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2013 Einbandgestaltung
     und Foto: Stefan Jahnke

 

Leseprobe - Erbhof - Zorniges Vermächtnis

 

Prolog (Auszug)

...

„Was soll denn bitte so schwierig daran sein, einem Kind einen Hof zu übertragen? Das ist ein ganz normaler Vorgang. Der Vater starb, der Sohn ist noch nicht volljährig, hat aber jemanden, der auf ihn aufpasst. Somit erbt der Junge, und sein Vormund verwaltet den Besitz für ihn. Ist das so schwer?“
Die resolute Frau steht vor dem Beamten, der inzwischen die Mundwinkel nach oben ziehen muss und dem es immer schwerer fällt, ernst zu bleiben. Nein, nicht das Anliegen ist es, was ihn zum Lachen treibt. Die Art, wie diese Frau auftritt, wie sie versucht, an allen Gesetzen vorbei zu gehen, für jemanden zu sprechen, der einfach kein Recht besitzt… Nicht mehr zumindest. Damit muss sie nun leben. Und der Junge auch.
„Wie soll ich bitte diese Vormundschaft anerkennen, wenn der Betreffende gar nicht auf freiem Fuß ist? Das geht nicht, Frau Schambeck. Das geht wirklich nicht. Ich kann ja verstehen, dass Sie Ihrem Bekannten diese Arbeit nicht wegnehmen lassen wollen, aber… nun ja, jemand, der rechtmäßig verurteilt wurde und noch über ein Jahr die Strafe für eine nicht gerade geringe Straftat abzusitzen hat, der kann kein Vormund sein. Nicht der eines minderjährigen Kindes und ebenso wenig der eines älteren Menschen, der nicht mehr in der Lage ist, für sich selbst zu sorgen…“
Er schaut die Frau dabei an und sie wird mit einem Male puterrot, will sich schon umdrehen und wütend die Kanzlei verlassen. Doch sie erinnert sich an ihr Anliegen und dass solch ein Auftreten sicher all dem nicht dienlich sein kann.
„Und was wird aus ihm?“
Sie weist auf die Unterlagen für Martin. Fein säuberlich breitete sie alle auf dem Empfangstresen aus, hoffte darauf, diesmal zum Vorsteher vorgelassen zu werden, aber der Diensthabende hier am Eingang will oder kann sie nicht verstehen. Oder sie liegt wirklich falsch. Was tut es aber zur Sache, ob Gunner im Gefängnis sitzt oder nicht? Kommt er raus, gelten die Papiere genauso, als wäre er nie drinnen gewesen. Und dann? Dann ist der Hof weg und Martin hat den Schaden. Für immer. Wie sie ihm das eines Tages erklären soll, wenn er sich besinnt, endlich begreift, dass der ganze Tag nicht nur aus Spielen und lauter Musik besteht?
Ja, sein Vater, der ließ ihm vieles durchgehen. Er war zu lasch. Wenn auch ein angesehener Bauer. Der Reichste, der Beste, eben der Bekannteste in der gesamten Umgebung. Zum Vorstand ihrer Organisation machten sie ihn schon vor Jahren. Und sie lebte mit ihm zusammen. Er wollte nicht noch einmal heiraten. War eben so. Eingebildet? Nein, sicher nicht. Er liebte sie. Nicht nur körperlich. Auch wenn sie gut zwanzig Jahre jünger ist… war… als er.
Tot. Und niemand will darauf hören, dass dieser Tod nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann. So vital, wie er war… mit seinen reichlich sechzig Jahren. Nun ja, andere sterben früher und kaum einer nimmt es noch so spät im Leben auf sich, einen gänzlich neuen Hof aufzubauen. Ihm sah man jedoch die Erschöpfung nie an. Ja, er war müde, ja, er ging immer zeitig, eher als nur eben pünktlich zu Bett und manchmal musste sie ihn aus dem Bett jagen, wenn der Milchlaster kam und er einfach nicht in den Stall wollte, die Zeit fürs Melken drückte. Trotzdem. Er war vital, er war voll obenauf, gesundheitlich nie angeknackst.
Sie schon eher. Jünger und doch immer etwas mit dem Rücken. Dabei wuchs auch sie auf einem Hof auf, kannte schwere Arbeit schon immer. Und nun soll das alles fort sein? Nur weil Georg starb, Martin zu jung ist, Gunnar im Gefängnis sitzt und sie ihren Freund nicht heiratete?
Oh, wie schauten sie damals alle, als sie sich zueinander bekannten! Natürlich erhoffte man sich eine herrliche, vor allem große und pompöse Hochzeit. Georg enttäuschte sie wieder. Er lachte nur und meinte, um zusammenzugehören, brauche man keinen Trauschein.
Oha, Georg, denkt sie, hättest Du nur auf den Anwalt gehört! Der wusste genau, wie es gehen kann, wie schnell alles verloren geht. Und nun noch diese Gerüchte, die anklagenden Blicke von einigen aus dem Dorf, die mit jenen, die angeblich einmal Unrecht von seiner Familie erfuhren, nichts, aber auch gar nichts am Hut hatten, als sie noch nichts über diese alten Geschichten wussten. Tja, so sind sie eben nun einmal. Leider! Sie kann es auch nicht ändern.
„Also, gehen Sie nach Hause, Frau Schambeck, packen Sie alles zusammen und ziehen wieder zu Ihren Eltern. Nehmen Sie erst einmal den Martin mit. Ich vermerke das in den Unterlagen. Dort gibt es sicher auch eine gute Schule, und bis sich das Jugendamt entschied, kann er da ruhig wohnen. Dabei sehe ich keine Probleme. Etwas Anderes kann ich Ihnen derzeit leider nicht sagen. Sie kennen doch die Sachverhalte, oder? Soll ich alles noch einmal aufführen?“
Sie winkt ab. Erst soll sie sich beleidigen lassen, erfährt, dass der Kerl ihr die Sinne abspricht, sie quasi für verrückt erklärt. Nun soll sie sich noch einmal anhören, was sich die da irgendwo ganz oben ausdachten, um ihr… Martin… na ja, eben den Hof wegzunehmen. Nein, das wird sie sich nicht bieten lassen. Irgendwer hilft ihr ganz sicher! Sie rafft die Papiere zusammen, wirf dem Beamten noch einen giftigen Blick zu und rennt mehr, als dass sie geht, aus der Amtsstube hinaus zum Auto. Sicher nehmen sie ihr das auch noch!
Bergner greift zum Telefon. Die Nummer hat er in der Kurzwahlliste und wartet nicht lange, bis der Gesprächspartner abnimmt.
„Ja, sie ist raus. Sprach von Anwalt und so weiter. Also, wenn sie bei Dir auftaucht, erzähl ihr eine verrückte Geschichte, wirf mit einigen Paragrafen um Dich und tu so, als gäbe es vielleicht einen Weg, wenn sie sich ruhig verhält und Dich machen lässt, ja? Nein, machte keinen fröhlichen Eindruck. Klar, oder? Würdest Du auch nicht. Nein, sie hat nichts in der Hand. Es scheint auch keine Vollmacht zu geben. Ja, klassisch. Eben blöd, aber für uns gut. So, ich mache jetzt erst einmal Mittag. Ich glaube, das habe ich mir verdient!“
Er legt auf, reibt sich kurz die Hände und schaut auf seine Notizen. Warum er sich überhaupt etwas mitschrieb? Ja, er wollte den Schein wahren, versuchen, der Frau etwas vorzumachen. Zum Glück hat die keinen Schneid. Wie eine Wölfin kann sie nicht kämpfen. Dazu fehlt ihr einfach Kraft und… eine Menge Wissen.

Er grinst und schiebt den Zettel in seine Aktentasche. Dann kommt schon sein Chef vom Mittag zurück.
„Und, war was?“
Er schüttelt nur den Kopf.
„Die Schambeck. Du weißt ja, wie die ist. Aber so richtig schlau konnte ich auch nicht draus werden.“
Der ältere Herr mit den wenigen, nur noch in einem Kranz um seinen Kopf herumreichenden Haaren nickt kurz.
„Ja, ja, ist schon schade. Na, lässt sich nicht ändern. War halt nicht verheiratet. Nun erbt der Kleine alles und kann sie auch noch rauswerfen… wem sage ich das? Hat sie’s begriffen oder soll ich sie mir noch einmal herbestellen?“
Bergner wehrt gleich freundlich lächelnd ab.
„Ach was, ich habe das alles im Griff. Außerdem läuft ja noch die Erbschaftssache. Du weißt schon… der Bruder des Toten… und noch eine Person, die wir gerade erst auszumachen suchen. Solange ich keine Ergebnisse habe, bleibt das eh’ alles in der Schwebe.“
Sein Chef nickt wieder und verschwindet in seinem Büro. Pha, Glück gehabt, denkt Bergner. Nein, das wäre schon alles seinen Gang gegangen, aber es wäre eben… langwieriger. So konnte er sofort allen Wind aus den Segeln nehmen und der Herr Anwalt erledigt sicher den Rest. Dafür bekommt er schließlich ein Stück vom Kuchen. Soll ja nicht versuchen, noch mehr zu erpressen! Wenn er etwas nicht leiden kann, dann, wenn jemand nicht macht, was er sich mühsam ausdachte und was einfach zum Erfolg führen muss. Dann greift er nach seiner Aktentasche und klopft noch einmal schnell bei seinem Chef.
„Mittag!“
Der brummt etwas zurück. Gut, denkt Bergner. Er kann gehen.

Sie steigt aus dem Wagen. Das kleine Haus am alten Dorfrand zur Stadt zu sieht immer schön aus. Egal, zu welcher Jahreszeit sie kommt… stets blüht es im Vorgarten. Selbst im Winter hat man das Gefühl, denn die Bewohner, eher die von ihnen beauftragte Firma, stellt sehr zeitig die Tannenbäume fürs Fest auf und schließt die Beleuchtungen an. Zwar regt sich jedes Jahr der eine oder andere aus dem Dorf darüber auf, das Aussehen entschädigt dann jedoch stets für den viel zu zeitig einsetzenden Weihnachtsrummel.
Sie schleppt sich zum Tor. Ja, heute ist es ein Schleppen. Sie spürt die Schmerzen, weiß, dass sie so nicht lange weitermachen kann. Martin unterstützte sie noch bis gestern auf dem Hof, doch nun, da sie weiß, dass nichts zu retten ist, sie gar fortzuziehen hat und ihn mitnehmen soll, ist das alles umsonst und unnütz. Kann sie Georgs Tiere verkommen lassen? Denen platzen doch die Euter, stellt sie die nicht an die Anlage! Der Milchwagen kommt sicher am Morgen und für jede Leerfahrt berechnet man in der Molkerei eine Aufwandspauschale, die sich gewaschen hat. Verrückt!
Sie schaut auf das gelbgolden blitzende Messingschild, drückt den protzigen Klingelknopf und hört kurz darauf das Surren des Torschlosses. Nicht einmal ein paar Worte durch die Gegensprechanlage ist sie dem da drinnen wert. So richtig traut sie ihm nicht, aber sie kennt keinen anderen Anwalt. Ganz im Vertrauen… Georg schwor große Stücke auf ihn. Nun ist ihr Partner nicht mehr. Sie sprach ja schon vom ‚Mann’, doch dazu kam es nicht. Er wollte es eben nicht.
„Guten Tag Frau Schambeck… welche Überraschung! Kommen Sie herein. Sie haben Glück, in einer halben Stunde ist der Herr Anwalt frei. Vielleicht kann ich Sie schnell einschieben?“
Halbe Stunde. Sie schluckt und flucht innerlich. Niemand nimmt sie ernst. Klar, sie zog zu. Ist erst ein paar Jahre her und mehr als einmal musste sie sich von irgendwelchen Dorfweibern anhören, sie wolle doch nur den Hof. Nun werden alle lachen. Dabei ging es ihr gar nicht um den Hof allein, sondern darum, dass Martin endlich eine Mutter hat, die sich um ihn kümmert. Na ja, oder eben eine große Freundin. ‚Mutter’ würde er sie wohl nie nennen. Will sie gar nicht. Er machte genug durch und steht sicher nicht auf nochmalige Enttäuschungen. Dabei meinte sie ganz für sich, es gäbe sicher keinen Grund, sich jemals von Georg zu trennen. Nun trat er doch ein. Verdammt! Und sie muss zwischen Behörden und Anwalt hin und her rennen, die Geschäfte übernehmen und doch verschwinden. Ganz schnell… mit Martin… vom Hof.
Na, denkt sie, das werden wir erst einmal sehen. Noch hofft sie auf den Anwalt. Der kann an ihr verdienen. Nicht schlecht gar. Der Hof wirft einiges ab. Das lässt ihn vielleicht richtig überlegen?

„Ja, Frau Schambeck… weniger ist manchmal mehr. Sie verstehen? Also, wenn wir jetzt mit Kanonen auf Spatzen schießen, bringen wir mehr durcheinander, als uns eigentlich lieb sein kann. Wir müssen einfach aufpassen, dass wir nicht zu viele Fehler machen und ich werde mir eine gute Strategie einfallen lassen. Das wird sicher kein Problem. Wichtig ist nur, dass Sie sich in keiner Weise den allgemeinen Abläufen in den Weg stellen, die natürlich noch um uns herum… hahaha… ablaufen werden. Denn in diesem Falle wären Sie dann diejenige, der man das Scheitern anlasten würde. Verstehen Sie? Das ist sicher alles etwas verrückt, aber… na ja, das ist eben… Recht und Gesetz. Können wir doch beide nicht ändern!“
Hoffnung keimt in ihr auf.
„Ich bekomme also den Hof… oder eben der Gunner… und Martin hat ihn dann, sobald er volljährig wird, oder? Und ich darf sicher auch da wohnen bleiben, oder? Das wäre mir wichtig!“
Der Anwalt nimmt eine etwas abwehrende Haltung an. Sie erkennt das genau und wundert sich natürlich gehörig. Eben schien doch alles noch so einfach…
„Nein, nein, Frau Schambeck, so geht das sicher nicht! Was sagte man Ihnen auf dem Amt? Sie sollen zusammenpacken und erst einmal ausziehen, den Jungen mitnehmen und dann abwarten, was geschieht, nicht wahr?“
„Ähm… ja, aber…“
Wieder dieses Lachen, das sie gar nicht mag.
„Wenn Sie jetzt auf einer schnellen Lösung beharren, ist sicher alles verloren. Also, hören Sie bitte auf mich!“
Er schluckt einen Moment, schaut auf eine Akte, die gar nichts mit dieser Frau und dem verdammten Hof zu tun hat. Rache ist manchmal eine feine Sache. Ganz sicher fühlt er sich jedoch nicht, gerade das Rechte zu tun. Vielleicht gehen sie einfach zu weit?
„Aber… ich kann doch bleiben, oder?“
Nein, nein, nein, eben gerade nicht. Wie macht er ihr das jetzt begreiflich? Sie soll ihre Koffer packen und verschwinden. Dann… Na ja, zu weit wird er nicht ins Detail gehen.
„Fahren Sie heim und packen Sie. Nehmen Sie ein Taxi und verlassen Sie alles so, wie sie es damals vorfanden, als sie bei Herrn Schubert einzogen. Nur den Martin nehmen Sie noch mit. Das reicht. Er sollte alles bei sich haben, was er zum Leben braucht. Verstehen Sie? Alles… Sachen, für die Schule etwas, na ja, was ihm eben da gehört. Soweit man es mitnehmen kann.“
Sie überlegt. Ihm gehört doch alles dort. Oder täuscht sie sich schon wieder? Aus diesem Anwalt bekommt sie einfach nichts heraus. Gut, meint sie. Dann wird sie packen. Ist zwar nicht schön, aber ihr auch recht. Zuviel Streit und Aufregung mag sie nicht.

„Ja, alles in Ordnung. Nein, ich beginne noch am Nachmittag. Ja, habe nur dieses Straßenstück zu teeren, dann sind die Männer frei und der Zaun wird gebaut!“
Bauleiter Franke schaut genervt auf sein Handy, als sein Gesprächspartner endlich auflegte. Ja, der zahlt gut und man kann sich in der Regel auf sein Wort verlassen, muss nicht erst Verträge machen, sich mit allem möglichen Papierkram herumärgern. Trotzdem passt ihm diese Arbeit nicht.
„Chef, da ist irgendwas im Boden!“
Ja, klar. Steine. Wie immer. Sie sollen die Ramme nehmen und alles ordentlich einebnen. Dann bleibt der Weg auch gerade. Wie die früher hier bauten! Vielleicht einhundert oder mehr Jahre passierte an der Stelle gar nichts. Kopfstein. Ordentlich gesetzt und für die Ewigkeit geschaffen. Würden die vielen Pkws nicht immer schwerer, gäbe es bis heute keine Probleme. Für den Lkw-Verkehr ist hier eh’ alles gesperrt. Er schluckt noch einmal, will eben die Weisung geben, als noch einer seiner Arbeiter wild mit den Armen fuchtelnd angerannt kommt und die Dampfwalze zu stoppen versucht, die schon auf dem Weg rollt.
„Seid Ihr denn heute alle durchgedreht? Das ist ja nicht zum Aushalten! Klaus, was ist denn los?“
Der dreht sich um, schaut noch einmal hinauf und greift zum Handy.
„Wird kein Neuer sein. Aber ich glaube, die Kripo kommt trotzdem erst einmal her.“
Franke weiß gar nicht, was er sagen soll. Kripo… na ja, die spinnen. Ganz klar! Dann geht er zu dieser Stelle, um die herum nun alle seine Männer stehen.
„Geht mal rüber. Was ist das denn? Topf mit Gold oder was?“
Er drängt sich durch eine schmale Gasse und…
„Phu, oder?“
Er schnauft, kann es nicht glauben. Er sah schon eine ganze Menge, aber… na ja, zumindest gehört die Hand dort zu einem Menschen…
Klaus hantiert im Hintergrund und berichtet ganz aufgeregt an die Polizei. Die Beamten wirken gelangweilt, nachdem er von einem Skelett, Gebeinen, ausgebleicht oder eben nur vom Fleisch befreit spricht, wollen sehen, ob man heute noch jemanden vorbeischicken könne. Das hätte ja sicher Zeit, denn niemand wird vermisst und die Straße… Klaus trägt selbst Schuld. Von einhundert Jahren zu sprechen, wo das doch sicher alles nicht wirklich beschleunigt…
„Ja, Chef, ich kann es auch nicht ändern. Aber… na ja, ich weiß auch nicht. Hatte irgendwie das Gefühl, nichts zu übertreiben.“
Franke schüttelt sich, schaut noch einmal hin.
„Was sagen die?“
Nichts anfassen, warten.

Kommissar Fischer schaut nicht freundlich.
„Warum ich? Haben wir keinen Anwärter, der die Sache aufnehmen kann? Ist doch verrückt! Der gesamte Schreibtisch liegt voll und ich soll jetzt auch noch… Knochen suchen. Schickt einen Hund raus und gut ist es, ja?“
Sein Chef lacht kurz auf, weiß, dass Fischer es wie immer nicht ernst meint. Natürlich ist er genervt. Wie auch nicht? Neue Verordnungen verlangen eine besondere datenschutzrechtliche Bearbeitung aller offenen Fälle. Manchmal scheint es so, die Täter werden mehr geschützt, als die Opfer.
Fischer dreht sich um, schnappt sich noch einen leeren Aktendeckel, flucht, weil die letzten vom Praktikanten vorbereiteten Mappen alle sind, er sich die entsprechenden Bögen selbst zusammenstellen muss, steckt alles in seine schmale Ledermappe, die schon bessere Zeiten sah, jedoch ihrer Bestimmung noch vollauf gerecht wird, und verlässt das Präsidium, um davor in einen betagten Opel zu steigen und die Ausfallstraße Richtung Westen zu nehmen. Schöne Gegend, denkt er und erreicht die Abfahrt zum Dorf, das man vor einigen Jahren eingemeindete, um angeblich Verwaltungskosten zu sparen. Na ja, denkt er, sparen… Der Amtsschimmel wiehert jetzt noch viel lauter und… er sollte sich lieber auf die Straße konzentrieren.
Da vorn stehen sie schon. Baumaschinen und einige recht aufgeregt aufeinander einredende Herren, denen man ansieht, dass sie lieber zuhause wären, als sich hier gegenseitig auszutauschen. Doch deren Chef, ein gewisser Herr Franke, wie er der knappen Meldung entnehmen konnte, ließ sie wohl nicht von der Stelle. Dabei haben sie jetzt sicher schon lange Feierabend.
„Hier können Sie nicht durch!“
Er wedelt mit seinem Ausweis und gleich zuckt der Arbeiter im Blaumann mit den Schultern, tritt zur Seite und lässt den Opel passieren. Fischer parkt ein und steigt aus. Er schaut sich um. Ortsende. Natürlich hier. Die Straße kennt er. Seine Füße tun ihm noch weh von der langen Wanderung zum Weißen Kreuz oben auf dem Kamm und dann hinüber zur Wallfahrtskirche. Seine Frau überredete ihn damals. Lange her. Inzwischen gingen sie getrennte Wege und er nutzt seine Freizeit eher, um sich wirklich zu erholen. Ausarbeitung und viele Wege zu Fuß hat er auf Arbeit genug. Besonders, seit im Präsidium der Fahrstuhl regelmäßig streikt und seine Abteilung über drei Etagen verteilt wurde.
„Wo…?“
Einer der Männer weist ihn noch ein Stück die Straße hinauf. Wahrscheinlich dort, wo man ein Tuch oder eine graue Decke über die Steine legte. Ob er auf die Spurensicherung und die Kollegen aus der Gerichtsmedizin wartet oder gleich einen Blick riskiert?
„Also, DNS ist nicht. Die Knochen liegen zu lange und der Regen hier, das viele Salz im Winter da am Hang, dazu die Belastung von oben und der harte Lehmboden unter den Steinen… Tschuldigung, wenn ich es so sage, aber da ist nichts mehr zu machen. Ein Wunder fast, dass die das Ding noch in solch einem Zustand vorfanden. Sag mal, wie kamen die da ran?“
Franke unterrichtet Dr. Seidel und der nickt wie zur Bestätigung der eben erst gehörten Worte nach jedem Satz.
„Hmm… irgendwann ist eben jede Straße dran. Erst der ganze Osten und nun hier… hoffe mal, nicht unter jeder alten Decke liegt noch so was…?“
Seidel grinst und Fischer nickt nur. Ja, klar. Nun beginnt erst die richtige Arbeit, die er keiner anderen Abteilung unterschieben wird. Zumindest nicht, bis er mögliche Opfernamen eingrenzen konnte. Mehr als zwanzig sollten zum Schluss nicht stehen bleiben. Besser noch, es sind nur fünf. Hatten sie schon. Fünf Familien, die den eventuell endlich gefundenen Toten gar nicht mehr kannten, trotzdem die beste Tracht anzogen und lange des Gefundenen gedachten. Jede der Familien für sich. Dabei gab es nur Gebeine einer Person.
„Na, dann such’ mal schön. Wenn ich noch irgendetwas finde… ich glaube, die Sache mit den Zahnunterlagen kann ich mir bei diesem Alter… ähm… geschätzten Alter sparen, oder?“
Fischer nickt, dreht sich um und geht. Muss der Kerl immer wieder seine alten Witze machen? Er nutzt die Zeit, gleich beim Archiv vorbeizuschauen. Eingrenzen kann man den Zeitraum gerade einmal auf etwa zwanzig Jahre vor über… na ja, ganz schön lange her.

Natürlich schnauft der Kollege an der Ausgabe.
„Wenn Du mir jetzt noch verrätst, woher ich all die Fälle nehmen soll? Wir haben hier nur… Na ja, ich sehe schon. Geht es um dieses Gerippe auf der Straße? Ja, ich weiß, unter der Straße. Hmm… Nichts Genaues, oder? Ja, ich sehe nach!“
Fischer dankt und steigt die Treppe nach oben zu seinem Büro. Wenn er schon alte Knochen auf den Tisch bekommt… sinnbildlich gesprochen… er lächelt kurz, wird wieder ernst… dann kann er sich gleich des Computers bedienen. Angeblich sollen die so viele ungelöste Fälle speichern… Er schnauft trotzdem. Dorf… Toter… alt auch noch… und diese Mauer des Schweigens, gegen die er immer rennen muss, wenn es um solche Eigenheiten geht. Erst ‚Ja bittschön, Herr Kommissar, nein, aber natürlich, Herr Kommissar.’ Und hat er dann doch einmal eine ganz konkrete Frage, steht er völlig allein. Als würde er gleich alle im Dorf in Handschellen stecken wollen… Manchmal meint er gar, das wäre vielleicht der richtige Weg. Er grinst. Nein, sicher nicht. Trotzdem… lieber wäre er in München. Bisher wollten die ihn noch nicht.

„Nein, tut mir leid, der Zaun steht noch nicht. Wenn Du mir bitte sagen kannst, wann ich den hätte hochziehen sollen?“
Franke ist außer sich. Erst nervt ihn der Bergner, er solle schnell machen. Dann finden seine Männer diese Gebeine und Radio, Fernsehen und Reporter für die morgigen Zeitungen stehen bei ihm auf der Matte, dass er kaum noch dazu kommt, die Straße wieder zu schließen, wenigstens diese kommunale Aufgabe abzuschließen. Jetzt meldet sich auch noch dieser Seelenklempner und fordert ihn indirekt auf, alles stehen und liegen zu lassen, nur um diesen blöden Zaun hochzuziehen. Fehlt einzig noch der Anwalt! Da können die jetzt machen, was immer sie wollen… Er hat keine Lust, auch noch Wochenendzuschläge zu zahlen. Gerade seine Männer sind recht schnell mit ihren oft überhöhten Forderungen. Nein, die provoziert er sicher nicht dazu. Was bis Freitag Mittag nicht fertig ist, muss eben bis Montag warten. Punkt.
„Ja, Montag. Eher nicht. Nein, ich habe niemanden. Ja, meinetwegen beauftrage doch ruhig jemand Anderen. Möchte ich sehen! Finde hier mal eine Firma… und das richtige Material! Außerdem liegt das schon auf meinem Hof. Und die zwei Tage machen das Kraut nun auch nicht mehr fett. Da bin ich mir ziemlich sicher, Herbert. Also, wenn Du mit Bergner sprichst… alles braucht seine Zeit. Ist der Hof leer, dann…“
Er lauscht noch eine Weile. Natürlich versucht der promovierte Psychiater, ihn auf eine feine Art davon zu überzeugen, dass er doch eigentlich selbst den Wunsch verspüren müsste, diese Arbeit zu erledigen. Entnervt, jedoch als Sieger in diesem Wortgefecht, legt der Bauleiter schließlich auf.
„Blöde Ausrede… Kühe… Sollen die denen doch Bolzen in die Stirn jagen. Kommen sie eh’ nicht umhin. Mann, wenn das der Georg noch miterleben würde!“
Er denkt an die Gebeine. Noch so ein Indiz für dessen Familiengeschichte? Dann schaut er auf die Karte hinter seinem Schreibtisch. Hmm… könnte passen. Da hinten war die Maschinenhalle, dort der alte Hof. Längst erinnert nichts mehr an all das. Trotzdem änderte sich wenig. Er grunzt leise, trinkt einen großen Schluck Wasser. Alkohol verträgt er schon eine Weile nicht mehr. Wenn er Glück hat, übernehmen sie diese Zaunsache wirklich. Das Material? Das bekommt er auch anderweitig los. Keine Frage. Sein Laden läuft gut und er versuchte bisher, sich aus allen krummen Geschäften herauszuhalten. Nicht immer einfach, denn die Konkurrenz ist hart. Gerade hier, wo er und seine Familie auch noch in dreißig und mehr Jahren als ‚die Zugezogenen’ bezeichnet werden. Ohne Bergner, das gibt er ehrlich zu, erreichte er sicher nie den Stand im Dorf, den er heute innehat. Trotzdem… käuflich ist er nicht!

„Ja, Chef, ich weiß es auch nicht. Das Tor war offen, Spuren überall, aber drüben am Kontor war nichts. Kein Bruch also. Auch… na ja, etwas Material fehlt. Von da ganz hinten. Als hätten die gezielt…“
Franke stapft wütend über den Hof. Was soll das nun wieder? Dann steht er vor den Regalen, schaut recht ungläubig auf den leeren Fleck. Alles fort? Die großen Rollen, die vielen Streben, Spannseile, Schlösser. Das geht doch gar nicht! Natürlich hat er einen Verdacht. Sein Kollege hält ihm das Telefon hin. Sie warteten zum Glück mit der Meldung bei der Polizei. Er gibt das Handy zurück, schüttelt nur seinen Kopf und setzt sich vorn neben dem Kontor ins Auto. Fragend schaut ihm der Kollege nach, doch er sagt kein Wort. Das muss er allein klären. Polizei und Kollegen… stören dabei nur!
Er nimmt die Umgehungsstraße, kommt bald um die Stadt herum und an der richtigen Ausfahrt. Montags ist hier zum Glück nicht viel los. Die, die in der Umgebung arbeiten, sind erst in gut einer Stunde auf dem Wege. Alle, die weiter fort müssen, fuhren entweder am Vorabend oder ganz zeitig. In drei Stunden werden die ersten Hausfrauen unterwegs sein. Entweder, weil sie irgendwo einen Friseur- oder Arzttermin haben oder weil die Familie zum Wochenende den Kühlschrank leerräumte und Nachschub herzu muss.
Er kann nicht lachen bei diesem Gedanken. Dann fährt er am Krakenhaus vorbei, nimmt die erste Einfahrt ins Dorf, hinter der kleinen Brücke die im spitzen Winkel zurückführende Straße, verlässt an der Hosenfabrik schon wieder das eigentliche Siedlungsgebiet und sieht ihn bereits vor sich liegen. Auf halber Höhe. Schöner Hof. Er beneidete Georg stets um diese Lage. Die Arbeit… nun, Landwirtschaft ist nicht Seins. Er schämt sich darum nicht, hätte jedoch auch gern diese Ruhe. Seit Georg tot ist, weiß er jedoch, wie trügerisch all dies sein kann. Ein Mann… spaltete das gesamte Dorf, dass dieser Riss gar bis in die Stadt reichte. Verstehen kann er das nicht, konzentriert sich jedoch lieber auf den Fahrweg. Der wäre wieder einmal dran. Stets im Frühjahr und im Herbst beauftragte ihn Georg mit einer neuen Teerschicht. Natürlich hätte er in all den Jahren mit einer kompletten Sanierung viel Geld sparen können. Doch die einzige Zufahrt sperrt man sich als Landwirt nicht für ein gutes viertel Jahr, wie lange wohl all dies gedauert hätte. So war immer nur für einen halben, mal auch einen dreiviertel Tag gesperrt.
Woran er jetzt nur denkt!
Er hält an. Noch sind es gut 300 Meter bis zur steil nach oben führenden Hofzufahrt. Motor aus. Ruhe. Nicht einmal von der Straße dringt Lärm herüber. Und doch…
Da ist etwas. Er hört es. Verdammt, lag er doch richtig? Eben zweifelte er noch. Hämmern, Kommandos, Lärm… Wieder hellwach springt er zurück ins Auto und startet den Motor. Na wartet!

In Washington freut man sich derzeit über herrliches Wetter. Gab es lange nicht mehr, dachte Mike Perkins und schlürfte noch einen Schluck des viel zu schwachen, dafür aber gehörig heißen Kaffees, den ihm die junge Serviererin vor die Nase stellte. Auf die Bagels wartet er nun schone eine ganze Weile. Ob sie ihn vergaß?
Eigentlich kann es ihm egal sein, denn er hat Zeit. Heute schon. Hofft er. Der letzte Fall wurde vor drei Tagen erfolgreich beendet und das Wochenende nutzte er, um Ordnung in den Papierkram zu bekommen. Solange man ihn jetzt nicht anpiept… na ja, heute telefoniert man oder schickt eine SMS, vielleicht auch eine Nachricht über die spezielle App auf seinem Handy… solange hat er wohl frei.
Er schlägt die Zeitung auf, schaut aber kaum hinein. Draußen ist einiges los. Der Verkehr rollt vorbei und er weiß, dass es gerade an dieser Kreuzung nur eine Frage der Zeit ist, bis es wieder einen schlimmen Unfall gibt. Blechschäden und leichte Verletzungen sind an der Tagesordnung. Tod… na ja, er sah erst drei Tote gleich hier vor der Tür. Die Statistik spricht von mehr. Vielleicht starben einige der angeblich ‚Leichtverletzten’? Er merkt schon, er kümmert sich wieder um Dinge, die ihn eigentlich nicht interessieren.
„Hier, die Bagels. Glatt vergessen… sorry!“
Das junge Ding hat vielleicht ihren Freund im Kopf, aber nichts, was mit diesem Laden zu tun hat. Er schaut ihr nach. Sie geht mit wippendem Hintern zurück zum Tresen.
Ja, denkt er. In Deutschland ist alles durchorganisiert. Und der Kaffee schmeckt besser. Dafür findet man immer seltener Platz in einem der kleinen Cafés. Liegt sicher daran, dass es einige Entscheider dort noch lange nicht begriffen, dass sich die Frühstückskultur immer mehr aus den Wohnungen in die kleinen Läden verlagert. Hier in Amerika… na ja, er weiß es, die wissen es eben nicht. Und er beißt beherzt in den ersten Bagel.
Kaum schluckt er, vibriert sein Handy.
„Verdammt…“
Fast spuckt er den Rest aus dem Mund, fingert an seiner Hose herum und zieht das Smartphone hervor. Sonderausstattung. Die Behörde gibt sich nicht mit Modellen von der Stange zufrieden. Trotzdem soll es schon einige Hacker geben, die mithören können. Die Kanäle werden eben nicht nur durch Technik sicherer… Er schüttelt den Kopf, als er die Nummer erkennt. Der auch noch. Meist bedeutet das nur eines: Stress.
„Ja?“
Er lauscht ins Gerät hinein, zieht seinen kleinen Notizblock hervor und schreibt sich ein paar Zeilen auf. Würde jetzt jemand neben oder hinter ihm stehen und versuchen, etwas mitzulesen, hätte er schlechte Karten, denn Perkins schreibt in einer Schrift, die er sich selbst ausdachte. Natürlich hatte er damit schon jede Menge Ärger. Nicht nur damals, als er sie entwickelte und manchmal selbst nicht wirklich lesen konnte. Nein, an Flughäfen war noch viel mehr los, wenn man seine Zettel fand. Einmal stand alles auf des Messers Schneide. Schließlich sollte niemand von seinem Flug wissen und dieser blöde Beamte von der inneren Abwehr nahm ihn auseinander, weil er eine Zigarettenkippe wegschnippte und darum arrogant wirkte. Nun ja, er schmunzelt einen Moment. Der Kerl arbeitet jetzt in Hongkong und seine Ehe ging auseinander. Sie fanden Möglichkeiten, ihm genau zu zeigen, was Arroganz ist und wer sie sich in der Regel leisten darf.
„Ja, ist klar.“
Er legt auf, packt den zweiten Bagel in eine Serviette, winkt der Bedienung, die zwar nicht erfreut, aber doch schnell an seinen Tisch kommt. Natürlich bringt sie gleich eine Tüte mit. Man kennt ihn und seinen manchmal recht schnellen Aufbruch.
„Zahlen!“

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