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     und Foto: Stefan Jahnke

 

Leseprobe - Blut

 

Prolog

„Kopfschuss. Aufgesetzt. Vielleicht fünf Stunden her. Er hatte keine Chance. Kein Raubmord. Die Uhr ist noch da. Teures Ding! Kreditkarten, Ausweis, Portemonnaie und so weiter fehlen zwar, doch ich denke nicht, dass er so etwas dabei hatte. Piekfeine Sachen jedenfalls... und ein leichter Champagnergeruch. Schlecht ging es dem jedenfalls nicht!“
Schon der zweite Fall in diesem Monat. Nein, der andere war im Juni. Frank hatte schon am Tatort alles vorerst Notwendige untersucht. Doch halt… War dies der Tatort? Blut war hier wenig zu sehen. … und auch sonst übliche Flüssigkeiten fehlten.
Schleifspur? Nein! Dafür Reifenspuren. Breite Reifen. So, wie von einem Offroader. Mitten auf der Wiese… Der muss hier im Wohngebiet aufgefallen sein! Also doch wie beim letzten Fall.
Kein Tatort, nur der Ort des Auffindens!
„Identität… nicht geklärt. Kein Ausweis, keine Brieftasche – also keine Identität! Ein paar Dollarnoten, Hunderter … und das hier.“
Frank hielt mir einen violett leuchtenden Kugelschreiber mit der Werbung eines örtlichen Copystudios entgegen.
Und wieder eine Parallele... Und wieder nichts, was uns sofort weiterbringen konnte. Na, da würde sich der Alte sicher freuen!
Der tobte schon eine Weile, weil wir bei dem anderen Fall nicht einen Millimeter vorwärts gekommen sind. Nun auch noch ein bis auf den anderen Ort des Auffindens völlig gleicher Fall.

Die Leiche: Gut fünfunddreißig bis vierzig Jahre alt, männlich, ursprünglich schwarze, jedoch trotz des geringen Alters schon ziemlich ergraute Haare, gepflegtes Äußeres … nun ja, wenn man das nach einem Kopfschuss so sagen konnte. Scheinbar Nichtraucher und möglicherweise Büroarbeiter … oder Vertreter. Mitteleuropäer.
Leicht untersetzt und wie gesagt teuer gekleidet. Größe? Zirka eins achtzig. Verheiratet. Zumindest trug er einen recht teuren Ehering. An der Linken… also verlobt. Na, zumindest über die Klamotten und vielleicht den Ring müssten wir doch eine Identität ermitteln können.
Das wird eine Aufgabe für Holger und Susanne. Die Profiler.
Hier gab es nicht mehr viel für uns zu tun. Ich machte mir noch einen Eindruck vom Umfeld, wohlweißlich, dass dieses zumindest mit der eigentlichen Tat wenig, wenn vielleicht sogar überhaupt nichts zu tun hatte. Verrückt! Warum brachten Menschen sich gegenseitig um? Und auch noch solche, die es offensichtlich geschafft hatten, denen es gut ging. Wem war der Kerl im Wege?
Zurück in der Einsatzleitung sah ich die Unterlagen des vorherigen, zu diesdem passenden Falles durch. Dürftig. Paar Fotos, Vermutungen, Opferbeschreibung.
Nun hatten wir also zwei Tote, die, wenn sie nicht von Statur und Haarfarbe so unterschiedlich gewesen wären, von Kleidung und gepflegtem Äußeren her gut und gerne als Brüder, vielleicht gar als Zwillinge hätten durchgehen können.

Der andere Fall lag gut drei Wochen zurück. Mitten in der Stadt, nahe am gern von Joggern und Familien mit Kindern genutzten Waldpark lag da weggeworfen neben ein paar Abfallcontainern die ebenfalls durch Kopfschuss getötete männliche Leiche.
Eine Mutter, die gerade ihre Kinder zur Schule bringen wollte, hatte sie morgens gegen sieben entdeckt. Erst dachte sie, der ortsbekannte Penner würde nun die Container für sein Schläfchen vorziehen. Doch dann erkannte sie im Morgenlicht Anzug und Krawatte.
Muss ein Schock für die Kinder gewesen sein. Sind wohl noch in Betreuung. Bei einem Schulpsychologen. Klar. Schon als Erwachsener reicht einem dieser Anblick.
Dieses Mal waren die Täter – ich ging davon aus, dass es sicher mehrere sein konnten – zumindest zu den Findern etwas rücksichtsvoller.
Hier am Stresemannplatz gab es zwar auch einen Kinderspielplatz, doch die Leiche lag im eher von Jugendlichen und Pennern genutzten Teil des Platzes, gleich neben einem Haufen leerer Bierdosen.
Es gab da wohl gestern eine längere Party.

Die Tatzeiten für beide Verbrechen wurden von Frank gut geschätzt. Zumindest bestätigte unser „Doktor“, wie wir Gerichtsmediziner Meyer kurz nannten, im ersten Fall, „Der Eintritt des Todes erfolgte gegen zwei Uhr in der Nacht vor dem Auffinden.“
Wie hart und kurz doch solche Meldungen klangen. Dabei schlossen sie mit einem Leben, einer Person ab.
Hier schätzte Frank, dass der Tote sicher gegen drei oder halb vier gestorben sein musste. Zum Einen war er jetzt, kurz vor zehn, schon ziemlich kalt. Zum Anderen sah man deutlich, dass das Opfer sich noch in die Hose gemacht hatte. Und diese war noch nicht ganz getrocknet. Also könnte auch diese Schätzung stimmen.

Gefunden wurde dieses Opfer durch einen Wachmann, der die umliegenden Praxen und Kanzleien für eine Wach- und Schließgesellschaft überwachte. Auf seiner ersten Runde, gestern Abend gegen zehn, waren da noch jede Menge Jugendliche im Stresemannpark – „Spinner“, wie er sie nannte. Gegen zwei in der Nacht saßen wohl immer noch ein paar von ihnen herum. Später dann – als die Polizei wohl das dritte Mal anrückte, um die Ruhestörer in die Schranken zu weisen – verschwanden die letzten so gegen halb vier.
Nicht viel Zeit also bis zum Sonnenaufgang. Nicht viel Zeit zur Ablage. Jedoch nach Franks Schätzung geschah der Mord genau um jene Stunde, als die letzten Partyjungs das Weite suchten.
Nur eben nicht hier. Wo? Keine Ahnung!

Das Wohngebiet war erst vor ein paar Monaten negativ in die Schlagzeilen geraten, als ein Fall von Kindesentführung aufgeklärt und durch die Beherztheit des Entführungsopfers endlich ein paar Häuser weiter durch die Polizei glücklich beendet werden konnte.
Auch damals war Niemandem irgendetwas aufgefallen, obwohl das Mädchen in einer ganz normalen Mietswohnung eines voll vermieteten Hauses über Wochen festgehalten wurde.
Würde diesmal irgendjemand etwas beobachtet haben? Mitten in der Nacht? Wohl kaum!

Auffällig – als Einziges auffällig war, dass beide Opfer dieser ominösen Mordserie durch Kopfschuss regelrecht hingerichtet, jedoch eben nicht ihrer Habseeligkeiten beraubt wurden.
Hose und Jackett waren nirgends ausgebeult. Also trug das Opfer wahrscheinlich auch keine Brieftasche bei sich. Vielleicht eher in einem Aktenkoffer … im Auto? Nun ja. Dieses hatten wir nicht. Aber das konnte sich ja noch ändern!

Wer richtet hin? Warum richtet man hin? Zufällig wurden diese Opfer sicher nicht ausgewählt!
Beide schienen billige Werbekulis zu mögen. Beide hatten einen von derselben Firma. In leuchtendem Violett. War das der Ansatz?
Ein Kugelschreiber? Wohl kaum! Oder doch?
Hmm... Ich hatte nichts, dem ich nachgehen konnte. Also dann... eben dem Kuli. Auf zum Copystudio!

 

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