, wenn sie doch sicher den Ort kennen, wo sie ungehindert über das Wasser kommen oder so nahe heran, um daraus zu trinken? Sie flucht schon wieder und nimmt sich vor, diese ewige Flucherei in Zukunft abzustellen. Ob es ihr gelingt, kann sie zwar gar nicht sagen, aber… na ja.
Hmm… keine Tiere, keine Menschen. Zumindest keine Spuren von ihnen. Langsam wird es gruselig. Sie flucht vor sich hin und schaut noch einmal in die Umgebung. Vielleicht alles nur verwischt?
Unbekanntes Gebiet. Ihr Vater machte manchmal Scherze, waren sie in einem der vielen Gebirge in ihrer Umgebung unterwegs. Sächsische Schweiz, Böhmische Schweiz, Riesengebirge, Erzgebirge, Isergebirge… na ja, gab auch noch andere und jeder Urlaub führte sie in ein anderes. Einmal wären sie auch noch eingegangen, hätten sie sich nicht in der Nähe des Altvaters in der Tschechei selbst Mut zugesprochen… Oh, lange her. Und er machte immer diese Scherze, waren sie gerade in der Nähe einer Grenze…
„Wenn die Leute anfangen, Polnisch zu sprechen, sind wir falsch!“
Hmm… na ja, was soll sie dazu sagen? Hier aber… hier redet gar keiner, hier ist einfach niemand.
Wohin? Sie schaut in beide mögliche Richtungen. Zurück in den Wald? Nein, sicher nicht. Also entweder den Fluss hinauf oder hinab. Wo hat sie wohl die bessere Chance, einen Ort, eine Brücke, eine Furt zu finden?
Furt… wie kommt sie nun darauf? Heute sind die doch alle weg, baute man eben Brücken, Dämme, Tunnel, aber doch keine neuen Furte… Furts… wie nennt man die eigentlich? Macht man sich darüber Gedanken, wenn es keine mehr gibt und wenn doch an einer Stelle meist nur eine sein kann?
Sie ist dumm, sie hat blöde Ideen… und sie ist allein. Wieder schaut sie nach rechts und links, setzt sich dann auf einen Stein und… heult. Verdammt, verdammt, verdammt…
Sie schlägt auf den Boden neben sich und heult noch lauter. Ihr ganzer Bauchbereich tut ihr weh, der Rücken bekam sicher auch einiges ab. Verdammte Gabel… ja, die rettete ihr das Leben. Wenn sie doch nur wüsste, wie sie auf diesen Baum kam… und wie dann… nein, sie kam ganz klar und bei Verstand nach unten. Nur die letzte Hürde… aua, gleich tut ihr der Steiß wieder weh. Zum Glück kann sie sitzen und laufen. Zum Aushalten ist das jedoch alles nicht. Wütend greift sie einen Stein und wirft ihn über den Fluss, schafft es sogar, das andere Ufer zu erreichen. Doch es ist ihr egal. Sie schimpft noch einmal in sich hinein und schnauft, sitzt und sucht in ihrer kleinen Tasche nach einem Kamm. Der ist da. Gutes Stück. Auch vom Markt. Zwei Jahre alt. Soll angeblich aus einem Knochen gefertigt worden sein. Sie kann es nicht glauben. Wer würde denn so etwas heute noch tun? Nein, nein, sicher nicht. Na, egal. Sie schluckt wieder und kämmt sich.
Irgendwie beruhigt sie das. Der Kamm gleitet erst schwer, später leichter durch ihre langen, dunkelblonden Haare. Sven mag die so.
Oh Mann, wo ist Sven? Gerade noch verfluchte sie ihn, nun kann sie ohne ihn nicht sein, wäre so froh, sich einfach an ihn lehnen zu können und… Nein, sie muss sich zusammenreißen.
Gut, flussabwärts. Da gibt es sicher weitere Zuflüsse oder der hier fließt in einen größeren… Und irgendwo ist dann eine Stadt, wenigstens ein Dorf. Wer weiß… na ja, was sah sie noch? Diese Windhose, ein Trichter… sah beinahe aus, wie ein Tornado. Kann so etwas in ihren Breiten aufkommen? Sie hat doch keine Ahnung, weiß zum Glück, wie man aus guten Kräutern und vielen anderen Stoffen eine heilende Salbe bereitet, wie man diese Produkte anbietet und verkauft. Die Leute sind immer wieder zufrieden, schauen sie an und lachen, kommen wieder, kaufen nach oder lassen sich wegen eines neuen Leidens über eine andere Salbe beraten. Da braucht sie sich nicht um das Wetter zu kümmern. Nur um den Mondstand und die Sonne, die richtige Temperatur… Hmm… da wäre wieder das Wetter. Manche Kräuter und Wurzeln holt man nur dann aus Wald und Flur, wenn der Vollmond scheint, die Sonne gerade untergeht oder die Temperatur das erste Mal im Jahr unter null Grad fällt.
Sie schluckt schon wieder und schaut nach vorn. Ja, diese Richtung wird sicher die richtige sein. Hofft sie. Der Fluss scheint sich ein wenig durch den Wald zu schlängeln. Sie kann nicht zu weit an ihm entlang sehen. Na, eventuell ist da gleich hinter der ersten oder zweiten Biegung schon… ein… ähm… ein Dorf? Vielleicht. Sie hat noch Hoffnung. Na ja, die stirbt doch zuletzt, oder?
Dann rafft sie sich auf, steht wieder, reibt sich den Rücken und schaut nach vorn. Sie will einmal Kinder haben, mit Sven leben, alt werden… ja, hier… sie entkam dem Tod, sagt sie sich. Der Baum rettete sie und ihre Art… na ja, dieses Kleid ist nur hinderlich. Zu lang. Sie bleibt ja wirklich an allem hängen. Zerreißen? Nein, nein, das wäre… schade. Zu teuer. Sie rafft den Rock auf und bindet ihn am Gürtel fest. Dann lutscht sie eines der letzten Minzebonbons aus ihrer Tasche und schreitet los. Immer voran, sagt sie sich. Es kann nicht weit sein. Das Rascheln neben ihr im Busch ignoriert sie. Ist es Sven… kommt er ihr schon nach. Wenn nicht… na ja, sie geht weiter.

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